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Wenigstens nicht verlieren

27. Mai 2018

Vera Lengsfeld schrieb auf der „Achse“ (1) über das Buch „Siegen – oder vom Verlust der Selbstbehauptung“ von Parviz Amoghli und Alexander Meschnig (2).

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Vom Verlust der Selbstbehauptung

Unser großer Freiheitsdichter Friedrich Schiller bemerkte richtig: „Die ganze Weltgeschichte ist ein ewig wiederholter Kampf der Herrschsucht und der Freiheit“. Die jüngste Geschichte zeigt, dass dieser Kampf nicht einseitig aufgekündigt werden kann. Davon handelt das Buch von Parviz Amoghli und Alexander Meschnig.

Sieg und Niederlage prägen den Verlauf aller Geschichte. Vor allem formen sie das Selbstbild einer Gesellschaft, aber nie eindeutig. Siegern gelingt es nicht immer, die Besiegten auch mental zu unterwerfen. Es entstehen seltsame Melangen, wie man an der Gefühlslage des Westens studieren kann.

Die Autoren beginnen mit der Untersuchung von vier großen Siegen in der Weltgeschichte: von Cäsar gegen die Gallier in der Schlacht von Alesia 52 vor Christus, der Normannen über die Angelsachsen in Hastings 1066, von Mehmet II gegen Konstantinopel 1453 und der Roten Armee über die Nazis in Berlin 1945.

In allen vier Fällen kommt es, nachdem sich die Besiegten von ihrer Niederlage erholt haben, zu einem erstaunlichen Wiederaufschwung. Die Gallier profitieren von den Errungenschaften der römischen Zivilisation, die Angelsachsen von der modernen kontinentalen Lebensweise, die von den Normannen mitgebracht wird. Es dauert nicht lange, bis viele Konstantinopler in ihre Stadt zurückkehren und ihr zusammen mit den Neubürgern einen neuen Aufschwung verschaffen. Als Mehmet II stirbt, hat sich die Einwohnerzahl des aufstrebenden Konstantinopel vervierfacht. Im Westteil des geteilten Deutschland kommt es nach einer grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft zum Wirtschaftswunder. Der sozialistische Osten hat bald das höchste Lebensniveau aller Länder des „sozialistischen Lagers“.

Die These der Autoren, die eindrucksvoll bestätigt wird, ist, dass der Sieg der Alliierten über Nazideutschland der letzte seiner Art war. Die asymmetrischen „Neuen Kriege“ (Herfried Münkler) haben mit den herkömmlichen bewaffneten Konflikten nichts mehr gemein. Der Wille und die Fähigkeit des Feindes werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld gebrochen. Die Nicht-Anerkennung von Niederlagen verhindert, dass der militärische Sieger zum Gewinner wird. Davon zeugen die Kriege, die vom Westen nach 1945 geführt wurden, von Korea, Vietnam, Irak bis Afghanistan.

Die westliche Feindesliebe geht ins Leere

Seit den 1960er Jahren wächst das Unbehagen am westlichen Zivilisationsmodell, das inzwischen nicht mehr auf Linke beschränkt ist, sondern weite Teile der Gesellschaft erfasst hat. Die Utopie der „Einen Welt“, in der alle Religionen, Ethnien und Kulturen im Zeichen der Liebe friedlich und harmonisch zusammenleben, hat sich im Westen so verstärkt, dass sie mit der Realität verwechselt wird. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde das „Ende der Geschichte“ ausgerufen und damit die Illusion, dass die weltweite Durchsetzung der westlichen Demokratie nur noch eine Frage der Zeit sei. Lehrte nicht die Geschichte, dass Hochkulturen in der Regel genügend zivilisatorische Verführungs- und Integrationskraft haben, um selbst Eroberer zu absorbieren?

Die gescheiterten Versuche, „Regime-Change“ in Staaten wie Irak oder Afghanistan zu etablieren, beweisen, dass der Westen völlig unvorbereitet ist auf einen Feind, der sich nicht an die vom Westen etablierten zivilisatorischen Standards hält, weil er sie ablehnt und an seinen eigenen Prinzipien festhält.

Der Westen ist weder in der Lage noch willens zu begreifen, dass der militante Islam auf eine gewaltsame Missionierung seiner Feinde aus ist. Mehr noch. Der Westen glaubt, dass jeder Konflikt durch Verhandlungen und Zugeständnisse gelöst werden könnte, weil es keinen Feind mehr gäbe, sondern nur noch Gegner, Rivalen und Kontrahenten. Damit ist er für eine Auseinandersetzung mit dem militanten Islam denkbar schlecht gerüstet. Die westliche Feindesliebe geht ins Leere und trägt den Keim der Selbstzerstörung in sich.

Diese westliche Mentalität hat in Deutschland noch eine besondere Ausprägung gefunden. In der Berliner Republik, die sich immer mehr als Gegenentwurf zum NS-Regime geriert, wurde die frühere rassistische Überhöhung des Deutschen von der Behauptung der Nichtexistenz des Deutschen abgelöst.

„Was vorher das ‚Volk ohne Raum‘ war, ist heute der ‚Raum ohne Volk‘, … in dem Menschen in einer ‚multikulturellen Gesellschaft‘ leben, die sich zunehmend in ethnische und religiöse Segmente aufspaltet, in denen wiederum jeweils eigene Imperative das Handeln des Einzelnen bestimmen“ (S.106).

Emanzipatorischen Errungenschaften werden aufgelöst

Kanzlerin Merkel und ihre ehemalige Integrationsbeauftragte Özoguz, die prominentesten Vertreterinnen dieser Ansicht, geben damit nur einem Zeitgeist Ausdruck, der für sich in Anspruch nimmt, Volk, Nation und nationale Identität hinter sich gelassen und überwunden zu haben. Das gilt jedoch nur in Bezug auf das deutsche Volk. Anderen Ethnien in gleicher Weise ihre Existenz abzusprechen, würden sie dagegen niemals wagen. Dabei wird übersehen, dass mit dem Nationalstaat auch der Rechtsstaat und die emanzipatorischen Errungenschaften aufgelöst werden.

Mit den Regierungen Merkel „ist ein verhängnisvoller ‚moralischer und humanitärer Imperativ‘ zum Leitmotiv deutscher Politik avanciert, der keine deutschen Interessen mehr kennt, sondern nur noch ‚gleiche Menschen‘ und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit“ (S.107).

Was den Verfechtern dieser Politik entweder nicht bewusst oder egal ist, ist das Totalitäre dieser Denkweise. Sie sind auch blind dafür, dass ihre Haltung „den Angriff anderer, heroischer Kulturen geradezu herausfordern“ (S.108).

Das Paradoxe ist, dass der postheroische moralische Imperativ der Berliner Republik zwei völlig entgegengesetzte Auswirkungen hat: Nach außen führt er zur Militarisierung. Aus der Bundeswehr ist eine Einsatzarmee geworden, die moralisch motivierte „Friedensmissionen“, „humanitäre Aktionen“ oder „Polizeiaktionen“ weltweit durchführen muss.

Im Inneren führt eine radikale Abwendung von allem Militärischen zu einer „Entmilitarisierung“ der Bundeswehr, die sich unter der Verteidigungsministerin von der Leyen in ein Unternehmen wie andere auch verwandeln soll. Mittlerweile ist die Bundeswehr ein Fremdkörper in einem Land geworden, dessen meinungsmachende Elite den Gedanken, es könnte etwas Verteidigenswertes in der eigenen Gesellschaft geben, so sehr ablehnt, dass der Wille zur Selbstbehauptung, den der israelische Staat und seine Bürger an den Tag legen, als permanente Zumutung empfunden wird, was zu einer speziellen Spielart des neuen Antisemitismus geführt hat.

Keinerlei Strategie, keinen Plan

Folglich besitzt die Bundesrepublik auch nach anderthalb Jahrzehnten des „Krieges gegen den Terror“ keinerlei Strategie, keinen Plan, wie man mit der neuen Bedrohung umgehen will. „Stattdessen ist man in einer Art kolossaler Egozentrik bestrebt, politische, soziale und wirtschaftliche Kriegs- und Fluchtursachen zu bekämpfen, indem man von Berlin aus in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten für Arbeitsplätze und Schulen sorgen will“ (S.115).

„Deutschlands sicherheitspolitischer Horizont ist global.“ tönt es aus dem Ministerium für Verteidigung. Wer die ganze Welt im Blick hat, kann schon mal das Naheliegende übersehen. Im „Weißbuch der Bundeswehr 2016“ verzichten die Autoren komplett auf eine Bestandsaufnahme der deutschen Streitkräfte. Im gesamten Dokument tauchen „nicht ein einziges Mal die Begriffe ‚Heer‘, ‚Marine‘ oder ‚Luftwaffe‘ beziehungsweise ‚Panzer‘, ‚Infanterie‘, ‚Kampfflugzeug‘ oder ‚Drohne‘“ auf. „Dafür achtmal ‚Weltraum‘, den die Bundesregierung ebenfalls und ausdrücklich zu Deutschlands sicherheitspolitischem Horizont zählt.“

Dafür fehlen alle neudeutschen Phrasen über „Vielfalt“ und „Chancengleichheit“, „Geschlechteridentität“ nicht. Demnächst werden wir zwar keinen einsatzfähigen Panzer mehr haben, aber dafür wird die Luke für hochschwangere Frauen ausgelegt und per Quote dafür gesorgt sein, dass alle Geschlechter am Steuerknüppel vertreten sind.

Von „Wehrfähigkeit“ ist im „Weißbuch“ keine Rede mehr. Sie ist durch „Resilienz“ ersetzt worden. Bei Resilienz handelt es sich um das „gesamtgesellschaftliche Vermögen, trotz spürbarer Erfolge des Feindes öffentlich Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu bewahren“. Das Ideal des „Weißbuchs“ ist also eine Gesellschaft, die Attacken des Angreifers erduldet, aber keine, die sich gegen solche zur Wehr setzt.

„Vor dem Hintergrund neuer Bedrohungslagen und der Logik der Neuen Kriege wäre es die Aufgabe der Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt… ein Verteidigungskonzept… vorzulegen“ (S.135). Aber Fehlanzeige. Wir sollen uns offensichtlich wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen. Dafür soll die Bundeswehr zur weltweiten Durchführung regierungsamtlicher Erlasse eingesetzt werden. Wenn das nicht die Rückkehr des deutschen Größenwahns ist.

Blind für die Realität

Der moralische Totalitarismus hat sich zu einer Ideologie entwickelt, die blind für die Realität macht. Alle Illusionen über Integration scheitern daran, dass es keinen Wunsch nach Integration, sondern nach Differenz gibt, da nur Differenzen Identität versprechen.

Die Moralisten sind ebenso wenig in der Lage zu begreifen, dass der längst vergessene Feind zurückgekehrt ist. Feindschaft existiert deshalb, weil uns ein Anderer zum Feind erklärt hat (Hannah Arendt).

„Der radikale Islam braucht keinen Grund, um zuzuschlagen … . Der Westen kann sich verdrehen und verbiegen, wie er will, nichts wird den Hass der Radikalen beeinflussen … Es scheint für zivile Gesellschaften unmöglich, … dieses Faktum zu akzeptieren. Man steht der islamistischen Gewalt, genauso wie der Migrantengewalt in den eigenen Straßen und Städten, vollkommen ratlos gegenüber“ (S.144).

In Deutschland kommt erschwerend der abgrundtiefe Hass auf das eigene Land hinzu. Erhebliche Bevölkerungsgruppen stehen der Bundesrepublik äußerst ablehnend gegenüber. Was vor 25 Jahren noch Markenzeichen der extremen Linken war („Deutschland verrecke“) wird heute vom Durchschnittsgymnasiasten und -studenten verkündet: „No border, no nation“. Aber wer hat Respekt vor einem „miesen Stück Scheiße“ das von einer Bundestagsvizepräsidentin solchermaßen herabgewürdigt wird, oder will sich gar darin integrieren?

Der moralische Imperialismus der linken Mitte der Gesellschaft, zu der seit Merkel auch die Union gehört, trägt den Kern der Selbstzerstörung in sich. „Warum sollte jemand bereit sein, eine Gesellschaft zu verteidigen, in der Soldaten als ‚Mörder‘, Polizisten als ‚Bullenschweine‘ und kritische Vertreter der Intelligenzija als ‚zornige alte weiße Männer‘ denunziert werden?“ (S.158).

„Anders als die Granden der EU oder Angela Merkel verkünden, geht es für den Westen und Deutschland nicht um einen Sieg über den Terror … Vielmehr geht es darum, den Erhalt und die Bewahrung einer freien, pluralistischen und offenen Gesellschaft mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verteidigen“ (S.174).

Wir müssen dabei von Israel lernen. „Die einzige funktionierende Demokratie im Nahen Osten steht exemplarisch für eine Gesellschaft, die trotz der permanenten Bedrohungslage demokratische Standards aufrechterhält“ (S. 176). Die Autoren schließen frei nach Raymond Aron: „Auch wenn man nicht mehr siegen kann, sollte man wenigstens nicht verlieren.“

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Time am 27. Mai 2018

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1) http://www.achgut.com/artikel/vom_verlust_der_selbstbehauptung
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2018/05/24/heilung-durch-trennung/

Heilung durch Trennung?

24. Mai 2018

Bei „Achgut“ rezensiert Gerd Held ein interessantes Buch (1).

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Die Hilflosen

Eine geläufige Formulierung zur heutigen Lage lautet „Die Welt ist aus den Fugen“. Das Sprachbild, das hier gebraucht wird, legt nahe, das Problem in einem großen „Auseinander“ zu verorten, das die Welt spaltet. Und schon ist das Heilmittel geboren: Wir brauchen jetzt ein großes „Zusammen“ – der globale moralische Imperativ lautet „den Zusammenhalt stärken“.

Aber es gibt viele Anzeichen, dass die heutige Weltsituation anders zu beschreiben ist: als eine heillose Verwicklung. Als eine Kombination unterschiedlicher Übergriffigkeiten. Als ein endloser Kriegszustand ohne Aussicht auf Auflösung. Das erinnert in mancher Hinsicht an die deutschen Zustände im Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren begann und der die Bildung einer neuzeitlichen deutschen Nation über lange Zeit zurückwarf. Während andere Nationen in Europa und im Westen ihre Existenz mit militärischen Siegen verbinden konnten, blieb diese Erfahrung in Deutschland immer zweideutig und umstritten. In unserer Zeit scheint dieser Sieger-Komplex wieder bedeutsam zu werden. Aber diesmal nicht als deutsches Sonderproblem, sondern als generelle Unfähigkeit Europas und des Westens, das Eigene auch mit Gewaltmitteln zu behaupten.

Das ist das Thema des Buches „Siegen – oder vom Verlust der Selbstbehauptung“ von Parviz Amoghli und Alexander Meschnig. Es geht dabei nicht um die vielbeschworenen „Werte“, die durch ihre Überzeugungskraft siegen. Hier werden nicht die „weichen Faktoren“ betrachtet, sondern es wird geradezu demonstrativ „das Harte“ zum Prüfstein gemacht: die Fähigkeit, in einer kriegerischen Auseinandersetzung zu siegen. Frei nach dem Grundsatz: Das Gute ist nur dort wirklich etwas wert, wo es zur physischen Gewalt wird. Natürlich setzt sich ein solches Unterfangen sofort dem Vorwurf aus, gleichgültig gegenüber den Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen zu sein.

Doch die Autoren sind alles andere als Bellizisten. Sie wenden sich an ein deutsches Publikum, das inzwischen ein Grundgefühl der Hilflosigkeit gegenüber vollendeten Tatsachen hat, die andere setzen. Das Buch ist dabei kein Alltags-Report, sondern ein grundlegender Essay über die Fähigkeit und Unfähigkeit zum Kriege, der unsere Gegenwart in einem größeren historischen Maßstab betrachtet. Die Autoren beschreiben unterschiedliche Situationen und ziehen zahlreiche Quellen heran. Das macht das Buch zu einer Fundgrube. Es ist dabei auch ein ehrliches Buch. Es zeigt, wie bedrohlich und verfahren die heutige Situation ist und kleistert diesen Befund nicht mit einer optimistischen Schlussbotschaft wieder zu. Dem mündigen Leser wird das recht sein.

Die Unfähigkeit zu siegen

Die Grunddiagnose der Autoren ist ernüchternd: Der Westen hat „keine Antwort auf die Frage, wie man heute siegen kann.“ (Seite 40) Und an anderer Stelle: „Demokratische Staaten, seien sie waffentechnisch, ökonomisch und politisch noch so überlegen, sind nicht mehr in der Lage, gegen einen entschlossenen Gegner zu siegen.“ (44) Auch wenn der Westen das Gute vertritt und über starke Mittel verfügt, ist er doch nicht fähig, mit gewaltsamen Widerständen fertig zu werden. Das gilt auch für das Agieren des staatlichen Gewaltmonopols. Es handelt sich um eine Verlustgeschichte, denn die Autoren führen detailreich vor, wie die Geschichte der Menschheit mit der Fähigkeit, Kriege siegreich zu entscheiden, verbunden war. In vier Kapiteln „Phänomenologie“, „Dispositive des Krieges“, „Kriegsziele“ und „Mentalitäten“ wird das geschichtliche Material analysiert und der Leser daran gewöhnt, kriegerische Auseinandersetzungen nüchtern zu betrachten und militärische Überlegungen nicht von vornherein als Teufelswerk abzutun.

Er wird aber auch daran gehindert, die Grausamkeit des Kriegs als „reinigende Erfahrung“ romantisch zu verklären. Nicht zufällig zitieren die Autoren hier englische Stimmen wie den Althistoriker Ian Morris: „Die Antwort auf die Frage: Wozu Krieg? ist paradox und schrecklich zugleich. Krieg hat die Menschheit sicherer und wohlhabender gemacht, aber nur um den Preis des Massenmords.“ (55). Man kann hier an die bärbeißige Brummigkeit eines Churchill denken oder auch an die Nüchternheit des im Buch mehrfach zitierten Clausewitz, denen es fernlag, den Krieg mit flammenden Weltbeglückungs-Reden zu überhöhen.

Die historische Betrachtung des Buches zeigt erhebliche Unterschiede und Wandlungen der kriegerischen Grundkonstellationen. Die Auseinandersetzung zwischen Sesshaften und Nomaden wird ebenso dargestellt wie die staatliche Einhegung des Krieges in der Ära der Nationalstaaten – im Innern siegt der „Leviathan“-Staat über den (religiösen) Bürgerkrieg, im Außenverhältnis setzt sich ein Nebeneinander souveräner Territorialstaaten durch („Westfälische Ordnung“). Diese Ordnung gerät durch totalitäre Bewegungen im 20. Jahrhundert in eine Krise. Diese Krise ist kaum überwunden, da taucht schon eine neue Konstellation auf.

Die heillose Asymmetrie der „neuen Kriege“

Damit sind wir beim eigentlichen Anliegen des Buches: der Eigenart der „neuen Kriege“ (Herfried Münkler) der Gegenwart. Amoghli und Meschnig beschreiben eine merkwürdige Verflechtung zwischen zwei Entgrenzungen. Auf der einen Seite die nomadische Grenzüberschreitung der islamisch-arabischen und afrikanischen Welt und auf der anderen Seite die globalisierende Grenzauflösung der westlichen Welt. Nimmt man die staatlich eingehegte Gewalt der klassischen Moderne als Maßstab, wird deren Ordnung damit doppelt gebrochen. Die arabisch-afrikanische Grenzüberwindung durch willkürliche Massenmigration ist ein Rückschritt in vormoderne Zeiten: „Mit dem … riesigen Überschuss an jungen Männern der zerfallenden afrikanischen und arabischen Staaten und der neuerliche Radikalisierung des Islam kommt es zu einer Art Rückfall hinter die Ära der Verstaatlichung des Krieges.“ (68) Die neuen Kriege sind „eigentlich die weiter oben beschriebenen alten Kriege“, schreiben die Autoren. (66)

Zugleich ist „postheroische“ Strömung im Westen unfähig und unwillig zu einer bewaffneten Verteidigung der eigenen territorialen Integrität. Denn hier werden die Opfer als unerträglich empfunden, die ein Sieg in einem solchen Grenzkrieg erfordern würde. Das gilt für die Opfer auf der eigenen Seite, aber auch für die Opfer auf der gegnerischen Seite. Das Buchkapitel „Mentalitäten“ beschreibt sehr anschaulich die „Entmilitarisierung des Militärs“ (108), die insbesondere in Deutschland stattgefunden hat. Bis hin zu der geradezu bizarren Tatsache, dass im Weißbuch der Bundeswehr 2016 „nicht ein einziges Mal die Begriffe ‚Heer‘, ‚Marine‘ oder ‚Luftwaffe‘ beziehungsweise ‚Panzer‘, ‚Infanterie‘, ‚Kampfflugzeug‘ oder ‚Drohne‘ auftauchen“ (133). So wird die parlamentarische Integration der Bundeswehr in ihr Gegenteil verkehrt: Alles Militärische wird ausgebürgert. Und im politischen Diskurs ist es zum Tabu geworden, vom „Feind“ zu sprechen, weil die Regierenden nicht wahrhaben wollen, dass der islamische Radikalismus den Westen hasst, auch wenn dieser sich bis zum äußersten verbiegt (143).

Nimmt man diese beiden Seiten zusammen, muss man von einer „asymmetrischen“ kriegerischen Verwicklung sprechen, die nicht aufzulösen ist. Die Interventionen westlicher Mächte, die mit begrenztem Einsatz extrem weitgesteckte Ziele erreichen wollen, können nicht siegreich beendet werden. „Mit dem radikalen Islam, mit Selbstmordattentätern und Terroraktivisten sind die weitgefassten Kriegsziele (Nation Building, Demokratisierung, Befriedung der Region) zur reinen Chimäre geworden.“ (104). Aber eine Chimäre sind auch die Ziele des radikalen Islam und seiner nomadisierenden Krieger. Ihr Vordringen im Westen kann Zerstörung und Chaos bewirken, aber keine neue Ordnung errichten. Eine feindliche Übernahme der modernen Zivilisation durch den Islam oder andere Kräfte, die an der Entwicklung ihrer eigenen Länder gescheitert sind, ist aussichtslos. Das macht jedoch die Gesamtkonstellation, in der vormoderne und postmoderne Tendenzen ineinander verwickelt sind, nicht weniger verheerend. Es ist eine zerstörerische, immer weiter wuchernde Verwicklung – ein endloser Kriegszustand.

Gibt es ein anderes Szenario?

Es ist ein Verdienst des Buches, dies anschaulich, sachkundig, quellenreich und unverblümt deutlich zu machen. Das Kapitel „Ausblick“ fällt allerdings ein wenig vage aus. Die Frage, in welcher politischen (nicht nur geistig-moralischen) Konstellation von neuem Siege möglich wären, wird nicht weiter vertieft. Amoghli und Meschnig schreiben, es gehe darum, „…den Erhalt und die Bewahrung einer freien, pluralistischen und offenen Gesellschaft mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verteidigen. Dafür braucht es aber einen gemeinsamen ideellen Kern, der alle Gruppen integrieren kann und so dem Zerfall des Gemeinwesens vorbeugt. Es braucht darüber hinaus die Selbstgewissheit hinsichtlich dessen, was es überhaupt zu verteidigen gilt. Erst wenn darüber Klarheit herrscht, wird Deutschland und mit ihm Europa in der Lage sein, dem militanten Islam auf Augenhöhe zu begegnen.“ (174). Das ist eigentlich recht wenig militärisch gedacht, obwohl der Leser ja gerade gelernt hat, dass das Politische ohne einen solchen materiellen Kern nicht realitätstüchtig ist.

Hier stellt sich eine sehr konkrete militärische Frage: Sind die Länder des Westens in der Lage, ihre territorialen Grenzen gegen die Massenmigration zu verteidigen? Das wäre ja ein sehr begrenztes militärisches Ziel – ganz ohne „Nation Building“ und andere Welt-Interventionen. Es wäre kein Eroberungskrieg, sondern ein Trennungskrieg. Gewiss behaupten unsere Regierenden und Rechtsgelehrten, dass man heute Grenzen nicht gegen willkürliche Übertritte abschirmen könne oder dürfe. Aber dazu würde der Leser gerne einmal die Praktiker des staatlichen Gewaltmonopols hören.

Der Begriff „Trennung“ könnte auch als politischer Leitbegriff der Gegenwart taugen. Wenn es heute eine Art gordischen Knoten zwischen vormodern-vagabundierender Übergriffigkeit und postmodern-weltbürgerlichem Hegemoniestreben gibt, ist dann nicht ein Vorgehen, das beide Seiten auf sich selbst verweisen würde, das historische Gebot der Stunde? Man wird in der islamisch-arabischen und afrikanischen Welt nur dann Kräfte der Selbstverantwortung freisetzen, wenn man ihr den schnellen Zugriff auf die Früchte des Westens versperrt. Und man wird dem postmodernem Jet-Set nur beikommen, wenn man seine Weltgestaltungs-Ansprüche durchstreicht. Nur durch die politische Vernunft der Trennung könnte die zerstörerische Asymmetrie abgebaut werden. Es war diese Vernunft, die zu Beginn der Neuzeit bei der staatlichen Einhegung des Krieges Pate stand und die auch aus dem Dreißigjährigen Krieg herausführte.

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Time am 24. Mai 2018

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1) http://www.achgut.com/artikel/die_hilflosen