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Bericht aus Teheran

18. Juni 2009

In der heutigen FAZ gibt es den packenden Bericht einer iranischen Journalistin aus Teheran, die anonym bleiben will:

Ihr sollt den Wandel nicht sehen

Der einzige Ort, an dem Ahmadineschads Macht
gebrochen werden kann, ist die Straße.

Stockdunkel ist die Stadt. Man hört nur Rufe über die Dächer Teherans hinweg. „Allah Akbar!“, Gott ist groß. Wie damals bei der Islamischen Revolution. Die Menschen haben sich auf ihre flachen Dächer begeben und werfen sich über die Straßen hinweg die Sprechchöre zu: Nieder mit dem Diktator! Jede Nacht pünktlich um halb zehn gehen die Menschen auf ihre Dächer. Plötzlich Schüsse. Mich schaudert.

Wer hätte das am Tag der Wahl gedacht? Wer vor drei Wochen? Mohammed Chatami hatte seine Kandidatur zurückgezogen und rief dazu auf, Mussawi zu wählen. Niemand kannte Musica, obwohl er acht Jahre Premierminister unter Chomeini war. Alle jungen Leute, die jetzt wahlberechtigt sind, waren damals noch Kinder. Aber ihre Eltern können sich an ihn erinnern. Sie sagen, er habe die Preise stabil gehalten, während des Iran-Irak-Krieges. Stabile Preise, das brauchte man jetzt. Fünfundzwanzig Prozent Inflation, siebzehn Prozent Arbeitslosenquote, vierzig Prozent Teuerung bei Lebensmitteln. Das ist die Situation in Iran, und mit ihr ist fast niemand zufrieden. Diesmal waren es nicht nur die Studenten, die einen Wechsel wollten.

„Mussawi, Mussawi.“ Wir sitzen in einem Sportstadion, in einer Wahlveranstaltung von Mir Hossein Mussawi. Alle Menschen tragen grüne Bänder, grüne Schleifen auf den Kopftüchern, grüne T-Shirts. Das ganze Stadion leuchtet grün. Ein Mädchen steht mit einem Bild von Musica in den Händen da, über ihr Gesicht laufen Tränen, ihr Körper zittert. „Wir wollen keinen Diktator!“, ruft sie. „Befreit die politischen Studenten aus den Gefängnissen!“ Mädchen und Jungs sind getrennt. In Sprechchören rufen sie einander Slogans zu: „Wer wird Präsident?“, rufen die jungen Männer. „Mussawi, Mussawi“, schreien die Mädchen doppelt so laut zurück.

Plötzlich geht ein tobender Beifall los. Es erscheint Chatami, der ehemalige Präsident, wie ein Prophet breitet er seine in braunes Mullahgewand gehüllten Arme aus. Der Hoffnungsschimmer für so viele, die jedoch enttäuscht wurden von der gescheiterten Reformation. Immer noch hören sie auf ihn. Er hat ihnen gesagt, dass sie Mussawi ihre Stimme geben sollen. Er spricht von der letzten Chance auf einen Wandel, und mit ihm sprechen Schauspieler, Regisseure und prominente politische Größen. Unter ihnen die Tochter Faezeh Rafsanjani, die Tochter des Vorsitzenden des Expertenrats.

Eines der Fernsehduelle, die es zum ersten Mal überhaupt gibt, sehe ich bei einer Familienfeier. Sechs Fernseher laufen gleichzeitig. Heftig werfen sich die Kandidaten ihre Fehler vor. Ahmadineschad droht seinem Hauptkonkurrenten Mussawi mit einer Akte. Er nennt Namen, Namen von sehr mächtigen Personen im Land, über die man sich nicht öffentlich äußert. Rafsanjani, ihr Hauptsponsor, sagt er zu Mussawi, ist korrupt. „Oder warum sonst sind Ihre Kinder alle Multimillionäre?“ Allen in der Wohnung stockt der Atem. Auf der Straße hört man die ersten Hupen.

Man sieht überall die iranische Flagge, die hat sich Ahmadineschadad zu seinem Wahlsymbol gemacht. Die Autos fahren in langen Korsos. Aber plötzlich kommen auch wieder grün markierte Autos auf die Straße. Der Wahlkampf hat sich hierher verlagert. Jeden Tag gibt es Veranstaltungen, per SMS, Weblogs und Twitter senden die Menschen die Termine zu. Es ist die einzige Möglichkeit für die Anhänger von Mussawi. Das Fernsehen darf keinen Wahlkampf betreiben, aber die Menschen finden, dass Ahmadineschad bevorzugt wird. Die Minuten, welche die anderen Kandidaten in den Duellen über gesprochen haben, bekommt er geschenkt. Das iranische Fernsehen, Irib, ist zum Hauptfeind der grünen Opposition geworden.

Am Wahltag stehen die Menschen ab acht Uhr Schlange, um ihre Stimme abzugeben. Vor allem junge Leute warten darauf. Es dauert Stunden. Als es vorbei ist, sind sie sicher, dass es vorbei ist. Die Scham, die sie spürten, wenn in den letzten Jahren, wenn ihr Präsident im Ausland sprach. Es geht der Jugend nicht darum, ob sie ab morgen kein Kopftuch mehr tragen muss. Es geht um ihr Recht auf Leben, auf Freude, Freiheit. Als um Punkt zehn Uhr die Wahllokale geschlossen werden, stehen noch Tausende davor. Aber sie dürfen nicht mehr wählen. Gerade will ich das Büro verlassen, als ein Anruf kommt, Musica gebe eine Pressekonferenz in einem Privathaus. Was will er sagen? Es ist heiß in dem fünfzig Quadratmeter großen Zimmer. Die Journalisten schreien einander an.

Mussawis Stimme ist leise, es gibt kein Mikrofon. Er spricht nicht enttäuscht, sondern entsetzt. Seine Wahlbeobachter seien nicht zu den Wahlurnen gelassen worden. In vielen Städten habe es zur Mittagszeit nicht ausreichend Stimmzettel gegeben. Er ist sich sicher, dass er der Sieger ist. Doch das Innenministerium will am nächsten Morgen Ahmadineschads Sieg verkünden. Synchron zu Mussawis Rede geben Agenturen per Handy diese Nachricht weiter. Vor der Privatwohnung hat sich eine Menschentraube gebildet. Ein Mann sagt, und wenn Waffen sprechen sollten, dieses Mal lasse er sich nicht mehr anlügen.

In der Nacht werden die Büros der Reformkandidaten gestürmt und verwüstet. Mehr als einhundertzwanzig Reformer werden festgenommen, Parteivorsitzende, Vizepräsidenten und Ex-Bürgermeister. Das Innenministerium ist abgeriegelt, als wüssten die Beamten, dass der Hass sich gegen sie richten wird. In der ganzen Stadt sieht man Spezialeinheiten der Polizei. Dennoch färben sich die Straßen wieder grün. Der erste Ruf: „Gebt uns unsere Stimme zurück!

Eine kleine Gruppe von fünfzig Leuten zieht los, auf die Autobahn, die Finger zum Siegeszeichen aus den Fenstern der Autos gesteckt. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Aber es ist den Menschen egal, ob sie einen Knüppelschlag abbekommen. Über der Stadt liegt eine Rauchwolke. Ein Bus, mehrere Autos und Mülltonnen brennen. Die Bilder gehen durch die Welt. Mädchen, die von Polizisten niedergeprügelt werden, über die Straße geschleift, abtransportiert. Niemand weiß, wohin.

Normalerweise wird in Iran jede Art von Aufstand im Keim erstickt. Aber es sind nicht mehr nur die Grünen, die einen Wechsel wollen. Bislang hatten die Menschen keine Führung, die ihren Unwillen zum Ausdruck bringt. In Mir Hussein Mussawi haben sie einen. Er ist kein Oppositioneller mit Ideen aus dem Ausland, die rein demokratisch westlich sind. Er ist einer, der, wie es selbst sagt, „die Imam-Linie“ verfolgt. Er hält an den Richtlinien der Islamischen Revolution fest, aber will sie reformieren. Das Grundgesetz muss verändert, die Rechte der Frauen müssen gestärkt werden. Er hat die erste First Lady eingeführt, seine Frau Zahra Rahnavard trägt den Tschador, doch darunter scheint ein rot leuchtendes Blumenkopftuch hervor. Sie war die erste Rektorin einer Universität, wurde aber unter Ahmadineschad abgesetzt. Ihr gelten viele der Frauenstimmen, die Mussawi bekam.

Die Menschen kommen mit ihren Familien auf die Straße. Sie schweigen, es gibt keine Parolen, keine Rufe. Mussawi hat über das Internet dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren und niemandem Anlass zu geben, gewaltsam einzuschreiten. Die ausländischen Medien dürfen nicht mehr berichten. Man hat Angst vor neuen Bildern, die um die Welt gehen könnten. Hunderttausende kommen zu den Demonstrationen. Am Montag sagt Mussawi, sie sollten sich am kommenden Tag fünf Uhr auf dem Valiasr Platz treffen. Kurz darauf meldet das Fernsehen, dass dann eine Demonstration von Ahmadineschad-Anhängern auf demselben Platz stattfinden soll. Unruhestifter würden sich auf eine Konfrontation mit der Polizei einstellen müssen. Das Ministerium für Islamische Erziehung und Kultur schickt an die ausländischen Medien ein Fax, auf dem die Drehgenehmigungen für die Stadt annulliert werden. Die Reporter sind ratlos. Nun können ihre Bilder nicht mehr für die Sicherheit der Demonstranten sorgen.

Am nächsten Tag sind keine Anhänger Ahmadineschads gekommen, nur Schlägertrupps der Basidschi. Die Miliz hat Aufwind bekommen, sie dürfen niederprügeln, was ihnen vor die Knüppel kommt. Sie kennen weder Mutter noch Vater, es ist ihnen egal, ob es Tote oder Verletzte gibt. Die Mussawi-Anhänger haben gemerkt, dass es sich nicht um eine Gegendemonstration handelt. Schweigend gehen sie die Straße entlang, Mundschutz vor dem Gesicht, den Blick nach vorn gerichtet. Die Proteste dauern schon zu lange an, als dass man sie jetzt einfach im Keim ersticken könnte. Was weder George W. Bush noch die Vereinten Nationen geschafft haben, hat die Bevölkerung Irans erreicht. Ahmadineschad und seine Unterstützer sind ins Wanken gebracht. Die Menschen kommen aus den Gassen auf die Hauptstraße, um sich anzuschließen. Sie wollen vor das iranische Fernsehen, um einen öffentlichen Auftritt zu erzwingen. Sind es fünfzigtausend? Sind es mehr? Der Zug geht vorbei an Spezialeinheiten der Polizei, Basidschimilizen auf Motorrädern, Menschen, die mit Funkgeräten Informationen weitergeben.

Die Handys der Demonstranten sind blockiert, SMS funktionieren nicht mehr, E-Mail-Zugänge sind gesperrt, Blogs abgeschaltet. Es gibt fast keine Verbindung ins Ausland mehr, und ich höre die Helikopter über der Stadt kreisen.