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Rodney Stark: Griechisches Feuer

4. März 2016

Griechisches Feuer

Lesen Sie einen weiteren Abschnitt aus Rodney Starks Buch „Gottes Krieger“ (S. 56 – 59).

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Rodney StarkHätten die Muslime die Hauptstadt erobert, wäre für sie der Weg für eine Invasion Europas durch den Balkan frei gewesen. Aber Konstantinopel konnte die Belagerer abwehren, und in einer großen Seeschlacht brachten die Byzantiner den Muslimen eine schwere Niederlage bei. Nach dem Untergang ihrer Flotte wurden die Araber zu Belagerten. Sie litten Hunger, die Ruhr breitete sich aus, Tausende von muslimischen Kämpfern kamen um.

Auch hatten die wenigsten Muslime jemals Schnee und Eis erlebt, und als der Winter kam, traf sie die Kälte völlig unvorbereitet. Sie hatten keine warme Kleidung, viele erfroren. Obwohl ihre Reihen sich lichteten und die gut genährten Byzantiner sie von den Zinnen der Stadtmauern herab verhöhnten, hielten sie einige Jahre durch. Aber als seine Armee von jeglichem Nachschub abgeschnitten war, lenkte Muawiya ein und nahm das Friedensangebot der Byzantiner an, „zu Bedingungen, die ihm noch wenige Jahre zuvor schändlich vorgekommen wären: Räumung der ägäischen Inseln, die er jüngst erobert hatte, und Zahlung eines jährlichen Tributs von fünfzig Sklaven, fünfzig Pferden und dreitausend Pfund Gold an den Kaiser.“

Ein Jahr später starb Muawiya, der neue Kalif stellte die Tributzahlungen ein. Westliche Historiker haben die Niederlage der Muslime als einen „Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit“ gefeiert. Der in Russland geborene Byzantinist Georgije Ostrogorski (1902-1976) nennt den Ansturm auf Konstantinopel „den stärksten, den die christliche Welt von arabischer Seite je erlebt hat. Konstantinopel war aber der letzte Damm, der damals der arabischen Invasion entgegenstand. Dass dieser Damm gehalten hatte, war eine Rettung nicht nur für das Byzantinische Reich, sondern für die gesamte europäische Kultur.“

Oder, wie es der bekannte Historiker John Julius Norwich formulierte: „Hätten sie Konstantinopel im siebten und nicht erst im fünfzehnten Jahrhundert eingenommen, wären vielleicht ganz Europa und wohl auch Amerika heute moslemisch.“

Wie kamen die Byzantiner zu diesem Sieg? Leider sind die arabischen Quellen „so wirr, dass sie nicht zu gebrauchen sind“. Daher wissen wir von muslimischer Seite wenig, und die Byzantiner beobachteten die muslimischen Truppen nur aus der sicheren Entfernung ihrer Wehranlagen. Doch ist diese Frage wahrscheinlich auch gar nicht so wichtig, denn merkwürdigerweise wurde nicht viel gekämpft, der Sieg war eher ein Triumph der westlichen Technik – der uneinnehmbaren Befestigungsanlagen und einer geheimen Angriffswaffe.

Die Mauern dienten nicht nur der Verteidigung der Stadt auf der Landseite, sondern umschlossen auch die drei Seeseiten und den Hafen, in den die Schiffe nur durch ein gewaltiges Tor einlaufen konnten. Diese Mauern waren ein Wunder der Ingenieurskunst: zunächst die wuchtige Außenmauer mit Türmen und prächtigen Zinnen und Wehranlagen, dahinter die noch stärkere Innenmauer, dreizehn Meter hoch und fünf Meter dick, mit noch kunstvolleren Zinnen. Vor der landseitigen Außenmauer lag ein breiter Graben, und auf den anderen drei Seiten waren die Mauern natürlich nur mit Booten zu erreichen. Gegen diese außerordentliche Befestigungsanlage setzten die Araber selbst für damalige Zeiten vergleichsweise primitive Belagerungsmaschinen ein, die den Mauern kaum Schaden zufügen konnten.

Erst mit schwerer Artillerie, also ab dem 15. Jahrhundert, konnten Angreifer Breschen in die Mauern schießen, zuvor waren sie allenfalls mit Sturmleitern zu überwinden.

Die Muslime hätten die Stadt aushungern können, hätten sie nicht ihre Vorherrschaft auf dem Meer verloren. Und dabei kam besagte Geheimwaffe ins Spiel.

Nach der Überlieferung gelang dem griechischen Architekten oder Ingenieur Kallinikos von Heliopolis um 670 eine Erfindung, die „Griechisches Feuer“ genannt wurde, und er brachte sie nach Konstantinopel. Das Griechische Feuer war eine hoch entzündliche Flüssigkeit, dem Napalm verwandt, die, einmal in Brand gesetzt, ein Flammenmeer ergab, das mit Wasser nicht gelöscht werden konnte, vielmehr noch stärker aufloderte, sobald es mit Wasser in Berührung kam.

Die Geschichte dieser Erfindung war ein Volksmärchen, wahrscheinlicher ist, dass das Feuer von „Chemikern in Konstantinopel entwickelt wurde, die an das Erbe der Entdeckungen der chemischen Schule von Alexandria anknüpften“.

Jedenfalls war die Formel ein streng gehütetes Geheimnis; dieses ging verloren, als der Vierte Kreuzzug viele Todesopfer unter der herrschenden Elite von Konstantinopel forderte, und den Wissenschaftlern ist es bis heute nicht gelungen, die Wirkung des Griechischen Feuers völlig zu reproduzieren.

Die Byzantiner aber waren in der Lage, mit dieser Waffe gegnerische Flotten zu zerstören und feipdliche Armeen in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Griechische Feuer wurde auf verschiedene Weise an sein Ziel gebracht, meistens durch eine Schleuder oder mit Hilfe von Pumpen. Ein Behälter aus Glas oder Ton konnte, auf eine Schleuder geladen, bis zu vier-, fünfhundert Metern weit geschleudert werden. Beim Aufschlag zerbrach er, entzündete sich, und die brennende Flüssigkeit spritzte gut zwölf Meter nach allen Seiten. Die Wirkung des Feuers war ungeheuer, wenn solche Gefäße von den Wehranlagen und Stadtmauern auf die heranrückenden Muslime abgeschossen wurden. Ihnen blieb nur die Flucht. Auf Schiffen allerdings konnten keine Schleudern montiert werden. Darum erfanden byzantinische Ingenieure einen einfachen Flammenwerfer – eine Pumpe, die die brennende Flüssigkeit durch ein Rohr am Bug einer Galeere hinausschleuderte. (Solche Rohre waren oft mit Tlerköpfen verziert.) Die Reichweite dieses Systems war begrenzt, reichte aber aus, wenn es zum Nahkampf mit feindlichen Galeeren kam. Ausgerüstet mit diesen feuerspeienden Pumpen ruderten die Byzantiner wiederholt hinaus und brannten die muslimische Flotte nieder.

Im Jahr 717 versuchten es die Muslime ein zweites Mal, mit 1800 Galeeren sollen sie angerückt sein. Die Byzantiner lockten diese Flotte in den Bosporus, indem sie die große Kette wegzogen, mit der die Einfahrt gesperrt war, und als sich die Schiffe dicht gedrängt im flachen Wasser befanden, kamen byzantinische Schiffe mit ihren Pumpen und setzten die Flotte fast vollständig in Brand. Die meisten Gegner wurden getötet oder ertranken.

Im nächsten Frühjahr versuchten es die Muslime mit einer neuen Flotte zum dritten Mal, und wieder ließen die Griechen ihr Feuer auf sie niedergehen. Die muslimischen Galeeren, die sich hatten retten können, gerieten auf der Flucht in einen verheerenden Sturm. Es blieben nur fünf muslimische Schiffe übrig.

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Time am 4. März 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/07/rodney-stark-technisch-rueckstaendig/
– https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/28/rodney-stark-die-orks-sind-landratten/

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Rodney Stark: Die Orks sind Landratten

28. Februar 2016

Château Pélerin

Kreuzfahrerfestung Château Pélerin

Lesen Sie einen weiteren Textabschnitt aus Rodney Starks Buch „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 Seiten, S. 76-80).

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Rodney StarkVORHERRSCHAFT AUF SEE

In den 1920er-Jahren verschaffte sich der belgische Historiker Henri Pirenne (1862 – 1935) internationale Aufmerksamkeit mit seiner These, Europa habe sein „dunkles Zeitalter“ nicht deshalb erlebt, weil das Römische Reich unterging oder „Barbaren“ aus dem Norden einfielen, sondern weil es durch die muslimische Vorherrschaft im Mittelmeer isoliert, „hinter Schloss und Riegel gesetzt” worden sei. Das Mittelmeer, das Städte und Provinzen des Römischen Reichs verband und damit regen Handel förderte, habe „den Charakter eines mohammedanischen Sees” gewonnen – Vom Orienthandel abgeschnitten, sei Europa zu einer Ansammlung rückständiger Agrargesellschaften verfallen. Um seine These zu stützen, zitiert Pirenne einige fragmentarische Quellen, die einen deutlichen Rückgang des Seehandels im 7. Jahrhundert und bis zum frühen 15. Jahrhundert ein geringes Handelsvolumen belegen. Pirennes Ansicht blieb einige Jahre sehr einflussreich, verlor aber an Plausibilität, als Kollegen überzeugende Beweise erbrachten, dass der angebliche Rückgang des Handels, auf dem Pirennes These beruht, stark überschätzt wurde. Es mochte, während der ersten fünfzig Jahre der muslimischen Expansion, Unterbrechungen des Seehandels mit dem Orient gegeben haben, doch die Handelsschifffahrt auf dem Mittelmeer erholte sich rasch; ebenso der Handel zwischen Europa und den islamischen Ländern.

Merkwürdigerweise haben die Historiker der grundlegenden Annahme Pirennes, dass die muslimische Seemacht das Mittelmeer beherrschte, kaum Aufmerksamkeit geschenkt, sie eher unhinterfragt übernommen. Wie Pirenne zu dieser Auffassung kam, lässt sich schwer sagen. Vielleicht glaubte er einfach Ibn Chaldun, der schrieb: „Die Muslime gewannen die Vorherrschaft über das gesamte Mittelmeer. Ihre Macht und Herrschaft über die See waren riesig. Die christlichen Nationen konnten nichts bewirken gegen die muslimischen Flotten, nirgendwo im Mittelmeer. Zu jeder Zeit ritten die Muslime auf seinen Wellen zur Eroberung.”

Tatsächlich aber erlangte die muslimische Flotte, abgesehen von den Vorteilen, die ihr einige strategisch günstige Inselstützpunkte boten, niemals die unbestrittene Vorherrschaft auf dem Meer. Zwar legten sich die Muslime nach der Eroberung Ägyptens eine mächtige Flotte zu, besiegten im Jahr 655 die byzantinische Flotte vor der anatolischen Küste. Doch nur zwanzig Jahre später zerstörten die Byzantiner mit Hilfe des Griechischen Feuers eine große muslimische Flotte, ebenso im Jahr 717. Dann, im Jahr 747, traf „eine gewaltige arabische Armada von 1.000 Galeeren, die Blüte der syrischen und ägyptischen Seemacht”, vor Zypern auf eine viel kleinere byzantinische Flotte – das anschließende Gefecht überstanden nur drei arabische Schiffe. Die muslimischen Seestreitkräfte konnten ihre alte Stärke auch deshalb nicht mehr ganz zurückgewinnen,weil sie im Unterschied zu den Byzantinern nie über ausreichend „Holz zum Schiffsbau, über Werften und Hafenspeicher und Eisen” verfügten.

Das Mittelmeer wurde also nicht zum „mohammedanischen See”, dessen östlicher Teil war vielmehr byzantinisch. „Die mit äußerstem Geschick operierende Flotte kontrollierte erfolgreich die Küsten, überwachte die Meere und griff die sarazenischen Piratenschiffe an, wo immer sie sich zeigten.”

Zwar konnten die Muslime im 8. und 9. Jahrhundert im westlichen Mittelmeer, weit ab von den byzantinischen Flottenstützpunkten, zum Teil auch auf dem Seeweg vordringen, seit dem 10. Jahrhundert aber mussten sie sich sowohl vor abendländischen Flotten als auch vor der des erneuerten Byzantinischen Reichs in Acht nehmen. Die Schwäche der muslimischen Seemacht blieb stets offensichtlich. Zunächst machten die Muslime rasch die Erfahrung, dass sie ihre Schiffe aus offenen Häfen zurückziehen mussten, wo ihnen Überraschungsangriffe drohten. Aus diesem Grund gaben sie beispielsweise Karthago auf, verlegten die dort stationierte Flotte in einen Binnenhafen bei Tunis und bauten einen Kanal, um Zugang zum Meer zu haben. Der Kanal war so eng, dass nur jeweils eine Galeere durchpasste, weswegen er sich leicht gegen feindliche Schiffe verteidigen ließ.

Auch aus Alexandria wurde die ägyptische Flotte abgezogen, dafür nilaufwärts ein neuer Stützpunkt angelegt. Diese Maßnahmen waren strategisch sinnvoll, zeigen aber auch die Schwäche der muslimischen Seemacht. Dass die Muslime das Mittelmeer nicht unangefochten oder ausreichend kontrollieren konnten, geht auch daraus hervor, dass die Byzantiner ihre Armeen ungehindert auf dem Seeweg transportieren, zum Beispiel Nachschub und Soldaten in Süditalien an Land bringen und von da aus die Muslime aus dieser Region vertreiben konnten. Ebenso wenig konnten die Muslime den wachsenden Seehandel italienischer Stadtstaaten wie Genua, Pisa und Venedig unterbinden.

Im 11. Jahrhundert, einige Zeit vor dem Ersten Kreuzzug, unternahmen italienische Seeverbände nicht nur Überfälle auf muslimische Schiffe, sondern auch auf deren Stützpunkte an der nordafrikanischen Küste.

Darum konnten auch italienische, englische, fränkische und sogar Wikingerflotten nach Belieben zum Heiligen Land und zurück segeln, Tausende Kreuzfahrer und den für sie notwendigen Nachschub transportieren. Schon deshalb kann Pirennes These nicht richtig sein, muslimische Seehandelsblockaden seien die Ursache dafür, dass Europa in ein „dunkles Zeitalter” eintrat.

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Time am 28. Februar 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/07/rodney-stark-technisch-rueckstaendig/

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Rodney Stark: technisch rückständig

7. Februar 2016

Akkon

Kreuzfahrerburg Akkon

Heute möchte ich Ihnen den letzten und spannendsten Teil des Kapitels „Abendländische ,Ignoranz’ versus morgenländische ,Kultur’“ des Buches „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014) von Rodney Stark vorlegen (S. 95-110).

Mr. Stark befasst sich darin mit der vermeintlichen Rückständigkeit der christlichen mittelalterlichen Gesellschaft.

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Rodney StarkDer Mythos vom
finsteren Mittelalter

Die Behauptung, die Muslime hätten die fortgeschrittenere Kultur gehabt, beruht auch auf falschen Vorstellungen über die kulturelle Rückständigkeit der Christenheit – auf der verbreiteten, aber unbegründeten Überzeugung, Europa sei nach dem Untergang des Römischen Reichs in ein dunkles Zeitalter zurückgefallen und habe das kulturelle Erbe verloren, das im Islam lebendig blieb.

So behauptete Voltaire, nach dem Fall Roms hätten „Barbarei, Aberglaube und Unwissenheit das Antlitz der Welt bedeckt”.

Ebenso sah Rousseau (1712-1778) Europa „in die Barbarei seiner Vorzeiten zurückgefallen. Die Völker dieses … Teils der Welt lebten vor einigen Jahrhunderten in einem Zustand, der schlimmer als die Unwissenheit war.”

Auch Edward Gibbon sah in diesem Zeitalter den „Triumph der Barbarei und Religion”. Kein Wunder, dass solche Ansichten zum anerkannten Wissen wurden. In seinem Bestseller Entdeckungen (1983, dt. 1991) hat der Historiker und Pulitzer-Preisträger Daniel J. Boorstin (1914-2004) im Kapitel „Das Gefängnis des christlichen Dogmas” geschrieben, das „dunkle Zeitalter” habe schon vor dem Untergang Roms begonnen. Das Christentum „eroberte das Römische Reich und große Teile Europas. Dann beobachten wir ein europaweites Phänomen des Gedächtnisschwundes der Gelehrten, das den Kontinent von etwa 300 n. Chr. bis mindestens 1300 n. Chr. heimsuchte.” Es seien die Führer des orthodoxen Christentums gewesen, die eine „große Barriere gegen den Fortschritt des Wissens” errichtet hätten.

Und der Historiker William Manchester (1922-2004) sieht das Mittelalter als eine Ära „unablässiger Kämpfe, der Rechtlosigkeit, der Besessenheit von seltsamen Mythen, einer nahezu undurchdringlichen Geistlosigkeit … Das dunkle Zeitalter war eine in jeder Hinsicht öde Periode.“

Einige dieser Behauptungen sind boshaft, andere zeugen von erstaunlicher Ignoranz. Freilich, wie die muslimischen Eroberer hatten auch die germanischen Stämme, die das Römische Reich eroberten, in Sachen Kultur allerhand aufzuarbeiten, bis sie es mit ihren Vorgängern aufnehmen konnten. Aber sie hatten nicht nur Römer, die sie unterrichteten und anleiteten, sie hatten auch die Kirche, die die von Rom ererbte Kultur sorgfältig bewahrte und weiterentwickelte. Man sollte sich vor Augen halten, dass die als „dunkel” bezeichneten Jahrhunderte eine der „großen innovativen Epochen der Menschheit” gewesen sind, eine Zeit, in der in einem Maß neue Techniken entwickelt und angewandt wurden, wie dies „in keiner Zivilisation zuvor” der Fall war. Tatsächlich machte Europa, wie wir sehen werden, im angeblich dunklen Zeitalter den großen technologischen Sprung nach vorn, mit dem es sich weltweit an die Spitze setzte.

Immerhin hat sich diese Erkenntnis inzwischen so weit durchgesetzt, dass der Terminus „dunkles Zeitalter” mittlerweile auch in solchen Lexika und Enzyklopädien als unbegründeter Mythos gilt, die ihn einige Jahre zuvor noch verbreitet hatten. Während in älteren Auflagen der Encyclopcedia Britannica die fünf oder sechs Jahrhunderte nach dem Untergang Roms noch „dark ages” genannt wurden, lehnten die Autoren der 15. Auflage (1981) diese Bezeichnung als „unannehmbar” ab, denn damit werde fälschlich behauptet, diese Zeit sei „eine Periode des geistigen Dunkels und der Barbarei” gewesen.

Den Annahmen über eine fortgeschrittenere und höher entwickelte Kultur der islamischen Welt liegt, wie sich gezeigt hat, häufig ein gewisser „Intellektualismus” zugrunde. Kultur besteht nicht nur in Schriften oder „Bücherwissen”. Wie man Ackerbau betreibt, ein Segelschiff navigiert oder Schlachten gewinnt, lernt man nicht, indem man Platon oder Aristoteles liest. Technik im weitesten Sinne ist der Stoff, aus dem das wirkliche Leben gemacht ist; Technik entscheidet darüber, wie gut die Menschen leben und ob sie sich schützen können.

Und wie gut oder schlecht die muslimischen Intellektuellen im Vergleich zu gebildeten christlichen Scholastikern die aristotelische Wissenschaft und die platonische politische Philosophie gekannt haben mögen – die Technik jedenfalls befand sich in den muslimischen Ländern, verglichen mit den byzantinischen und europäischen, eindeutig im Rückstand.

Unterschiede auf technischem Gebiet

Es ist weitaus schwieriger, als es sein sollte, den in der christlichen und der islamischen Welt unterschiedlichen Entwicklungsstand der Technik herauszuarbeiten, weil das Thema von muslimischen Autoren beherrscht wird, die zu absurden Behauptungen neigen. So kann man „entdecken”, dass „Ibn Firnas aus dem islamischen Spanien im 9. Jahrhundert eine Flugmaschine erfand, baute und erprobte”.

Nicht europäische, vielmehr muslimische Schiffbauer hätten das Steuerruder erfunden. (Welche muslimischen Schiffbauer sollen das gewesen sein?) Der Kompass sei keine chinesische Erfindung, sondern eine muslimische. Und so weiter und so fort.

Transport

Was wir mit absoluter Sicherheit wissen, ist, dass das Rad nach der muslimischen Eroberung Ägyptens, des Mahgreb und Spaniens aus diesen Gebieten verschwand!

Über Jahrhunderte gab es dort weder Karren noch Wagen. Alle Waren wurden von Menschen getragen oder auf Kamele, Esel und Pferde gepackt. Das heißt nicht, dass die Araber das Rad nicht kannten, aber sie waren der Meinung, dass es ihnen nicht viel nütze. Für Räder braucht man Straßen und Wege. Kamele und Fußgänger brauchen beides nicht. Wenn man in Betracht zieht, wie sie die Möglichkeiten des Rades verkannten, erscheint es zweifelhaft, dass sie wussten, wie Geschirre auszusehen hatten, mit denen man Zugtiere vor Karren oder Wagen spannen konnte.

Ganz anders im „dunklen Zeitalter” Europas: Irgendwann in dieser Zeit nämlich wurden das Kummet und ein Geschirr entwickelt, mit dem man Pferde statt Ochsen als Zugtiere für schwer beladene Wagen benutzen konnte – und schneller vorankam. Ein richtig angeschirrtes Pferd kann einen Wagen mit fast einer Tonne Last ziehen, für diese Last braucht man vier oder fünf Kamele.

Die Zugkraft europäischer Pferde wurde weiter gesteigert, als im 8. Jahrhundert das Hufeisen erfunden wurde und im folgenden Jahrhundert überall in Gebrauch kam. Hufeisen schützen nicht nur die Hufe vor Abnutzung, besonders auf harten Oberflächen, beschlagene Pferde finden auf weicherem Untergrund auch besseren Halt und können mehr ziehen.

Ferner erfanden Europäer im 10. Jahrhundert ein Geschirr, das es erlaubte, mehrere Pferde oder Ochsen paarweise hintereinander, nicht mehr nur nebeneinander anzuschirren. Damit war es möglich, große Ladungen mit vielen Zugtieren zu bewegen, zum Beispiel große Steinschleudern oder Belagerungstürme.

Gegen Wagen hätten die Araber einwenden können, dass die Konstruktionen, die zur Zeit der muslimischen Eroberungen und davor in Gebrauch waren, eine starre Vorderachse hatten, darum schwer zu wenden waren. Auch Bremsen kannte man noch nicht, was bei starkem Gefälle gefährlich war.

Die Europäer hatten diese Probleme spätestens im 9. Jahrhundert gelöst, ihre Fuhrwerke mit Schwenkachsen und Bremsen ausgerüstet. Diese technischen Neuerungen verschafften ihnen Vorteile auf Feldzügen, die oft fast 4000 Kilometer von ihren Siedlungen entfernt stattfanden. Ein Heer soll im Ersten Kreuzzug mit mindestens 2000 Wagen aufgebrochen sein.

Und zuletzt fehlten den Muslimen, obwohl sie die schnellsten Reitpferde der Welt züchteten, die großen und schweren Zugpferde, wie sie die Europäer einsetzten. Darum hätte es ihnen auch kaum Vorteile gebracht, hätten sie Wagen anstelle ihrer Packkamele benutzt.

Natürlich waren beide, Muslime wie Europäer, erfahrene Pferdezüchter; diese Unterschiede haben sich also infolge unterschiedlicher Präferenzen ergeben.

Landwirtschaft

Große Zugpferde spielten auch eine Rolle für die Revolution der Landwirtschaft, die das Europa des „dunklen Zeitalters” verwandelte. Damals konnte die Nahrungsmittelproduktion gewaltig gesteigert werden. Das lag nicht zuletzt daran, dass Pferde einen Pflug doppelt so schnell ziehen können wie Ochsen; Bauern, die auf Pferde umstellten, konnten in der gleichen Zeit zweimal so viel Land bewirtschaften wie Bauern mit Ochsengespannen.

Nicht weniger wichtig war, dass die schweren Zugpferde einen viel besseren Pflug zogen. Bis zum 6. Jahrhundert benutzten die fortgeschrittensten Bauern auf der ganzen Welt Hakenpflüge, es waren Grabstöcke, die an einem Brett angebracht wurden. Mit einem Pflug dieses Typs war es unmöglich, den Boden zu wenden, der Pflug wurde einfach über die Oberfläche gezogen; der Boden zwischen den flachen Furchen blieb unberührt, so dass man noch einmal quer pflügen musste.

Diese Art des Pflügens eignete sich weder für die mageren trockenen Böden des Mittelmeerraums noch für die schweren, nasstn und fruchtbaren Böden Nordeuropas. Gebraucht wurde ein schwerer Pflug mit langer, scharfer und schwerer Schar, nur so ließ sich der Boden wenden und eine tiefe Furche ziehen. Hatte man diesen Pflug, war die nächste Verbesserung eine zweite Schar, die, in einem Winkel zur ersten angebracht, die von der ersten Schar gewendete Scholle durchschnitt; schließlich fehlte noch das Streichbrett oder -blech, das die zerkleinerte Scholle vollständig wendet. Und der Pflug musste Räder bekommen, damit man ihn leichter von einem Feld zum anderen bewegen und die Schar auch unterschiedlich hoch einstellen und so, je nach Gegebenheit, flacher oder tiefer pflügen konnte. Mit diesen Neuerungen wurden auch Böden, die vorher nicht oder nicht effizient genug beackert werden konnten, ertragreich; selbst auf mageren Böden ließ sich mit schweren Streichblech- Pflügen der Ertrag fast verdoppeln.

Im 8. Jahrhundert kam es in Europa zu einer zweiten Revolution in der Landwirtschaft: der Dreifelderwirtschaft. Das Ackerland, das zu einem Dorf gehörte, wurde dreigeteilt, und jeder Bauer hatte in allen drei Feldern oder Flurstücken eigene Ackerstreifen. In einem Flurstück wurde Wintergetreide angebaut, zum Beispiel Weizen, im zweiten Sommergetreide wie Hafer (der vor allem gebraucht wurde, nachdem das Pferd zum wichtigsten Zugtier geworden war), oder Hülsenfrüchte (Erbsen und Bohnen) und Gemüse, das dritte Stück blieb ein Jahr lang brach liegen. Im nächsten Jahr wurde auf dem Brachland Wintergetreide angebaut, auf dem zweiten Stück Sommergetreide, und das Stück, auf dem im Vorjahr Sommergetreide angebaut wurde, blieb Brachland und wurde als Weide genutzt. Damit wurde nicht nur das Unkraut niedrig gehalten, sondern auch der Dung des Weideviehs genutzt, um die Fruchtbarkeit des Landes zu erhöhen.

Diese Verbesserungen hatten zur Folge, dass sich die meisten Europäer seit dem „dunklen Zeitalter” besser ernähren konnten, als es dies einfachen Leute anderswo oder zu früheren Zeiten jemals möglich war. Die Europäer im Mittelalter, so lässt sich sagen, waren die ersten Menschen, deren genetisches Potential nicht durch schlechte Ernährung verkümmerte, und so waren sie im Durchschnitt größer, gesünder und kräftiger als die Menschen anderer Regionen.

Die Liste technischer Neuerungen im Europa des „dunklen Zeitalters” ließe sich um ein Vielfaches verlängern; an anderer Stelle habe ich das getan. Hier erscheint es mir sinnvoller, das Thema mit einem Vergleich der Militärtechnik abzuschließen.

Militärische Macht

Beginnen wir mit einem Beispiel: Im Jahr 732, tief im angeblich „dunklen Zeitalter”, hatte die schwere Reiterei Karl Martells Sättel mit einem hohen Rückenteil und Steigbügeln, so dass die volle Masse eines angreifenden Pferdes und eines schwer gepanzerten Reiters hinter eine lange Lanze gesetzt werden konnte, ohne dass der Reiter durch den Aufprall abgeworfen wurde.

Die Muslime dagegen benutzten Pferde ohne Sattel oder nur mit einem dünnen Polster, sie ritten ohne Steigbügel, konnten also nur Schwerter und Äxte schwingen, so wie es die berittenen Abteilungen früher getan hatten, auch die der Römer und Perser.

Die muslimische Reiterei konnte den geballten Angriffen abendländischer Ritter ausweichen und flüchten, standhalten konnte sie ihnen nicht. Hinzu kam, dass den Muslimen, ebenso wie sie keine starken Pferde zum Pflügen und zum Ziehen schwerer Fuhrwerke hatten, auch die großen Streitrösser fehlten, wie sie gut gepanzerte Ritter brauchten – ein Handikap, das sich erstmals in der Schlacht von Tours und Poitiers zeigte und nie gelöst wurde.

Im Zeitalter der Kreuzzüge benutzten die europäischen Ritter Pferde, die zwölf undmehr Zentner wogen, die muslimische Reiterei dagegen. Pferde, die nur etwa acht Zentner schwer waren. Das verschaffte den Kreuzrittern Vorteile, im Nahkampf konnte der Mann auf dem größeren Pferd nach unten auf seinen Gegner einschlagen, dessen Pferd ließ sich mit dem massigeren Tier abdrängen. Zudem wog der durchschnittliche Kreuzritter mehr als sein muslimischer Gegner, denn er war größer und trug vor allem eine schwerere Rüstung.

Anders als in neueren Zeiten gab es in dieser Epoche keine „Standardausrüstung” für Soldaten. Zwar stellten manche Adelige ihren Männern Waffen und Rüstungen zur Verfügung, aber das war nicht die Regel: Die meisten Krieger hatten ihre eigene Ausrüstung. Daher sind Vergleiche zwischen der Ausrüstung der christlichen und muslimischen Heere viel weniger aussagekräftig als beispielsweise Vergleiche zwischen amerikanischen und japanischen Soldaten und ihrer Ausrüstung im Zweiten Weltkrieg.

Dennoch lässt sich sagen, dass die Kreuzfahrer mehr und bessere Rüstungen trugen als die Muslime. Das aber heißt nicht, dass alle europäischen Ritter mit Rüstungen aus beweglichen Panzerplatten, wie man sie in Museen sieht, ausgestattet waren. Solche eisernen Vollrüstungen, die ihren Träger rundum schützten, kamen später auf, und nur wenige Ritter der schweren Reiterei trugen sie.

Denn solche Rüstungen waren unpraktisch und gefährlich. Ein voll gepamerter Ritter musste mittels einer Hebevorrichtung in den Sattel gehievt werden, und wenn er vom Pferd fiel, konnteer nicht wieder aufstehen und weiterkämpfen. Daher waren auch in der schweren Reiterei eher dicke Kettenmäntel üblich, die heftigen Schläge mit dem Schwert oder der Axt standhielten, sowie Helme, die Schädel, Hals und in besonderen Ausführungen auch Teile des Gesichts bedeckten. Fußsoldaten, die den Hauptanteil aller abendländischen Heere im Mittelalter stellten, haben ebenfalls solche Rüstungen getragen.

Die Kettenpanzer wurden aus dünnen Eisenringen gefertigt, wobei jeder Ring mit vier anderen verbunden war; geschnitten war dieses Gewebe wie ein langes Hemd, an der Leiste in Bahnen geteilt, die von der Hüfte zum Knie herunterhingen und – wie die Überhosen der Cowboys – um die Beine gebunden werden konnten oder aber, wie dies meistens der Fall war, lose um die Beine baumelten.

Manche Kreuzritter trugen auch Gamaschen aus Kettengewebe, die die Füße bedeckten. Bekannt waren Kettenhemden auch im Morgenland, waren aber selten zu sehen. Stattdessen nähte man schuppenförmige Metallteile auf Stoff- oder Lederjacken – eine Art der Rüstung, die „im Abendland als veraltet” galt.

Einerseits waren die muslimischen Krieger wegen ihrer leichteren und sparsameren Rüstungen beweglicher, bei Frontalangriffen aber auch verwundbarer. Die Kettenpanzer der Franken waren erstaunlich robust. Die muslimischen Pfeile konnten sie nicht durchschlagen, „oft fügten sie keine Verletzungen zu. Manchmal wurde das Bild eines Stachelschweins verwendet, wenn man Männer beschreiben wollte … , die von Türken angegriffen worden waren.”

Insofern war es durchaus angemessen, wenn Radulf von Caen in seiner Chronik des Ersten Kreuzzugs schreibt, die Sarazenen hätten „auf ihre Zahl und wir auf unsere Rüstungen vertraut”.

Keine Rüstung, auch kein Plattenpanzer, vermochte etwas auszurichten gegen die Erfindung, die die Kreuzfahrer in der Schlacht so gefährlich machte – die Armbrust. Diese Waffe war unter Kreuzfahrern weit verbreitet, doch nur wenig wurde über sie geschrieben – wohl deshalb, weil ihr Einsatz als schändlich, ja sündhaft galt. Das Zweite Laterankonzil hat die Armbrust und ihren Einsatz 1139 unter die Strafe des Kirchenbanns gestellt: als „eine Waffe, die Gott und den Christen verhasst ist”, sie war verboten (ausgenommen aber im Einsatz gegen Ungläubige); ein Verbot, das Innozenz III. bestätigt hat. Die europäischen Heere kümmerten sich jedoch nicht um die Kirche und machten reichlich Gebrauch von der Armbrust, bis sie durch Feuerwaffen überholt war.

So bestand beispielsweise die Garnison der Tempelritter in der Burg von Safed im nördlichen Galiläa aus 50 Rittern und 300 Armbrustschützen.

Die „moralischen” Einwände gegen die Armbrust hatten mit sozialen Unterschieden zu tun, denn diese revolutionäre Waffe machte auch einfache Bauern zu tödlichen Gegnern des Kriegerstands. Um Ritter zu werden, war eine lange Ausbildungszeit erforderlich, und das galt auch für Bogenschützen; sie brauchten jahrelanges Training, bis ihre Arme so stark waren, dass sie einen Langbogen spannen und sicher treffen konnten.

Dagegen konnte praktisch jeder die Handhabung einer Armbrust binnen einer Woche lernen, zumindest in ihren Grundzügen, und selbst ein Anfänger konnte auf eine Entfernung bis zu 60 Metern bald genauer schießen als ein gut ausgebildeter Langbogenschütze. Das lag daran, dass man mit der Armbrust zielte wie mit einem Gewehr und mit einem Abzugshahn die Sehne freigab, die dann einen Bolzen (einen schweren Pfeil) losschnellen ließ, der in gerader Linie ins Ziel flog. Zwar konnten Langbögen schneller und (auf einer hohen Flugbahn) auf weiter entfernte Ziele abgeschossen werden, aber sie waren lange nicht so genau wie Armbrüste.

Die von Armbrüsten abgeschossenen Projektile hießen Bolzen, weil sie viel kürzer und schwerer waren als die Pfeile herkömmlicher Bögen. Wenn sie auch auf große Entfernungen nicht zu gebrauchen waren, so hatten sie auf kürzere Entfernungen eine ungleich größere Wirkung. Da keine lange und mühselige Ausbildung nötig war, um das Armbrustschießen zu lernen, konnte man rasch auch größere mit dieser Waffe ausgerüstete Abteilungen aufstellen. Die Genuesen etwa zogen mehrmals mit einer Armee von 20.000 Armbrustschützen in die Schlacht.

Gegen die Armbrüste der Kreuzfahrer setzten die Muslime einen kurzen Kompositbogen von geringerer Reichweite und Schlagkraft ein. Ihr Pfeilhagel tat seine Wirkung, wenn es sich um leicht gepanzerte Gegner handelte, zum Beispiel um feindliche Muslime, aber wenn sie nicht aus kürzester Entfernung abgeschossen wurden, mussten sie einen Kreuzfahrer an einer ungepanzerten Stelle treffen. Der Bolzen einer Armbrust dagegen konnte, selbst wenn er aus einer Entfernung von etwa 130 Metern abgeschossen wurde, noch eine Panzerplatte durchschlagen. Wie die byzantinische Prinzessin Anna Komnena in der Alexias – einer hervorragenden Darstellung der Regierungszeit ihres Vaters Alexios Komnenos – schreibt, schießt die Armbrust mit „voller Wucht und höchster Schnellkraft die Bolzen ab, dann prallen diese dort, wo immer sie auftreffen, nicht nach hinten ab, sondern durchlöchern einen Schild und durchschlagen einen schweren Eisenpanzer und treten dann auf der anderen Seite wieder aus.”

In Kreuzfahrerheeren wie dem des Richard Löwenherz wurde eine Armbrust von jeweils drei Männern bedient: Einer trug einen großen Schild und richtete ihn auf, alle drei kauerten sich dahinter, um vor feindlichen Pfeilen und Geschossen geschützt zu sein, einer spannte und lud die Waffe, reichte sie dem Schützen, und der zielte und löste sie aus. Diese Teams konnten achtmal pro Minute schießen, ebenso oft wie ein Langbogenschütze, aber mit größerer Wirkung.

Kamen Armbrustschützen hinter einer gut gepanzerten, zuverlässigen Abteilung Fußsoldaten zum Einsatz, dann war dies eine tödliche Kombination: Der anstürmende Gegner erlitt durch die Armbrüste hohe Verluste und traf dann auf die noch geschlossenen Reihen der Fußsoldaten. Für die muslimischen Heerscharen erwies sich als zusätzlicher Nachteil, dass sie vor allem aus Reiterabteilungen bestanden, die für Angriffe auf eine entschlossene Fußtruppe nicht tauglich waren, es sei denn, sie waren in der Überzahl.

Die schweren Niederlagen, die diese Reiterarmeen im 8. Jahrhundert gegen die Frankenheere einstecken mussten – und damals setzten diese noch keine Armbrüste ein -, werden die muslimischen Führer veranlasst haben, die Zusammensetzung ihrer Streitkräfte zu überdenken. Doch wiegt in solchen Fragen die Tradition schwer. Die Araber waren immer als leichte Reiterei in Fehden und Kriege gezogen, hatten mit ihren traditionellen Methoden zunächst auch glänzende Siege errungen. Alle Versuche muslimischer Strategen, an der übergroßen Abhängigkeit von ihren Reitertruppen etwas zu ändern, möglicherweise in Reaktion auf ihre Vertreibung aus Europa, kamen im 11. Jahrhundert zum Erliegen, als nämlich gerade zum Islam übergetretene seldschukische Türken den arabischen Nahen Osten überrannten. Die Türken waren berittene Nomaden, die den Fußkampf verachteten.

Daher blieb das Vertrauen der Muslime in ihre leichten Reiterverbände ein ernsthaftes taktisches und kriegstechnisches Defizit, das während der Kreuzzüge fatale Folgen hatte. Immer wieder scheiterten die muslimischen Reiter, trotz ihrer zahlenmäßigen Übermacht, an den christlichen Fußtruppen. Auch christliche Ritter stiegen häufig vom Pferd und kämpften zu Fuß weiter, stets unterstützt von zahlreichen Armbrustteams.

Nicht nur auf dem Schlachtfeld entfalteten Armbrüste ihre tödliche Wirkung, sie ließen sich auch wirkungsvoll einsetzen, um Verteidiger von Festungsmauern herunterzuholen, beziehungsweise um Angriffe auf eine Festung abzuwehren; selbst in Seegefechten spielten sie eine wichtige Rolle.

Wenn man christliche und muslimische Kriegsflotten vergleicht, sollte man vor allem beachten, dass die Schiffe der Muslime Kopien christlicher Schiffe waren, gebaut und bemannt von christlichen Renegaten und Söldnern. Daraus folgt, dass die Besatzungen der muslimischen Schiffe nicht so engagiert waren wie die der christlichen Flotten.

So wurde eine von Saladin in den 80er Jahren neu aufgestellte Flotte bereits 1187 komplett zerstört, während sie vor Tyrus kreuzte, damit die von Saladins Streitkräften belagerte Stadt nicht vom Meer aus versorgt werden konnte. Von einer Kreuzfahrerflotte überrascht, gaben Saladins Besatzungen, so jedenfalls steht es in einer ägyptischen Chronik, ihre Schiffe kampflos auf.

Außerdem waren die muslimischen Flotten, die Christen nach christlichen Vorbildern gebaut hatten, selten auf dem neuesten Stand der Technik. Nicht nur im Hinblick auf seemännisches Können und den Kampfwillen ihrer Besatzungen waren christliche den muslimischen Flotten überlegen, sondern auch hinsichtlich der „Größe und der technischen Fähigkeiten ihrer Schiffe”.

So waren die „Kastelle” christlicher Galeeren mit Armbrustschützen besetzt, die den gegnerischen Schiffen schwere Verluste beibringen konnten, bevor sie in Reichweite von deren Rammspornen kamen – ganz ähnlich hat die englische Flotte später Kanonen gegen die spanische Armada eingesetzt und auf den Nahkampf Mann gegen Mann verzichtet. Außerdem entwickelten die Christen schwere Armbrüste, die auf den Decks ihrer Galeeren montiert wurden und große Geschosse abschießen konnten – bisweilen auch Behälter mit Griechischem Feuer.

Ein weiterer technischer Vorsprung bestand darin, dass christliche Flotten über spezielle Galeeren verfügten, die zum Kampf gerüstete Ritterabteilungen samt ihren großen Streitrössern an Land bringen konnten.

Selbst wenn wir einräumen, dass gebildete Araber über eine überlegene Kenntnis der klassischen Autoren verfügten, dass sich unter ihnen hervorragende Mathematiker und Astronomen befanden, so bleibt doch festzuhalten, dass die Muslime auf vielen technischen Gebieten weit im Rückstand lagen.

Man denke an Sättel, Steigbügel, Hufeisen, Wagen und Karren, Zugpferde und Geschirre, effektive Pflüge, Armbrüste, das Griechische Feuer, den Schiffbau, die Kenntnisse der Seeleute, produktive Landwirtschaft, leistungsfähige Rüstungen und gut ausgebildete Fußtruppen. Insofern ist es kaum verwunderlich, dass die Kreuzfahrer Tausende von Kilometern marschieren und einen Feind schlagen konnten, der ihnen zahlenmäßig überlegen war – dies allerdings nur so lange, wie die Menschen und Staaten Europas bereit waren, ihren Kampf zu unterstützen.

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Time am 7. Februar 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/05/rodney-stark-bildungshass/

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Rodney Stark: Bildungshass

5. Februar 2016

Belvoir

Kreuzritterfestung „Belvoir“

Im Kapitel „Abendländische ,Ignoranz‘ versus morgenländische ,Kultur’“ seines Buches „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014) befasst sich der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark auch mit der historischen Grundeinstellung der Orks zu Philosophie, Wissenschaft und Bildung (S. 90-95).

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Rodney StarkIslam und Aristoteles

Der Vorstellung, dass die Muslime gebildeter waren als das christliche Abendland, liegt die Annahme zugrunde, dass eine Gesellschaft, die nicht in griechischer Philosophie und Literatur verwurzelt ist, im Dunkel der Geschichte lebe!

So haben europäische Schriftsteller in den letzten Jahrhunderten immer wieder betont, dass die Araber im Besitz der klassischen Schriften gewesen seien, wobei sie davon ausgingen, dass aufgrund des Zugangs zur fortgeschrittenen „Weisheit” der Alten der Islam die überlegene Kultur gewesen sei.

Die mittelalterlichen europäischen Gelehrten waren mit den „Klassikern” viel vertrauter, als häufig angenommen wird, dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass aufgrund des Weiterbestehens der byzantinisch-griechischen Kultur in den meisten von den Arabern eroberten Gesellschaften die gebildetsten Araber eine umfangreichere Kenntnis klassischer griechischer Autoren hatten, vor allem von Platon und Aristoteles.

Weniger bekannt ist der eher negative Einfluss, den der Zugang zur griechische Bildung auf die arabische Gelehrsamkeit hatte. Die Werke von Platon und Aristoteles erreichten die Araber wahrscheinlich im 9. Jahrhundert in Übersetzungen aus dem Syrischen, die im späten 7. Jahrhundert aus dem Griechischen ins Syrische übertragen wurden.

Anstatt jedoch in diesen Werken die Bemühungen griechischer Gelehrter zu sehen, Antworten auf spezifische Fragen zu geben, betrachteten die muslimischen Intellektuellen diese Texte wie den Koran als unverrückbare Wahrheiten, die unhinterfragt und widerspruchslos verstanden werden müssten, um immanente Unstimmigkeiten oder Widersprüche aufzuheben. Schließlich richtete sich ihr Hauptinteresse auf Aristoteles. „In Aristoteles”, schreibt der angesehene muslimische Historiker Caesar Farah, „fanden die muslimischen Denker den großen Führer, er wurde ihr ,erster Lehrer‘. Nachdem dies allgemein anerkannt war, entwickelte sich die muslimische Philosophie der folgenden Jahrhunderte nur noch in dieser Richtung als eine Fortsetzung von Aristoteles, um diesen zu erweitern, anstatt etwas Neues zu schaffen.”

Das führte schließlich dazu, dass der Philosoph Averroes und seine Anhänger die Auffassung vertraten, die aristotelische Physik sei vollständig und unfehlbar, und wenn bestimmte Beobachtungen mit der Lehre des Aristoteles unvereinbar waren, dann konnte das nur auf Irrtümern oder Täuschungen beruhen.

Solche Einstellungen hinderten den Islam, im Erkenntnisfortschritt dort fortzufahren, wo das griechische Denken stehen geblieben war. Im Unterschied dazu ließen sich die frühen christlichen Scholastiker durch ihre Rezeption des Aristoteies zum Experimentieren und Forschen anregen. Denn damals wie heute erwarb man sich größeren Ruhm, wenn man das überkommene Wissen hinterfragte, bessere Lösungen fand und zu neuen Erkenntnissen gelangte, und so begannen die Scholastiker, Mängel bei den Griechen zu entdecken. Und es gab viele Fehler zu finden.

Bücher und Bibliotheken

Wie gesagt, alle Argumente für die angebliche Überlegenheit der muslimischen Kultur, stützen sich darauf, dass die muslirnischen Gelehrten Übersetzungen der klassischen griechischen Schriften besaßen. Bücher und Manuskripte müssen aber irgendwo aufbewahrt werden, und diese Orte mit großen Textsammlungen kann man als Bibliothek bezeichnen – ob es sich nun um die Sammlungen von einzelnen Personen oder um solche von Institutionen handelt, die ihre Aufgabe darin sahen, Texte zu erwerben, zu kopieren und aufzubewahren. Beide Arten von Sammlungen gab es in der islamischen Welt schon in ihrer Frühzeit.

Islamische Eroberungsarmeen stießen auf solche Bibliotheken überall im Nahen Osten und in Nordafrika. Einige stammten noch aus heidnischen Zeiten, andere hatten Christen und Juden eingerichtet. „Jedes Kloster und vermutlich jede Kirche” der Kopten in Ägypten „hatten einst eigene Manuskriptsammlungen.”

Im ganzen Byzantinischen Reich verfügte der orthodoxe Klerus über Bibliotheken. Auch die Nestorianer hatten in ihren großen Bildungseinrichtungen umfanzreiche Handschriftensammlungen. Daher verwundert die Geschichte von jenem nestorianischen Mönch keineswegs, der sich jede Woche eine Schrift aus der Klosterbibliothek holte und die freie Zeit nutzte, über den Text nachzudenken und ihn auswendig zu lernen.

So wurde den Muslimen von Anfang an vor Augen geführt, dass sie, wenn sie „das vielfältige Wissen, das ihnen als Erbe zugefallen war, nutzen wollten, Schriften haben mussten, vorzugsweise auf Arabisch, und dass diese Schriften sicher und für die Leser gut zugänglich aufbewahrt werden mussten”.

Die Vorstellung, dass die Muslime Bibliotheken zu schätzen wussten, steht jedoch im Widerspruch zu der kontrovers diskutierten Behauptung, dass sie die große Bibliothek von Alexandria verbrannt haben. Der Überlieferung nach ließ der muslimische Befehlshaber nach der Eroberung Alexandrias beim Kalifen Umar in Damaskus anfragen, was mit der riesigen Bibliothek – angeblich Hunderttausende von Schriftrollen – geschehen solle. Und der Kalif habe geantwortet: „Wenn das, was in den Schriften geschrieben steht, mit dem Buch Gottes [dem Koran] übereinstimmt, brauchen wir sie nicht, wenn es nicht übereinstimmt, haben wir kein Verlangen danach. Also verbrenne sie.” Daraufhin soll der General die Schriftrollen an die 4.000 Bäder der Stadt verteilt haben – als Brennmaterial. Sechs Monate habe es gedauert, bis alles verfeuert war.

Dieser überlieferte Bericht hat bei vielen Bewunderern des Islam für heftige Reaktionen gesorgt, auch wenn die Tatsache als solche von führenden westlichen Historikern (einschließlich Edward Gibbon) bestritten wurde und die meisten sich mit der landläufigen These zufrieden gaben, dass die Bibliothek bereits während der Eroberung Ägyptens durch Julius Cäsar unbeabsichtigt abgebrannt war. Gleichwohl hat die Islamwissenschaftlerin Asma Afsaruddin den Vorwurf erhoben, diese Geschichte belege nichts außer den Hass der Christen auf die Muslime, wobei sie allerdings die Tatsache ignoriert, dass der Bericht zum ersten Mal von einem Muslim, einem ägyptischen Geschichtsschreiber des 13. Jahrhunderts, überliefert wurde; und andere muslimische Gelehrte haben den Bericht dann tradiert, unter ihnen auch der berühmte Ibn Chaldun.

Der Vorwurf, der Kalif habe die Zerstörung der Bibliothek angeordnet, kam also von Muslimen, was natürlich kein Beweis dafür ist, dass er zu Recht erhoben wurde, wird doch von dem angeblichen Geschehen gut 600 Jahre später erstmals berichtet. Aber dass dieser überlieferte Bericht von so vielen muslimischen Intellektuellen geglaubt wurde, verweist auf etwas viel Interessanteres: dass nämlich vielen Muslimen, auch Staatslenkern, Bücher und Bildung verhasst waren! Diese antiintellektuelle Einstellung wird offensichtlich, wenn man sich einmal mit der politischen Geschichte des Islam beschäftigt und nicht nur mit Darstellungen der ruhmreichen muslimischen Wissenschaft.

So hat Mutawakkil, als er im Jahre 847 Kalif wurde, unverzüglich damit begonnen, „die unabhängige wissenschaftliche Forschung abzuwürgen und abweichende religiöse Meinungen gewaltsam zu unterdrücken”.

Seine Nachfolger verfuhren nicht anders. Und als das Kalifat zusammenbrach, war es nicht mehr möglich, eine einheitliche – sei es eine „aufgeklärte” oder „repressive” – Politik zu betreiben, denn das Reich war in eine Vielzahl von Emiraten zersplittert, die sich gegenseitig bekriegten. Nun verhielten sich manche muslimische Herrscher den Gelehrten, ihren Schriften und ihrer Bildung gegenüber toleranter als andere; die meisten freilich waren nicht übermäßig tolerant. Sogar Saladin, der berühmte, von abendländischen Schriftstellern so bewunderte Held des 12. Jahrhunderts, schloss die öffentliche Bibliothek der Fatimiden in Kairo und ließ die Bücher verscherbeln.

Alles das zeigt die Diskrepanz, die es zwischen der hohen, sogenannten muslimischen, faktisch aber von den Dhimmis getragenen Kultur und der tatsächlichen Kultur der muslimischen Eliten gab.

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Time am 5. Februar 2016

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Rodney Stark in der MoT:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2016/02/04/rodney-stark-nichts-lief-schief/
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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Rodney Stark: Nichts lief schief

4. Februar 2016

krak des chevaliers

Die Kreuzfahrerburg „Krak des Chevaliers“

Im November 2007 hatte ich in Eisvogels Blog „Acht der Schwerter“, das seinerzeit viele engagierte Kommentatoren an sich binden konnte, die Arbeiten des Mathematikers und Wirtschaftswissenschaftlers Lawrence R. Iannaccone vorgestellt (1), der Religion vor allem in ökonomischer Hinsicht betrachtet.

Rodney StarkEiner seiner Vorläufer ist Rodney Stark. Wikipedia (2):

„Er ist ein Verfechter der Theorie der rationalen Entscheidung in der Religionssoziologie, die er die ,Theorie der religiösen Wirtschaft‘ nennt … Heute wird die Theorie, die religiöses Engagement als Wechselverhältnis von Belohnungen und Ausgleichen erklärt, als eine Vorstufe für den expliziten Rückgriff auf ökonomische Prinzipien der Religion gesehen …“

Rodney Stark hat u.a. das Buch „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.) geschrieben (3), das die mittelalterlichen Kreuzzüge im Nahen Osten beleuchtet.

Ich möchte Ihnen in lockerer Folge einige Auszüge daraus vorlegen. Der erste (S. 81-90) enthält für kundige Counterjihadis keine Neuigkeiten, ist jedoch eine gute Einführung für „Neulinge“, die ja auch täglich zur MoT stoßen.

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ABENDLÄNDISCHE „IGNORANZ“
VERSUS MORGENLÄNDISCHE „KULTUR“

Seit langem ist die Auffassung verbreitet, dass zu einer Zeit,
da Europa im „finsteren Mittelalter” vor sich hin döste, Wissenschaft
und Bildung in der islamischen Welt in voller Blüte standen.
Wie Bernard Lewis, eine Kapazität auf diesem Gebiet, in seiner jüngsten
Studie schreibt, hatte der Islam „im Hinblick auf die Kü̈nste und
Wissenschaften das höchste kulturelle Niveau in der Geschichte der
Menschheit erreicht. (…) das mittelalterliche Europa [ging] bei
den Muslimen in die Lehre und war in gewisser Weise abhängig von
der islamischen Welt.”

Dann aber hätten die Europäer plötzlich und sprunghaft
Fortschritte gemacht: „Sie ließen das islamische Erbe – die Wissenschaften,
die Technologie und schließlich auch die Kultur – weit hinter sich.”
Daher die Frage, die Lewis im Titel seines
Buches stellt: What went wrong? („Was ist schief gelaufen?”)

Dieses Kapitel ist meiner Antwort auf Lewis Frage gewidmet:
Nichts ist schiefgelaufen.
Der Glaube, es habe einmal eine muslimische Kultur gegeben,
die der europäischen überlegen war, ist bestenfalls eine Illusion.

Dhimmi-Kultur

Die höhere Kultur, die arabische Eliten sich aneigneten, haben sie von den Völkern übernommen, die sie unterworfen hatten. Wie Bernard Lewis schreibt, ohne sich allerdings völlig im Klaren darüber zu sein, was das bedeutet, hatte „der Islam das Wissen und die Fertigkeiten des antiken Nahen Ostens, Griechenlands und Persiens übernommen … und außerdem … aus Indien”.

Die hohe Kultur der Muslime (meistens ist von „arabischer” Kultur die Rede) war die der unterworfenen Völker – die jüdisch-christlich-griechische Kultur von Byzanz, der erstaunlich hohe Bildungsstand in häretischen christlichen Gemeinschaften wie den Kopten und Nestorianern, das umfangreiche Wissen des zoroastrischen Persien und (wenn wir an die frühen und ausgedehnten Eroberungen der Muslime in Indien denken) die großen mathematischen Leistungen der Hindu.

Dieses Bildungserbe, vondem viel auf das alte Griechenland zurückging, wurde ins Arabische übersetzt und zum Teil in die arabische Kultur aufgenommen. Aber auch nachdem es übersetzt war, wurde es in erster Linie von den Dhimmis (geduldete, staatlich geschützte und steuerpflichtige Nichtmuslime, genauer: Angehörige der monotheistischen Religionen; A.d.Ü) erhalten, die unter arabischer Herrschaft standen. Das „älteste wissenschaftliche Buch in der Sprache des Islam” beispielsweise ist „eine medizinische Abhandlung eines syrischen christlichen Priesters aus Alexandria und wurde von einem persisch-jüdischen Arzt ins Arabische übersetzt”.

Nicht nur, dass die „arabische” Wissenschaft und Bildung größtenteils von den Dhimmis stammte; sie waren es auch, die die Texte ins Arabische übersetzten. Doch aus diesem Wissensbestand wurde damit noch keine arabische Kultur. Sondern, schreibt Marshall Hodgson, „wer auf naturwissenschaftlichem Gebiet arbeitete, hielt im Allgemeinen an seinen alten religiösen Anschauungen fest und blieb ein Dhimmi, auch wenn er Arabisch schrieb”. Als sich die Dhimmis allmählich assimilierten, ist denn auch vieles der gepriesenen hohen Kultur der Araber verloren gegangen.

Ein gutes Beispiel, das freilich nicht Wissenschaft und Kunst betrifft, sind die muslimischen Flotten. Die Probleme, die die Araber hatten, insofern die Byzantiner sie vom Meer aus angreifen konnten, brachten sie darauf, sich eigene Schiffe und Kriegsflotten zuzulegen. Diese konnten sich in manchen Gefechten mit byzantinischen oder westlichen Flotten durchaus messen, und das könnte als Beispiel für den hohen kulturellen Stand in der islamischen Welt gelten. Bei näherem Hinsehen aber zeigt sich, dass diese Flotten auch nicht wirklich „muslimisch” waren.

Als Wüstenbewohner verstanden die Araber nichts vom Schiffbau. Also wandten sie sich an die jüngst eroberten und noch intakten Werften in Ägypten und in den syrischen Hafenstädten Tyrus, Akko und Beirut und ließen dort eine große Flotte bauen. Sie verstanden auch nichts von Segeltechnik und Navigation, bemannten ihre ägyptische Flotte deshalb mit koptischen Seeleuten, ihre persischen Schiffe mit Söldnern, die ihre seemännischen Kenntnisse unter byzantinischer Flagge erworben hatten.

Als sie etwas später eine Seestreitmacht in Karthago brauchten, schickte der „Statthalter von Ägypten 1000 koptische Schiffszimmerleute … um eine Flotte von 100 Kriegsschiffen bauen zu lassen”.

Über die muslimische Marine ist sehr wenig geschrieben worden (was den Gedanken nahe legt, dass muslimische Schriftsteller wenig davon verstanden). Daher ist davon auszugehen, dass die Muslime „ihre” Schiffe nicht selbst bauten und befehligten, sondern dass sie weiterhin von Dhimmis entworfen, gebaut und geführt wurden. Auch für den letzten, gescheiterten Versuch der Araber im Jahr 717, Konstantinopel vom Meer aus zu erobern, war entscheidend, dass „die christlichen Besatzungen der arabischen Schiffe großenteils zu den Byzantinern überliefen”.

Und schließlich, als 1571 in der Seeschlacht von Lepanto eine große muslimische Flotte durch Europäer versenkt wurde, waren „die Kapitäne beider Flotten … Europäer. Der Sultan selbst bevorzugte abtrünnige italienische Admiräle.” Überdies waren die arabischen Schiffe nicht nur Kopien europäischer Entwürfe, sondern „sie wurden für den Sultan von bestbezahlten Ausreißern aus Europa gebaut”, von „Schiffszimmerleuten aus Neapel und Venedig”.

Auch die hoch gelobte arabische Architektur war im Wesentlichen ein Werk der Dhimmis und hatte persische und byzantinische Ursprünge. Als Kalif Abd al-Malik den großen Felsendom in Jerusalem bauen ließ, der als Meisterwerk der islamischen Kunst gilt, beauftragte er byzantinische Architekten und Handwerker, weshalb er der Grabeskirche so ähnlich ist.

Und als Kalif al-Mansur im Jahr 762 Bagdad gründete, vertraute er den Entwurf der Stadt einem Zoroastrer und einem Juden an. Zahlreiche berühmte Moscheen waren ursprünglich christliche Kirchen, nur Minarette wurden außen zugefügt und das Innere umgebaut.

„Der Felsendom ist ein Werk der heute sogenannten islamischen Kunst”, das aber, so schreibt ein anerkannter Islamwissenschaftler, „bedeutet nicht unbedingt, dass er von Muslimen gebaut wurde, sondern dass es sich um eine Kunst in Gesellschaften handelt, in denen die meisten – oder die wichtigsten Menschen Muslime waren.”

Werke, die eine ähnlich große Bewunderung für die arabische Bildung geweckt haben, entstanden auf wissenschaftlichem und philosophischem Gebiet. So bemerkt Donald R. Hill in seinem viel beachteten Buch über die „enormen” Leistungen arabischer Wissenschaftler und Ingenieure, dass sie ihre Ursprünge in der vorarabischen Geschichte der eroberten Völker haben.

Avicenna beispielsweise, den die Encyclopcedia Britannica für den „einflussreichsten muslimischen Philosophen und Gelehrten” hält, war Perser, ebenso die berühmten Gelehrten Omar Khayyam, al-Biruni und Razi, die ebenso bedeutend sind wie Avicenna. Ein anderer Perser, al-Chwarizmi, gilt als Vater der Algebra. AI-Uqlidisi, der die Bruchrechnung erfand, war Syrer; Bakhtishu und Hunayn ibn Ishaq, zwei bedeutende „muslimische” Ärzte, waren nestorianische Christen.

Masha’allah Ibn-Athari, der berühmte Astronom und Astrologe, war Jude. Die Liste ließe sich fortsetzen. Vielleicht haben sich manche Historiker von den arabischen Namen dieser Vertreter „arabischer Wissenschaft” sowie durch die Tatsache täuschen lassen, dass sie ihre Werke auf Arabisch veröffentlichten, in der damals „offiziellen” Landessprache.

Betrachten wir die Mathematik. Die sogenannten arabischen Ziffern sind indischen Ursprungs. Nachdem das großartige, auf dem Begriff der Null basierende indische Zahlensystem in arabischer Version in Umlauf gekommen war, wurde es nur von Mathematikern verwendet; im Alltag nutzten die Muslime weiter ihr umständliches traditionelles System. Auch viele andere Leistungen auf mathematischem Gebiet wurden irrtümlich „Arabern” zugeschrieben.

Beispielsweise gilt der für seine Beiträge zur Geometrie und zur Zahlentheorie bekannte Thabit ibn Qurra gewöhnlich als „arabischer Mathematiker”, er war jedoch kein Araber, sondern Angehöriger der heidnischen Sekte der Sabier. Natürlich gab es eine Reihe hervorragender muslimischer Mathematiker; möglicherweise weil Mathematik ein so abstraktes Gedankengebäude ist, dass diejenigen, die sich mit ihm beschäftigten, gegen kritische Stimmen von religiöser Seite geschützt waren.

Das Gleiche gilt für die Astronomie, obwohl auch in diesem Fall nicht Araber, sondern Inder und Perser die größten Verdienste hatten. Die „Entdeckung”, dass sich die Erde um ihre Achse dreht, wird häufig dem Perser Raihan Muhammad al-Biruni zugeschrieben, der sie aber nach eigenem Bekunden von Brahmagupta und anderen indischen Astronomenübernommen hatte. Biruni war sich in dieser Angelegenheit nicht wirklich sicher; in seinem Canon Masudicus jedenfalls schreibt er, es sei dasselbe, „ob man der Ansicht ist, dass die Erde sich bewegt oder der Himmel. In beiden Fällen ist die astronomische Wissenschaft nicht betroffen.” Ein anderer berühmter „arabischer” Astronom, al-Battani, war wie Thabit ibn Qurra ein Mitglied der Sabier. Sie waren Sternenanbeter und darum hatten sie ein besonderes Interesse an Astronomie.

Auch in der Medizin haben die Araber nicht das geleistet, was ihnen vielfach nachgesagt wird, denn in dieser Wissenschaft waren sie, wie auf mathematischem Gebiet, vorangegangenen Kulturen keineswegs überlegen.

Die „muslimische” oder „arabische” Medizin war in Wirklichkeit eine Domäne nestorianischer Christen, selbst führende muslimische und arabische Ärzte wurden in dem großen Wissenschaftszentrum im syrischen Nisibis ausgebildet.

Dort wie in anderen von Nestorianern betriebenen Bildungsstätten, beispielsweise in Jundishapur in Persien – der Wissenschaftshistoriker George Sarton (1884-1956) bezeichnet es als „das größte Bildungszentrum dieser Zeit” -, wurde nicht nur auf medizinischem Gebiet, sondern auch auf allen anderen Wissensgebieten gelehrt und geforscht. Daher erwarben sich die Nestorianer bei den Arabern den Ruf, ausgezeichnete Buchhalter, Architekten, Astrologen, Banker, Ärzte, Kaufleute, Philosophen, Naturwissenschaftler, Schreiber und Lehrer zu sein.

Vor dem 9. Jahrhundert waren fast alle Gelehrten im islamischen Gebiet nestorianische Christen. Der nestorianische Christ Hunayn ibn Ishaq al-‚Ibadi (auf Lateinisch bekannt als Johannitius), „sammelte, übersetzte und bearbeitete Texte, ließ unter seiner Leitung, zudem Übersetzungen griechischer Manuskripte ins Syrische und Arabische anfertigen, insbesondere von Hippokrates, Galen, Platon und Aristoteles”. Mitte des 11. Jahrhunderts berichtete der muslimische Schriftsteller Nasir-i Khrusau: „Die Schreiber hier in Syrien und ebenso in Ägypten sind alle Christen … und Ärzte sind gewöhnlieh … Christen.”

Christen, so heißt es in Moshe Gils monumentalem Geschichtswerk über Palästina, hatten unter muslimischer Herrschaft „einen starken Einfluss und bedeutende Machtpositionen, weil es unter ihnen fähige Verwalter gab, die Regierungsämter bekleideten, obwohl das muslimische Recht die Anstellung von Christen [in solchen Ämtern] untersagte, oder sie gehörten zur Intelligenz, weil sie hervorragende Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ärzte und so weiter waren.”

Auch Abd al-Jabbar hat die bedeutende Rolle, die christliche Beamte spielten, hervorgehoben; um 995 schrieb er: „Könige in Ägypten, al-Sham, Irak, Dschazira, Färis und in ihrer ganzen Umgebung vertrauen in der Beamtenschaft, der zentralen Verwaltung und im Finanzwesen auf Christen.”

Selbst die parteilichsten Historiker des Islam wie der berühmte englische Konvertit und Koranübersetzer Marmaduke Pickthall (1875-1936), teilen die Auffassung, dass die hoch entwickelte islamische Kultur ihren Ursprung in den Kulturen der eroberten Völker hatte.

Zum Niedergang der islamischen Kultur und zur Unfähigkeit der Muslime, mit dem Abendland Schritt zu halten, kam es – und das wird immer wieder übersehen -, weil eine eigene muslimische oder arabische Kultur im Großen und Ganzen eine Illusion war. Sie beruhte auf einer komplexen Mischung von Dhimmi-Kulturen und konnte darum leicht verloren gehen, war zudem stets in Gefahr, als häretisch unterdrückt zu werden.

Daher kam im 14. Jahrhundert, als die Muslime im Osten jede Art von religiösem Nonkonformismus ausmerzten, ihre Rückständigkeit zum Vorschein.

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Time am 4. Februar 2016

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/der-ich-bomben-markt-2/
2) https://de.wikipedia.org/wiki/Rodney_Stark
3) http://www.amazon.de/Gottes-Krieger-Kreuzz%C3%BCge-neuem-Licht/dp/3942989859/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1454604173&sr=8-1&keywords=rodney+stark

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Rodney Stark: „Gottes Krieger“ (Haffmans & Tolkemitt, 2014, 384 S.)

Christentum = Kapitalismus (#3)

30. Dezember 2013

Bundeshaushalt2011

Soziale Marktwirtschaft: Die Abbildung zeigt den Bundeshaushalt 2011. Den Löwenanteil mit 43% erhielt das Ministerium „Arbeit und Soziales“, das man korrekterweise in „Ministerium für Arbeit, Soziales und Jizia“ umbenennen sollte. Der nächste Posten war die Schuldentilgung mit nur noch 12,2%, es folgte die Verteidigung mit 10,3%, Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bekamen 8,3%, das Gesundheitsministerium 5,2%, Bildung und Forschung 3,8%, die Finanzverwaltung kostete 3,6%, Familie, Senioren, Frauen und Jugend erhielten 2,1%, die Entwicklungshilfe 2% und Wirtschaft und Technologie auch nur noch ganze 2%. (1)

Lesen Sie einen Aufsatz von Robert Grözinger aus der heutigen FAZ (2), der in der Tradition der besten Arbeiten von Fjordman steht.

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Kapitalismuskritik

Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt

Ist das Christentum eine marktfeindliche Religion? Ist es eine Religion für die Armut, gegen die Reichen? Ganz im Gegenteil: Aus dem Christentum heraus sind entscheidende Grundlagen für den Kapitalismus entstanden.

„Diese Wirtschaft tötet“, hat der Papst in „Evangelii Gaudium“ geschrieben: Ein System der „absoluten Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation“ sei dafür verantwortlich. Man müsse darauf „verzichten“ und „die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff“ nehmen. Wie das aussehen soll, darüber schweigt Franziskus. Nun war Wirtschaft auch nur ein Nebenthema seines apostolischen Schreibens von Ende November. Doch dann hätte er seine hochbrisanten Äußerungen entweder mit mehr Substanz unterfüttern oder lassen sollen.

Das Grundproblem mit Aussagen wie denen des Pontifex ist, dass keine konkreten Ursachen für die genannten strukturellen Probleme der Weltwirtschaft dargelegt werden, sondern sie sich in einer vagen Klage gegen allzu freie Märkte erschöpfen, die aber Unkenntnis offenbaren. Es ist nämlich keinesfalls die „Wirtschaft“, die tötet, wenn, wie der Papst beklagt, „es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht“.

Der Schuldige, wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will, ist vielmehr der Staat. Jener Staat, der zum Beispiel in Argentinien, dem Heimatland des Papstes, durch interventionistische und Eigentumsrechte willkürlich bedrohende Politik Investoren verschreckt und die Wirtschaft so in Stagnation und Niedergang führt. Ein Staat, der Mindestlöhne festlegt und damit Schwache aus dem produktiven Erwerbsleben ausschließt und sie abhängig von einer Wohlfahrt macht, die er ebenfalls reguliert und beherrscht. Der Höchstmieten festlegt und damit den Wohnungsmarkt einschränkt. Ein Staat, der Unternehmen reglementiert und besteuert, bis sie auswandern oder schließen und damit empfindliche Wohlfahrtsverluste für die bisherigen Arbeitnehmer und deren Gemeinden verursacht. Der andere, unproduktive Unternehmen subventioniert, so dass Ressourcen unproduktiv verwendet werden und der Kapitalstock einer Nation dahinschrumpft.

Kernregion des Christentums und Entstehungsort des Kapitalismus

Der Staat verzerrt die Werte noch auf eine andere Weise. Der Papst kritisiert einen „Fetischismus des Geldes“. Doch wie so oft bei heutigen Marktkritikern wird das Zentralbankensystem als Ursache für Verzerrungen und Verwerfungen ignoriert. Ein Wirtschaftssystem aber, dessen Geld, sein Preis und seine Menge von einem staatlich geschützten Monopol zentralplanerisch gesteuert wird, kann nicht als frei oder gar „autonom“ bezeichnet werden. Auch nicht als sozial, denn die von den Zentralbanken ausgelöste Inflation verursacht betrügerische Umverteilung von unten nach oben. Inflation ist die Hauptursache für den „Geldfetischismus“, denn sie veranlasst die Menschen, viel materialistischer und geldzentrierter zu denken und zu planen, als es in einem natürlichen, so gut wie inflationsfreien System konkurrierender und auf Realwerten wie Gold oder Silber basierenden Geldarten der Fall wäre.

Die Marktkritik des Papstes ist insgesamt nicht stringent. In einem späteren Abschnitt seines Schreibens lobt Franziskus grundsätzlich die „edle Arbeit“ des Unternehmers, der, in der Lage ist, „die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen“ und damit „dem Gemeinwohl zu dienen“. Doch der Schaden durch das Papst-Schreiben ist angerichtet. Schon werden Stimmen laut, die aus Anlass dieser Bemerkungen eine grundsätzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren. Das ist jedoch völlig abwegig. Die historischen Fakten sprechen dagegen.

Europa ist nicht nur die Kernregion des Christentums, sondern auch der Entstehungsort jener freien, kapitalistischen Marktwirtschaft, die heute für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht wird, obwohl sie den größten, dauerhaftesten und am gerechtesten (weil ohne Zwang) verteilten Wohlstand hervorbringt – wenn man sie nur lässt. Es gibt eine Reihe von Indizien dafür, dass dieser Zusammenhang nicht zufällig ist.

Der Kapitalismus setzt die Trennung von Kirche und Staat voraus

Die biblischen Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberg und den Talenten funktionieren nicht ohne die Voraussetzung von Privateigentum als unumstößliche Institution. Sie stützen sich auf den Glauben an einen Schöpfer, der den Menschen jeweils individuell einen Teil seines Eigentums an der Welt treuhänderisch überträgt, um die Schöpfung zu mehren. Sämtliche Gleichnisse und Äußerungen Christi, in denen Reiche in schlechtem Licht erscheinen, kritisieren nicht den Wohlstand an sich, sondern dass manch ein Reicher der Versuchung nicht widerstehen kann, seinem Vermögen mehr zu vertrauen als Gott und damit das erste der Zehn Gebote missachtet.

An keiner Stelle aber spricht die Bibel der staatlichen oder anderweitig gewaltsamen Umverteilung das Wort – nicht einmal im Sonderfall der Urgemeinde von Jerusalem in der Apostelgeschichte. Wir sollen dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Doch was, abgesehen von seinem Privateigentum, gehört ihm? Möglicherweise gar nichts. Auch Römer 13 gibt nicht viel her. Denn die „Obrigkeiten“, denen wir uns unterzuordnen haben, sind nicht notwendigerweise mit dem Staat identisch. Besonders dann nicht, wenn der Staat mit christlichen Geboten bricht.

Aus genau diesen Bibelstellen entspringt die im Christentum einzigartige und für den Kapitalismus als Voraussetzung unverzichtbare Gewaltentrennung von Thron und Altar, von Staat und Kirche. Nur so werden staatliche Amtsinhaber wirksam und langfristig davon abgehalten, sich so zu verhalten, als seien sie der Herrgott persönlich. Die „Moral der Zukurzgekommenen“, die, wie Nietzsche behauptete, das Römische Reich zu Fall gebracht hat, war die Moral des ausgebeuteten, oft christlichen Mittelstandes, der einer Tyrannei die Gefolgschaft verweigerte, die sie an ihrer korrupten, sklerotischen Verwaltung und inflationären Geldpolitik ersticken ließ.

Auch das Mittelalter glaubte an Ratio und Fortschritt

Wie bei jeder kreativen Zerstörung sah das Ende des Römischen Reiches zunächst wie ein Rückschritt oder Zusammenbruch aus. Doch das Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist ein „Schwindel, der von antireligiösen, verbitterten antikatholischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts stammt, die entschlossen waren, die kulturelle Überlegenheit ihrer eigenen Epoche zu beweisen und die ihre Behauptung durch Verunglimpfung vorangegangener Jahrhunderte unterfütterten“, schreibt der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark in seinem Buch „Victory of Reason – How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success“.

Mit dem Christentum setzte sich eine ganz neue Wertschätzung der Arbeit, der Erwerbsarbeit durch – im Unterschied zur griechisch-römischen Antike, die auf einer Sklavenwirtschaft beruhte, wobei die Oberschicht körperliche Arbeit für würdelos hielt. Im Christentum werden Arbeit, Gewerbe und Handel plötzlich wertgeschätzt. Augustinus stellte fest, dass das Sündhafte kein inhärenter Bestandteil des Handels war, sondern dass rechtmäßiges Leben, wie bei jedem Beruf, vom Individuum abhängt. Diese Befreiung der Händler vom Makel des inhärent Bösen hat sich in den folgenden Jahrhunderten als überaus einflussreich erwiesen und ist in der Blüte christlichen Denkens im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ein ums andere Mal zitiert worden, wie der Ökonom Murray Rothbard in seiner „Austrian Perspective on the History of Economic Thought“ feststellt.

Das Christentum hat auch die Ratio des Menschen hervorgehoben. In seinem „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“) erkennt Augustinus an, dass Gott den Menschen mit einem „rationalen Wesen“ ausgestattet hat, mit dem er „Fähigkeiten entdecken, lernen und ausüben kann“. Mit diesen habe der Mensch wunderbare Erfindungen im Bekleidungs- und Gebäudewesen geschaffen, Fortschritte in der Landwirtschaft und Navigation und vieles andere mehr. Rodney Stark schlussfolgert: Das christliche Bild Gottes seit dem Frühmittelalter „ist das eines rationalen Wesens, das an den menschlichen Fortschritt glaubt“. Privateigentum sei der „natürliche Zustand“ – ein Diktum, das Jahrhunderte später auch Thomas von Aquin in seiner Untersuchung des Naturrechts übernahm und von den späten Scholastikern sowie den protestantischen Philosophen Hugo Grotius und John Locke weiterentwickelt wurden.

Die Entstehung von Wohlstand untersuchen, nicht die von Armut

Zusammen mit der aus dem theologischen Fundament des Christentums hervorgegangenen dezentralisierten Verwaltungsstruktur förderten die Rationalitätsprämisse, der Schutz des Privateigentums sowie der Fortschrittsglaube die erste industrielle Revolution – die des europäischen Mittelalters. Wasser- und Windkraftanlagen, Pferdegeschirr und das Drei-Felder-System führten zu großen Produktivitätssteigerungen. Später, aber noch lange vor der Neuzeit, kamen Kamine, Brillen, Uhren und eine Vielzahl anderer Innovationen hinzu. In anderen Regionen und zu anderen Zeiten wurden ähnliche Erfindungen gemacht, aber nur im christlichen Europa fanden sie eine weite und ungehinderte Verbreitung.

Sogar in der Geldpolitik waren christliche Denker wegweisend: Auf der Grundlage biblischer Gebote verurteilte der französische Bischof Nikolaus von Oresme im 14. Jahrhundert die Bemühungen der Fürsten, mittels Münzänderungen den Wert des Geldes zu ihren Gunsten zu manipulieren. Er war somit ein Vorläufer der heutigen Kritiker des Zentralbankwesens, die der Österreichischen Schule der Ökonomie angehören. Christliche Denker der Spätscholastik gelangten an der Universität von Salamanca im 16. Jahrhundert zu erstaunlich modernen Einsichten über die Wirtschaft: dass nämlich die Preise von allem, einschließlich des Geldes, letztlich von subjektiven Bewertungen der Individuen bestimmt werden; der objektiv „gerechte“ Preis – über den im Mittelalter so viel debattiert worden war – sei daher allein der auf dem freien Markt entstandene. Andere Theologen sahen das zwar anders, aber der entscheidende Punkt hier ist: Nur in einem Streit im Rahmen christlicher Theologie entstand ein Gedanke, der heute felsenfeste Grundlage freiheitlicher Markttheorie ist.

Erst mit der Aufklärung entstand ein tiefer Riss zwischen freiheitlicher politischer Ökonomie und christlicher Theologie. Rothbard, ein Agnostiker, nennt diese Spaltung „tragisch“, denn sie trennte „zwei Traditionen, die in Wirklichkeit vieles miteinander verband, und stellte diese zwei mächtigen Kräfte fast dauerhaft gegeneinander“. Dieser Riss hielt jedoch einen englischen Prediger namens John Wesley nicht davon ab, Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kreuz und quer durch seine Heimat zu reisen und seinem Publikum den überaus prokapitalistischen Rat zu erteilen, „so viel zu verdienen, so viel zu sparen und so viel zu spenden wie möglich“. Mit seiner emphatischen, biblisch fundierten Rhetorik zeigte der Methodist Millionen armer Menschen, die nie von Adam Smith gehört hatten, den Weg zum Wohlstand auf und trug nicht unwesentlich zum geistigen Fundament der neuzeitlichen industriellen Revolution bei. Das amerikanische Acton-Institut des katholischen Geistlichen Robert Sirico setzt diese Tradition heute fort, indem es, statt zu untersuchen, wie Armut entsteht, von der Frage ausgeht, was den Wohlstand verursacht.

Moderne Varianten der Staatsreligion

Die Trennung der liberalen politischen Ökonomie von ihren christlichen Wurzeln hat nicht nur dazu geführt, dass das Mainstream-Christentum Privateigentum und wirtschaftliche Freiheit nicht mehr wirksam verteidigt oder oft gar verurteilt. Sie hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass im Westen eine ganz andere „Religion“ die meisten Köpfe erobert hat. Eine Religion, die an Erlösung durch Politik glaubt und deren Anhänger daher den Staat, also jene weltliche Macht, die der Teufel erfolglos Jesus anbot, als oberste Instanz betrachten – zumindest unbewusst.

Eine Religion, die Thron und Altar wieder zusammenfügt. So stellt es überzeugend der amerikanische Historiker, „österreichische“ Ökonom und Calvinist Gary North in seiner mehrbändigen ökonomischen Bibel-Exegese dar. Nationalsozialismus und Kommunismus waren zwei extreme Varianten dieser Religion. Gottkaiser und Pharaonen waren die Vorbilder ihrer Führer. Heute gibt es moderne, „weichere“ Varianten der Staatsreligion, die den Menschen lenken, bevormunden und umerziehen wollen (etwa der Genderismus oder der Ökologismus). Was viele dieser linken Ideologien eint, ist der Antikapitalismus und eine Feindschaft gegenüber einem Christentum, das eine historisch einzigartig freie Marktwirtschaft in einer Gesellschaft freier, selbstbewusster Menschen hervorbringt.

Die Äußerungen des 266sten Papstes sind repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft, und wie diese aus ihren Glaubensgrundsätzen erwächst. Innere Widersprüche halten aber nicht ewig. Es bleibt die Hoffnung, dass sich eines Tages wieder mehr Christen auf die unverzichtbaren, freiheitlichen Grundlagen ihres Glaubens besinnen werden.

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Time am 30. Dezember 2013

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Bundeshaushaltsplan_(Deutschland)
2) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/kapitalismuskritik-wie-der-papst-in-wirtschaftsfragen-irrt-12730815.html