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Am Ende der muslimischen Nahrungskette

16. Februar 2019

Lesen Sie einen Aufsatz von Martina Lenzen-Schulte von „Achgut“ (1).

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Der Sexismus muslimischer Akademiker

Was haben Sharon Stone, Serap Güler und Annegret Kramp-Karrenbauer gemeinsam? Alle drei verstehen sich darauf, bei verschiedenen Gelegenheiten viel Bein zu zeigen. Stone wurde deswegen mit ihrer Rolle als Catherine Tremell in „Basic Instinct“ berühmt.

Das hätte Serap Güler auch passieren können. Was die CDU-Staatssekretärin im Kabinett Laschet in Nordrhein-Westfalen auf der Islamkonferenz anhatte und wie sie so dasaß, erinnerte manche der Deutsch-Türkischen Akademiker (e.V.) jedenfalls an diesen Film. Es beschäftigte sie so intensiv, dass der Verein die Causa eigens in einer Note an Herrn Seehofer zur Sprache brachte, was sich im O-Ton so liest:

„Sehr geehrter Herr Bundesinnenminister, … Was war mit der Nordrhein-Westfälischen Integrationsministerin los der Frau Güler los? Wurde sie spontan in ihren jungen Jahren von plötzlichen postmenstrualen Wechseljahrsyndromen überrascht und wollte auf der Islam-Konferenz mal auf gut Deutsch ‚Die Sau raus lassen‘ oder war das der armselige Versuch ihre Kritik von islamischer Kleidung bei Frauen mit einem gänzlichen Widerspruch zu brillieren, in dem Sie ‚tiefe Einblicke‘ in ihre Persönlichkeitsstörung gewährte? Hatten Sie nicht das Gefühl das sich die Frau Güler im November erkältet bei dem wenigen was sie auf der Islamkonferenz anhatte ? Herr Bundesinnenminister , es laufen – speziell in der männlichen Community – noch bis zur Stunde wetten ob die Frau Güler einen Schlüpfer angehabt hat oder nicht. Wir erwarten Aufklärung ! Herr Bundesinnenminister hatten sie nicht zwischendurch mal die Befürchtung das sich Frau Güler in ihre Rolle als Kim Basinger bei „Basic – Instinct vertieft und für einen kurzen Augenblick die Beine spreizt und Sie nunmehr vollkommen aus dem Konzept bringt?“ (2).

Was hat AKK, was Frau Güler nicht hat?

In diesem Fall waren die Akademiker erkennbar so irritiert, dass sie nicht nur Kim Basinger mit Sharon Stone, sondern auch postmenstrual mit postmenopausal verwechselten, aber vielleicht waren bei der Formulierung kein Filmkritiker oder Arzt unter den Mitgliedern zur Hand, die dies hätten korrigieren können. Irritiert müssten eigentlich auch alle redlichen Frauenfreunde im Lande darüber sein, dass in Post-#MeToo-Zeiten eine wahrnehmbare mediale Entrüstung gänzlich ausblieb – einige Online-Plattformen ausgenommen. Keiner der flugs alarmierten, sonst für die gute Sache der Frauenverteidigung zu begeisternden Kollegen sah sich offenbar genötigt, in diesem Fall mit der roten Karte zu wedeln. Ausgesparte Debatten rumoren jedoch unterschwellig weiter und fördern das Grübeln. Etwa über die Frage, warum sich die Deutsch-Türkischen Akademiker just auf Frau Güler einschossen und die neue Parteivorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, davon kommen ließen?

Die zeigte sich wenige Tage später in der Talkshow bei Anne Will in ihrem kurzen lila Kleid in ziemlich ähnlicher Pose wie Frau Güler auf der Islam-Konferenz, der Winkel der unzensierten Kameraführung auf die Oberschenkel von AKK im Sessel ist sogar noch etwas steiler. Was hat Frau Güler, was AKK nicht hat? Eine kurze Recherche ergibt, dass ihr Äußeres bereits 2017 Anlass zur Missbilligung gab. Die galt jedoch damals nicht der aktuell Gescholtenen selbst, sondern NRWs Integrationsminister Rainer Schmeltzer. Der nämlich hatte Frau Güler als „gutaussehende schwarzhaarige“ Dame bezeichnet, was seinerzeit in einer Anfrage der frauenpolitischen Sprecherin der Union als „sexistische Rhetorik“, als „unerträglich“ und „inakzeptabel“ gerügt wurde und überregionale mediale Aufmerksamkeit erzielt hatte.

Bildung schützt vor Paschatum nicht

Dies lehrt uns in Sachen Frauendiskriminierung, dass sich die öffentliche Empörung weniger danach richtet, wie tief unter der Gürtellinie eine sexistische Bemerkung angesiedelt ist, auch nicht danach, wie hoch der Rock rutscht. Entscheidend ist vielmehr, wer sakrosankt ist, sowohl unter den Kritikern, als auch unter den Kritisierten. Frau Güler stehen eben nicht die publizistischen Mittel einer Laura Himmelreich zu Gebot, die als Stern-Journalistin Rainer Brüderle wegen seines anzüglichen Komplimentes vorführen durfte. Nicht einmal ein milder Sturm war Güler gegönnt, wie ihn die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli auslöste, als sie sich schockiert über die in ihren Augen sexistische Bemerkung eines ehemaligen Botschafters beschwerte. Der hatte sich bei Chebli mit den Worten „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“ in die Nesseln gesetzt, als sie zu einer Sitzung zu spät kam und er sie nicht erkannt hatte. Die Latte hängt tief, möchte man meinen, will man Sexismus heraufbeschwören. Aber offenbar nicht tief genug, wenn es um die Deutsch-Türkischen Akademiker geht.

Deren Einlassungen zu Frau Güler lassen überdies erkennen, dass Bildung und akademischer Abschluss keineswegs vor einem – gemessen an hiesigen Standards – unterirdischen Frauenbild schützen. Das ist die eigentlich beunruhigende Botschaft, die weit über den konkreten Fall hinaus weist, von dem niemand künden wollte. Akademikerverein hin oder her, wenn die Kleidung unpassend erscheint, rügen die Männer die Frauen ganz ungeniert. Offensichtlich behalten Religion und patriarchalische Prägung im Zweifel gegenüber Bildung und akademischen Graden die Oberhand. Als infolge der Schließung von Gebetsräumen an deutschen Universitäten ruchbar wurde, wie lange sich dort schon muslimische Studentinnen etwa beim Gebet den Geboten der Männer zu unterwerfen hatten – abgetrennte Kompartimente, die kleineren für die Frauen und bitte ja kein Parfüm auflegen – hätte sich der Bildungsbürger schon fragen können, warum die Gleichstellungsbeauftragten dies all die Jahre sehenden Auges duldeten, ohne nervös zu werden.

Wie konnten sich in unseren akademischen Kaderschmieden unter dem Label kultureller Rücksichtnahme überhaupt Verhaltensweisen etablieren, die Frauen herabwürdigen und den wohlfeilen Schutzbehauptungen auf den Webseiten der Universitäten Hohn sprechen? Wenn männliche muslimische Studenten sich weigern, bei Frauen eine Prüfung abzulegen oder – etwa in medizinischen Fächern – allfällige Putz- und Aufräumarbeiten nach den praktischen Übungen in Laboren oder Sektionssälen den Kommilitoninnen überlassen, lässt dies darauf schließen, dass sich mitunter die akademische Elite der muslimisch Sozialisierten extrem schwer tut, Frauen als gleichberechtigt, vorgesetzt oder als echte Kollegin zu betrachten. Wenn kultursensible Professoren dem auch noch Vorschub leisten – „Frau Kollegin, ich prüfe die Herren rasch selbst“ – dann demütigen die ihre Mitarbeiterinnen nicht nur dann, wenn sie dem Wunsch nach einem männlichen Prüfer nachgeben. Sie verschaffen solchen muslimischen Studenten die Gelegenheit, die Professorin, Assistentin oder weibliche Hilfskraft mit siegesgewissen Blicken danach ein zweites Mal zu erniedrigen: „Deine Kompetenz“, so die unmissverständliche Botschaft „muss sich meiner Macht als Mann beugen“.

Wollen wir sexistische Akademiker?

Nur wenige thematisieren offen die systemimmanente und vor keiner sozialen Schicht haltmachende Frauenverachtung in vielen islamisch geprägten Gesellschaften. In ihrem Beitrag für die aktuelle „EMMA“ beschreibt die Journalistin Hannah Wettig ihre Erfahrungen mit arabischen Männern in einem Workshop, der „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ heißt, in dem Fall eine euphemistisch-genderneutrale Bemäntelung für Frauenfeindlichkeit. Dort erklärte ein Mann, für ihn sei das Kernproblem der arabischen Gesellschaften die untergeordnete Rolle der Frau. Man dürfe Islamisten durchaus ungestraft sagen, man glaube nicht an Gott, aber sie würden wütend, sobald man die Gleichrangigkeit von Frauen anspreche.

Wenn der algerische Journalist Kamel Daoud das Verhältnis zur Frau in den Ländern Allahs eingehend analysiert und als „krank“ bezeichnet, oder der langjährige ARD-Korrespondent Samuel Schirmbeck versichert, wie absolut selbstverständlich sexuelle Belästigungen und Demütigungen von Frauen in der arabischen Welt sind, nimmt die gut ausgebildete Elite hierzulande wie im übrigen Europa solche Beobachtungen zwar zur Kenntnis. Sie bezieht sie freilich nicht auf sich selbst. Wer trifft nicht auf Kongressen, auf internationalem Parkett muslimische Herren aus aller Herren Länder, die Frauen die Hand geben, mit ihnen diskutieren, mit ihnen arbeiten. Bildung und Ausbildung macht uns gleich, so die Grundüberzeugung. Diese Community glaubt daran, die muslimische Prägung mache am akademischen Gartenzaun halt – wo sie es nicht tut, sind relativierende Argumente zur Verteidigung des kulturell anders geprägten Kollegen nicht weit.

„Integration durch Bildung“ wirkt denn auch wie eine selbsterklärende Erfolgsformel, die anscheinend keiner weiteren Begründung bedarf. Wer diese Suchwortfolge eingibt, erhält bei Google auf Anhieb knapp 42 Millionen Treffer. Aber wer Deutsch kann und Abitur macht, ist damit noch lange nicht auf Augenhöhe mit den Frauen in diesem Land, das beklagen inzwischen nicht nur immer mehr Lehrer. Wenn sich Akademiker an der Rocklänge einer Frau derart stoßen, wie das Beispiel Güler lehrt, wie reagiert erst ein muslimisch akkulturierter Arzt, wenn er im Nachtdienst einer jungen Frau die „Pille danach“ rezeptieren soll? Oder einer, der die Spuren von sexueller Gewalt durch einen Ehemann medizinisch sichern soll? Wollen Frauen sich bei einer Scheidung von solchen Anwälten beraten, von solchen Richtern den Versorgungsausgleich, das Besuchsrecht für ihre Kinder regeln lassen? Können Schülerinnen oder Untergebene, die auf Facebook kurzberockt abgebildet sind, von solchen Lehrern faire Noten, von solchen Vorgesetzten eine gerechte Beurteilung erwarten? Michel Houllebecqs Buch „Unterwerfung“ war auch deshalb eine unerhörte Provokation, weil darin muslimische Intellektuelle ebenso wenig für Frauenrechte übrig haben wie ihre geistig weniger gut geschulten Glaubensbrüder. Und auch deshalb – leider wurde das allzuwenig beachtet –, weil bei Houllebecq das westliche akademische Juste Milieu die Frauen, ohne mit der Wimper zu zucken, im Stich lässt.

Lieber Slutshaming als Islamkritik

Bei der mangelnden Solidarisierung mit dem Vorkommnis um Frau Güler haben wir es nicht zuletzt mit einer unseligen Allianz von Frauenverachtung und Arroganz der Eliten gegenüber niederen sozialen Schichten zu tun. Diese gibt sich nur selten eine Blöße, indem sie den weiblichen Opfern den Schwarzen Peter zuschiebt. Wenn, dann desavouiert sie sich jedoch aufs Peinlichste. So befand zum Beispiel Werner Kolhoff, Journalist und ehemaliger Mitarbeiter im Bundespresseamt, im Fall der von einem irakischen Asylbewerber ermordeten Susanna Feldmann in Wiesbaden: „Ein pubertierendes Mädchen treibt sich im Umfeld von Heimen mit Jungs herum – so etwas geht nicht immer gut.“

Dass sich heute allen Slut Walks zum Trotz eine Anschauung ungerügt Bahn brechen kann, bei der das Opfer zur Herumtreiberin wird, sollte der gebildeten Frauenmüttergeneration doch zu denken geben. Es ist dieselbe Diktion, die sie selbst früher erfolgreich bekämpften und ausmerzten. Eine Diktion aus jener Zeit, als die Schlampen selbst schuld waren, als Mädchen, die keinen Büstenhalter trugen, in juristischen Übungsklausuren noch „Fräulein Sexy“ hießen und auf dem Nachhauseweg vergewaltigt wurden. Als unlängst in einer Diskussion mit britischen Freunden das Stichwort „Rotherham“ fiel – es steht für den Missbrauchsskandal an geschätzt 1.400 jungen weißen Mädchen durch muslimische Pakistani-Banden – räumte jemand zerknirscht ein, dass sich um die „white trash“ Mädchen eben niemand geschert habe. Diese Klassendistanz, gepaart mit dem Unbehagen, wegen Anschuldigungen gegen Muslime des Rassismus bezichtigt zu werden, ließ englische Behörden und Polizei dem Treiben über viele Jahre ungerührt zusehen. Wer denkt, am Ende der Nahrungskette stünden die unteren sozialen Schichten, muss lernen, dass am Ende der muslimischen Nahrungskette die Frauen stehen, ganz hinten die ungläubigen westlichen.

Wo sind heute nur die Feministinnen?

Das Gefühl bestimmter Schichten, sich in ausreichender Distanz zur frauenverachtenden Muslimkultur zu befinden, ist auch hierzulande verbreitet. Jene Frauen, die einst als Studentinnen Mariama Bas so langen Brief über die Demütigung als Zweitfrau in der Gewissheit lasen, dass dies unter allen Umständen und überall auf der Welt abgeschafft gehört, zucken nicht einmal mehr zusammen, wenn Maria Gresz auf Spiegel-TV den Film über einen 32 Jahre alten Syrer, der in Pinneberg mit zwei Frauen lebt – eine davon durfte er bereits im Alter von 13 besteigen, eine dritte will er nachkommen lassen – mit nur leicht gequältem Gesichtsausdruck als eine Art Mini-Harem ankündigt. Wie konnte es mit den Emanzipationsveteraninnen nur dahin kommen? Dieselben Frauen, die es heute dem Philosophen Precht verzückt durchgehen lassen, wenn er sich frohlockend über „mehr Machos“ aus dem Morgenland auslässt, bejubelten vor vielen Jahren in Köln die legendäre „Löwin vom Nil“.

Die Ägypterin Nawal al Saadawi prangerte an, dass selbst gestürzte Imame nie so tief fallen können wie muslimische Frauen am Punkt Null. Wer heute ihre Bücher über die Abscheulichkeiten einer patriarchalischen Kultur als Schullektüre empfiehlt, merkt an den Reaktionen, dass diese Ärztin und Frauenrechtlerin auf der Domplatte keine Freunde fände. Ihre Romane zeugen eindrucksvoll davon, dass sexuelle Demütigung stets – und so auch im muslimischen Kontext – mehr mit Macht als mit Sex zu tun hat. Gejagt wird das schwache, verletzliche Wild, die „dummen“ und „drittklassigen“ weißen Mädchen, so bezeichneten die Täter von Rotherham ihre Beute. Deshalb ist es ein besorgniserregender Trugschluss, wenn sich manche Frauen noch auf der sicheren Seite wähnen und untätig zusehen. Frau Kramp-Karrenbauer wurde nicht etwa deshalb von den deutsch-türkischen Akademikern verschont, weil sie zur gebildeten Schicht gezählt wird, sondern weil sie als Gegnerin zu mächtig wäre. Aber die frauenfeindlichen Einschläge kommen näher, Frau Güler war schließlich auch nicht irgendwer. Wir sollten die bisherigen Errungenschaften der Emanzipation gegen jedweden Anwurf verteidigen, sonst sind wir am Ende tatsächlich selbst schuld.

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Time am 16. Februar 2019

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1) https://www.achgut.com/artikel/der_sexismus_muslimischer_akademiker
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2018/12/03/mohammedanismus-sexuelle-perversion/

Nicht alle Linken sind Orklakaien

9. Dezember 2018

Lesen Sie einen Artikel von „PI“ (1).

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Bündnis gegen Neuköllner Unzumutbarkeiten

„Ehrlos statt wehrlos“ – Islamkritik aus dem linken Milieu

Islamkritik ist im linken Milieu äußerst selten vorzufinden. Das dort etablierte Weltbild der großen Gleichheit, der Kulturrelativismus scheint die gesunde, sachliche Auseinandersetzung mit dem Islam zu verhindern und zu blockieren. Thilo Sarrazin ist sicherlich ein Sonderfall, ansonsten fallen einem spontan Heinz Buschkowsky, Boris Palmer und Cem Özdemir mit seiner „Initiative Säkularer Islam“ ein, wenngleich deren Kritik sicherlich in keiner Weise deckungsgleich ist. Das ist erstaunlich und man kann auf diese weitestgehende Ignoranz – sowohl auf der Straße, als auch in der Politik- und Medienlandschaft – nur mit Verwunderung reagieren.

Wenn man auf linken Demonstrationen in die Gesichter von beispielsweise jungen erzürnten Frauen blickt – am besten noch bunt gekleidet, atheistisch, selbstbewusst, vielleicht sogar betont lesbisch, mit Nasenring und teilrasiertem Schädel – so sind es doch gerade diese, denen von bekennenden, fundamentalistischen Muslimen am meisten Verachtung entgegengebracht wird und die insofern als erste den Baukran oder die Steinigung zu befürchten hätten.

Bei einigen setzt irgendwann der Verstand ein.

Sei es 1.) durch die nüchterne Feststellung, dass es in keinem der 57 islamischen Länder Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung gibt oder 2.) durch die Auseinandersetzung mit dem Koran und der Erkenntnis, dass sich dieser wie eine Anleitung zu 9/11 und IS liest oder 3.) durch die täglichen Meldungen über von muslimischen Tätern verübte Gewaltverbrechen oder eben 4.) durch Erfahrungen am eigenen Leibe, wie etwa durch die Arbeit mit Migranten oder das Leben in einem sogenannten Multikulti-Bezirk.

Es kommt zum „islamkritischen Coming out“. So auch bei dem im Frühjahr 2018 in Berlin-Neukölln gegründeten „Bündnis gegen Unzumutbarkeiten“ EHRLOS STATT WEHRLOS.

In einem Radio-Interview und auf der Homepage erklärt sich der Verein:

„Angriffe auf Schwule, Lesben und Transsexuelle […] nehmen in Berlin massiv zu. Ebenso die Gewalt gegen Juden und Israelis. […] In einem Kiez, der sich selbst gern als offen, bunt und tolerant darstellt, zieht man es bisher vor, darüber zu schweigen. Wir nicht. […] Man leugnet in der politischen Öffentlichkeit verständnisvoll die Ursachen und Motive der Gewalt. Lieber toleriert man ein mindestens als chauvinistisch zu bezeichnendes Gebaren junger Männer, denen Toleranz soviel wie Schwäche bedeutet, als sich durch eine deutliche Stellungnahme dem Verdacht der „Islamophobie“ oder des Rassismus auszusetzen […]. Linke und Liberale nehmen hier viel Rücksicht auf das soziale Umfeld, vornehmlich auf einen sogenannten Migrationshintergrund, auf den diese Menschen rassistisch reduziert werden […]. Wer Rassismus bekämpft, sollte auch diejenigen ernst nehmen, in deren Namen er oder sie zu sprechen meint, sie nicht zu Abkömmlingen einer fremden Welt erklären – und sie so zugleich entmündigen sowie ihr Handeln durch Duldung bestärken […]. Warum der Hass auf Juden, Homosexuelle und Frauen sowie auf alles dem eigenen Ehrenkodex Widersprechende in einem Milieu, das sich selbst mit großem Nachdruck als arabisch und islamisch versteht, offenbar stärker ausgeprägt ist als in anderen, z.B. italienischen, vietnamesischen, selbst deutschen, muss man nicht beantworten können, um Hass und Gewalt etwas entgegenzusetzen. […] Auch Muslime haben nicht nur das Recht, zu glauben, was sie glauben, sondern ebenso das Recht, der ihnen auferlegten Kultur zu entkommen. Es ist leider bezeichnend, dass Politiker sich selten an diese Betroffenen wenden, sondern lieber an ihre vermeintlichen Repräsentanten: meist konservative Islamverbände.“

Das ist für eine linke Gruppe ein erfrischend deutlicher, aber ziemlich harter Tobak mit dem sich der Verein nicht nur Freunde gemacht hat. Islamkritik aus dem LGBT- und Feminismus-Umfeld ist nicht neu, wie u.a. Alice Schwarzer, David Berger oder Daniel Krause beweisen. Auf Diffamierungen musste das Bündnis nicht lange warten; „rechtspopulistisch sei der Verein, muslimische junge Männer wolle man stigmatisieren und Ressentiments schüren sowie orientalistische Stereotype verbreiten etc.“, hieß es. Als die Gruppe im Oktober dieses Jahres dann auch noch fundiert erklärte, der #unteilbar-Demonstration fernbleiben zu wollen, da man nicht Seite an Seite mit Islamisten, Antisemiten und Freunden autoritärer Staaten marschieren wolle, galt man bei vielen vollends als Nestbeschmutzer.

EHRLOS STATT WEHRLOS macht Hoffnung. Entstanden ist ein kleiner, wacher Think Tank aus vorwiegend Alt-68ern, Künstlern, Studenten, Frauen, die ehrenamtlich in Flüchtlingsheimen arbeiten, also wirklich „Linken wie aus dem Bilderbuch“ und über jeden Zweifel erhaben weder rassistisch noch populistisch. Sie kommen regelmäßig zu gut kuratierten Lesungen, Vorträgen, Filmvorführungen und anschließenden Diskussionsrunden zusammen. So wird beispielsweise über „Gewalt im Namen der Ehre“ referiert oder Samuel Schirmbeck liest ihnen anhand seines Buches „Gefährliche Toleranz – Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam“ die Leviten. Man kann sich dabei des Eindrucks nicht verwehren, dass viele Besucher durchaus zähneknirschend den Ausführungen lauschen, da sie sich eingestehen müssen, zahlreiche berechtigte Positionen und Befürchtungen selber noch kürzlich undurchdacht als „islamophob“ abgelehnt zu haben. Doch besser eine späte Erkenntnis als gar keine. Es fallen Namen wie Hamed Abdel-Samad und Seyran Ates, ja selbst Sarrazin, dessen Thesen man zwar nicht gutheißt, aber zumindest nüchtern zu besprechen in der Lage ist.

EHRLOS STATT WEHRLOS ist Beweis dafür, dass eine längst überfällige sachliche und kluge Islamkritik auch aus dem linken Milieu möglich ist. Und das ist auch in keiner Weise widersprüchlich, im Gegenteil. Die Bedrohung unserer freiheitlichen westlichen Art zu leben durch den Islam betrifft jeden und ihr kann nur mit vereinten Kräften, milieu- und parteiübergreifend entgegengewirkt werden.

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Time am 9. Dezember 2018

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1) http://www.pi-news.net/2018/12/ehrlos-statt-wehrlos-islamkritik-aus-dem-linken-milieu/

Auserwählt und ausgegrenzt

10. Mai 2017

Alex Feuerherdt von „Audiatur“ berichtete über ein ambitioniertes proisraelisches Filmprojekt, das von Arte entgegen früherer Zusagen nicht ausgestrahlt wird (1).

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Abgelehnte Antisemitismus-Dokumentation –
Armutszeugnis für ARTE

Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender ARTE lehnt die Ausstrahlung einer Dokumentation über Antisemitismus in Europa entgegen seiner ursprünglichen Zusage ab. Er wirft den Autoren formale Verstösse vor, doch es spricht erheblich mehr dafür, dass die Entscheidung politisch motiviert ist. Dem Sender passt offenkundig die Aussage des Films nicht in den Kram.

Als Mahmud Abbas im Juni des vergangenen Jahres vor dem europäischen Parlament eine Rede hält, behauptet er darin, es gebe in Israel Rabbiner, die die israelische Regierung aufgefordert hätten, das Trinkwasser im Westjordanland zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Das sei eine „klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk“. Es ist die uralte antisemitische Lüge von den Juden als Brunnenvergiftern. Die Abgeordneten erheben sich gleichwohl am Ende der Ansprache und spenden dem Palästinenserpräsidenten minutenlang Beifall, der Parlamentspräsident Martin Schulz twittert, er habe den Vortrag seines Gastes „anregend“ gefunden. Annette Groth, Mitglied des Deutschen Bundestages und Menschenrechtsbeauftragte der Linkspartei, äussert sich ganz ähnlich wie Abbas. Sie sagt, Israel habe die Wasserversorgung im Gazastreifen „gezielt kaputt gemacht“ und leite außerdem „Tausende von Tonnen an Chemikalien“ sowie „toxisches Material“ ins Mittelmeer.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur der Querfront-Zeitschrift Compact, zieht derweil auf einer Kundgebung vor dem Berliner Hauptbahnhof gegen „das internationale Finanzkapital“ sowie „die Wall Street“ vom Leder und ruft seinen Anhängern zu: „Wir müssen uns wehren sowohl gegen die Islamisierung wie gegen die Israelisierung und vor allem gegen die Amerikanisierung!“ Die Angesprochenen johlen, glauben wie ihr Idol fest an eine „amerikanisch-zionistische Weltverschwörung“ und sind der Ansicht, in den „Protokollen der Weisen von Zion“, einem antisemitischen, verschwörungstheoretischen Machwerk, stünden „ziemlich coole Gedanken“.

Linksradikale Demonstranten nennen den jüdischen Staat unterdessen ein „Konstrukt des Imperialismus“ und klagen gleichzeitig darüber, man dürfe „wegen des Hitler-Hintergrunds“ nichts gegen Israel sagen, weil man sonst sofort als Antisemit bezeichnet werde. Eine ältere evangelische Friedensaktivistin wirft den Israelis ein „Hineinsteigern in die Opferpsyche“ vor und behauptet, sie täten heute „etwas Ähnliches wie das, was ihnen selber widerfahren ist“, verhielten sich also wie weiland die Nazis gegenüber den Juden. Ein Rapper singt von einem „Genozid“, den Israel in Gaza verursache, andere rufen in ihren Liedern zum Boykott des jüdischen Staates auf. In einer Pariser Vorstadt ziehen Juden scharenweise fort, konfrontiert mit dem Judenhass ihrer muslimischen Nachbarn und im Stich gelassen von der französischen Politik.

Dem Antisemitismus auf den Grund gegangen

All das und noch sehr viel mehr dokumentiert der 90-minütige Film „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, die Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner von der Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft Preview Production aus München sind dafür viele tausend Kilometer durch Deutschland, Frankreich, Israel und den Gazastreifen gefahren. Sie zeigen aber nicht nur an ausgewählten Beispielen und Protagonisten eindringlich, wie virulent und wirkungsmächtig der Antisemitismus in beinahe allen politischen Lagern und Strömungen ist und welche unterschiedlichen Formen er annehmen kann, sondern sie ordnen ihn auch ein und zu, geschichtlich wie aktuell. Dazu dienen ihnen historische Aufnahmen genauso wie zahlreiche Interviews, die sie mit renommierten Experten geführt haben, beispielsweise mit dem amerikanischen Historiker Moishe Postone, dem israelischen Politiker Raphael Eitan – der die Mossad-Operation zur Verhaftung von Adolf Eichmann leitete – und der Linguistin Monika Schwarz-Friesel.

Darüber hinaus gehen Schroeder und Hafner in Gaza der Frage nach, was genau eigentlich mit dem vielen Geld geschieht, über das die UNRWA, das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, verfügt – eine Einrichtung, die die radikalsten Palästinenser in ihrer Absicht, Israel den Garaus zu machen, ausdrücklich bestärkt. Sie zeigen, dass es etlichen NGOs im Nahen Osten weniger um humanitäre Hilfe geht als vielmehr um die Dämonisierung und Delegitimierung des einzigen jüdischen Staates. Sie lassen aber auch palästinensische Studentinnen und Studenten aus dem Gazastreifen zu Wort kommen, die sich überraschend klar gegen die Hamas und deren Antisemitismus positionieren. Und sie machen deutlich, dass es Palästinenser gibt, die in israelischen Siedlungen im Westjordanland arbeiten und dort in jeder Hinsicht ein gutes Auskommen haben. All das widerspricht fundamental den landläufigen Gewissheiten, die „israelkritische“ Europäer in Bezug auf die Tätigkeit humanitärer Organisationen einerseits und hinsichtlich der Palästinenser andererseits zu haben glauben.

Joachim Schroeder und Sophie Hafner ist eine herausragende Dokumentation gelungen, die dem Hass gegen Juden buchstäblich auf den Grund geht. Dabei arbeiten sie in ihrem Film überzeugend heraus, dass der moderne Antisemitismus längst nicht nur in umgekippten Grabsteinen auf jüdischen Friedhöfen und in körperlichen Angriffen auf Juden zum Ausdruck kommt. Sondern dass er im Hass auf den jüdischen Staat, im Antizionismus also, eine mittlerweile noch populärere und gesellschaftsfähigere Variante gefunden hat, die sowohl bei Linksradikalen als auch bei Rechtsextremisten sowie bei Islamisten und in der bürgerlichen Mitte beheimatet ist. Die vielen Perspektivwechsel, die intelligenten Interviews, die intensive Recherche, die eindrucksvollen Bilder, der meist nüchterne, manchmal aber auch angemessen sarkastische und immer präzise Kommentar aus dem Off – all das macht „Auserwählt und ausgegrenzt“ höchst sehenswert und lässt den Betrachter erheblich klüger werden.

Wenn man an dem Film überhaupt etwas bemängeln kann, dann vielleicht, dass er bisweilen ein allzu atemberaubendes Tempo vorlegt und es nicht immer leicht ist, die immense Fülle und Dichte an Informationen, Schauplätzen, Blickwinkeln und Gesprächspartnern zu verarbeiten. Das aber ist nicht die Kritik von ARTE, jenem öffentlich-rechtlichen Sender, für den Schroeder und Hafner ihr Werk produziert haben – und der sich nun entgegen seiner Zusage weigert, die Dokumentation auszustrahlen. Zur Begründung heisst es in einem kurzen Schreiben des ARTE-Programmdirektors Alain Le Diberder vom 27. Februar dieses Jahres, der Film entspreche „in wesentlichen Punkten“ nicht dem von der Programmkonferenz des deutsch-französischen Senders genehmigten Projekt. Weder gebe er „den angekündigten Überblick zur Situation in Europa“ noch sei eine Mitarbeit von Ahmad Mansour zu erkennen, der die „Ausgewogenheit des Projektes garantieren“ sollte und dessen Koautorenschaft ausschlaggebend für die Genehmigung gewesen sei.

Massive Widerstände bei ARTE

Der arabisch-israelische Autor und Psychologe Mansour hatte zuvor allerdings in einer E-Mail an Sabine Rollberg, die zuständige Redakteurin und Leiterin der ARTE-Redaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR), versichert, er finde den Film „großartig und überfällig“. Er habe zwar aufgrund starker beruflicher und privater Beanspruchung nicht wie vorgesehen als Co-Autor zur Verfügung stehen können, als Berater aber die Inhalte eng mit Schroeder und Hafner abgestimmt. Bleibt der Vorwurf von Le Diberder, die Autoren und Produzenten hätten sich nicht an die beschlossenen Vorgaben gehalten. Das ist eine formale Kritik. Doch kann sie tatsächlich so schwer wiegen, dass sie die Ablehnung eines solchen Films rechtfertigt? Und vor allem: Ist das wirklich der Hauptgrund für das Nein von ARTE?

Dazu muss man wissen, dass das Filmprojekt im Sender nur gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden konnte. Erstmals angeboten worden ist es nach Auskunft von Joachim Schroeder im Juni 2014; nach den islamistischen Terroranschlägen in Paris im Januar 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt lehnt ARTE es schliesslich ab. Als Grund wird Schroeder zufolge angeführt, Leon de Winter, der den Film betreuen soll, sei „islamophob“, als Beleg für diese Behauptung dient das antisemitische Internetportal Electronic Intifada.

Schroeder lässt jedoch nicht locker, verzichtet auf de Winters Mitarbeit und reicht ein verändertes Konzept ein. Diesmal mit Erfolg: Im April 2015 gibt die Programmkonferenz des Senders grünes Licht – wenn auch nur mit knapper Mehrheit. Vor allem die französischen Teilnehmer seien weiterhin dagegen gewesen, sagt Schroeder, außerdem seien ihm zwei Bedingungen genannt worden: „Der Film müsse das Thema ‚ergebnisoffen‘ angehen. Und ich müsse Verständnis dafür haben, dass dies gerade für ARTE in Frankreich eine sensible Sache sei, weil man dort zwischen islamischer und jüdischer Lobby eingezwängt sei.“

Vorgeschobene formale Gründe

Preview Production beginnt trotz dieser hanebüchenen Maßgaben mit den Dreharbeiten, Ahmad Mansour wird – mit Zustimmung der Redakteurin Rollberg – vom Co-Autor zum Berater, Sophie Hafner steigt als Mitautorin ein. In den letzten Monaten des Jahres 2016 folgen der Rohschnitt und die Vertonung, im Dezember nimmt Sabine Rollberg als Zuständige schließlich die Endfassung des Films ab. Alles scheint den geplanten Weg zu gehen, doch das täuscht. Denn jetzt beginnen die Schwierigkeiten erst richtig.

Rollberg gerät nach ihrem positiven Votum sowohl beim WDR als auch und vor allem bei ARTE massiv unter Druck. In Strassburg teilt man ihr mündlich mit, der Film sei „eine Provokation“ und schütte „Öl ins Feuer“. Er sei weder ergebnisoffen noch multiperspektivisch, sondern „antimuslimisch, antiprotestantisch und proisraelisch“. Man könne ihn „angesichts der Terrorlage in Frankreich“ nicht zeigen. Rollberg schlägt ARTE daraufhin ein redaktionelles Treffen vor, an dem auch Schroeder und Hafner teilnehmen sollen, doch das lehnt der Sender ab. Auf ihre schriftliche Bitte an Le Diberder um ein persönliches Gespräch reagiert der Programmdirektor nicht einmal.

Schroeder und Hafner versuchen ihrerseits ebenfalls, das Projekt zu retten. Unter anderem holen sie von sechs renommierten Experten – den Historikern Götz Aly und Michael Wolffsohn, dem Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, der Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel, dem Autor und Filmemacher Samuel Schirmbeck sowie dem kanadischen Antisemitismusforscher Charles Small – schriftliche Stellungnahmen ein. Ausnahmslos alle zeigen sich beeindruckt von dem Film, doch auch das vermag ARTE nicht umzustimmen. Der Sender äussert sich nicht einmal zu den Urteilen der Wissenschaftler.

Als Alain Le Diberder die Ausstrahlung schriftlich ablehnt, wendet sich Schroeder an den WDR-Intendanten Tom Buhrow, der die Antwort an seinen Fernsehdirektor Jörg Schönenborn delegiert. Schönenborn schreibt knapp, der WDR sei nicht zuständig, im Übrigen respektiere er die Entscheidung des ARTE-Programmdirektors. Auch Matthias Kremin, der Leiter der WDR-Abteilung Kultur und Wissenschaft, stellt sich in einer E-Mail an Schroeder hinter Le Diberder: Der Film sei zwar gewiss interessant, entspreche aber nun mal nicht der Vereinbarung, einen Überblick über den Antisemitismus in Europa zu geben. Zudem lehnt Kremin es ab, die Dokumentation ersatzweise ins Programm des WDR zu übernehmen.

Die Ablehnung ist ein Armutszeugnis

Götz Aly hat am Dienstag in einem Beitrag für die Berliner Zeitung zu der Angelegenheit geschrieben: „Die Sache stinkt zum Himmel.“ Damit hat er zweifellos Recht. Joachim Schroeder weist nachvollziehbar darauf hin, dass sich ein guter Dokumentarfilm nicht stur an das ursprüngliche Exposé klammert, sondern sich im Laufe der Recherche entwickelt. Zudem seien Änderungen an der Konzeption stets mit Zustimmung der zuständigen Redakteurin Sabine Rollberg geschehen. Doch davon einmal abgesehen können Formalien ohnehin nicht ernsthaft ein Grund dafür sein, die Ausstrahlung dieser Dokumentation abzulehnen, die durch die Erweiterung der Perspektive gerade erheblich an Prägnanz und Kraft gewinnt. Die Blockadehaltung von ARTE und dem WDR, das unkollegiale Verhalten der Sendeanstalten gegenüber der verantwortlichen Redakteurin und die mündlichen Verlautbarungen legen vielmehr nahe, dass hier ein Film aus inhaltlichen, also politischen Gründen abgelehnt wurde. Aly spricht deshalb sogar von Zensur, und das dürfte den Kern treffen.

ARTE hat in der Vergangenheit immer wieder Filme ins Programm genommen, die Israel in dunklen Farben darstellen. Als Beispiele seien nur „Die Siedler der Westbank“, „Gelobtes Land“, „Der Streit ums Öl in Palästina“ und „Milliarden für den Stillstand“ genannt. Einer Dokumentation über Antisemitismus in Europa, die deutlich macht, dass die vermeintliche Kritik am jüdischen Staat zumeist nichts anderes ist als der alte Hass gegen Juden, will man dagegen keinen Sendeplatz einräumen. Die formalen Gründe dafür wirken vorgeschoben und muten als Ausdruck der Weigerung an, sich inhaltlich mit dem Film auseinanderzusetzen. Welchen Sinn sollte eine „Ergebnisoffenheit“ bei diesem Thema auch haben? Dass Joachim Schroeder und Sophie Hafner einen klaren Standpunkt einnehmen, macht vielmehr eine Stärke der Dokumentation aus. Dass sie dem Publikum nun vorenthalten wird, ist nicht nur unverständlich, sondern ein Armutszeugnis. Ja, es ist sogar ein Skandal, der den Verdacht aufkommen lässt, dass der Sender die antisemitische Realität nicht wahrhaben und deshalb auch nicht zeigen will, weil er sich von dem Film, der linksliberale Gewissheiten nachdrücklich infrage stellt, selbst ertappt fühlt.

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Time am 10. Mai 2017

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1) http://www.audiatur-online.ch/2017/05/06/abgelehnte-antisemitismus-dokumentation-armutszeugnis-fuer-arte/

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Trailer: https://www.youtube.com/embed/2Y82Ywc-Fzc

Im Interview: Samuel Schirmbeck

24. Januar 2017

schirmbeck

Hannah Wettig hat für die linke Wochenzeitschrift „Jungle World“ ein Interview mit Samuel Schirmbeck, Filmemacher und ehemaliger Algerien-Korrespondent der ARD, gemacht (1).

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»Das progressive Lager stärken«

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht vor einem Jahr in Köln plädierte der ehemalige Algerien-Korrespondent der ARD, Samuel Schirmbeck, in einem Artikel in der »FAZ« dafür, sich mit den kulturellen und religiösen Ursachen der Taten auseinanderzusetzen. In seinem Buch »Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen« warnt er vor dem wachsenden Einfluss der Islamverbände in Deutschland und schildert die Gemeinsamkeiten des von den Verbänden propagierten Islam mit dem Islamismus. Der Altachtundsechziger plädiert für eine radikale linke Islamkritik, die auch die Muslime stärker einbezieht.

Sie gehen in Ihrer Islamkritik noch weiter als Alice Schwarzer. Sie unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamismus. Wie sind die Reaktionen?

Schon nach meinem ersten Artikel in der FAZ 2015 war das wie ein Erdbeben mit Tausenden Likes. Es war der meistgelesene Artikel des Jahres 2015 der FAZ. Offensichtlich entsprach das einem Grundgefühl. Ich hatte mit negativen Reaktionen gerechnet, aber da gab es nur ganz wenige.

In Ihrem Buch beschreiben Sie allerdings, dass Sie von Ihren ehemaligen linken Genossen wegen Ihrer kritischen Algerien-Berichterstattung angegriffen wurden. Das beschäftigt Sie noch heute.

Das war für mich schlimmer als die Anfeindungen in Algier selbst. Dort gab es Todesdrohungen, die auf Zetteln unter der Tür durchgeschoben wurden. Nachts hatte ich oft Angst. Es wurden ja immer wieder Ausländer umgebracht. Aber ich empfand die Rückkehr nach Deutschland dann als viel schlimmer. Dass Fundamentalisten was gegen Ausländer haben, war mir klar. Als ich dann in Deutschland anfing, davon zu erzählen, waren die Reaktionen verhalten. Man versuchte, die Taten der Islamisten zu entschuldigen und zu relativieren, etwa damit, dass die Dissidenten vielleicht auch irgendwas Beleidigendes gegen den Islam gesagt hätten. Es war für mich eine große Enttäuschung, dass die Linke in Deutschland nicht auf der Seite der muslimischen Dissidenten steht. Ich war deprimiert, weil ich plötzlich politisch heimatlos geworden war. Wenn ich jetzt beispielsweise zur Buchmesse fahre, kann ich nicht einmal mehr bei alten Freunden in Frankfurt anrufen. Da gelte ich als Nazi.

Sie kritisieren Ihrerseits die Linke scharf und schreiben beispielsweise in Ihrem Buch: »Der linke Stammtisch hat dem rechten Stammtisch erst ermöglicht, sich der Islamkritik zu bemächtigen.« Wie ist das zu verstehen?

Das Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber dem Einfluss des Islam auf viele gesellschaftliche Bereiche hat immer mehr zugenommen, wie es eben auch viele Umfragen zeigen. Das heißt aber nicht, dass die Leute grundsätzlich islamfeindlich sind, vielmehr fürchten sie sich aus guten und rational nachvollziehbaren Gründen. Sie bekommen aber immer wieder zu hören, dass all das islamophob sei und man eine ganze Reihe von Fragen nicht stellen darf. Und dann kommen die Rechten ins Spiel und sagen: Ihr habt recht. In diesem Zusammenhang spreche ich von der »enthemmten Linken« in Anlehnung an die »enthemmte Mitte«. Diese enthemmte Linke hat jeden fertiggemacht, der etwas in Bezug auf den Islam hinterfragt hat. Ich habe das in meinen eigenen Freundeskreis erlebt. Man kann dort alles in Frage stellen: den Veganismus, den Katholizismus, sogar den Sozialismus. Nur den Islam nicht. Dann kommt eine Partei, die sagt, da stimmt was mit dem Islam nicht, und die Leute wähnen sich ernst genommen.

Sie meinen die rechte AfD, die sich die Islamkritik auf die Fahne geschrieben hat…

Ja. Dabei ist Islamkritik aber etwas originär Linkes. In meinem Buch kommen deshalb vor allem linke Muslime zu Wort. So zitiere ich den tunesischen Psychoanalytiker Fethi Benslama, der enttäuscht feststellt, dass die Dissidenten in der muslimischen Welt von den europäischen linken Intellektuellen nicht unterstützt, sondern ganz im Gegenteil angegriffen werden.

Einen solchen Angriff hat der linke algerische Autor Kamel Daoud erlebt, als er zu den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln in Le Monde Stellung genommen hat. Ihm warfen daraufhin 19 französische Intellektuelle Islamophobie und Parteinahme für die Rechten vor. Eine solch heftige Kritik kann ich mir in Deutschland an Islamkritikern wie Necla Kelek oder Ahmed Mansour nicht vorstellen. Was ist in Frankreich anders?

In Frankreich sind die Fronten noch verhärterer als hier. Man steht entweder auf der einen oder der anderen Seite. Selbst der frühere Bildungsminister Jack Lang hat nach den Attentaten bei Charlie Hebdo gesagt, man müsse den Reichtum des Islam sehen und nicht noch Öl ins Feuer gießen. Ich denke, Kamel Daoud wäre hier vor allem von den Islamverbänden kritisiert worden, aber nicht so scharf von deutschen Intellektuellen. Aber wir sollten natürlich auch nicht vergessen, was Martin Mosebach im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen geschrieben hat: »Dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.« Das ist die deutsche Variante. Dieser Autor kriegt aber weiterhin seine Preise. Dabei war das ein verkappter Mordaufruf. Kamel Daoud schreibt jetzt nichts Politisches mehr, nur noch Romane. Seine Kolumne »Raik Raikum« fehlt mir richtig.

Sehen Sie denn in Deutschland eine positive Veränderung? Etwa dass man politischer über Religion diskutieren kann? Immerhin haben Sie doch auch viele positive Reaktionen bekommen und jemand wie Ahmad Mansour ist ein beliebter Talkshow-Gast.

Nein, ich sehe darin keine wirkliche Veränderung. Es wird zwar diskutiert, aber wie sieht diese Diskussion denn aus? Etwa in Bezug auf die Übergriffe von Köln? Man sah es als Kollateralschaden und verglich die Massenübergriffe mit Einzelfällen auf dem Oktoberfest. Es wird also nicht in der Tiefe durchdiskutiert. Möglicherweise kommt das Thema im Bundestagswahlkampf wieder hoch. Ich hoffe da auf die Intelligenteren unter den Grünen wie Cem Özdemir.

Sie schreiben in Bezug auf eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr, dass sich möglicherweise mehr als nur 57 Prozent der Deutschen vom Islam bedroht fühlen würden, wenn sie besser darüber informiert wären, wie islamische Strömungen wie die Muslimbruderschaft oder der Wahhabismus zu Menschenrechten und Demokratie stehen. Ist das denn wirklich wünschenswert? Würde das nicht vor allem dem Rechtspopulismus etwa der AfD in die Hände spielen?

Es würde diese Partei kurzfristig schon unterstützen, ihr aber auch langfristig den Wind aus den Segeln nehmen. Wenn sich die Debatte stärker öffnen würde – denn es gibt sie ja, aber eben doch nur punktuell –, dann würde diese Diskussion auch die Muslime stärker einbeziehen. Damit würde das progressive Lager enorm gestärkt. Das progressive Lager von Islamkritikern würde sich dann auch niemals der AfD anschließen. Leider wird sich die Polarisierung, die wir derzeit erleben, immer weiter fortsetzen, wenn keine offene Diskussion stattfindet.

Warum sollte diese Debatte gerade in Deutschland gelingen?

Weil eine kundige und vorbehaltlose Diskussion gerade in Deutschland nach wie vor eine große Chance darstellt. Die Ausgangsbedingungen sind doch viel besser als in Frankreich: Deutschland ist keine Kolonialmacht in der islamischen Welt gewesen. Das ist das eine. Der andere wichtige Aspekt betrifft die Gegenwart. Bundeskanzlerin Merkel hat die Flüchtlinge willkommen geheißen und damit gezeigt, dass wir keine Vorbehalte gegen Muslime als Menschen haben. Unsere Vorbehalte richten sich gegen den Islam als Ideologie. Es gibt ihn ja auch, den friedlichen, weltoffenen Islam. Wenn allerdings die Rede davon ist, wie liberal der Islam ist, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert vorherrschend war, dann vergessen diejenigen immer zu erwähnen, dass dieser Islam praktisch ausgelöscht wurde.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Wenn man so einen Satz sagt wie »Der Islam gehört zu Deutschland«, dann muss man auch den Freiraum für die Kritik am Islam schaffen. Gerade um der Leute willen, die man integrieren will, muss man die Ideologie, die ihnen zu schaffen macht, kritisieren. Wenn man diese Diskussion aber nicht führt, hätte das furchtbare Folgen.

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Time am 24. Januar 2017

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1) http://jungle-world.com/artikel/2017/03/55593.html

Trojanisches Pferd Euroislam

23. Januar 2017

trojanisches-pferd

Bei „Inarah“ hat Karl-Heinz Ohlig einen Aufsatz veröffentlicht, der zu der Überlegung führt, wie man den noch zu etablierenden Euro-Islam als trojanisches Pferd in den globalen Nazislahm einführen könnte (1).

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Islam und Islamismus

Die aktuelle Situation

Die Mordaktionen, die im Januar 2015 in den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und in einem jüdischen Supermarkt von Paris verübt wurden, haben zu beeindruckenden symbolischen Kundgebungen in Frankreich und in ganz Europa geführt. Gesellschaft und Politik haben ihr Entsetzen über die Ereignisse und ihren Willen, sich nicht einschüchtern zu lassen, öffentlich gemacht. Auch muslimische Verbände und Autoritäten schlossen sich an und führten, so z.B. die islamischen Dachverbände in Berlin, eigene Protestkundgebungen durch.

Immer wurde, was richtig ist, darauf geachtet, diese Verbrechen nicht „den“ Muslimen, die in ihrer übergroßen Mehrheit friedlich in Europa leben, in die Schuhe zu schieben. Sie sollen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt, sondern im Gegenteil „integriert“ werden.

Dennoch ist seitdem die Angst vor weiteren Terrorakten und Anschlägen im Namen des Islam größer geworden, Behörden warnen vor dieser Gefahr und verstärken ihre sicherheitspolitischen Aktivitäten. Zudem wird die Bevölkerung in den Medien beinahe täglich mit unsäglichen Grausamkeiten im Nahen und Fernen Osten sowie in Afrika, die im Namen Allahs verübt werden, konfrontiert. Es wundert nicht, dass in weiten Teilen der Gesellschaft Angst um sich greift und der Islam negativ wahrgenommen und bewertet wird.

Eine unzureichende Beschwichtigung

Die Standardbeschwichtigung in Politik und Medien, aber auch von Seiten traditionalistischer Islamwissenschaftler, lautet: der Islamismus, dem die Terroristen zugerechnet werden, hat mit dem Islam nichts zu tun, dieser sei eine friedliche und menschenfreundliche Religion. Von den Terroristen, die in Europa aktiv werden oder als Kämpfer nach Syrien oder in den Nordirak ziehen, und die oft schon hier geboren und Deutsche, Franzosen usw. sind, wird ausgeführt, sie hätten eine unglückliche Kindheit und Jugend gehabt, seien orientierungslos, fühlten sich sozial ausgegrenzt und glaubten, keine Perspektiven zu haben. Von daher sei es verständlich, dass sie sich Gruppen und Ideologien anschließen, die ihnen eine wichtige oder sogar heldenhafte Funktion und ein festes Weltbild vermitteln. Deswegen müssten nur die integrationspolitischen Anstrengungen verstärkt werden, um ihr Abdriften zu verhindern. Erklärungen dieser Art werden nicht nur in Multi-Kulti-Kreisen oder bei der Linken verbreitet, sondern entsprechen mittlerweile der allerorten vertretenen political correctness.

Diese Argumentation ist nicht ganz falsch, sie kann manches erklären. Aber sie reicht nicht zu. Randständige Jugendliche ohne berufliche Perspektive gibt es leider auch ansonsten, und in vielen europäischen Ländern ist die Jugendarbeitslosigkeit katastrophal hoch –, ohne dass die so geschädigten Jugendlichen zu Terroristen werden. Warum also geschieht dies vor allem in islamischen Kontexten?

Deswegen ist in weiten Teilen der Bevölkerung Unzufriedenheit mit dieser Erklärung zu beobachten, und von daher wird der Verdacht auch immer neu genährt, die mediale und politische Exkulpation sei nicht zutreffend. Ist tatsächlich die scharfe Trennung zwischen einem radikalen, verblendeten Islamismus und dem „normalen“ Islam zu ziehen? Finden sich nicht auch im „Alltagsislam“ Überzeugungen und Verhaltensweisen, die immer imstande sind, islamistische Ideologien und Praktiken hervorzubringen? Ist nicht die Schuldzuweisung ausschließlich an einen – kaum definierbaren – Islamismus einfach nur bequem? Von diesem „Alltagsislam“ schreibt Samuel Schirmbeck: „Überall auf der Welt, wo der Islam die Macht bekommt, werden Frauenrechte und Gedankenfreiheit eingeschränkt, Minderheiten verfolgt.“ Wer darauf verweise, dürfe nicht als „islamophob“ gegeißelt werden (FAZ vom 19.01.15, S. 6).

Schon 2005 schrieb der Islamwissenschaftler Tilman Nagel, eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sei „ohne Erkenntniswert“. Er ist der Meinung, „Islam und Islamismus sind so lange nicht voneinander zu trennen, wie Koran und Sunna als absolut und für alle Zeiten wahr ausgegeben werden“.

Forderung nach einer innerislamischen
kritischen Auseinandersetzung

Unter dem Eindruck der brutalen Terrorakte in Paris – früher auch schon in Madrid oder London -, könnten allerdings eine Besinnung und Korrekturen erwartet werden. Immer öfter wird geäußert, dass der Islam so etwas wie ein Nährboden für Gewaltanwendung sei, es gebe einen Zusammenhang von Islam und Gewalt. Deswegen sei es nötig, diese Zusammenhänge zu analysieren und zu korrigieren. Dies aber könne nicht nur „von außen“ geleistet werden, vielmehr sei der Islam selbst für eine Klärung dieser Zusammenhänge zuständig und verantwortlich. Schon im Herbst 2014 wünschte sich Nikolaus Schneider, damals noch Ratspräsident der EKD, von den Islamverbänden, sich kritisch mit der Rechtfertigung von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition auseinander zu setzen. So forderte z.B. neuerdings – wohl unter dem Eindruck von „Paris“ – die Bundeskanzlerin im Bundestag die „islamische Geistlichkeit“ auf, sich theologisch mit diesen Fragen zu befassen.

Die Adressaten innerislamischer Reflexion

Nun ist es mit diesem Adressaten, der islamischen „Geistlichkeit“, so eine Sache. Spätestens seit dem 12. Jahrhundert ist der Islam gewissermaßen in eine Erstarrung verfallen und ein engmaschiges Richtersystem geworden, das alle Fragen des sozialen und individuellen Lebens nach den Vorgaben der Scharia regelt. Die europäische Kolonialpolitik ist hierfür nicht ursächlich, hat aber diese Abschottung neueren Entwicklungen gegenüber, nach ersten – gescheiterten – Reformversuchen, letztlich noch verstärkt. So gibt es keine nennenswerte islamische Theologie, die ja dadurch lebendig wäre, dass sie sich den Herausforderungen einer neuen Zeit stellt und von daher die ererbten Positionen überdenkt.

In den islamischen Ländern sind solche kritischen Initiativen nicht zu erwarten. Wo der Islam Staatsreligion ist, oft die Scharia über der staatlichen Gesetzgebung steht und die islamischen Institutionen fest gefügt sind, hat ein solcher Appell keine Chance, abgesehen vielleicht von der Mittelschicht und bei Intellektuellen im Iran – die sich allerdings gefährden würden, wenn sie Überlegungen publizieren würden, die vom Gewohnten abweichen. Die Reaktionen in diesen Ländern auf die Ereignisse in Paris zeigen, dass hier die Chancen minimal sind.

So ist z. Zt. der Islam in Europa der einzige Adressat für solche Wünsche. Und es ist notwendig, dass ein Euro-Islam entsteht, der durch eine kritische Reflexion der eigenen Grundlagen dann tatsächlich eine wirkliche Integration und ein gedeihliches Zusammenleben möglich macht – und auch in die islamischen Länder hineinwirkt.

Nun ist der Islam in Europa recht unterschiedlich. In den ehemaligen Kolonialstaaten kommen die meisten Immigranten aus früher von ihnen beherrschten Regionen, deren oft archaische Traditionen sie mitbringen und die nur schwer mit den Verhältnissen in ihrer neuen Heimat zu verbinden sind. Als Beispiel sei verwiesen auf die Nachrichten von Lehrern oder Polizei über die Situation in den französischen Banlieues mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung. Ähnlich sieht es in Großbritannien aus.

In Deutschland sind die Schwierigkeiten ein wenig leichter zu handhaben, weil die Mehrheit unserer muslimischen Mitbürger aus der Türkei stammt, die seit Atatürk modernisiert wurde, allerdings gegenwärtig auch einen Prozess der (Re-)Islamisierung und der Einschränkung demokratischer Essentials durchläuft. Aber die Bitte um eine theologische Auseinandersetzung mit den eigenen Traditionen ist auch in Deutschland nicht so einfach zu bewerkstelligen: ein Großteil der hiesigen muslimischen Gemeinden wird von der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.), also von der türkischen Regierung, geleitet. Sie entsendet die Imame für einige Jahre aus der Türkei hierhin. Bevor sie deutsch sprechen gelernt haben und die hiesigen Verhältnisse kennen – in der Regel nach fünf oder sechs Jahren -, werden sie wieder in ihre Heimat zurückbeordert und durch neue Imame ersetzt. Lässt sich von ihnen erwarten, dass sie imstande sind, sich kritisch mit der islamischen Tradition auseinander zu setzen? Hier kann es erst Veränderungen geben, wenn in Zukunft vielleicht Imame die Gemeinden leiten, die in Deutschland universitär ausgebildet wurden – selbst wenn diese Ausbildung recht defizitär ist.

Da auch bei den Funktionären der Islamverbände solche theologischen Bemühungen nicht erkennbar sind, können solche nur von (manchen) muslimischen Intellektuellen oder auch von den neuen universitären Einrichtungen für islamische Religionslehre an einigen Universitäten ausgehen. Dabei wirkt sich negativ aus, dass die (nichtmuslimischen) Islamwissenschaften keine Hilfe bieten, sondern in naiver Weise die traditionellen Erzählungen repetieren und so die muslimischen Dogmen bekräftigen. Eine Hilfe könnten die Publikationen von „Inârah. Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Koran“ sein (vgl. http://www.inarah.de).

Erste (noch unzureichende) Reformversuche

Eine erste Reaktion lässt sich vielleicht daran erkennen, dass aus den genannten Kreisen – wohl auch unter dem Druck der öffentlichen Meinung – Versuche unternommen werden, den Islam auf eine menschenfreundliche Weise vorzustellen. So hat z.B. der Münsteraner Professor für Islamlehre Dr. Muhanad Khorchide im Jahr 2012 ein Buch veröffentlicht: „Islam ist Barmherzigkeit“. Er interpretiert koranische Aussagen und kommt zu dem Schluss, dass sie ein barmherziges Gottesbild und den liebenden Gott vermitteln. Deswegen sei der Islam eine humanistische Religion. Er ist auch der Meinung, dass einzelne Vorschriften des aus dem siebten Jahrhundert stammenden Koran heute nicht mehr im Wortlaut gelten können und plädiert für eine historisch-kritische Koranexegese. Wenn auch der Koran hier sehr einseitig (und sachlich unzutreffend) ausgelegt wird, so ist der Versuch, das Gottesbild ein wenig von seinen bedrückenden Elementen zu befreien, zu loben; er könnte dazu helfen, die unbarmherzige Gewaltsamkeit Gottes, und so auch seiner Gläubigen, zu modifizieren.

Ob diese Bestrebungen Erfolg haben, muss man abwarten. Zunächst einmal haben gegen Ende des Jahres 2013 muslimische, auch die türkisch geleiteten, Dachverbände gegen die Thesen von der Barmherzigkeit Gottes protestiert; sie entsprächen nicht der Verpflichtung Khorchides auf eine bekenntnisorientierte Islamlehre. Immerhin aber gingen diese Proteste nicht so weit wie bei einem der Vorgänger auf einem Lehrstuhl für islamische Religionslehre in Münster, Muhammad (heute: Sven) Kalisch, bei dem die Dachverbände erreichten, dass er in diesem Fach nicht mehr lehren darf; allerdings hat Kalisch wirklich wissenschaftliche historisch-kritische Positionen vertreten, die für die muslimischen Interessenvertreter offensichtlich nicht akzeptabel waren.

Die gleichen Tendenzen zu einem humaneren Bild des Islam führen immer wieder dazu, bestimmte koranische Verse oder Versstücke im interreligiösen Dialog, bei Vorträgen oder in der Islamkonferenz in den Mittelpunkt zu stellen, die diesen Sachverhalt untermauern sollen. Wichtig – und immer wieder zitiert – ist hierbei der Satz aus Sure 5,32: …wenn einer jemanden tötet …, (ist es) als ob er die Menschen alle getötet hätte. Und wenn einer jemanden am Leben erhält, soll es so sein, als ob er die Menschen alle am Leben erhalten hätte“. Dass dieses schöne Zitat nicht korrekt ist, hat Gerd-R. Puin in seinem Beitrag in imprimatur schon aufgezeigt (Heft 6/7, 2014): Sure 5,32 wird eingeleitet: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben …“, es folgt das Tötungsverbot. Es gilt also für die Kinder Israels. Was für die Gläubigen gilt, erläutert der folgende Vers 33: „Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und (überall) im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, daß sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder daß ihnen wechselweise (rechts und links) Hand und Fuß abgehauen wird, oder daß sie des Landes verwiesen werden“ (was im Nahen Osten oder in Nigeria gegenwärtig in die Tat umgesetzt wird). M.a.W.: der schöne Satz ist also, wenn der Koran nicht gegen seine klar erkennbare Aussageabsicht ausgelegt werden soll, leider kein Hinweis auf die Friedfertigkeit dieses Buchs. Gelegentlich wird noch ein Stück koranischer Auslegung des Alten Testaments hinzugefügt: einige Verse vorher spricht Abel zu seinem Bruder Kain, der ihn töten will, (Sure 5,28): „Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, so werde ich meine Hand nicht nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Ich fürchte den Herrn der Menschen in aller Welt.“ Hier wird nur der Brudermord an Abel aus dem Buch Genesis durch einen Dialog der beiden Brüder ausgemalt, es ist Exegese des Alten Testaments zum Brudermord und nicht allgemeine koranische Lehre.

Beide Stellen sind auch Gegenstand von Vorträgen des islamwissenschaftlichen Schriftstellers und höchst geehrten Navid Kermani, die in der FAZ, bei der er einige Jahre als Autor gearbeitet hat, unter der Überschrift „Islamische Bergpredigt“ ohne Anflug einer kritischen Reflexion (z.B. auch dazu, dass ein bloßes Mordverbot bei weitem nicht das Niveau der Bergpredigt erreicht) wiedergegeben wurden (Januar 2015). Dass diese Ausführungen den Koran nicht repräsentieren, ist offensichtlich. Ähnliches gilt auch schon für seine Dissertation „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“ (Beck, München 1999).

Oder: Halis Albayrak von der Universität Ankara, wo angeblich eine kritische islamische Theologie vertreten wird, hält in Deutschland Vorträge. Einer von ihnen wurde gekürzt in der FAZ (18.02.15, S. 9) abgedruckt unter dem Titel: „Von Zwang steht da (im Koran, Verf.) nirgends etwas“. In unglaublich naiver Weise wird hier der Koran zu einem Dokument der Menschenwürde, der Freiheit vom Zwang, auch der Religionsfreiheit erklärt.

Wissenschaftlich führen diese Versuche, den Koran und damit den Islam positiver zu zeichnen, nicht weiter. Vielmehr haben sie mit den hierzulande üblichen Standards wissenschaftlicher Arbeit nur wenig zu tun. Aber sie haben vielleicht eine gute Wirkung, insofern sie den Blick auf den Islam positiver werden lassen, vor allem aber auch, dass sie möglicherweise das Eigenbild des Islam modifizieren können.

Darüber hinaus gibt es viele muslimische Intellektuelle, die ihrer Religion und Kultur kritisch gegenüber stehen und gegenwärtige Missstände scharfsinnig beschreiben und analysieren. Aber sie problematisieren nur selten die ererbten religiösen Überzeugungen, teilen sie vielmehr selbst und bemerken (oder schreiben) nicht, dass die Missstände in diesen Überzeugungen wurzeln.

Forderung nach historisch-kritischer Auseinandersetzung
mit den eigenen Grundlagen

Dennoch muss mehr geschehen, wenn die Forderung an „die muslimische Geistlichkeit“, der Islam solle seine eigenen Grundlagen theologisch reflektieren, aufgegriffen werden soll. Diese Notwendigkeit wird neuerdings von einigen (wenigen) Muslimen erkannt und formuliert. So hat der Professor für Islamische Religionslehre an der Universität Osnabrück, Bülent Uçar, seine Glaubensgenossen davor gewarnt, auf Terrorakte wie in Paris ausschließlich mit Distanzierungen und „Betroffenheitsrhetorik zu reagieren. Sie sollten sich damit auseinandersetzen, dass Gewalt ein Teil der islamischen Tradition sei … Es sei nicht damit getan, darauf zu beharren, der Islam sei nicht gewalttätig … Der Terrorismus im Namen des Islam habe durchaus einen ‚ideologischen Unterbau und eine theologische Begründung’. Damit müssten sich Theologen und Religionspädagogen auseinandersetzen.“ Er fordert die Schaffung eines „europäisch geprägten Islam“. Ähnlich sagt der muslimische Islamwissenschaftler Dr. Ednan Aslan, Professor für Islamische Religionslehre an der Universität Wien: „Wir müssen die Rechtslehre im Islam reformieren und den Islam aus einer europäischen Aufklärungstradition heraus prägen. … Ich will nicht überheblich oder eurozentrisch sein, aber klar ist: In einem Land, in dem keine Freiheit herrscht, kann man keine Religion reformieren. Das wäre ein Spiel mit dem Feuer. Aus diesem Grund haben wir diese Chance nur im Westen, weil wir in Freiheit denken und forschen, trotz aller Schwierigkeiten. Diese Freiheit ist für uns Muslime eine Chance.“

Der in Frankreich lebende muslimische Theologe Ghaleb Bencheikh, Präsident der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden, hält es für unzureichend zu behaupten, die terroristischen Verbrechen hätten nichts mit dem Islam zu tun. „Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass es eine gewalttätige schriftliche Tradition im Islam gibt, auf die alleine sich die Dschihadisten berufen … Es ist höchste Zeit, die doktrinären Gefängnisse und die dogmatischen Grenzmauern zu verlassen. Die Geschichtlichkeit und Undurchführbarkeit einer gewissen Zahl von Texten des islamischen religiösen Corpus liegen auf der Hand, das ist die objektive Realität. Das erkennen wir an. Und wir ziehen daraus die Konsequenzen.“

Es gibt noch weitere Wortmeldungen dieser Art; die drei Genannten mögen genügen.

Was ist zu tun?

Die Richtung ist vorgegeben. Es geht darum, die geschichtlichen Vorgaben und Dogmen des Islam mit den Mitteln historisch-kritischer Analyse zu befragen. Das Programm ist formuliert, aber leider wagen nur wenige Muslime, es auch anzugehen oder durchzuführen. Natürlich gibt es Ausnahmen, z.B. Sven Kalisch in Münster, Ibn Warraq in New York oder Mondher Sfar in Paris. Aber die Reaktionen des „offiziellen“ Islam auf solche Initiativen fällt äußerst negativ und bedrohlich aus, so dass sie an den Rand gedrängt werden.

Dies wirkt abschreckend auf andere, selbst wenn sie die Notwendigkeit von Reformen und historisch-kritischem Denken erkannt haben. So gibt es bisher nur die Forderung, nicht aber die Realisierung. Um aus den Fesseln dogmatischer Vorgaben, die nicht befragt werden dürfen, herauszukommen, müssten zentrale Problembereiche von Muslimen diskutiert werden (können). Einige sollen beispielhaft genannt werden:

> Der Koran kann durchaus, wie für Christen die Bibel, als von Gott inspiriertes Buch aufgefasst werden. Das schließt aber nicht die Erkenntnis aus, dass an seiner Abfassung Menschen mitgewirkt haben, die ihre eigenen Vorstellungen mit eingebracht haben. Diese sind geprägt von ihren politischen und gesellschaftlichen Traditionen und von den religiösen Kontexten, aus denen sie kommen und in denen sie lebten. Deswegen kann nicht jeder koranische Vers uninterpretierbar für alle Zeiten normativ sein.

> Es müsste realisiert werden, dass eine Rückführung der koranischen Sprüche auf Mohammed erst seit dem 9. Jahrhundert historisch dingfest zu machen ist – der Koran weiß nichts davon.

> Erforderlich ist eine historisch-kritische Exegese des Koran, vergleichbar der Bibelexegese.

> Gefragt werden müsste, ob der Prophet Mohammed, über den es erst im 9. und 10. Jahrhundert biographische Auskünfte (offensichtlich legendarischer Art) gibt, weiterhin den Muslimen als moralisches Vorbild vorgestellt werden soll.

> Die im persischen Raum im 9. Jahrhundert entstandenen Hadithsammlungen der Sunna müssen historisch-kritisch analysiert werden.

> Die Scharia, die Rechtsauffassungen und –praktiken spätantiker Gesellschaften widerspiegelt, sollte im Licht heutiger Wertvorstellungen korrigiert werden. Frauen- und Minderheitenrechte, humanes Strafrecht, religiöse Toleranz usf. haben Vorrang.

> Religion und Staat, Religion und Gesellschaft müssen unterschieden und als je eigene autonome Größen gesehen werden. Beide sind zu trennen – und wirken trotzdem in Teilbereichen zusammen.

> Anerkannt werden muss vor allem die Religionsfreiheit. Diese schließt das Recht jedes Einzelnen ein, einer Religion zuzugehören oder aus ihr auszutreten.

Durch Untersuchungen dieser Art würden keineswegs die Grundlagen der Weltreligion Islam aufgehoben oder relativiert. Vielmehr würden sie so erarbeitet und herausgestellt, wie sie selbst bei ihrer Entstehung gedacht waren. Ihre ursprüngliche Eigenart kann dann zutage treten und Geltung erlangen – nicht die späteren Interpretationen, die ihnen übergestülpt wurden.

Wie im Christentum seit der Aufklärung kann dies zu gelegentlichen Erschütterungen führen, weil jahrhundertalte normative Vorstellungen aufgebrochen werden. Aber der Sache nach können sie zu einer Befreiung der Religion zu sich selbst führen, und ebenso zu mehr Freiheit und Emanzipation der Gläubigen. Beides ist für ein Zusammenleben in der globalisierten Welt erforderlich.

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Time am 23. Januar 2017

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1) http://inarah.de/bereits-veroeffentlichte-artikel/islam-und-islamismus-zur-gegenwaertigen-diskussion/

Alles wird weggeredet

13. Mai 2016

Musa Schmitz

Der Mohammedanist Dominic Musa Schmitz hält den SA-lafismus heute für eine faschistische Ideologie. Er ist es, aber der für ALLE Orks „beste Mensch aller Zeiten“ war auch SA-lafist.

Michael Hanfeld fand auf „FAZ.NET“ ungewohnt deutliche Worte in einer TV-Kritik (1).

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Religion und „Sexual-Druck“

Das Motto ist provokant: „Mann, Muslim, Macho – Was hat das mit dem Islam zu tun?“. Die Debatte führt zu dem Punkt, an dem niemand mehr mit nichts zu tun hat. Alles wird weggeredet. Keine Verantwortung, keine Zusammenhänge, nirgends.

„Es ist ein bisschen durcheinander gegangen“, sagt Sandra Maischberger am Ende ihrer Sendung. Aber dafür sei es differenziert gewesen. „Es bleiben Fragen offen, die diskutieren wir beim nächsten Mal.“

Ein „bisschen“ Durcheinander? Ein „paar“ Fragen offen? Sagen wir doch lieber: Es ist alles ein einziges Durcheinander und es bleiben – um mit Marcel Reich-Ranicki und Bertolt Brecht zu sprechen – alle Fragen offen, als der Vorhang fällt.

Wir sehen eine Stunde und fünfzehn Minuten lang einem Theaterstück mit dem Titel „Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?“, an dessen Ende klar ist: Nichts hat mit niemandem zu tun, der Islam hat nichts mit einem negativen Frauenbild, Muslime haben nichts mit den sexuellen Angriffen in der Silvesternacht in Köln zu tun, bei den Tätern mag es sich um Machos der übelsten Sorte gehandelt haben, aber waren es auch Männer?

So zynisch könnte man die Quintessenz einer Rederunde ausdrücken, die zu keinem Zeitpunkt zu einer Debatte wird, weil drei von fünf Diskutanten den anderen nicht zuhören wollen, niemand den anderen ausreden lässt, Argumente des Gegenübers ignoriert werden und auf Fragen nicht zum Erfragten, sondern lieber über etwas anderes gesprochen wird.

„Sexismus hat keine Religion“

Die Essenz der Beiträge der Grünen-Bundesvorsitzenden Simone Peter erschöpft sich in einem Wort: Differenzierung. Ihr fällt zu den 1170 Anzeigen wegen sexuellen Angriffen und anderen Straftaten in Köln an Silvester als erstes ein, dass es für Frauen generell bitter sei, wenn sie sähen, dass Straftäter vor Gericht nicht überführt und verurteilt werden. „Sexismus hat keine Religion“, sagt Simone Peter, und Flüchtlinge seien unter den Tätern von Köln keine gewesen. Wichtig sei auch die Frage: „Hatten sie Zugang zu Integrationsmaßnahmen? Spätestens an dieser Stelle merkt man: Die „Differenzierung“ von Simone Peter ist Relativierung.

Dem früheren Nordafrika-Korrespondenten Samuel Schirmbeck lastet sie an, wie die Vertreter der AfD zu reden, nur weil er seine jahrzehntelangen Erfahrungen aus dem Alltagsleben in Algerien und in Marokko geschildert hat. Diese Erfahrung lautet, dass Frauen permanent sexuellen Übergriffen von Männergruppen ausgesetzt sind, die einen Grund in der rigiden Keuschheitslehren des Koran haben und in einem gesellschaftlichen Klima, in dem, wie Schirmbeck sagt, die Religion eine „Virulenz“ besitzt. Sie gilt als definitorische Größe und wird als solche auch durchgesetzt. Dies, verbunden mit dem „erniedrigenden Frauenbild“ und dem Druck unausgelebter Sexualität, führe zu dem Phänomen, das in Deutschland an Silvester nicht nur in Köln angekommen ist. Darüber müsse man reden, meint Schirmbeck, auch und gerade im Interesse der Muslime.

Ist das islamfeindlich?

Ist das islamfeindlich? Ist das AfD? Wenn das so ist, dann hat nicht die AfD ein Problem, sondern alle anderen Parteien haben eins, wenn sie reden wie Simone Peter an diesem Abend. (Die Grünen sollten zu solchen Runden besser Cem Özdemir schicken.) So verschafft man der AfD am Ende noch Mehrheiten. Man müsse endlich aufhören, Islam-Kritiker als Islam-Hasser zu denunzieren, sagt Schirmbeck. Doch das geschieht in der Sendung von Sandra Maischberger fortwährend.

Mehr noch als Simone Peter ist dafür freilich Murat Kayman von dem von der Türkei finanzierten Religionsverband Ditib zuständig. Er dreht den Spieß um und schickt allem, was da noch kommen mag, eine Grundsatzbemerkung voraus, an der schon zu erkennen ist, dass er nichts von dem, was Samuel Schirmbeck an diesem Abend sagen wird, gelten lässt, und das, was Alice Schwarzer zu sagen hat, selbstverständlich auch nicht. Wir seien im Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in diesem Land in den vergangenen Jahrzehnten nicht vorangekommen, sagt Kayman, wir hätten „mehr Islamexperten als Muslime“, betrachteten das Verhalten der überwiegenden Mehrheit der Muslime nicht, in den Talkshows gebe es immer nur „Ankläger und Pflichtverteidiger“, das gemeinsame Merkmal der Täter von Köln sei allein, „dass sie Kriminelle sind“. Diese gäben „kein Exempel für muslimisches Verhalten“, allenfalls seien soziale Umstände der Grund für diese Straftaten.

Dem ARD-Journalisten Schirmbeck hält Kayman im Laufe der Debatte vor, er argumentiere „nahe an biologistischen Argumenten“ – womit der Ditib-Vertreter die brutalstmögliche Verunglimpfung des Abends vom Stapel lässt.

Alice Schwarzer hält dagegen

Alice Schwarzer versucht dem tapfer entgegenzutreten, indem sie sich – wie Schirmbeck – vor eben jenen Verallgemeinerungen hütet, die Kayman ihnen anlastet. Doch leider gelingt es ihr nicht einmal zu verdeutlichen, was sie – auch in dem Buch, das sie gerade geschrieben hat – mit dem „Scharia-Islam“ meint, vor dem sie warnt und als dessen Wortführer sie auch die Ditib versteht.

Deren Vertreter redeten im Übrigen, sagt Alice Schwarzer, wenn sie unter sich seien, ganz anders als bei Auftritten in Talkshows. Das wiederum hält Murat Kayman für eine perfide Unterstellung.

Als Alice Schwarzer dafür ein Beispiel nennen will – mit der Art und Weise, in der Kayman nach den sexuellen Angriffen auf einen Zeitungsbeitrag der Publizistin, Psychotherapeutin und ehemaligen SPD-Politikerin Lale Akgün reagiert hat, würgt Sandra Maischberger den Exkurs ab.

Schlagen wir nach bei Murat Kayman

Dabei wäre gerade dieses Beispiel interessant und hätte Murat Kayman aus der Reserve locken müssen. Denn wenn es sich bei dem Murat Kayman, der bei Maischberger sitzt, um denselben handelt, der seit Januar unter murat-kayman.de im Netz publiziert, hätte man ihm den Eintrag vorhalten können, der sich dort mit Datum vom 7. Januar unter der (geschmacklosen) Rigoletto-Überschrift „La donna è mobile“ (Die Frau ist launisch) findet und Passagen wie die folgenden enthält:

„Wir driften zusehend in ein gesellschaftliches Klima der rassistischen Stigmatisierung. Die öffentliche Diskussion über die Ereignisse in Köln wird zur nächsten Eskalationsstufe in der Desensibilisierung für unser Verständnis einer demokratischen Gesellschaft. Wir müssen uns die Entwicklungslinie der antimuslimischen Debatte noch einmal vor Augen führen, um erfassen zu können, an welchem Punkt wir angelangt sind. Wir haben begonnen bei einer kulturellen Negativmarkierung der Knoblauchfresser und Kümmel-Türken während der Gastarbeitermigration. Danach wollten wir unbedingt im Zuge der Diskussionen um die doppelte Staatsangehörigkeit ‚gegen Türken unterschreiben‘. Zwischendurch verbrannten türkischstämmige Frauen und Kinder in Mölln und Solingen – der Preis der ‚Asylantenflut‘-Hysterie nach der Wiedervereinigung. (…)

Dann – endlich, endlich – durfte einmal laut gesagt werden, was weite Teile unserer Gesellschaft offenbar denken, als wir den Niedergang unseres Landes beweinen durften, das sich wegen der inzuchtbedingten Minderintelligenz der Kopftuchmädchen abschafft. Mittlerweile bekommt die kollektive Pathologisierung und Kriminalisierung der Muslime nicht mehr den gesellschaftlichen Abscheu, den eine solche Ausgrenzung von ganzen Bevölkerungsgruppen allein aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich verdient.

Nein, ein solcher Rassismus bekommt mittlerweile den besten Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und heftet sich – es wird endlich abgerechnet – das Prädikat einer harten aber fairen Debatte ans Revers.“

Damit war Frank Plasbergs Sendung „hart aber fair“ gemeint.

Am 11. Januar notiert murat-kayman.de:

„Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und anderswo muss man leider konstatieren: wir sind nicht überrascht. Die Reaktionen auf die verübten Straftaten fallen – leider – nicht aus dem Rahmen des Erwarteten. Zeitungen und „Nachrichtenmagazine“, die ihr Motto wohl bald in „Hetze, Hetze, Hetze“ umwidmen werden, machen mit sexistischen und rassistischen Titelseiten auf. Damit wird die unterschwellige Phantasterei von gefährlicher, überwältigender Omnipotenz des Fremden befördert. Was „der Muslim“ über seinen vermeintlichen „Geburtendschihad“ als Projekt der demographischen Landnahme betreibt, flankiert er nun auch mit der Übergriffigkeit auf „unsere Frauen“. Und unsere Medien machen sich auch noch freiwillig zum Instrument dieser rassistischen Pöbelei. Mal wieder gilt: Auflage vor Anstand. Man kann froh sein, dass auf Titelseiten keine Kreuze brannten. Wir können aber noch nicht sicher sein, ob es nicht bald Berichte über Muslime geben wird, die vermeintlich Brunnen vergiften.“

Ein Zitat, ein O-Ton von murat-kayman.de, hätte bei Sandra Maischberger vielleicht einiges verdeutlicht.

Der Koran als Vaterersatz

Zu dem Trauerspiel in 75 Minuten trägt freilich auch bei, dass die zweite muslimische Stimme erst nach rund einer halben Stunde zu hören ist. Es ist die des Konvertiten Dominic Musa Schmitz; eines jungen Mannes, der einmal Katholik war, dann bei den Salafisten landete und heute ein ebensolcher aufgeklärter, toleranter, kritischer und zugleich tief religiöser Muslim ist, über den im Fernsehen so oft nur geredet wird, aber nicht mit ihm.

Den Salafismus hält Dominic Musa Schmitz heute für eine faschistische Ideologie. Kennengelernt hat er die radikale Ausprägung der Religion als reine Lehre: „Das war für mich der Islam“, sagt er, der ihm „Richtig und Falsch vorgegeben“ habe . Das war genau das, was er suchte. Der Koran war ihm eine „Art Vaterersatz“.

Doch dann habe er begriffen, dass dem Menschen durch diese Ideologie eigenständiges „Denken, Handeln und Fühlen“ abgenommen werde. Man beurteile alles „nur anhand eines Dogmas“. Doch was brachte ihn dazu? Die Suche nach Geborgenheit, nach einer Familie. „Mir hat einfach Liebe gefehlt“, sagt Dominic Musa Schmitz. Irgendwann sei er sogar durch Möbelhäuser gelaufen und habe sich in Gedanken das Heim für seine eigene Familie zusammenfantasiert. Dann wurde er mit einer jungen Frau verheiratet, die er gar nicht kannte.

So einfach ist das. So einfach und ergreifend und so vielsagend, wenn man erkennen will, worüber alle in diesem Land, worüber insbesondere die Politik, die demokratischen Parteien, die Kirchen und ganz besonders intensiv die muslimischen Gemeinden (und eben nicht nur die Erdogan-Ditib) nachdenken müssen, wenn sie verhindern wollen, dass ein Großteil der vielen jungen Männer aus muslimischen Ländern, die seit dem vergangenen September in die Bundesrepublik gekommen sind, bei denen landet, die Dominic Musa Schmitz als Siebzehnjährigen eingefangen haben. Derselbe Dominic Musa Schmitz, der sich vom Salafismus lossagte, fordert heute, dass Muslime aus eigenem Antrieb heraus den ersten Schritt auf die Gesellschaft zu, in die Gesellschaft hinein gehen, und dass in den Moscheen in Deutschland auch selbstverständlich auf deutsch gepredigt wird – damit das vor allem die Jungen verstehen.

Murat Kayman sagt dazu so etwas wie: Wir arbeiten dran.

Noch Fragen? Ja, einige. Aber die werden wohl kaum bei Sandra Maischberger beantwortet.

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Time am 13. Mai 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/debatte-bei-sandra-maischberger-ueber-islam-sexismus-14228482.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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PS: Ich werde mich über Pfingsten aus der Bloggerszene zurückziehen 🙂

Er ist nicht reformierbar

11. Januar 2016

Muhamad

Samuel Schirmbeck machte sich bei „FAZ.NET“ heute Gedanken über das mohammedanistische Frauenbild und die vermeintliche Radikalisierung des Nazislahm (1), ohne zu realisieren, dass Klo H. Metzel mitnichten ein friedfertiger Mystiker sondern (laut den mohammedanistischen Grundlagentexten) vielmehr ein kleinkarierter und sadistischer Gewaltherrscher und sexuell pervers war.

Er realisiert demzufolge auch nicht, dass die Grundlagentexte des Nazislahm die kranke Psyche seiner Begründer abbilden und keineswegs zu etwas anderem führen können als Bosheit und Verderben. Wer würde etwas anderes von Hitlers „Mein Kampf“ behaupten wollen?

Die „goldene“ Zeit vor unserer, als der Nazislahm nicht tollwütig mordete, kann allenfalls in der Zeit gesehen werden, in der er durch den westlichen Imperialismus und Kolonialismus in Schach gehalten wurde. Zu allen anderen Zeiten war er eine gigantische Mordmaschine.

Der Nazislahm ist nicht reformierbar.

Er muss dekonstruiert werden.

Vollständig!

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Muslimisches Frauenbild

Sie hassen uns

Die giftige Mischung aus nordafrikanisch-arabischer Kultur und Religion, die sich in der Kölner Silvesternacht Bahn brach, wird in Deutschland noch immer beschönigt oder beschwiegen. Islamkritik ist überfällig.

Was in der Silvesternacht in Köln passierte, passiert jetzt, in diesem Moment und wie selbstverständlich, am helllichten Tag hunderttausendfach in Nordafrika und in der arabischen Welt: Frauen werden sexuell belästigt, gedemütigt und, so sie es wagen, sich den Übergriffen zu widersetzen, als „Schlampen“ oder „Huren“ beschimpft.

Die ägyptische Schriftstellerin und Feministin Mona Eltahawy hat dieses Phänomen und seine Ursachen am 2. Mai 2012 in der französischen Zeitung „Le Monde“ beschrieben: „Ja: sie (die Männer der arabischen Welt) hassen uns. Es muss endlich gesagt werden . . . Die Frauen der ganzen Welt haben Probleme; stimmt, die Vereinigten Staaten haben noch keine Frau zur Präsidentin gewählt; und richtig, in vielen ,westlichen‘ Ländern (ich lebe in einem von ihnen) werden Frauen weiterhin wie Objekte behandelt. Das ist im Allgemeinen der Punkt, an dem das Gespräch beendet wird, wenn Sie versuchen, über die Gründe zu diskutieren, aus denen die arabischen Gesellschaften die Frauen hassen… Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang – er ist tausendmal schlimmer, als Sie denken – mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren.“

Der Gewaltausbruch von Köln war jedoch derart heftig, dass sich die „giftige Mischung aus Kultur und Religion“, die Mona Eltahawy in ihrem Buch „Foulards et Hymens. Pourquoi le Moyen Orient doit faire sa révolution sexuelle“ („Schleier und Jungfernhäutchen. Warum es im Nahen Osten eine sexuelle Revolution geben muss“) detailliert darlegt, nicht länger leugnen oder verdrängen lässt, auch wenn das von linker und muslimischer Seite auch jetzt wieder versucht wird. So sprach die „taz“ angesichts der Empörung über die Übergriffe von der „Reproduktion des rassistischen Bildes der unschuldigen weißen Frau, die vor dem aggressiven muslimischen Mann geschützt werden muss“.

Es war allerdings eine nicht „weiß“, sondern asiatisch aussehende junge Frau, die ausführlich schilderte, wie sie von Dutzenden Händen überall begrabscht wurde: „Ich fand, sie (die Männer) hatten nicht den Eindruck, dass sie was Falsches tun.“ Bei Mona Eltahawy könnte die „taz“ erfahren, warum die jungen Muslime kein Unrechtsbewusstsein zu haben schienen.

Frauen können sich nicht entziehen

Doch ist zu befürchten, dass auch sie, obwohl Muslimin und Ägypterin, dann als „rassistisch“ eingestuft würde. Schon warnte der Beauftragte der türkischen Religionsbehörde (Ditib) für interreligiösen Dialog in Deutschland, Bekir Alboga, vor einer „Kulturalisierung von Verbrechen“, und die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor befand: „Beim Oktoberfest in München und beim Kölner Karneval kommt es gehäuft vor, dass stark alkoholisierte Männer Frauen sexuell bedrängen und belästigen. Das wird dann gern als Kollateralschaden dieser Veranstaltungen abgetan. Es gibt keinen Unterschied zwischen der einen sexuellen Gewalt und der anderen.“

Wirklich nicht? Der Unterschied liegt darin, dass die sexuelle Gewalt in Nordafrika und im Nahen Osten zum Alltag gehört und dass in dieser Hinsicht dort permanent „Oktoberfest“ und „Karneval“ ist, denen sich keine Frau entziehen kann, indem sie diese Veranstaltungen meidet. Die Gewalt beginnt vor der Haustür auf der Straße. Nawel, eine algerische Mitarbeiterin, berichtete mir von regelmäßigen Übergriffen im Bus. Obwohl sie eigentlich die Verschleierung ablehnte, verhüllte sie sich für die Fahrt mit einem Hijab (Kopftuch). Das hielt Männer im Gedränge nicht davon ab, sich durch Reibung an Nawels Körper Befriedigung zu verschaffen.

Rachida, eine marokkanische Mitarbeiterin, musste ich eines Tages von meinem Grundstückswächter per Fahrrad abholen und heimbringen lassen. Sie hatte beschlossen, die Djellaba (langes Gewand) abzulegen, und war daraufhin von jungen Männern mit Messern verfolgt worden. Nun wurde sie, mit wippendem Haar und in Jeans auf der Fahrradstange sitzend, an ihren Peinigern vorbeigefahren.

Todesdrohungen der Fundamentalisten

Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht. Davon konnte ich mich während meines zehnjährigen Aufenthaltes in Algerien und Marokko überzeugen. Eine Muslimin kann in Deutschland auf den Markt gehen, ohne plötzlich Männerhände am Hintern zu spüren, eine Europäerin kann das in Nordafrika nicht. Westliche Frauen gelten bei vielen jungen Nordafrikanern als halbe Huren, weil „sie es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun“. Selbst wenn sie mit ihrem siebenjährigen Sohn an der Hand – als Mutter sozusagen eine „heilige Kuh“ – weitab von allen Menschenmengen einen Spaziergang über eine Wiese machen sollte, dauert es nicht lange, bis junge Männer auftauchen, sich an sie drängen, nicht von ihr ablassen und ihr vulgäre Worte ins Ohr raunen. Die islamische Grundeinteilung der Welt in „Gläubige“ und „Ungläubige“ ermutigt den Übergriff auf „westliche“, gleich „ungläubige“ Frauen. Da hilft nur schnellste Umkehr und Verzicht auf jeden weiteren Spaziergang.

In den zehn Jahren Nordafrika habe ich zugleich viele Musliminnen und Muslime kennengelernt, die diese Sicht auf die „westliche“ Frau abscheulich fanden. Sie hielten großen Abstand zu den Predigern, die die Welt auf letztlich menschenfeindliche Art in „Gläubige“ und „Ungläubige“ einteilten, setzten sich für eine humane, weltoffene Auslegung des Korans ein, schrieben mutig und ungeschützt gegen religiösen Obskurantismus und legten sich mit den mächtigsten Männern ihrer diktatorischen Staaten an, Frauen und Männer, Intellektuelle, Künstler, aber auch unzählige sogenannte „einfache Leute“. Nicht zuletzt ihretwegen blieb ich trotz Todesdrohungen seitens der Fundamentalisten in Algier. Das Problem ist aber, dass die meisten maßgeblichen Islam-Instanzen in den muslimischen wie den nicht-muslimischen Ländern den theologischen Diskurs darüber verweigern, wie man die fatale „Gläubig/Ungläubig“-Dichotomie überwinden und das Verhalten undogmatischer Muslime in den Islam integrieren könnte. Auch die Wortführer der muslimischen Verbände sollten über diese „Ausgrenzung“ von Muslimen endlich offen diskutieren.

Meine Freunde und Gesprächspartner in Nordafrika riskierten so viel mehr, als es meine politischen Weggefährten aus der 68er-Zeit jemals riskiert hatten: Ermordung, Folter, Gefängnis. Man erinnere sich an den Oktoberaufstand von 1988, die erste und hierzulande kaum zur Kenntnis genommene Arabellion, bei der Büros und Ministerien der algerischen Einheitspartei gestürmt und Polizeikommissariate attackiert wurden – ohne einen einzigen religiösen Slogan. Diese Leute haben meinen Blick auf Musliminnen und Muslime geprägt.

Muslimische Dissidenz wird als „islamophob“ verhöhnt

Um so schockierender fand ich nach meiner Rückkehr aus Nordafrika den Blick meiner alten Weggefährten sowie des linksliberalen Mainstreams einschließlich der SPD und der Grünen auf die muslimische Welt: Sie schienen keine Ahnung zu haben von dem, was dort vor sich ging, wie sehr Frauen dort unter religiösen Diktaten litten, nachdenkliche Menschen von Staat und Staatsislam gleichzeitig fertiggemacht wurden. Sie schienen völlig zu ignorieren, wie sehr Islam und Diktatur letztlich Hand in Hand arbeiteten, wenn es darum ging, ihre gemeinsamen Hauptfeinde zur Strecke zu bringen: die Demokratie, die Menschenrechte, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung.

Die muslimische Dissidenz à la Necla Kelek, Seyran Ates, Taslima Nasreen, Hirsi Ali et cetera wurde von Linken und Linksliberalen in Deutschland kaum ernst genommen, wenn nicht sogar verhöhnt oder als „islamophob“ diffamiert. Meinungsfreiheit und Demokratie, so war zu lesen, seien nicht unbedingt Lebensformen, nach denen sich die arabische Welt sehne. Das gesamte linke und linksliberale Spektrum baute jedoch eifrig an einem Multikulti-Schutzprotektorat für das Kopftuch samt dahinter steckendem Frauenbild, den Hass auf den „Westen“, die Verschonung des Islams vor jeder Kritik. In diesem intellekt- und kritikfeindlichen Dunst konnten die Parallelgesellschaften aufblühen. Dieses Nicht-wissen-Wollen war unfassbar.

Heute taucht diese Haltung im Zeichen der „Willkommenskultur“ und der „Der-Islam-gehört-zu-Deutschland“-Rhetorik wieder auf. Man erinnere sich nur an das Frohlocken der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt auf allen Fernsehkanälen über den höchstrichterlich ermöglichten Einzug des Lehrerinnen-Kopftuches in deutsche Klassenzimmer. Warum aber schreien Millionen fundamentalistisch gesinnter Männer von Pakistan über Afghanistan, Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, Mali, Algerien und Marokko nach dem Kopftuch, warum ist das Kopftuch dort am häufigsten zu sehen, wo es am fundamentalistischsten zugeht?

Der Umgang mit Muslimen ist neurotisch

Es ist zu hoffen, dass die Kölner Ereignisse endlich dem Diskurs über „die Muslime“, die man nicht „beleidigen“ darf, ein Ende setzen, dass man hinter den „Muslimen“ – ein Begriff, den die Fundamentalisten zum Oberbegriff für alle Islam-Gläubigen gemacht haben, während man früher eher von Ägyptern, Algeriern, Marokkanern et cetera sprach – Menschen erkennt, die man behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte: als selbstverantwortlicher, lernfähiger, kritikoffener Erwachsener und nicht als Kleinkind, dem man sein Lieblingsspielzeug, in diesem Fall die Religion, nicht madig machen darf, weil es sonst aus Wut alles kurz und klein schlägt.

Das war bisher nicht der Fall. Der Umgang mit Muslimen war bisher eher neurotisch denn normal. Man sollte sich bei dieser Neuorientierung ein Beispiel an jenen muslimischen Intellektuellen in der arabischen Welt nehmen, die längst begriffen haben, dass Islamkritik nicht Angriff auf Muslime bedeutet, sondern Schutz vor seinen menschenverachtenden Auswüchsen, die sich gegen Frauen, Homosexuelle, eigenständig Denkende und sogenannte „Ungläubige“ richten, also auch gegen Millionen von Musliminnen und Muslimen.

Auch hier kann man sich ein Beispiel an muslimischen Schriftstellern wie Boualem Sansal, Abdellah Taia, Mona Eltahawy, Mohamed Choukri oder Kateb Yacine nehmen: „Haare aus glühendem brüchigen Eisen, auf dem die Sonne wirr sich häuft, wie eine Handvoll Wespen“ – dieser Satz aus „Nedschma“, dem weltberühmten Roman von Kateb Yacine, durfte einmal sein – vor den Kopftuch-Zeiten. Was für eine witzige, schöne, intelligente, zauberhafte muslimische Welt es selbst heute noch gibt und wieder neu geben könnte, würde der elende Entschuldigungsdiskurs für deren zerstörerische Geister endlich ein Ende finden! Warum sich nicht Mut anlesen oder auch auf Tareq Oubrou hören, den Imam der Moschee von Bordeaux? Der fordert Muslime auf, es einmal mit etwas „diskreter Sichtbarkeit“ religiöser Insignien, sprich dem Kopftuch, zu versuchen, um auf eine weniger religiöse europäische Öffentlichkeit Rücksicht zu nehmen, zumal das Kopftuch für den Glauben „nebensächlich“ sei.

Nazislahm

Männer nehmen sich aus dem Koran, was ihnen passt

Als ich einer marokkanischen Bekannten aus Rabat einmal die Kleinmarkthalle in Frankfurt zeigte, bemerkte sie zu meiner Überraschung: „Das ist der schönste Soukh, den ich je erlebt habe.“ „Unsere Kleinmarkthalle?“, erwiderte ich. „Ohne die Farben Marokkos, ohne das Karminrot und Safrangelb der Gewürzpyramiden?“ Ihre Antwort: „Ohne das Blau von Ellenbogen, die sich Ihnen ganz zufällig derart in die Brust rammen, dass Sie vor Schmerz aufschreien könnten. Ohne das Grün von Kniffen und Griffen sonst wohin. Stimmt, diese Farben Marokkos hat Ihre Kleinmarkthalle nicht.“

„In der Kleinmarkthalle haben die Frauen das Sagen und nicht der Koran“, entfuhr es mir. „Pardon, ich wollte den Koran nicht beleidigen. Ich weiß, dass im Koran steht, dass auch die Männer ihre Augen niederschlagen sollen, wenn sie einer Frau begegnen, und nicht nur die Frauen, wenn sie Männern begegnen.“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte die Bekannte, „denn der Koran wird schon ewig von Männern ausgelegt. Die nehmen sich, was ihnen passt.“ Zum Beispiel Sure vier, Vers 34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat.“ Oder Sure zwei, Vers 228: „Die Männer stehen eine Stufe über ihnen. Gott ist mächtig und weise.“ Oder Sure zwei, Vers 223: „Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt…“ Das sitzt. Das gilt zwar nur für das, pardon, „Besäen“ von Ehefrauen, ist aber längst auf die unverheirateten Männer übergeschwappt, die es jeden Tag auch zum „Säen“ drängt, weil sie arm sind und ihnen das nötige Geld zum Heiraten fehlt. „Nicht meine Schuld, sagen die sich und gehen sich ihr täglich Stück Frau grabschen.“

„Klingt nicht gut“, sagte ich. „Was sollen junge Leute machen?“, fuhr die Besucherin aus Rabat fort, „Sex vor der Ehe ist bei uns gesetzlich verboten, denn er gilt im Islam als Unzucht. Einer unserer religiösen Scheichs hat neulich sogar öffentlich gezeigt, dass er sich des Problems bewusst ist. Scheich Abdelbari Zamzani hat per Fatwa den unverheirateten Marokkanerinnen die Karotte empfohlen! Als er daraufhin verspottet wurde, konnte er das nicht verstehen, er habe doch als Feminist gesprochen. Obendrein hat Zamzani sogar die Hymen-Reparatur erlaubt – nach einem Unfall! Wissen Sie, es ist dieser Mischmasch aus religiösen Geboten und heutiger Lebenswirklichkeit, der bei den Männern zu permanentem sexuellen Notstand führt – von den Frauen redet dabei übrigens niemand.“

Frauen mit kurzen Röcken werden als „Schlampen“ beschimpft

In den zehn Jahren meines Aufenthaltes in Nordafrika und auch bei den späteren Besuchen dort habe ich nicht eine einzige Frau getroffen, die nicht von sexuellen Belästigungen zu berichten gewusst hätte. Mit der zunehmenden Islamisierung Algeriens und Marokkos kann schon das Tragen eines Rockes zu Übergriffen führen. So geschehen in Inezgane bei Agadir: Im Juni 2015, einen Tag vor Beginn des Ramadans, gingen zwei junge Marokkanerinnen namens Sanaa und Siham im Soukh von Inezgane einkaufen. Die beiden Frauen trugen Röcke, die etwas oberhalb der Knie endeten. Als ein Händler die beiden erblickte, bemerkte er zu den Umstehenden, diese Art der Kleidung verletze das Schamgefühl aller Marokkaner, worauf sich sogleich eine Menschenmenge um die beiden Frauen scharte, sie als Schlampen beschimpfte, junge Männer sich an die beiden Mädchen drängten, sie anfassten und vulgäre Gesten machten.

Die von einem anderen Händler zum Schutz der Frauen herbeigerufenen Polizisten fanden die Kleidung Sanaas und Sihams gleichfalls schamlos. Sie nahmen die beiden Frauen fest und überstellten sie am nächsten Morgen dem Staatsanwalt. Im selben Soukh wurden wenige Tage später zwei für homosexuell gehaltene Männer zusammengeschlagen und gleichfalls festgenommen. Kein Ulema protestierte im einen wie im anderen Fall, während im Touristenort Agadir Schilder mit der Aufschrift „Respect Ramadan. No Bikinis“ auftauchten, um Marokkanerinnen und Ausländerinnen daran zu hindern, sich am Strand zu bräunen.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun schrieb Anfang August 2015 zu diesen Vorfällen: „Es wird Zeit, dass die Regierung auf diese neue Diktatur der Ignoranz, der Frustration und der Dummheit reagiert. Letzte Woche haben mit Säbeln und Dolchen bewaffnete Halunken am Strand von Tanger Jagd auf unverschleiert Badende gemacht. Vorsicht, das fängt mit einer Belästigung dieser Art an und endet mit einer Bombe in einem Schwimmbad oder in einem Café. Die Sicherheitsdienste müssen dieses gefährliche Treiben absolut ernst nehmen und die Sicherheit und Freiheit des Individuums garantieren, ob Mann oder Frau.“ Einen Monat zuvor hatte es das mörderische Attentat am Strand von Sousse in Tunesien gegeben, der Salafisten als „Bordell“ gilt.

Die Linke muss sich ändern

Gegen diese Entwicklung eines außer Rand und Band geratenen Islams, dessen Schizophrenie sich diesmal vor dem Kölner Hauptbahnhof ausgetobt hat, gibt es nur ein Mittel, soll die Entwicklung nicht in Richtung Regression weitergehen: Der Islam muss die gleiche Kritik aushalten lernen, wie das Christentum sie hat aushalten müssen. Doch die hiesige seriöse Islamkritik besteht bisher aus einer Handvoll Frauen und Männern, die von den Islamverbänden als „islamophob“ abgelehnt werden. Das muss sich ändern.

Ebenso muss der Resonanzboden für die liebedienerische Haltung des hiesigen linken Spektrums gegenüber jedwedem Obskurantismus verschwinden, sobald dieser nur das Etikett „muslimisch“ trägt. Diese Liebedienerei ist zwar verständlich, teilt die fundamentalistisch-muslimische Welt doch die anti-amerikanische, antiwestliche und antiisraelische Aggressivität, die das Lebenselixier der deutschen Linken ausmacht. Sie ist gemeingefährlich, weil sie in ihrer Verbundenheit mit dem fundamentalistisch festgefahrenen Islam unbesehen jenes „Ungeheuer“ in Kauf nimmt, das der muslimische Philosoph Abdennour Bidar sich aus diesem entwickeln sieht.

Seit fünfzehn Jahren drischt die deutsche Linke auf muslimische Aufklärerinnen und Aufklärer ein, beschuldigt sie, Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten zu liefern. Wasser auf deren Mühlen aber liefert vor allem das Blut der Opfer des „Ungeheuers“, das muslimische Freunde verzweifelt bekämpfen, ohne dass die europäische Linke begriffe, was auf dem Spiel steht, auch für Nichtmuslime. Hauptsache, es geht gegen „den Westen“, der für den Niedergang der islamischen Welt verantwortlich sein soll – was keiner historischen Analyse standhält. So wie die Linke für das Scheitern des Sozialismus Sündenböcke findet, sucht sich die islamische Welt die ihren: Loser gesellt sich zu Loser, Underdog zu Underdog, gemeinsam sind wir stark, die Rachsucht brennt: Passt auf, wir werden es euch heimzahlen!

Der „sterile“ Islam setzt sich in den Köpfen fest

Die muslimische Intelligenz Nordafrikas hingegen hält Islamkritik für das sine qua non, sollen ihre Gesellschaften nicht dauerhaft einem Obskurantismus anheimfallen, der entsprechende Tendenzen via Immigration und Kommunikation auch in Deutschland noch verstärken würde. Rechtspopulismus machen die muslimischen Dissidenten nordafrikanischer Herkunft vor allem im frauen-, fremden- und aufklärungsfeindlichen „Theo-Populismus“ eines sich zunehmend „salafisierenden“ Islams aus, dem staatliche und religiöse Autoritäten keine stichhaltige Argumentation entgegensetzen, weil sie selbst die „westlichen“ Menschenrechte scheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Die Einzigen, die sich um Aufklärung bemühen, sind die muslimischen „Freiheitssucher“, wie sie der tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama nennt. Gern sähen die Dissidenten der muslimischen Welt europäische Linke und Intellektuelle an ihrer Seite. Vergeblich, wie Fethi Benslama bereits 2004 in seiner „Nicht-Unterwerfungserklärung zum Gebrauch für Muslime und diejenigen, die es nicht sind“, feststellte: „Manche Nachfahren der Aufklärung sind blind für die Aufklärung der anderen.“

Von europäischer Aufklärung unbehelligt, kann sich auch hierzulande deshalb ein Islam im Bewusstsein der jungen muslimischen Generation festsetzen, den der 2015 verstorbene muslimische Philosoph und Islamologe tunesischer Herkunft Abdelwahab Meddeb folgendermaßen charakterisierte: „Eine Religion, die sich die letztendliche nennt, Trägerin der definitiven göttlichen Botschaft, die die prophetische Inspiration versiegelt, das, was vor ihr war, rekapituliert und rektifiziert, eine solche Religion, wortwörtlich genommen, annulliert jede Fragestellung, gründet eine absolute Wahrheit ohne möglichen Disput… Reduziert auf ein solches Skelett, zeigt der Islam sich religiös und politisch als austrocknende, sterile, das ,akut Lebendige‘ zeitgemäßer Fragestellungen ignorierende Sicht auf die Welt, erhebt sich zu einem alles an sich reißenden, aggressiven ,Monologismus‘, taub für jeden Dialog, abgeschnitten von den Voraussetzungen, die die Beziehung zwischen Personen und Völkern, zwischen Bürgern und Nationen eröffnen.“ Gegen einen solchen Islam werden die neuerdings geforderten „Integrationszentren“ nicht viel ausrichten, wenn sie sich vor der Auseinandersetzung mit ihm drücken, um muslimische Einwanderer nicht zu „beleidigen“.

Muslime selbst lesen dem Islam die Leviten

In muslimischen Ländern gewinnt genau dieser taube Islam in den jeweiligen staatlichen Fernsehsendern seit Jahren an Einfluss, vor allem, wenn sie von Saudi-Arabien gesponsert werden. Ergebnis ist der sich ausbreitende „Theo-Populismus“. Erfinder dieses Begriffs ist der in Oran lebende Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud. Im „Quotidien d’Oran“ schreibt er seit Jahren die Kolumne „Raika Raikoum“ („Unsere Meinung – Ihre Meinung“). Am 28. Mai 2015 stellte er dort die Frage: „Müssen wir gegen den Theo-Populismus in den Untergrund gehen?“, eine Anspielung auf den Untergrund während des Befreiungskrieges gegen Frankreich: „Zu kurzer Rock, abgewiesen in einer Fakultät von Algier, ein rückwärtsgewandter Rektor, der per Anstands-Fatwa seinen Wachmann gegen die Studentin unterstützt. Undenkbar vor einigen Jahrzehnten, denkbar geworden gestern und vorgestern, weil selbst ein Rektor in Algerien inzwischen binär in halal/haram (erlaubt/nicht erlaubt) denkt. Aber das ist nicht der einzige Fall des im Namen des einzigen Gottes einzig erlaubten Denkens … Der behaarte Tumor (Daoud meint den Salafismus) ist in die algerischen Riten eingedrungen, die Kleidung, den Teint und die Zahnpflege. Zeit bedeutet inzwischen Gebet und nicht mehr Pünktlichkeit, Versprechen heißt inzwischen ,inschallah‘ und nicht mehr Worthalten. Das Ziel des Lebens ist der Tod, nicht das Leben… Es ist das binäre halal/haram-Denken, das den ,Theo-Populismus‘ ausmacht: ,Kreuzzüglerisierung‘ des ,anti-muslimischen‘ Westens, Obsession eines in allem überall gewitterten jüdischen Komplotts, Promotion des islamistischen Vorbildes in der Mode, den Riten, der Sexualität, dem Zölibat, der Ehe… Das Land: verschleiert, nikabisiert, gemobbt und in eine Frauenhintern-Überwachungsstation verwandelt, mittels beschämender und mittelalterlicher Predigten.“

Das ist das Nordafrika, aus dem auch einige der Kölner Täter kommen. Viele der Phänomene sind mehr oder weniger auch in den hiesigen muslimischen Gemeinschaften zu beobachten. Eines existiert schon lange: Das „Erwecken von Schuldgefühlen bei den progressiven Eliten und deren Denunzierung als… Islamophobe“ (Daoud), insbesondere durch die Islamverbände, Linke und Grüne. Deshalb dürfen wir uns davon nicht mehr ins Bockshorn jagen lassen, denn es sind Muslime selbst, muslimische „Freiheitssucher“, die genauso wenig „islamophob“ sind wie wir, wenn sie einem frauen-, fremden- und gedankenfeindlichen Islam die Leviten lesen statt sich ihm zu unterwerfen.

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Time am 11. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gasbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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PS, lesen Sie auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/08/alla-hasst-frauen/

Islamismus = Islam

20. Januar 2015

Mönche

Sieben Mönche des Klosters Notre-Dame de l’Atlas wurden 1996 von der islamistischen GIA entführt und ermordet; einer von ihnen verzieh den Mördern in seinem Testament

„FAZ.NET“ brachte heute einen ausführlichen Beitrag des Filmemachers Samuel Schirmbeck, der sich mit der Unterwerfung der Linken unter den Nazislahm befasst (1).

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Islam und Gewalt

Die Linke im Muff von tausend Jahren

Man konnte aus Algerien berichten, was man wollte, die kleine linke Dynastie im Frankfurter Nordend wollte von einem verknöcherten Islam nichts wissen. Sie sagte: Wer den Islam angreift, greift die Muslime an. Ein Weggefährte berichtet.

Als ich nach den zehn „schwarzen Jahren“ des Terrors aus Algerien nach Frankfurt zurückkehrte, traute ich meinen Ohren nicht. Die 150.000 Toten, die zahllosen, wegen gemischter Klassen abgebrannten Schulen, die Säureattentate auf unbedeckte Frauenbeine, die Enthauptung von Dampfbad-Betreibern, die Zerstörung von Weinregalen per Kalaschnikow-Salve, die Ermordung von Ordensleuten, Schwestern wie Patres, und die Hinrichtung einiger meiner – muslimischen – Freunde hätten mit dem Islam nichts zu tun, belehrten mich meine linken deutschen Freunde, 68er, Gewerkschafter, Grüne, SPD-Mitglieder. Es sei dem islamistischen Untergrund von der „Bewaffneten Islamischen Gruppe“, kurz GIA, nicht um den Islam gegangen, sondern um den Widerstand gegen das korrupte, diktatorische Militärregime, letztlich also um mehr Gerechtigkeit und Demokratie. Mit der Religion habe das alles nichts zu tun. Sie könnten ja meine Traumatisierung verstehen, doch sie verstelle mir den analytischen Blick.

Ich fragte sie: Warum haben die Islamisten dann genau jene Intellektuellen, jene Schriftsteller, Künstler, Theaterleute, Filmemacher und Sänger umgebracht, die gleichfalls allesamt gegen das korrupte Willkürregime gewesen sind? Warum sollten sie das getan haben, wenn es ihnen doch um das „Wohl des Volkes“ gegangen ist? Darauf bekam ich Antworten à la „Das liegt an der geistigen Entwurzelung Algeriens durch den Kolonialismus“, obwohl zum Beispiel der Arzt und Schriftsteller Laadi Flici in seiner Jugend auf Seiten der Aufständischen in der „Schlacht von Algier“ gegen französische Fallschirmjäger gekämpft hatte. Er wurde in seiner Praxis in der heruntergekommenen Kasbah von Algier mit zwei Schüssen niedergestreckt, obwohl er hier den Ärmsten der Armen half.

Kein Aufschrei nach Massaker an Nicht-Muslimen

Flici hatte in den Augen der Islamisten jedoch einen Kardinalfehler, ebenso wie alle anderen umgebrachten Intellektuellen: Sie wollten Auswege aus der Misere zeigen, aber andere als über die Errichtung eines Gottesstaates. Insofern waren die Intellektuellen die schärfste Konkurrenz der Islamisten. Denn für sie ging es in erster Linie um die Herrschaft der Religion, des Islam, auf allen Gebieten und erst in zweiter Linie um das „Wohl des Volkes“, wenn überhaupt.

Als diese Argumentation nichts fruchtete, berichtete ich von Tamesguida. In der dortigen Schlucht baute die jugoslawische Firma Hydro-Elektra 1993 im Auftrag der algerischen Regierung einen Staudamm. In einer Dezembernacht schlichen sich bewaffnete Untergrundislamisten an die Baracken der Hydro-Elektra-Mitarbeiter, banden den hilflosen Jugoslawen die Hände mit Draht auf den Rücken und schauten nach, wer beschnitten war und wer nicht. Zwölf Kroaten wurden noch in der Nacht zum Flusslauf geführt und mussten nebeneinander niederknien. Einem nach dem anderen schnitten die Islamisten die Kehle durch: Selektion nach religiösem Raster, denn die verschonten bosnisch-muslimischen Hydro-Elektra-Mitarbeiter waren so sehr „Unterstützer des Tyrannen“ (des Militärregimes) wie die abgeschlachteten Kroaten. Bald aber wurde das Raster „Gläubige – Ungläubige“ auch auf Muslime selbst ausgeweitet, wurden sie nach „wahren“ und „falschen“ unterteilt.

Refrain vom friedlichen, toleranten Islam

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es seitens muslimischer Rechtsgelehrter und religiöser muslimischer Verbände im damals noch sicheren Europa einen Aufschrei angesichts dieser Morde im Namen des Islam gegeben hätte. Der Refrain vom friedlichen, toleranten Islam wurde wiederholt, als sei nichts geschehen. Erst jetzt, wo den Verbänden das Wasser bis zum Hals steht, kommen sie in Bewegung, verschanzen sich aber immer noch hinter der Schutzmauer, die Islam vom Islamismus trennt – wie vor zwanzig Jahren meine linken politischen Weggefährten, nachdem sich die religiösen Motive der Massaker nicht mehr leugnen ließen.

Sie lagen damit auf einer Linie mit dem algerischen Militärregime, das – wenn es sich überhaupt einmal zu dem Grauen im Land äußerte – stets erklärte, das alles habe mit dem Islam nichts zu tun, das sei Terrorismus. Der Terrorismus wurde militärisch bekämpft, stumm, ohne Fragen an den Islam zu stellen, denn der Islam war Staatsreligion. Ebenso wie man den Kampf gegen den Terrorismus in Deutschland heute den Sicherheitskräften überlässt – nicht gern, von linker Seite –, Hauptsache, der Islam wird dabei nicht kritisch unter die Lupe genommen. Stattdessen umso mehr die deutsche Gesellschaft, ihre „Ausgrenzung“ der Muslime, ihre „Islamophobie“, der „Überwachungswahn“ der Geheimdienste und so weiter.

Wer sitzt an diesem Stammtisch?

Als Nikolaus Schneider im November 2014, damals noch Ratspräsident der EKD, von den Islamverbänden eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Ansatzpunkten für die Legitimierung von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition verlangte, ließ die „taz“ ihr schärfstes Fallbeil auf Schneider niedersausen: „Der Stammtisch wird ihm applaudieren.“

An diesem „Stammtisch“ säßen dann auch einige von meinen muslimischen Freunden, wären sie am Leben gelassen worden von der Gewalt im Namen des Islam. Der algerische Schriftsteller Tahar Djaout etwa, der Satiriker Saïd Mekbel, der Arzt Laadi Flici – sie hätten Nikolaus Schneider applaudiert dafür, dass er die zentrale Frage stellte: die nach den Wurzeln der grenzenlos wachsenden Gewalt im Namen des Islam. An diesem Stammtisch säßen nun auch die Ermordeten von „Charlie Hebdo“. Schon zehn Jahre vor Nikolaus Schneider hatte der tunesische Islamologe Abdelwahab Meddeb geschrieben: „Die Muslime müssen sich der Frage ,Islam und Gewalt‘ stellen. Der Zusammenhang ist ein Faktum, in der Geschichte und in den Schriften. Wir haben es mit einem Propheten zu tun, der selber getötet und zum Töten aufgerufen hat.“

Klammheimliche Freude nach 9/11

Als hätte der Mann im Mond plötzlich ein Messer herausgeholt und begonnen, auf die Erde einzustechen, so unvorstellbar erschien mir nach den Gemetzeln in Algerien und nach „9/11“, was da geschah. Doch meine linken Frankfurter nahmen, jedenfalls, was die Anschläge von New York anging, die rasende Regression des Islam sogar mit klammheimlicher Freude wahr.

Nun auch selbst permanent der „Islamophobie“ und „Ausländerfeindlichkeit“ bezichtigt, obwohl ich in Nordafrika inzwischen mehr muslimische Freunde hatte als nichtmuslimische in Frankfurt, suchte ich verzweifelt nach einem Beweis, dass Islamkritik nicht islamophob sei. Es galt, einen Muslim zu finden, den man nicht als „verwestlichten Intellektuellen“ abtun könnte, einen Muslim, wie er muslimischer nicht sein konnte und der dennoch den Islam in seiner heutigen Form kritisierte. Schließlich fand ich ihn: Soheib Bencheikh, damals Großmufti von Marseille, Rechtsberater von 46 muslimischen Gemeinden der Stadt am Mittelmeer. Seine Islamkritik würden auch die Islamverbände in Deutschland nicht als „unwissenschaftlich“ abtun können.

Soheib Bencheikh kam aus einer seit Generationen tief religiösen muslimischen Familie. Sieben seiner Onkel waren Imame. Bencheikhs Vater, Scheich Abbas, war ein renommierter Islamgelehrter, überdies Präsident des Hohen Islamischen Rates Algeriens und später Rektor des Muslimischen Institutes der Großen Moschee von Paris. Seine Vorfahren hatten in Algerien „zaouias“, religiös-soziale Gemeinschaften, gegründet. Soheib selbst war an der Al Azhar-Universität in Kairo in islamischer Theologie ausgebildet worden, nachdem er in Saudi-Arabien seine Kindheit und in Algerien seine Schulzeit verbracht hatte. Er kannte sich also sowohl im Nahen Osten wie in Nordafrika aus. Dieser Religionsgelehrte sah die Ursache für die erschreckende Entwicklung des Islam im Islam selbst: „Das größte Gut einer Religion liegt in ihrer Theologie, aber ihr größtes Übel kommt ebenfalls aus ihrer Theologie – wenn sie stagniert.“

„Berechtigte Angst vor dem Islam“

Auf die Frage, ob die Angst vor dem Islam berechtigt sei oder Ausdruck von „Islamophobie“, sagte Soheib Bencheikh in die Kamera: „Die Angst vor dem Islam ist vollkommen berechtigt. Im Namen dieser Religion werden die schrecklichsten Verbrechen begangen. Im Namen dieser Religion geschieht derzeit eine ungeheure Barbarei. Wenn die Menschen Angst vor dem Islam haben, so ist das völlig normal. Auch wenn ich kein Muslim wäre, würde ich mich fragen, was das für eine Religion ist, auf die sich Verbrecher berufen.“

Soheib Bencheikh hatte vom „Islam“ gesprochen und die in dessen Namen verübten Verbrechen nicht auf einen „Islamismus“ abgeschoben. Die Schutzmauer, die beide trennte und die den Islam davor bewahrte, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen, gab es für ihn nicht, im Gegenteil: „Die Tiefe und die geistige Dimension des Koran wurden verschüttet. Stattdessen hat man millimetergenau nachgeäfft, was eine menschliche Person, nämlich der Prophet, getan haben soll. Man läuft Gefahr, den Islam auf dem Niveau der damaligen Beduinengesellschaft festzuschreiben und ihn für immer im sechsten Jahrhundert nach Christus festzunageln. Die himmlischen Heerscharen sind nur damit beschäftigt, Bekleidungs- und Nahrungsregeln zu erlassen – wie eine himmlische Hausordnung! Wahrhaftig eine platte, ausgetrocknete Vorstellung von der Religion!“

Das, dachte ich, müsste meine linken Weggefährten doch beeindrucken. Hatten sie nicht einst den Spruch erfunden: „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“, um Reformen voranzubringen? Dann müsste ihnen doch die Islamkritik eines Bencheikh einleuchten, der im Grunde doch auch sagte: „Von den Minbaren Muff von tausend Jahren“. Minbar war die Kanzel der Moschee: „In der Welt der Moscheen herrscht oft noch die Dummheit, die Unwissenheit. Niemals ein Wort der Selbstkritik. Niemals! Die ganze Welt hat unrecht, und wir ruhen uns auf unserer kleinen Wahrheit aus. Das zeigt eine Denkfaulheit, wie sie typisch ist für das Ende großer Dynastien.“

Intelligenz der Muslime in Ketten gelegt

Ich aber hatte nun das Gefühl, dass es mit der kleinen linken Dynastie im Frankfurter Nordend langsam zu Ende ging, so sehr weigerte man sich dort, die Schutzwand zwischen Islam und Islamismus zu durchbrechen. Man machte eine Wand aus Muslimen daraus. Man machte sie dadurch unangreifbar, diese Trennwand, dass man sagte, wer den Islam angreife, greife die Muslime an. Als ob, wer den Stalinismus angriff, die Russen angegriffen hätte, als ob, wer das Christentum angriff, die Kirchgänger angriff, als ob, wer den Kapitalismus angriff, die Arbeiter und Angestellten angriff. Im Gegenteil konnte man doch eine Ideologie, eine Religion gerade um dessentwillen kritisieren, was sie aus Menschen machte, die man mochte. Ich hatte genug Frauen und Männer in zehn Jahren Nordafrika unter dem Islam leiden sehen, als dass mir seine ideologische Macht hätte gleichgültig bleiben können. Soheib Bencheikh sah einen Hoffnungsschimmer – in Europa.

Er sagte: „Theologisch kommen wir weiter, wenn wir die Freiheit nutzen, die wir in Frankreich haben, dieses Glück, in einem modernen Rechtsstaat zu leben. Das sind Dinge, die es bei uns nie gab und die wir im muslimischen Denken verwirklichen müssen. Jedes Jahrhundert muss sich ein neues Bild vom Koran machen. Muss ihn mit seiner eigenen Intelligenz interpretieren. Sonst geht die Religion zugrunde – was ja bereits geschieht. Das liegt an dieser am Buchstaben klebenden, hausordnungshaften Auffassung, die die Intelligenz der Muslime in Ketten legt“. Die deutsche Linke kann man abhaken, was die Befreiung aus diesen Ketten angeht. Sie, die einst den ersten „Club Voltaire“ in der Bundesrepublik gründete, hatte den Voltaire in sich schon längst begraben.

Die Träne auf dem Charlie-Hebdo-Titelblatt

Ein Jahr nachdem 1996 sieben Mönche aus dem Bergkloster Tibéhirine in der waldreichen Einsamkeit um Medea, achtzig Kilometer südlich von Algier, von der „Bewaffneten Islamischen Gruppe“ entführt worden waren, fuhr ich mit dem Erzbischof von Algier, Monsignore Teissier, in dieses auch durch den Film „Von Göttern und Menschen“ bekannt gewordene, nach der Entführung leerstehende Kloster. Im Klosterhof lagen die sieben Mönche begraben. Während Teissier vor Angehörigen der Ermordeten im Lärm des uns absichernden Armeehubschraubers eine Gedenkpredigt hielt, schaute, halb hinter einem Baumstamm verborgen, jemand zu. Jemand mit Stoppelbart, in zerbeulter Hose. Es war einer der Bergbauern, mit denen zusammen die Mönche von Tibéhirine eine Landwirtschaftskooperative betrieben hatten. Er hatte Tränen in den Augen.

Prior Christian hatte sich vor der Entführung in einem Testament an seinen möglichen Mörder gewandt: „Und auch du, Freund der letzten Minute, der nicht gewusst haben wird, was er tat, ja, auch für dich möchte ich dieses ,danke‘ sprechen und das ,à Dieu‘, das du vollendet hast … “ Vielleicht ist das „Tout est pardonné“ auf der jetzigen Titelseite des antiklerikalen „Charlie Hebdo“, über das derzeit gerätselt wird, sogar im Sinn des Mönches aus Tibéhirine zu verstehen: Auch diese Mörder wussten nicht, was sie taten. Der algerische Bergbauer wusste es. Die Träne dieses Muslims legitimiert die des Propheten auf dem „Charlie Hebdo“-Titelblatt, denke ich, für alle jene, die in Religion mehr sehen können als eine „himmlische Hausordnung“.

Lynchjustiz im Namen des Alltags-Islam

Voltaire aber schweift jetzt eher zwischen Tanger und Tunis umher. Veranstaltet öffentliche Anti-Ramadan-Picknicks, in Marokko und Algerien, um gegen den Glaubenszwang und für Gewissensfreiheit zu demonstrieren. Wird dafür verprügelt, festgenommen und riskiert Gefängnis. Trifft sich zum ersten Kiss-in auf muslimischem Boden vor dem Parlament in Rabat, als Antwort auf das Gerichtsverfahren gegen ein 14 Jahre altes Mädchen und zwei 15 Jahre alte Buben. Das Mädchen hatte seinen Freund geküsst, und dessen Freund hatte das Bild ins Internet gestellt. „Tötet sie!“, hatten die Frömmler im Netz gefordert. Daraufhin gab es das Solidaritäts-Kiss-in von rund vierzig Leuten, die von Gegendemonstranten schnell zusammengeschlagen wurden. „Tötet ihn“, forderte ein Proteststurm von Gläubigen, nachdem ein marokkanischer Journalist gefordert hatte, die Bestrafung von Sex außerhalb der Ehe aus dem Gesetzbuch zu streichen.

„Tötet ihn“, rief auch ein wilder Haufen von Studenten an der Universität von El Jadia in Marokko, nachdem der Dekan eine Vorlesung über das Werk des marokkanischen Schriftstellers Abdellah Taia gestattet hatte. Nur durch Flucht konnte der Mann verhindern, gelyncht zu werden. Abdella Taia hatte sich als erster Intellektueller Marokkos als homosexuell geoutet. Die Verfolgung der Anti-Ramadan-Picknicker, der Küssenden, der sexuelle Freiheit fordernden Journalisten, der Homosexuellen erfolgt nicht durch einen „Islamismus“, sondern aufgrund des Alltags-Islam, wie er sich in den Gesetzen Marokkos und Algeriens widerspiegelt. Überall auf der Welt, wo der Islam Macht bekommt, werden Frauenrechte und Gedankenfreiheit eingeschränkt, Minderheiten verfolgt. Darauf hinzuweisen, auf diesen gefährlichen Kern des Islam, nicht des „Islamismus“, auch hierzulande, wo er die Macht dazu Gott sei Dank nicht hat, wird von der Linken als „islamophob“ gegeißelt.

Attentat auf ,Charlie Hebdo‘ gerechtfertigt

„Wir sollten ehrlich sein und zugeben: Mehr als der islamistische Terror ist es die Dauerberieselung durch einen uns allen von den Machthabern aufgezwungenen sinnentleerten religiösen Diskurs, die zu den Extremismen führt. Die Vernunft daran zu hindern, sich wirklich ernsthaft bei uns einzurichten, ist die wahre Katastrophe“, sagte Abdellah Taia und riss damit die Schutzmauer zwischen Islam und Islamismus ein, die in jeder deutschen Talkshow zum Thema Islam immer wieder aufs Neue errichtet wird.

Doch Abdellah Taia ist längst nicht der einzige muslimische „Voltaire“ Nordafrikas, der die Trennwand einreißt, die den „toleranten friedlichen“ Islam vor seiner obskurantistischen gewalttätigen Seite schützt. Der algerische Islamforscher und Journalist Saïd Djabelkhir schrieb zwei Tage nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“: „Der traditionelle religiöse Diskurs rechtfertigt in der Tat diese Gewalt. Es fordert uns viel Mut ab, das anzuerkennen, aber nichtsdestoweniger ist es die Realität.“ Für den Islamforscher liegt die beste Möglichkeit zur Bekämpfung des Terrorismus darin, „die religiösen Texte und archaischen Interpretationen und Diskurse anzugreifen, die immer noch Terrorismus hervorbringen und ihn rechtfertigen“.

Mit Mahnwachen gegen Extremisten?

Vielleicht, wenn sie schon selbst nicht den Mut dazu haben, solche Sätze auszusprechen, lädt der Zentralrat der Muslime zur nächsten Mahnwache diesen muslimischen Denker ein, als Zeichen internationaler Solidarität im Namen des friedfertigen Islam. Oder den Leitartikler der bedeutenden algerischen Zeitung „El Watan“, wenn es um das befürchtete „Amalgam“ von friedlicher muslimischer Mehrheit und Fanatikern geht. „Fest steht“, schreibt die Zeitung, „dass auch wir als arabisch-muslimische Einheiten an den Amalgamen arbeiten sollten, die wir unsererseits produzieren. Es ist erschreckend, festzustellen, dass Jugendliche in Algerien und anderswo, gebildete Leute, die Ermordung der Journalisten und Zeichner von ,Charlie Hebdo‘ rechtfertigen. Von Algier bis Dubai finden sich im Internet Äußerungen, die einem das Blut gefrieren lassen und die von unserer Unfähigkeit zeugen, den historischen Wandel zu vollziehen, den der Islam braucht. Die Frage ist doch, was im Umgang mit unserer Religion derartige Abirrungen erlaubt?“.

Wie schwer diese Fragestellung sein wird, deutete der muslimische Philosoph Abdennour Bidar im Dezember in seinem „Offenen Brief an die muslimische Welt“ an: „Ich sehe dich ein Monster hervorbringen, das sich ,Islamischer Staat‘ nennt. Das Schlimmste aber ist, dass ich dich deine Zeit und deine Ehre damit verlieren sehe, dich zu weigern, zuzugeben, dass dieses Monster aus dir geboren ist, aus deinen Irrwegen, deinen Widersprüchen, deinem unaufhörlichen Hin- und Hergerissensein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, deiner schon zu lang andauernden Unfähigkeit, deinen Platz in der menschlichen Zivilisation zu finden.“

Mit diesen Leuten an meiner Seite freue ich mich auf die nächste Gesprächsrunde mit meinen alten linken Weggefährten im Frankfurter Nordend. Thema „Die Mauer muss weg“. Die Schutzmauer zwischen Islam und Islamismus. Danach kommen vielleicht blühende Landschaften.

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Time am 20. Januar 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/linke-verweigern-diskussion-ueber-islam-und-gewalt-13377388.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Leserbrief-Counterjihad (#15)

21. März 2011

Das Hauptproblem mit dem Dimmies wie den Reformorks ist, dass sie so unglaublich faul sind. Sie haben es sich in ihrer kleinen Welt gemütlich eingerichtet, die sie nicht überfordert, und die sich bitte niemals nicht ändern soll. Die globale Auseinandersetzung der Zivilisationen der Menschheit mit der Terrorideologie Mohammedanismus haben sie nur ganz am Rande zur Kenntnis genommen, und sie versuchen sie abzuwenden, indem sie sich den Feind schönreden, anstelle dass sie sich auch nur einmal nur 4-5 Stunden Zeit nehmen würden, um den Kloran oder die Hadithe zu lesen oder sich mit der Biografie des Kindervergewaltigers Klo H. Metzel zu befassen. Dr. Günther Holtmeyer, dessen Leserbrief die FAZ am 12. März veröffentlichte, ist so ein Fall:

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Sarrazin sagt nichts zur Sache

Glückwunsch an Patrick Bahners: Mit seinem Buch zur Kritik der Islamkritik, aus dem Sie im Feuilleton vom 16. Februar einen Vorabdruck publizierten, hat er zumindest zwei der Haupt-„Panikmacher“ sprachlos gemacht. Es war schon sehr amüsant zu erleben, dass sowohl Thilo Sarrazin in seiner Einlassung in Ihrer Zeitung vom 19. Februar als auch Henryk M. Broder in seiner dünnen Stellungnahme in der „Welt am Sonntag“ vom 20. Februar praktisch die Luft weggeblieben ist.

Sarrazin, der ohnehin ständig unter Liebesentzug leidet, weil die Menschen ihm als dem selbsternannten Retter Deutschlands nicht allesamt zu Füßen liegen, hat lediglich irgendetwas über Verleumdung gestammelt, und dem sonst so wortgewaltig zuschlagenden Broder fiel nichts anderes ein, als sich mit dem Hinweis auf angeblich heiße Luft in Bahners‘ Buch davonzuschleichen. Zur Sache haben beide nichts gesagt. Umso interessanter war die gemeinsame Ausflucht, nämlich der Vorwurf der beiden Anti-Islamiker, Bahners habe ja offenbar nicht persönlich unter dem Islam gelitten. Das zeigt, dass die Panikmache nicht an der muslimischen Lehre ansetzt, sondern an deren Verformungen in der Praxis. Das ist so, als würde man die christliche Lehre daran messen, was in ihrem Namen an Mord- und Versklavungsorgien über eintausendfünfhundert Jahre gefeiert worden ist.

Die Konsequenz: Die Muslime müssen – was moderne muslimische Theologen bereits tun, wenn leider auch oft zu zaghaft – sich untereinander ständig an die Mahnung des Propheten erinnern, von ihrem Verstand Gebrauch zu machen, statt sich auf das zu verlassen, was die Herren der Schöpfung da an Gestrüpp um die Grundbotschaft des Koran haben herumwuchern lassen. Und die Nichtmuslime müssen bereit sein, selbst in den Kern dieser muslimischen Botschaft einzutauchen, statt sich von Panikmachern vorgaukeln zu lassen, was sie angeblich beinhaltet.

Zweifellos ein unendlich mühsamer, langer Weg, aber der einzige, der dazu führt, dass die Kulturen nicht noch weiter auseinander treiben. Der absurde Aufruf von Ayaan Hirsi Ali, der Wortführerin der Panikmacher zum Krieg gegen den Glauben von 1,6 Milliarden Muslimen bewirkt nichts außer noch mehr Irrationalität auf beiden Seiten.

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Holtmeyer ist der Beweis, dass es sich teilweise überschneidende Paralleluniversen gibt. „Sarrazin sagt nichts zur Sache“ behauptet dieser Dr. Wichtig. Welche Sache meint er denn? Zum Mohammedanismus und seinen fatalen Auswirkungen auf unsere Heimat sagt Thilo Sarrazin, der, so Holtmeyer sachlich „unter Liebesentzug leidet“, eine ganze Menge. Holtmeyer selbst aber fehlt offenbar das geringste Grundwissen über den Mohammedanismus, sonst wüsste er, dass die Mohammedanisten Klo H. Metzel als den „besten Menschen aller Zeiten“ lobpreisen, weil er u.a. persönlich drei Tage und Nächte an der Abschlachtung aller Männer des jüdischen Stammes Banu Quraiza teilnahm, um sodann eine Hinterbliebene zur Sklavin zu machen und zu vergewaltigen.

Dieselbe unfassbare Uninformiertheit, die man sich eigentlich besser mit bewusster Lüge oder Wort-Jihad erklären kann, legte auch Ork Qudzia Ahmed am 14. März an den Tag:

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Mohammed warnte vor den Fanatikern

Zur Feuilletondebatte über die Islamkritik (zuletzt Ilija Trojanow, F.A.Z. vom 10. März): Immer wieder wird der Islam von Seiten der Islamkritiker auf das härteste angegriffen. Doch nach genauerem Studieren ihrer Vorwürfe wird eines deutlich, dass immer noch viele Missverständnisse über den Islam kursieren. Als Beispiel nehme man die „Pflicht für jeden Muslim, nach Wissen zu streben“ (Überlieferung des Propheten Mohammed, Quelle: Ibn Majah). In diesem Prophetenwort werden die Muslime ausdrücklich angewiesen, Wissen zu erlangen, damit jeder Muslim, so wie es der Islam lehrt, einen hohen akademischen Grad erlangt.

Natürlich wird schon vieles unternommen von Seiten der Muslime, um die Vorurteile und Missverständnisse, die bezüglich des Islams bestehen, zu beseitigen und damit die Integration der Muslime zu fördern. Doch auf Grund radikaler Äußerungen von Seiten vieler Islamkritiker wird die Integration erschwert. Wenn viele Menschen den Islam als Bedrohung sehen und in Panik geraten, dann auch auf Grund dieser Äußerungen.

Immer wieder ist die Rede davon, die Welt müsse vor dem Islam gerettet werden. Aber vor welchem Islam und vor welchen Muslimen? Etwa den Muslimen, welche die wahren Lehren des Islams befolgen und den Islam in seiner vollkommenen Reinheit und Klarheit verstanden haben, nämlich im Sinne der Pflicht, der Schöpfung Gottes gegenüber Liebe, Zuneigung, Nachsicht und Toleranz walten zu lassen?

Hier muss doch ein Unterschied gemacht werden zwischen den moderat, friedlich lebenden Muslimen, die den Islam verstehen, offen, integrationswillig und reformorientiert sind, und den fanatischen Muslimen, die eine Art Pseudoglauben errichtet haben, der keine Ähnlichkeit mit dem wahren Islam hat. Die Welt muss gerettet werden vor diesen Menschen, die gemäß einer Prophezeiung des Propheten Mohammed die „schlimmsten Kreaturen unter dem Himmelszelt“ (Quelle: Mishkat) sind, die den Islam verunstalten und den Weltfrieden zerstören.

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Zu dumm, dass 99,99% der Mohammedanisten Klo H. Metzel als besten Menschen verehren, von dem sie uns stolz berichten, dass er ein Massenmörder und perverser Kinderschänder war. Zu dumm, dass 99,99% der Mohammedanisten den Mohammedanismus falsch verstanden haben. Zu dumm, dass die Mohammedanismus-Kritiker den Mohammedanismus fälschlicherweise mit dem Mohammedanismus in Verbindung bringen, wo doch der Mohammedanismus mit dem Mohammedanismus nicht das Geringste zu tun hat.

Dem Counterjihadi tut es da gut, in der FAZ auch Stimmen der Vernunft vorzufinden, so wie jene von Norbert Voll vom  19. März:

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Ein gewagtes grünes Schulexperiment

Zu dem von den Grünen inszenierten Schulexperiment in Nordrhein-Westfalen („Abkommen zu Islamunterricht“, F.A.Z. vom 23. Februar) sind noch gravierende Fragen offen: Kann es verfassungskonform sein, wenn der Schulträger bildungshoheitliche Rechte an muslimische Vereine abtritt?

Im Koordinationsrat der Muslime sind die Türkisch-Islamische Union (Ditib), der Zentralrat der Muslime, der Islamrat und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) zusammengeschlossen, die allesamt für einen Scharia-Islam stehen, der mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar ist. Wie wollen Schulen zur Integration in eine freie Gesellschaft beitragen, wenn durch Lernhilfen Schülern im Unterricht die Stellung der Frau im Islam, das Bild von Ungläubigen und der islamische Absolutismus vermittelt wird?

Wer übernimmt in einem völlig verschuldeten Land die Kosten für dieses Experiment? Sieht die eilfertige Ministerin nicht, dass an den Hochschulen ihres Bundeslandes nicht einmal mehr Kleinstanschaffungen – selbst in zweistelliger Kostenhöhe – möglich sind? Wieder ein Schritt in die falsche Richtung. Und niemand wird eines Tages sagen können, wir haben von nichts gewusst.

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Top-Act aber war zweifellos Samuel Schirmbeck, der am 16. März folgenden Text veröffentlichen konnte:

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Deutschland reagiert allergisch auf den Islam

Die „Demagogie“ der von Patrick Bahners als „Panikmacher“ bezeichneten Islamkritiker „schreit ein engstirniges, provinzielles, kleingeistiges Deutschland herbei“, schreibt Ilija Trojanow im Feuilleton der F.A.Z. vom 10. März. Das Gegenteil ist der Fall.

Deutschland ist inzwischen eines der weltoffensten Länder des Planeten. Sein Schrei gilt einer Religion, die – so, wie sie sich in der Welt von heute vorherrschend präsentiert, so wie sie praktiziert wird – „kleingeistig, provinziell und engstirnig“ alles das ausschließt, was in Deutschland akzeptiert wird: selbstbewusste Frauen, sexuell sich selbst bestimmende Mädchen, homosexuell lebende Menschen, Sitten und Gebräuche fremder Kulturkreise, Geschlechtermischung, freies Nachdenken, Religionsfreiheit und Religionskritik. Trojanow möge mir ein Land nennen, in dem es weniger rassistisch zugeht als hierzulande, und dabei allerdings bedenken, dass es ein Paradies auf Erden nicht gibt.

Die Kritik am Islam, wie sie Necla Kelek übt, könnte Trojanow in vielen muslimischen Ländern von Muslimen selbst hören. Als ARD-Korrespondent in Nordafrika von 1991 bis 2001 ist es mir so ergangen. Als ich dann in Deutschland die Artikel von Frau Kelek las, freute ich mich, dass sie diesen Muslimen recht gab. Sie schreibt keine „Pamphlete“, sondern eher brave, fast volkshochschulmäßige Schilderungen der Hauptprobleme des heutigen Islam. Deutschland möchte keinen „kulturellen Protektionismus“, wie Trojanow meint, sondern reagiert inzwischen allergisch gegen kulturellen Provinzialismus, gegen Ausgrenzung, auch im Namen der Religion. Lange genug hat es gedauert.

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Time am 21. März 2011

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