Posts Tagged ‘Sayyid Qutb’

Paradigmengleichheit

28. November 2016

jeremy-corbyn

Orklakai Jeremy Corbyn

Einen Aufsatz von S. M.-T. über Deckungsgleichheiten zwischen Linken und Orks brachte „Audiatur“ (1).

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Ich habe den Artikel auf Bitte des Autoren entfernt (s.u.).

Time

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Time am 28. November 2016

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1) http://www.audiatur-online.ch/2016/11/28/islamistische-organisationen-und-die-antizionistische-linke/

Eine faschistische Ideologie

17. Dezember 2015

Nazislahm

Dass der Nazislahm eine Spielart oder vielmehr Urart des Nationalsozialismus ist, ist seit Jahren eine Kernthese des Counterjihad.

Neu ist, dass diese These immer weitere Kreise zieht und z.B. auch in der bolschewistischen Wochenzeitung „Freitag“ von Michael Jäger aufgegriffen wird (1).

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Ode an den Tod

IS: Seine Jünger im Westen sind „aktive Nihilisten“, schreibt Jürgen Manemann. Parallelen zum klassischen Faschismus sind unübersehbar.

Jürgen Manemanns Büchlein „Der Dschihad und der Nihilismus des Westens“ erscheint zum rechten Zeitpunkt. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg? lautet der Untertitel. Die Attentäter von Paris waren kein Nahostimport. Was Manemann zeigen will und mit Zahlen und Fakten untermauert: Solche Männer sind nicht etwa einer extremistischen Religion erlegen. Im Gegenteil, Religion spielt in ihren Erwägungen kaum eine Rolle, und sie kennen sich wenig in ihr aus.

Innerhalb Europas werden die meisten IS-Kämpfer in Belgien rekrutiert: 400 Muslime von 400.000. In Ägypten aber zum Beispiel, wo es 70 Millionen Muslime gibt, sind maximal 3.000 Menschen beigetreten. Die Ägypter werden über den Islam Bescheid wissen, die Teilnehmer der terroristischen „Sauerland-Gruppe“ berichten aber, dass es religiöse Unterweisung im Ausbildungslager kaum gegeben habe.

Auch der deutsche Verfassungsschutz spricht der religiösen Motivation keine bedeutende Rolle zu. Sogar der Salafismus scheint mehr eine Jugendprotest- als eine Erweckungsbewegung zu sein. Und auch aus Österreich hören wir, dass paradoxerweise gerade bei denjenigen Dschihadisten, die zum Islam konvertiert sind, ein religiöser Hintergrund gefehlt habe.

Aber wenn nicht die Religion, was ist es dann sonst? Der frühere Dschihadist Irfan Peci, ein Bosnier, der später V-Mann wurde, sagt: „Ich bin immer noch gläubiger Muslim. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann war mein Glaube nicht der Hauptgrund dafür, einen amerikanischen GI halb zu Tode zu treten. Es war etwas anderes. Ich wollte stark sein. Ich wollte Chef sein. Ich wollte der Langeweile entkommen.“ Die Situation, aus der heraus es zu solchen Sätzen kommt, scheint exemplarisch. „Immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen, verlieren die Kontrolle über das eigene Leben“, stellt Manemann fest. Dieser Kontrollverlust tritt aber nicht nur ein, wenn einer den Arbeitsplatz verliert. Viele spätere Dschihadisten waren sozial gut integriert, doch ein kleines Scheitern überforderte sie schon. Zum Beispiel, dass einer sich mit seinem Vater überwarf. Youssef el-Hajdib, der Kofferbomber von Köln, wollte Ingenieur werden, um die Ehre seiner verarmten Familie wiederherzustellen – da jedoch der Studienerfolg auf sich warten ließ, dachte er, die Teilnahme am Krieg sei auch ein Weg. Das Internet unterstützt solche Kurzschlüsse. „Der Sprung von der Virtualität in die Realität ist ein Klacks“, sagt Irfan Peci. Und wie Olivier Roy, ein Politikwissenschaftler, ergänzt, „haben Gewaltfilme sehr großen Erfolg in den französischen Banlieues“.

Da unterscheiden sich IS-Jünger nicht sehr von prügelnden Neonazis. Auch ihnen scheint der Unterschied von Virtualität und Realität zu verschwimmen. „Der jugendliche Mörder, der Jagd auf Wehrlose macht, gibt, nach seinen Motiven gefragt, folgende Auskünfte: ‚Ich habe mir nichts dabei gedacht.‘ – ‚Mir war langweilig.‘ – ‚Die Ausländer waren mir irgendwie unangenehm.‘ Das genügt.“ So wird Hans Magnus Enzensberger zitiert. Im Vordergrund stehe „das Verlangen nach der leeren Aggression“. Am interessanten und wichtigsten ist aber die „Langeweile“. Von ihr scheinen Neonazis wie Dschihadisten befallen zu sein, und man kennt sie als Stichwort, das eine nihilistische Situation andeutet.

„Aktiver Nihilismus“ ist Manemanns Diagnose, die übrigens von Navid Kermani geteilt wird (Dynamit des Geistes, Göttingen 2002). Der aktive Nihilist leidet darunter, dass es neben ihm noch andere gibt. Angst vor dem Fremden, in der sich Todesangst kristallisiert, ist zwar ein anthropologisches Phänomen. Der aktive Nihilist leidet aber so sehr darunter, dass er die anderen totschlagen will. Um nicht nachdenken zu müssen, wie André Glucksmann schreibt: „Die Ideen spielen keine große Rolle, auch der Anlass ist unwichtig.“ Wie muss der Sinn zusammengebrochen sein, bis es so weit kommt. Wichtiger als das eigene leere Leben wird ein selbstgewählter Tod, durch dessen verheerende Folgen man kurz zwar nur, aber gleichsam endgültig zum „Chef“ wird. Wir haben es schon bei Theodor W. Adorno gelesen: Je mehr mir mein Tod zeige, dass ich gar nicht gelebt habe, desto schrecklicher werde er und desto größer werde die Todesangst. Das sei die gesellschaftliche Situation. Die im Westen lebenden Jugendlichen jedenfalls, die zum Dschihad konvertieren, scheinen es so zu empfinden. Das Selbstmordattentat schafft volles Leben wenigstens im Sterbensaugenblick.

Das Führerprinzip

Hier zeigen sich auch Verbindungen zum klassischen Faschismus. „Bekanntlich lautete der Schlachtruf der spanischen Faschisten: ‚Viva la muerte – Es lebe der Tod!‘“, ruft Manemann in Erinnerung. „Es zeichnete gerade den hitlerischen Radikalfaschismus aus, dass er den Naturgrund des Zusammenlebens als einen ‚Todeskampf der souveränen, kriegerischen, in sich antagonistischen Gruppe‘ verstand.“

Auch andere Übereinstimmungen fallen auf: das Führerprinzip, die Erbarmungslosigkeit, die Dauermobilisierung. Der Dschihadismus ist mit dem europäischen Faschismus auch direkt verbunden. Sayyid Qutb, 1906 in Ägypten geboren, führender Theoretiker der Muslimbruderschaft, hat die IS-Ideologie wesentlich mitgeprägt. „Gegen die Dekadenz, von der sich der Dschihadist umgeben sieht, setzt er auf eine neue Vitalität, die erst durch den Kampf entfacht werde.“ „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“, schreiben dann die Täter der Anschläge in Madrid am 11. März 2004. Wegen der Huris im islamischen Paradies? Schwerlich.

Eher wegen ihrer „Erfahrung des Nichts“, wie es im Jugendbuch Nichts der dänischen Schriftstellerin Janne Teller erzählt wird: Schon die Kinder erkennen, „dass in ihrer Welt nichts wirklich etwas bedeute, dass die Erwachsenen nur so täten, als ob irgendetwas etwas bedeuten würde“. Der Dschihad braucht nicht importiert zu werden, wir selbst bringen ihn hervor.

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Time am 17. Dezember 2015

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1) https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/ode-an-den-tod

Steine sind stumm

5. September 2015

Palmyra

Warum eigentlich ereifern sich unsere MSM so über die Abtragung von ein paar Steinen, die vor ein paar hundert Jahren übereinandergeschichtet wurden?

Jeden Tag werden weltweit an die 300 Christen wegen ihres Glaubens ermordet (1), die meisten von ihnen von Mohammedanisten. Dennoch herrscht bei uns unter der Mehrheit der Bürger der Konsens, dass sie nicht besonders schutzbedürftig seien, beim Asyl nicht bevorzugt werden sollten, und dass statt ihrer vielmehr eine Million mohammedanistischer, jungmännlicher Wirtschaftsflüchtlinge und Jihadisten ohne Wenn und Aber bei uns aufgenommen werden sollen. Das Leben von mehr als Hunderttausend jährlich ermordeter anständiger Menschen ist völlig egal, aber ein paar umgestoßene Steine eines längst vergangenen heidnischen Kultes in einem syrischen Kaff namens Palmyra rühren zu Tränen?

Die Innenstadt von Würzburg ist im Krieg gegen den deutschen Nationalsozialismus zu 95% zerstört worden. Heute aber sieht sie schmuck aus wie eh und je. Es wäre kein Problem, all die Steine wieder kunstvoll übereinanderzuschichten, wenn der IS-IS zerschmettert würde. Da braucht es auch gar keine Science-Fiction-Lösung wie die von Lena Bopp von der „FAZ“, die „Mit 3-D-Druckern gegen das Vergessen“ kämpfen will (2). Das geht schon jetzt und ist nicht schwer, nur eben muss der IS-IS vernichtet werden – aber nicht unbegründeterweise vertritt z.B. der arabische Dichter und Counterjihadi Adonis die Ansicht, dass dieses widerwärtige Terrorregime vom Westen gewollt ist (3).

In der FAZ faselt Rainer Hermann ausgehend von den Zertörungen in Palmyra von der Inspiration der Moderne für den IS-IS. Nach 1.400 Jahren ununterbrochener mohammedanistischer Eroberungs- und Vernichtungskriege hat er die Borniertheit zu formulieren (4): „Der ,Islamische Staat‘ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.“

Tja, wenn man es sich auf einem Berg von 400 Millionen durch Mohammedanisten Ermordeter bequem gemacht hat, kann man leicht die Ausrottung der Christen und Juden in Arabien durch Mohammed, die Zerstörung der Weltbibliothek von Alexandria oder die Vernichtung der indischen Nation Sind (5) aus dem Blick verlieren.

„Sie haben da was missverstanden, Herr Hermann“, meint denn auch FAZ-Leser Albert Schultheis und schreibt:

„,Der ,Islamische Staat‘ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.‘ – Nein, die Moderne steht für ein Aufblühen der Kunst, der Literatur, der Freiheit des Geistes und des Körpers und sie stellt sich damit in die Tradition der Renaissance und der Aufklärung. Nichts könnte abwegiger sein, als die Halsabschneider der vormittelalterlichen Allah-Krieger in die Tradition der Moderne zu stellen, denn diese war zuallererst das Aufbegehren gegen die jahrhundertealte Abhängigkeit der Menschen von religiösen Dogmen und überlieferten Traditionen – übrigens egal ob christliche, jüdische oder islamische. Aber gerade auf diese Moderne haben die Allah-Krieger des IS ihre Zerstörungswut gerichtet, weil die Moderne und der säkulare Staat, der aus ihr hervorging, ihren primitiven Glaubensgrundsätzen diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Das hindert sie freilich nicht, all die ,geilen‘ Produkte der Moderne zu nutzen.“

Was also soll das Gejammer um die Zerstörung der alten römisch-griechisch-syrischen Tempel?

Ich habe das Gefühl, dass hier Kritik am Mohammedanismus bequem und wohlfeil ist. Wie viele andere fanatische oder gekaufte Lakaien in den MSM ist Herr Hermann der Ansicht, dass es eine gute Sache ist, wenn der Nazislahm zur herrschenden Ordnung in Europa wird, aber ganz so deutlich traut man sich denn doch noch nicht zu sprechen.

Da macht es sich gut, wenn man zur Tarnung der eigentlichen Agenda auch mal ein bißchen auf Extremformen des Mohammedanismus schimpfen kann und dicke Krokodilstränen über den Rückbau antiker Gebäude vergießt.

Das wirkt objektiv, tut niemand weh und weckt keinen Widerstand, denn:

Steine sind stumm.

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Palmyra

Der Kulturvandalismus der Islamisten

Der „Islamische Staat“ setzt in Palmyra sein Zerstörungswerk fort. Mit der Tradition des Islam hat das nichts zu tun. Es ist ein Produkt der Moderne.

Die Liste der vom „Islamischen Staat“ begangenen Zerstörungen wird immer länger: Sie beginnt im Irak mit dem Museum und der Stadtmauer von Mossul, setzt sich in Nimrud und Hatra fort und hat nun im syrischen Palmyra einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Neben vorislamischen antiken Stätten machen die Barbaren des 21. Jahrhunderts Moscheen und Grabmäler dem Erdboden gleich, Kirchen und Klöster. Mit diesem Kulturvandalismus und der Orgie der Gewalt will uns der IS provozieren, uns unsere Ohnmacht vor Augen führen und zeigen, wer in der Levante das Schwert führt.

Doch der Terror hat mit dem primitiven dualistischen Weltbild des IS auch eine theologische Dimension. Die Ideologen des IS verherrlichen einen idealisierten frühen Islam, und sie negieren damit die 1400 Jahre lange Geschichte ihrer Religion mit all den Traditionen, in denen sie sich manifestiert hat: den mystischen Islam ebenso wie den schiitischen, die Volksfrömmigkeit ebenso wie die Vielfalt der theologischen Lehrmeinungen. Der IS-Terror löscht diese Manifestationen des historischen Islams aus und liquidiert diejenigen, die diese Ausprägungen leben.

Zeitalter der Unwissenheit

Opfer des IS-Terrors sind daneben jene, die ihr Weltbild nicht (allein) mit dem Islam begründen. Denn der IS kennt nur zwei Zustände der Welt: das Ideal des frühen Islams und die sogenannte „Welt der Unwissenheit“. Die Muslime bezeichnen gewöhnlich die Zeit vor dem Islam als das „Zeitalter der Unwissenheit“. In der Moderne aber hat sich der Blick auf die Zeit vor dem Islam verändert. So führte gerade die vorislamische arabische Dichtung, die Tugenden wie Ehre, Tapferkeit und Milde gegenüber dem Feinde pries, zur Herausbildung eines nichtreligiösen arabischen Nationalstolzes – was nicht im Sinne des IS ist.

Kategorisch verwirft der IS auch die nationalen Identitäten der wenigen nahöstlichen Staaten mit stabilen Grenzen, die in vorislamischen Kulturen gründen: Das moderne Ägypten leitet seine Identität von der pharaonischen Kultur ab, das moderne Tunesien von Karthago, der Libanon von den Phöniziern, Iran von den Achämeniden in Persepolis. In diesen Ländern entwickelte sich ein Nationalbewusstsein, das nicht des Islams bedarf. Die Verherrlichung der vorislamischen Geschichte ist somit stets Merkmal eines säkular orientierten Nationalismus.

Nationalstolz jenseits der Religionen

Gerade die Oasenstadt Palmyra hat zur Entstehung eines arabischen Nationalstolzes jenseits der Religionen beigetragen. So hatte Zenobia, die legendäre arabische Herrscherin Palmyras, Rom herausgefordert und vorübergehend die Araber mächtig werden lassen. In ihrem Jahrhundert, dem dritten nach Christus, wurde in Rom ein Araber Kaiser, Palmyra war eine bedeutende arabische Handelsstadt – alles vor dem Islam. Erst Palmyras Niedergang leitete Mekkas Aufstieg ein und damit die Entstehung des Islams.

Die Islamisten, die als Identität nur die Gemeinschaft der Muslime akzeptieren, lehnen nationale und ethnische Referenzen kategorisch ab. Sie lassen keine andere Identität als ihre islamische zu. So haben die Saudis beim Export ihres puritanischen Islams stets alte Moscheen abgerissen, um damit lokale Traditionen zu zerstören. An ihrer Stelle bauten sie gleichförmige, angeblich moderne Moscheen, über die sie dann ihren extremistischen Islam verbreiten.

In vielen Ländern haben die lokalen Islamisten jedoch die historischen Kontinuitäten, die in vorislamische Zeiten zurückreichen, längst akzeptiert. In Ägypten stellt niemand die Pyramiden in Frage, in Tunesien niemand Karthago, in Iran niemand mehr die Residenzstadt Persepolis, nachdem zu Beginn der Revolution von 1979 die dortige Bevölkerung einige Bilderstürmer daran gehindert hatte, das Weltkulturerbe Persepolis einzuebnen. In Ländern, die sich über den Islam legitimieren, hat Archäologie aber stets einen schweren Stand. Denn sie zeigt ja, dass die Welt nicht erst mit dem Islam begonnen hat.

In der Tradition des Islams kann das radikale dualistische Weltbild des IS kaum an Vorbilder anknüpfen; es ist ein Produkt der Moderne. Erst der ägyptische Denker Sayyid Qutb, der 1966 hingerichtet wurde, machte die radikale Trennung von Islam und „Unwissenheit“ populär. Er erhob zur „islamischen Pflicht“, Krieg gegen alle zu führen, die, wie die Herrscher Ägyptens, in „Unwissenheit“ verharrten. Qutb hielt die Rückkehr der „Unwissenheit“ – darunter fiel bei ihm auch der säkulare NationaIismus – für das größte Problem des zeitgenössischen Islams. Dafür hatte er nur eine Lösung: Die Herrschaft des Islams müsse überall auf der Welt durchgesetzt werden, und sei es mit Gewalt.

Islamistische Eiferer lehnen selbst islamische Altertümer ab. So hatte Ibn Baz, der dem saudischen König Fahd als Religionsminister und Großmufti diente, die Restaurierung von Altertümern in Mekka und Medina mit dem Argument abgelehnt, sie führe nur dazu, dass die Muslime diese Bauten verehrten, was ein Zeichen von Götzendienst sei, und lenke von der Unterwerfung unter den Einen Gott ab. Ibn Baz predigte in seinem Kampf gegen die „Unwissenheit“ auch, dass sich die Sonne um die Erde drehe. Wenn der IS in einer Tradition steht, dann in dieser.

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Time am 5. September 2015

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1) http://www.katholisches.info/2011/06/09/alle-5-minuten-wird-ein-christ-ermordet-osze-vertreter-legt-zahlen-zur-christenverfolgung-vor/
2) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/mit-3d-ausdruck-gegen-die-zerstoerung-der-is-13782242.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/12/29/im-interview-nochmal-adonis/
4) http://www.faz.net/aktuell/politik/islamischer-staat-will-mit-palmyra-zerstoerung-provozieren-13778591.html
5) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/09/15/naipaul-zur-vernichtung-von-sind/

Ansätze zu einer Theorie

17. Juni 2015

Jawdat Said

Claudia Mende berichtet auf „Qantara“ von „Ansätzen zur Gewaltlosigkeit“ im Mohammedanismus, die sie korrekt als „Ansätze“ bezeichnet (1).

Bemerkenswert finde ich, dass es bei mohammedanistischen Denkern bereits auszureichen scheint, wenn sie Ansätze zu einer Theorie äußern, und dass sie dann bereits als „Gandhi“ hochverehrt werden. Da haben es alle Nichtorks erheblich schwerer – aber ihr Weg war ja auch nicht so weit…

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Islamische Ansätze zur Gewaltlosigkeit

Auf den Spuren von Gandhi

Das Verhältnis des Islam zur Gewalt stellt seit den Anschlägen vom 11. September und dem Aufstieg des politischen Islam eine zentrale Herausforderung für Muslime dar. Für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema reicht die bloße Distanzierung von Terror nicht aus. Einzelne Stimmen im islamischen Spektrum gehen weiter. Sie treten für völlige Gewaltlosigkeit ein und begründen ihre Haltung auch theologisch.

Der prominenteste Vertreter einer konsequenten Gewaltlosigkeit aus islamischen Quellen ist der syrische Gelehrte Sheikh Jawdat Said. Geboren 1931 hat Jawdat Said an der Al-Azhar Universität in Kairo studiert und 1957 dort seine Studien abgeschlossen. In Ägypten hat er damals miterlebt, wie die Spannungen zwischen Muslimbrüdern und der Nasser-Regierung eskalierten. Er hat beobachtet, wie die zunehmende Militanz der Muslimbrüder Nasser den Vorwand für noch mehr staatliche Repression lieferte.

Sein wichtigstes Buch „The Doctrine of the First Son of Adam or The Problem of Violence in the Islamic Action“ erschien bereits 1964 und war eine direkte Replik auf Sayyid Qutb, einen der Begründer des militanten Islam. Said bestreitet nicht, dass der Koran das Recht auf Selbstverteidigung enthält. Trotzdem plädiert der Gelehrte, der bisweilen auch als „arabischer Gandhi“ bezeichnet wird, für einen völligen Verzicht auf Gewalt. Als politischen Rahmen für eine friedliche Lösung von Konflikten hält er den demokratischen Rechtsstaat für am besten geeignet.

Said hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die in der arabischen Welt diskutiert werden. Im Westen sind sie kaum bekannt, obwohl einige seiner Werke auch ins Englische übersetzt wurden. In seiner Heimat Syrien hat sich Jawdat Said in der demokratischen Opposition engagiert, war dort aber außerhalb von Intellektuellenkreisen wenig bekannt. 2005 hat er zusammen mit anderen Oppositionellen die Erklärung von Damaskus unterzeichnet.

Vorbild für den gewaltfreien Protest gegen Assad

„Er wurde lange Zeit in Syrien nur noch wenig wahrgenommen, aber zu Beginn der Demonstrationen gegen Assad im März 2011 tauchten plötzlich Passagen aus seinen Werken auf Spruchbändern auf“, berichtet der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Muntazer, der sich für die deutsche Stiftung Weltethos mit Ansätzen zur Gewaltfreiheit im Islam beschäftigt.

Said habe die Demonstranten immer wieder ermahnt, ihre Anliegen friedlich zu äußern und auf die Übergriffe des Regimes nicht mit Gegengewalt zu reagieren. Nachdem aus der syrischen Revolution ein bewaffneter Krieg geworden war und Saids Haus in dem Dorf Bir Ajam zerstört wurde, flüchtete der Gelehrte in die Türkei, wo er heute in Istanbul lebt.

In Indien hat Maulana Wahiduddin Khan (geb. 1925 im Bundesstaat Uttar Pradesh) eine islamische Friedenstheologie aus sufischen Quellen entwickelt und dafür zahlreiche öffentliche Auszeichnungen erhalten. Der Begründer des „Center for Peace and Spirituality“ in Neu Delhi betont immer wieder, dass Gewaltlosigkeit heute die einzige akzeptable Option für Muslime darstelle. Allerdings hat Khan mit seinen Äußerungen zum Nahostkonflikt, wo er einseitig für die israelische Seite Partei ergreift, einigen Unmut unter Muslimen ausgelöst. Insgesamt scheint seine Friedenstheologie weniger durchdacht als der Ansatz von Jawdat Said.

Ähnliche Ansätze haben der schiitische Geistliche Mohammed Al-Shirazi (1928-2001) im Iran oder Asghar Ali Engineer (1939-2013) aus Indien vertreten.

Friedlicher Widerstand in Palästina

Aber nicht nur Theoretiker haben sich mit dem Thema befasst, auch in der Praxis gibt es Beispiele von gewaltlosem zivilem Ungehorsam, zum Beispiel in der Westbank. Die palästinensischen Bauern des Dorfes Ni’lin kämpfen seit Jahren mit friedlichen Sit-Ins und Protesten um ihr Land und wollen zeigen, wie sich aus dem endlosen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt aussteigen lässt.

Von Jawdat Said haben sie noch nie etwas gehört. Sie haben sich bisher auch nicht durch Übergriffe der israelischen Armee von ihrem friedlichen Protest abbringen lassen. Nur erhalten die Bauern von Ni’lin viel weniger Aufmerksamkeit als Selbstmordattentäter und Terroristen.

Bil’in als Zentrum des gewaltlosen Widerstands in den besetzten palästinensischen Gebieten: Seit Jahren wehren sich die Einwohner des Ortes gegen ihre Enteignung. 60 Prozent ihres Landes haben sie bereits durch den Bau der israelischen Trennmauer verloren. Auf dem von Israel annektierten Gebiet wurde eine jüdische Siedlung errichtet.

Der Ägypter Mohammed Abu-Nimer plädiert dafür, sich auch in der Wissenschaft mehr solchen Beispielen von friedlichem zivilem Widerstand unter Muslimen zuzuwenden. Bisher liege der Fokus zu einseitig auf der Frage, warum es Gewalt im Namen des Islam gebe. Abu-Nimer ist kein Theologe, sondern Direktor des „Peacebuilding and Development Institutes“ an der American University in Washington D.C.

Der Konfliktforscher hat ein Konzept für Friedensarbeit im Islam vorgelegt, indem er islamische Prinzipien wie den Wert des Lebens, das Streben nach Verständigung und Harmonie identifizierte und aus ihnen eine Begründung ableitete, warum Gewaltlosigkeit ein Kernprinzip des Islam sein müsse. In den heiligen Texten und in der islamischen Tradition stünden durchaus Ressourcen zur Verfügung, die sich für die friedliche Lösung von Konflikten mobilisieren ließen, meint der Wissenschaftler. Diese Ressourcen zum gewaltfreien Ausgleich unterschiedlicher Interessen seien viel zu lange vernachlässigt worden.

Gewalt ist religiös unzulässig

Hinweise darauf, dass der Koran die Anwendung von Gewalt zur Selbstverteidigung erlaubt, helfen für Abu-Nimer heute nicht mehr weiter. „Die Zeiten haben sich geändert und deshalb ist die Verwendung von Gewalt, um Differenzen beizulegen und den Glauben zu verbreiten, religiös nicht mehr zulässig“, schreibt der Wissenschaftler.

Traditionelle Schutzmechanismen wie sie der Koran vorsieht, zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, seien im 21. Jahrhundert sinnlos. Asymmetrische Kriege, ferngesteuerte Drohnen und nicht zuletzt atomare Waffen machen eine solche Unterscheidung hinfällig.

Noch sind die konsequenten Verfechter von Gewaltlosigkeit unter Muslimen eine kaum bekannte Minderheit. Der Islamwissenschaftler Muhammed Sameer Murtaza will in einem über fünf Jahre laufenden Projekt der von dem katholischen Theologen Hans Küng gegründeten Stiftung Weltethos ihre Ansätze genauer erforschen und in der muslimischen Community bekannter machen. Die für viele neuen Gedankengänge sollen dazu beitragen, soziale und politische Spannungen abzubauen, die die muslimischen Gemeinschaften derzeit zu zerreißen drohen.

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Time am 17. Juni 2015

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1) http://de.qantara.de/inhalt/islamische-ansaetze-zur-gewaltlosigkeit-auf-den-spuren-von-gandhi