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Respekt, Furcht und Hass

20. Januar 2014

Sharon

Am 13. Januar würdigte Prof. em. Dr. Michael Wolffsohn (1) die militärischen Verdienste des verstorbenen ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon in der „Welt“ (2).

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Ariel Scharon, Lehrmeister des Anti-Terrorkrieges

Israels Ex-Premier wird für seine Weiterentwicklung des Anti-Guerilla-Krieges in die Militärgeschichte eingehen. Und als jemand, der einen eigenwilligen und zuweilen brutalen Weg zum Frieden einschlug

In die Geschichte wird er eingehen als einer der umstrittensten und brillantesten militärischen und politischen Führer seines Landes: der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon. Nach acht Jahren im Koma starb er im Alter von 85 Jahren.

Zu klein waren (und sind) die meisten, um die historische Größe Ariel Scharons zu erkennen oder gar zu benennen. Was ist historische Größe? Für Historiker anderes als für jedermann, der heute dies und morgen das als „historisch“ feiert. Angesichts der Geschichte ist eine Person oder ein Ereignis „historisch“, wenn der Gang der Dinge danach anders als vorher ist.

Was also ist durch und seit Ariel Scharon historisch anders als vor ihm? Die Antwort ist klar: Scharon hat mit seiner Strategie den Anti-Guerillakampf revolutioniert und um die Variante erfolgreicher Terrorabwehr ergänzt.

Anders formuliert: Was der Chinese Mao Tse-tung und der vietnamesische General Giap für den Guerillakrieg, ist Scharon für den Anti-Guerilla- und Anti-Terrorkrieg, der Anti-Mao.

So unterschiedlich Scharon einerseits und Mao sowie Giap andererseits, sie haben eines gemeinsam: Gewalt war für sie Mittel der Politik. Das Primat der Politik bestimmte die Anwendung von Gewalt.

Ihre Politik mag dem einen gefallen, dem anderen nicht. Das hängt von subjektiven Wertvorstellungen ab. Ihr jeweiliges Instrumentarium aber ist von Wertvorstellungen unabhängig und kann sowohl vom einen wie vom anderen eingesetzt werden.

Die Guerilla sucht Schutz unter Zivilisten

Welthistorisch betrachtet waren bis zur Ära Scharon Guerillakrieger mit herkömmlichen militärischen Mitteln praktisch unbesiegbar. David kämpft gegen Goliath – und gewinnt, wie weiland David im Alten Testament.

Um den fremden Besatzer zu schwächen, zu verunsichern, zu entnerven und so schließlich zum Rückzug zu bewegen, überfielen einheimische, zivil, also ohne Uniform oder Kriegerabzeichen gekleidete Kleinkrieger das feindliche Militär aus dem Hinterhalt. Halt, Unterschlupf und Schutz bot ihnen die eigene Zivilbevölkerung. Dort, so Mao, bewege sich der Guerilla wie der Fisch im Wasser.

Die zivile Quelle wurde von den fremden Soldaten früher oder später erkannt. Doch ins gegnerische Zivil schießt kein Militär so unbeschwert, wenn überhaupt, wie auf gegnerische Soldaten, die als Soldaten eindeutig erkennbar sind. Das ist eine militärpsychologische Grundtatsache.

Die Grundüberlegung der Guerilla ist dabei ebenso einfach wie doppelbödig und letztlich zynisch. Das eigene Zivil ist einerseits freiwilliger Partner und eher unfreiwillig Geisel. Die eigenen Zivilisten, die sich den Guerillas entziehen oder verweigern, werden als „Kollaborateure“ des Feindes denunziert und liquidiert.

Cäsar führte einst einen Vernichtungskrieg

Dieses Szenario bedeutet für jedes herkömmliche Militär: Wenn sie militärisch siegen wollen, müssten sie sowohl die gegnerischen, zivil getarnten, Krieger als auch die Zivilisten des Gegners bekämpfen, notfalls vernichten. Letzteres ist in der ohnehin schon grausamen Weltgeschichte der Kriege gottlob eher die Ausnahme als die Regel.

Doch diese Ausnahme gibt es. Man denke jüngst an den gnadenlosen Vernichtungskrieg der Regierung von Sri Lanka gegen die Tamilen im eigenen Staat oder einst an Julius Cäsars Gallischen Krieg. An dessen Ende war, so der zynische Cäsar voller Genugtuung, Gallien „befriedet“, sprich: durch verbrannte Dörfer, Städte, Erde vernichtet. Bis zu Scharon galt also im Anti-Guerillakrieg: Rückzug oder physische Vernichtung des Gegners.

Wegen der räumlichen Nähe der feindlichen Zivilbevökerung haben die palästinensischen Kleinkrieger (ebenso wie die Tamilen gegen die Singhalesen auf Sri Lanka) die klassischen Guerillastrategie um eine Variante erweitert: den Terror. Während die Guerilla auf das feindliche Militär zielt, richtet sich Terror gegen das Zivil des Feindes.

Aus und ins eigene Zivil bewegten sich sowohl die palästinensischen Guerillas als auch Terroristen. Ob sie wollten oder nicht, palästinensische Zivilisten mussten „ihre“ Guerillakämpfer und Terroristen decken. Wie in jedem Guerillakrieg gab es solche, die freiwillig mitmachten, andere unfreiwillig, weil unter Mordandrohung er- und gepresst.

Genau hier setzte Anfang der 1950er Jahre die Anti-Guerilla- und Anti-Terrorstrategie Scharons an. Und kein Zweifel, es war vor allem Scharon, der sie gedanklich entwickelte und dann auch anwandte. Zunächst, sein eigenes Leben immer wieder riskierend, als aktiver, an der Seite seiner Kameraden kämpfender Soldat, später als Minister und schließlich als Ministerpräsident.

Als Militär und Politiker verlangte er von ihnen nicht mehr als von sich selbst – aber auch nicht weniger. Weil fordernd, hochriskant und anstrengend, führt diese Haltung selten zu Beliebtheit, aber zu Respekt, Furcht und Hass.

Israel verfeinerte den Anti-Terrorkrieg

Durch ständige Verbesserung der eigenen Informationsgewinnung gelang es der israelischen Spionage seit jener Zeit immer besser, diejenigen Palästinenser ausfindig zu machen, die sich ihren eigenen Kriegern und Terroristen entziehen wollten und deren Pläne, Aufenthalt und andere wichtige Informationen den Israelis aus Selbstschutz oder Eigennutz oder anderen Motiven preiszugeben bereit waren. Man kann auch sagen: zu verraten, doch das wäre schon die Bewertung und nicht die Beschreibung der Scharon’schen Strategie.

Auf diese Weise konnten nun Scharon, seine und spätere Elitesoldaten Israels mit gewagten Kommandoaktionen gezielt Terror- oder Guerillaaktionen vergelten oder verhindern. Anders als Caesars alles vernichtender Krieg war und ist dies ein begrenzter und gezielter Kampf gegen die Feuerquelle.

Mao hatte gesagt, dass der Guerilla im eigenen Zivil wie der Fisch im Wasser schwimme. Das galt und gilt auch für palästinensische Terroristen. Scharon entzog den Fischen das Wasser.

Das liest sich so glatt und scheinbar elegant. Tatsächlich ist von schlimmen, grausamen, unmenschlichen Dingen die Rede. Oft wurden bei den israelischen Präventiv- oder Reaktiv-Aktionen unschuldige, unbeteiligte Zivilisten getötet. Mal mehr, mal weniger, immer zu viele, weil jeder Einzelne zu viel ist.

Krieg ist Krieg, das Gesetz des Krieges grausam, entsetzlich, unmenschlich. Es gilt, ihn zu verhindern. Doch wenn ausgebrochen – und Israels Überleben haben Palästinenser und arabische Staaten seit jeher bekriegt – muss er gefochten und gewonnen werden, um zu überleben.

 Töten darf nie zum Selbstzweck werden

Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, dabei die Verluste des Feindes zu minimieren. Töten darf nie Selbstzweck sein. Daran hielt sich die Scharon-Strategie weitgehend. Sie wurde im Krieg entwickelt, um Krieg zu beenden. Es war zu spät, um ihn zu verhindern.

Jenes Instrumentarium haben Israels Militär, Politik und Nahostwissenschaft so sehr verfeinert, dass immer weniger Kollateralschäden zu beklagen waren. Die sogenannten gezielten Tötungen gehören zu den neueren Methoden im alten Vorgehen. Die Drohnentechnik, in der Verbindung von Aufklärung und Tötungsfertigkeiten, macht es möglich.

Die USA wenden sie in Afghanistan, Pakistan, Somalia und im Jemen an. Alle werden nachziehen, denn die Scharon-Strategie ist nun allgemein – und deshalb historisch.

Ganz auszuschließen waren und sind auch dabei unbeabsichtigte Schäden nie. Das politische, sprich: strategische Ziel der militärischen Aktionen war für Scharon und seit Scharon für Israel eindeutig: Die mehrheitlich friedlich gesonnenen palästinensischen Zivilisten sollen ermutigt werden, sich dem durch die Scharon-Strategie sinnlosen Guerilla- und Terrorkrieg zu verweigern.

Das sei für die palästinensischen Zivilisten zwar nicht unriskant, doch letztlich weniger selbstmörderisch als die Fortsetzung der Gewalt. Nach Beendigung der Gewalt könne, müsse und werde eine politische, politisch-friedliche Lösung gefunden.

Scharon ging mit brutaler Konsequenz vor

War der Krieger Scharon also ein Mann des Friedens? Ja und nein, gerade weil er in der Anwendung seiner Strategie unglaubliche Konsequenz bewiesen hat. Was heißt „Konsequenz“? Scharon war knallhart und nicht selten brutal. Blut klebte an seinen Händen, und sein Beiname „Bulldozer“ kommt nicht von ungefähr.

Man denke an den Verteidigungsminister Scharon, September 1982, im Libanonkrieg gegen die PLO. Seine Truppen standen Gewehr bei Fuß, als Christenmilizen Hunderte von Palästinensern in den Lagern Sabra und Schatilla massakrierten.

Im aufgezwungenen Krieg war sein Krieg seine Politik – das, was er für seinen Weg zum Frieden hielt. Das sei nun kurz skizziert. Scharons rein militärischen Leistungen mögen andere würdigen: Die Kommandoaktionen seit 1953, sein Einsatz in den Kriegen von 1956 (Sinai-Feldzug), 1967 (Sechs-Tage-Krieg), 1973 (Jom-Kippur-Krieg).

Gerade im Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973 zeigte sich der politische Kopf und Charakter dieses scheinbar Nur-Haudegens: Er widersetzte sich den Vorgaben seines Oberbefehlshabers und erzielte damit, aus der Defensive, den militärischen Durchbruch gegen die Armee Ägyptens, die er einkesselte.

Der Krieger ermöglichte den Frieden

Scharon stand rund 100 Kilometer vor Kairo. Und damit war eine politische Lösung möglich. US-Außenminister Henry Kissinger begann sie, Israels Premier Begin vollendete sie 1977 bis 1982 – unter maßgeblicher Beteiligung Scharons.

Die erstmalige Räumung israelischer Siedlungen auf dem Sinai zugunsten des Friedens mit Ägypten hat Minister Scharon im April 1982 federführend für seinen Ministerpräsidenten durchgesetzt, nein, durchgeboxt.

Schon zuvor, Anfang der 1970er, als Kommandeur der Süd-Armee, hatte er die menschenunwürdigen palästinensischen Flüchtlingslager im Gazastreifen sanieren wollen. Dafür wurde ihm von der PLO – und der UN! – Unmenschlichkeit unterstellt. Es blieb also bei den unmenschlichen Bedingungen, die immer unmenschlicher wurden und so die Palästinenser weiter radikalisierten.

Das genau hatte die damalige PLO gewollt. Die islamistische Hamas erntete die Früchte – gegen die PLO und Israel. Wäre der Scharon-Plan realisiert worden, hätte sich die Politik in Gaza anders entwickelt. Menschlicher. Nein, nicht aus reiner Menschenliebe oder zum ausschließlichen Wohl der Palästinenser hat Scharon diesen Plan entwickelt. Er wollte den Guerilla- und Terror-Fischen das Wasser entziehen.

Siedlungen als Faustpfand für Verhandlungen

Wie ist seine seit 1977 vehement betriebene Siedlungspolitik zu beurteilen? Etwa auch, wieder gegen den Strom schwimmend, positiv, friedensbezogen? Ja, auch wenn mich manche Leser dafür steinigen.

Der massive Aus- und Aufbau israelischer Siedlungen im Westjordanland begann 1977 unter der Regie von Begin und Scharon. Gleichzeitig führte die Begin-Scharon-Dajan-Regierung seit Sommer 1977 hinter den Kulissen und seit November 1977 auf der weltpolitischen Bühne Friedensgespräche mit Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat.

Im September 1978 wurde das Camp-David-Abkommen geschlossen, im März 1979 der israelisch-ägyptische Friedensvertrag. Beide sahen für Gaza und das Westjordanland eine weitgehende Selbstverwaltung („Autonomie“) vor. Deren politische Dynamik hätte unweigerlich zur Gründung eines Palästina-Staates geführt. Wenn die PLO unter Arafat diesen Prozess nicht torpediert und sich sowie das Volk der Palästinenser damit selbst geschädigt hätte.

Zunächst waren diese Siedlungen nämlich ein israelisches Druckmittel in den Friedensverhandlungen: Wenn wir einen politischen, nichtmilitärischen Weg finden, bauen wir auch keine Siedlungen. Legt die Waffen nieder, und es gibt keine neuen Siedlungen. Macht ihr weiter, wird unser Appetit auf Siedlungen größer. So oder so, aus Sicht Scharons nur vorteilhaft.

Jene leisen Töne wurden auch international überhört, und die sich dann entwickelnde Eigendynamik der Siedlungspolitik führte dazu, dass heute rund eine halbe Million Israelis im Westjordanland (einschließlich Ost-Jerusalem) leben. Auch das wäre vermeidbar gewesen, wäre Scharons Signal verstanden worden.

Viele vergebene Chancen

Dass es nicht verstanden wurde, überrascht noch mehr, wenn man bedenkt, dass Scharon als erster etablierter Politiker, als erste Nicht-Friedenstaube Israels, vor Sadats historischem Besuch in Jerusalem (November 1977) seine Bereitschaft bekundet hatte, mit Arafat und der PLO zu verhandeln. Wörtlich: „Es kommt nicht darauf an, mit wem, sondern worüber und wofür verhandelt wird.“ Überhört, abgelehnt.

Als Ministerpräsident entwickelte er die Anti-Terrorstrategie weiter, nachdem sich palästinensische Überfälle und Anschläge auf israelische Zivilisten und Militärs in der Zweiten Intifada (2000-2005) aus dem Westjordanland gehäuft hatten. Er ließ zwischen Israel und dem Westjordanland einen „Trennzaun“ bauen.

Faktisch ist es eine Mauer. Sie stellt die Berliner Mauer in den Schatten. Sie trifft das Westjordanland bis ins Mark. Das ist die eine, inhumane Seite. Die andere, humane: Ohne eine verheerende Militäraktion zu starten, hat sich Israel als Terror-Zielscheibe entzogen. So besiegte Scharon die Zweite Intifadah.

Im Grunde genommen handelte Scharon wie einst Bismarck, 1866 nach dem gewonnen Krieg gegen Österreich. Er schlug es militärisch und öffnete den Rückweg in die Politik.

Der Rückzug aus Gaza

Diesen Weg ging Scharon 2005 weiter: Gegen den massiven Widerstand seiner Koalition, Partei und Öffentlichkeit räumte er alle Siedlungen im Gazastreifen. „Land für Frieden“. Die internationale Gemeinschaft forderte und fordert das von Israel seit jeher.

Statt Frieden fürs Gaza-Land bekam Israel von der Hamas allerdings Raketen. Doch Scharon wollte den politischen Weg fortsetzen. Dafür gründete er eine eigene Partei. Er verließ den von ihm 1973 mitgegründeten Likud. Gemäßigte Politiker wie Schimon Peres schlossen sich ihm an. Im Januar 2006 wurde Scharon vom Schlag getroffen.

Seine Nachfolger hatten nicht den Willen, die Fähigkeit oder die Kraft, Scharons Weg zum Frieden zu vollenden.

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Time am 20. Januar 2014

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Wolffsohn
2) http://www.welt.de/politik/ausland/article123790862/Ariel-Scharon-Lehrmeister-des-Anti-Terrorkrieges.html

KEIN Dilemma

4. Februar 2012

Auf „Welt-online“ machte Clemens Wergin gestern auf die unkomfortable Lage Israels, das von Feinden umgeben ist, aufmerksam (1), und er gab einen exzellenten Überblick über das Gesamtproblem:

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Israel und das gefährliche iranische Roulette

(…) Jedes Jahr kommen bei der Sicherheitskonferenz in Herzlija Experten aus der ganzen Welt zusammen und messen die Temperatur der kränkelnden Nahostregion. Und die ist diesmal besonders hoch. Die Israelis sehen sich eingekreist von einer islamistischen Welle, die immer mehr arabische Länder erfasst.

Dazu kommt das iranische Atombombenprogramm, das, so viele Fachleute, in diesem Jahr in die entscheidende Phase eintritt. „Wir befinden uns im Auge eines Sturms“, sagt etwa der israelische Generalstabschef Benny Gantz.

Seine Liste möglicher Herausforderungen, auf die sich das Militär einstellen muss, reißt gar nicht mehr ab. Libanon und Gaza seien zu den größten Waffenlagern geworden, die man je gesehen habe. Jeder Teil des Landes werde inzwischen von Raketen bedroht. Und die Israelis haben besonderen Respekt vor den Antitank-Raketen der Terroristen, die inzwischen „präzise aus einer Distanz von 6 Kilometern“ treffen könnten.

Der Leiter des Militärgeheimdienstes, Aviv Kochavi, sagt, dass Israels Feinde inzwischen über 200.000 Raketen verfügten. Die meisten davon hätten nur eine Reichweite von etwa 40 Kilometern, einige tausend könnten aber mehrere 100 Kilometer weit fliegen.

Besonders im Südlibanon seien Waffenlager und Raketenstartplätze massenhaft in Wohnhäusern eingerichtet worden, was Israel im Falle eines Krieges vor schwierige Herausforderungen stellen würde.

Sinai-Halbinsel – Eine gesetzlose Region

Neben einer Konfrontation mit irregulären Kräften muss Israel sich aber nun auch im Süden wieder auf eine Konfrontation mit einer großen regulären Armee vorbereiten. Denn wer weiß schon, ob die Islamisten in Kairo am Friedensvertrag festhalten werden.

Ohnehin ist die Sinai-Halbinsel schon so etwas wie eine gesetzlose Region geworden, mit Radikalen von Hamas oder al-Qaida, die Israels Grenzen zu infiltrieren suchen, um im Land gegen Zivilisten loszuschlagen.

Letztlich können die Israelis nur zuschauen, wie sich um sie herum das Drama der arabischen Revolutionen entfaltet. Beeinflussen können sie diese Entwicklungen nicht. „Das ist keine israelische Angelegenheit, sondern eine arabische Angelegenheit“, sagt Israels Präsident Schimon Peres. „Aber das Ergebnis wird Auswirkungen auch auf Israel haben.“

EU-Außenminister beschließen Öl-Boykott gegen Iran

Kaum ein Thema hält die Sicherheitsexperten aber so in Atem wie der Iran, den Peres als eins der „moralisch korrumpiertesten Regime der Welt“ bezeichnet. In Herzlija gab es einerseits viel Lob für das europäische Öl-Embargo, andererseits große Skepsis, ob das Teheran umstimmen wird, wenn es nicht gleichzeitig mit einer glaubwürdigen militärischen Drohung verbunden ist.

Diese lieferte denn auch prompt Verteidigungsminister Ehud Barak, der warnte, dass die Zeit auslaufe, weil Iran seine Urananreicherungsanlagen in neu gebaute Bergbunker verlege. „Wer immer nur ,später‘ sagt, wird möglicherweise herausfinden, dass später zu spät ist“, sagte Barak und wiederholte es noch einmal auf Englisch um sicher zu gehen, dass die Botschaft auch ankommt.

Politiker martialischer als Militärs und Experten

Militärgeheimdienstchef Aviv Kochavi präzisiert den Zeitrahmen: Wenn Religionsführer Ali Chamenei den Befehl gäbe, könne der Iran innerhalb von einem Jahr eine Bombe bauen. Es werde ein bis zwei weitere Jahre dauern, bis auch die Raketenrägersysteme dafür fertig seien.

Aussagen wie die Baraks machen Amerika und Europa stets nervös. Und letztlich bleibt unklar, ob diese israelischen Botschaften allein darauf ausgerichtet sind, den Westen zu entschlossenerem Handeln zu bewegen und die Iraner von Israels Ernsthaftigkeit zu überzeugen, oder ob man in Jerusalem wirklich handeln will.

Möglicherweise trifft eine Mischung aus beidem zu. Es war jedenfalls auffällig in Herzlija, dass die Politiker weit martialischer auftraten als die Militärs und andere Experten. Auch deshalb, weil im Iran zum ersten Mal in den fast zehn Jahren des Atomstreits die Folgen der Sanktionen spürbar werden.

Die Maßnahmen gegen den iranischen Finanzsektor scheinen langsam zu greifen und die Führung in Teheran wird ob der dramatischen Abwertung des Rial zunehmend nervös. In der vergangenen Woche gab es sogar Berichte über einen Sturm auf eine iranische Bank, weil die Bürger ihr immer schneller wertlos werdendes Geld in materielle Güter anlegen wollen.

„Zu viele Lücken im Bereich der Finanzwirtschaft“

Andererseits weitet Teheran seine Bemühungen aus, die Sanktionen zu umgehen. Irans Revolutionsgarden, die laut Schätzungen inzwischen 20 bis 30 Prozent der iranischen Wirtschaft kontrollieren, haben ganze Wirtschaftszweige darauf ausgerichtet, die Sanktionen zu umgehen.

„Es gibt noch immer zu viele Lücken im Bereich der Finanzwirtschaft“, sagt etwa David Nordell, ein Experte für illegale Finanzströme. „Bisher war Dubai einer der Standorte für Irans illegale Finanzaktivitäten. Inzwischen wird das aber auch über die Türkei abgewickelt.“

Für den amerikanischen Außenpolitikexperten Robert Blackwill liegt jedenfalls auf der Hand, dass „die europäische Bereitschaft, die Sanktionen substanziell zu verschärfen in einem direkten Zusammenhang mit der israelischen Bereitschaft steht, miltärische Gewalt einzusetzen“. Ohne diese im Raum stehende Drohung wären die Europäer wohl nicht so weit gegangen.

Die überwiegende Mehrheit der israelischen Experten plädiert dafür, nun erst einmal abzuwarten, ob die sich verschärfende Wirtschaftskrise im Iran zu einer Neubewertung der Kosten-Nutzen-Rechnung in Teheran führt, weil die Sanktionen inzwischen die Stabilität des Regimes gefährden. (…)

Ausdehnung der subversiven und destabilisierenden Aktionen

Die Israelis setzen sich jedenfalls intensiv mit der Frage auseinander, ob es denkbar wäre, einen nuklear bewaffneten Iran abzuschrecken, falls Israel sich entscheiden sollte, die Nuklearanlagen nicht anzugreifen. Die meisten Experten sind sich einig, dass ein direkter Einsatz der Bombe gegen Israel nicht sehr wahrscheinlich, aber gleichzeitig mit einem hohen Risiko behaftet wäre für die Existenz des Staates.

Wahrscheinlicher ist, dass Iran seine subversiven und destabilisierenden Aktionen in der Region und darüber hinaus ausdehnen wird, weil der Nuklearschirm Schutz vor Vergeltungsaktionen schafft. Und die Gefahr eines versehentlichen Nuklearkriegs würde erheblich steigen. Denn nach dem Iran würde sich als erstes auch der Machtkonkurrent am Golf, Saudi-Arabien, eine Bombe verschaffen.

Die Saudis haben laut Aussage vieler Fachleute ein Abkommen mit den Pakistanis, weil sie beim Aufbau des dortigen Atomprogramm geholfen haben. Mehrere Szenarien wären möglich: Pakistan hilft den Saudis beim Aufbau eines eigenen Atomprogramms. Oder sie verkaufen eine fertige Bombe an den Partner.

Denkbar ist auch, dass die Pakistanis ihre eigenen Atomwaffen auf saudischem Boden stationieren, ähnlich wie es die Amerikaner in Europa getan haben.

Gerade in Europa glauben viele, ein atomar bewaffneter Iran ließe sich per Abschreckung eindämmen, wie es dem Westen ja auch mit der weit mächtigeren Sowjetunion gelungen ist. Nach dem Motto: Was man nicht verhindern kann oder will, muss man akzeptieren.

Schon einmal nur knapp an einem Atomkrieg vorbei

Tatsächlich ist die Welt aber in der Kubakrise nur sehr knapp an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt. Und die Frage ist, ob die Iraner mit dem paranoiden Weltbild ihrer Führer in Krisensituationen tatsächlich ausrechenbar sein würden. Zumal man es sehr bald nicht mehr mit zwei atomar bewaffneten Akteuren zum tun haben würde, sondern mit einer „Perlenkette“ von Atommächten, die wahrscheinlich von der Türkei bis nach Nordkorea reichen würde.

„Amerikanische Sicherheitsgarantiengarantien würden nicht ausreichen, um einen polinuklearen Mittleren Osten zu verhindern“, glaubt Shmuel Bar, Direktor für strategische Studien in Herzlija. Und das würde die Gefahr versehentlicher Atomkriege stark erhöhen.

Man muss sich nur vorstellen, einer der dann vielen benachbarten Atomstaaten aktiviert in einer Krisensituation seine Atomstreitkräfte. Das würde in allen Staaten jener „Perlenkette“ ebenfalls zu Aktivierung führen. Und dann kann eine falsche Radarmeldung oder ähnliches ein Armaggedon auslösen.

Schon wegen der räumlichen Nähe bliebe auch weit weniger Zeit als es die Supermächte hatten, um Fehleinschätzungen noch rechtzeitig zu korrigieren.

Erfahrungsgemäß brauchen verfeindete Staaten wie etwa Indien und Pakistan 15 bis 20 Jahre um nuklear „sozialisiert“ zu werden. Erst dann haben die Konkurrenten Analysefähigkeiten und Handlungsprotokolle sowie Kommunikationskanäle entwickelt, um eine atomare Eskalation zu verhindern. Das Problem, so viele Israelis, sei, diese ersten 15 Jahre zu überleben. Iranisches Roulette. (…)

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Ich meine, die Weltsicht der naziranischen Führer ist nicht nur paranoid, sie ist auch nihilistisch, apokalyptisch, selbstzerstörerisch und wahnhaft. Dies scheint bei allen orkischen Führern der Fall zu sein, und das ist der Unterschied zur Kuba-Krise.

Die Kommunisten waren in der Lage, objektive Berechnungen durchzuführen, Kosten und Nutzen abzuwägen und die Konsequenzen zu ziehen. Kuba engagierte sich zwar noch im Stellvertreterkrieg Angola, blieb aber ansonsten defensiv.

Anders Saddam & Co., die ungeachtet ihrer Lage nicht müde werden, fortwährend Drohungen gegen den Westen und vor allem Israel auszustoßen. Dabei ist die Bezeichnung unserer jüdischen Freunde als „Krebs“ die Regel (2):

„’Der Iran hilft jedem dabei, Israel zu bekämpfen’, sagte Chamenei den Teilnehmern der Freitagsgebete in Teheran. ‚Das zionistische Regime ist ein Krebsgeschwür, das abgeschnitten werden muss und  auch wird’, wird der iranische Führer in der Zeitung ‚Yediot Aharonot’ zitiert.“

Diese debilen und bösartigen Sprüche gehen eindeutig zu weit, und zu einem Sturz des Regimes gibt es m.E. keine Alternative mehr. Er kann im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die naziranische Atombombe erfolgen oder später, aber er wird kommen.

Wie hatte Aff-Affie doch mit der angeblich bevorstehenden Übernahme Europas durch die Orks geprotzt. Nun, er wird sie nicht mehr erleben. Der alte Mübarek, Ben Ali, Assad, Saddam, A*schl*ch bin Ka*ken: Sie alle waren unfähig, die Zeichen der Zeit zu deuten, und sie alle wurden hinweggefegt.

Natürlich ist es nicht schön, dass die Islamisten immer mehr offen die Macht übernehmen, aber kaum einer beim Counterjihad hatte mit einer anderen Entwicklung gerechnet. Gut ist, wenn sich die Fronten klären, und je unordentlicher die Orkhaufen durcheinanderpurzeln, desto besser für uns.

Wenn ich ein naziranischer Führer wäre, würde ich die jüngste Entwicklung der Diskussion, in der jetzt offen erörtert wird, ob ein Militärschlag im April, Mai oder besser Juni durchgeführt werden sollte, sehr ernst nehmen. Ich würde meine Rhetorik herunterfahren und das Atomprogramm beenden. Denn über das Atomprogramm hinaus geht es natürlich um die Eindämmung des globalen Jihad, der maßgeblich durch Naziran und den Schiismus befeuert wird.

Hans-Christian Rößler berichtete in der heutigen FAZ über ein Umdenken in Israel:

„Gleichzeitig nimmt in Israel die Furcht vor der Reaktion Irans und seiner Verbündeter auf eine Militäraktion ab. Meir Dagan, der frühere Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad, warnt zwar unablässig vor einem regionalen Krieg. Mittlerweile werden aber andere Szenarien für möglich gehalten: Nach der Arabellion kann sich Iran demnach nicht mehr darauf verlassen, dass seine wichtigsten Verbündeten diesen Vergeltungsschlag mit der erhofften Härte ausführen. Vor allem die libanesische Hizbullah und die palästinensische Hamas haben nach dieser Denkschule andere Prioritäten. Hizbullah-Führer Nasrallah wolle am Ende seine Miliz als politische Kraft im Libanon etablieren und werde deshalb keinen offenen Krieg mit Israel riskieren. Die Hamas habe längst damit begonnen, von Teheran abzurücken und sich in der arabischen Welt in Kairo, Ankara und Amman neue Verbündete zu suchen. Iran unterstützt deshalb schon seit mehr als einem Jahr die kleinere und radikalere Gruppe ‚Islamischer Dschihad’. Syrien ist wegen des Aufstands gegen Präsident Assad geschwächt und stark mit sich selbst beschäftigt. Auf dem Umweg über Damaskus sehen einige Israelis die Chance, Iran einen schweren Schlag zu versetzen, weil Syrien der letzte arabische Verbündete Teherans ist.“

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Den gesamtcounterjihadischen Zusammenhang kann man auch von Lothar Rühl leider nicht erwarten. Zwar leistet er sich in der heutigen FAZ keinen „dicken Hund“ (3), aber er lässt in eher unbegründeter Weise durchblicken, dass er gegen einen Militärschlag ist.

„Die politische Option bringt ebenso schwerwiegende Risiken mit sich wie die militärische und bietet ebenso wenig eine zuverlässige Lösung. Gegenüber Iran steht die Welt vor einem klassischen Dilemma.“

Aber nicht doch, das ist kein Dilemma! Leben ist nun mal riskant und endet stets mit dem Tod, und da Stillhalten mindestens ebenso gefährlich ist wie eine Militäraktion, was Rühl ja selbst zugibt, sollte man wie im Irak gleich reinen Tisch machen, und sich nicht auf die Atomfrage beschränken sondern auch das faschistische Regime stürzen. Ein Dilemma gibt es nur für unsere japanischen Freunde, weil die 40% ihres Öls von dort beziehen (4). Aber Freunde helfen sich, und dann geht’s los!

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Klassisches Dilemma

Es gibt weder politische noch militärische Lösungen
gegenüber Iran ohne Risiko

Die glatte Einfahrt einer amerikanischen Flugzeugträger-Kampfgruppe in den Persischen Golf hat gezeigt, dass militärische Optionen zur Verstärkung des Drucks auf Iran kein unkalkulierbares Risiko mit sich tragen. Das ist keine Überraschung, wobei zu bemerken ist, dass britische und französische Kriegsschiffe die amerikanischen begleiteten. Es handelt sich also um eine alliierte Aktion unter amerikanischer Führung.

Die „rote Linie“, die Präsident Obama in einer Botschaft an den religiösen Führer Irans an der Straße von Hormus zog, ist damit auf der Seite der westlichen Verbündeten eine gemeinsame Position am Golf. Sie ist Grundlage für eine gemeinsame Strategie, die militärische Gewalt einschließt, auch wenn diese als Ultima Ratio eingesetzt würde. Obwohl China, wie Russland, sowohl schärfere Sanktionen als auch militärische Pressionen gegen Iran offiziell ablehnt, ist es doch auf das Golf-Öl angewiesen, wie Indien und andere asiatische Länder, und damit auf die freie Schifffahrt durch den Golf. Die „rote Linie“ ist deshalb eine internationale Begrenzung der iranischen Handlungsfreiheit in der Krise.

Die Machtdemonstration der drei atlantischen Hauptverbündeten, die gemeinsame westliche Sicherheitsinteressen wahren und die arabische Golfküste mit den amerikanischen Stützpunkten abschirmen und dabei auch die globale Erdöl-Versorgung aus dem Golf sichern, stärkt die internationale Sanktionspolitik wie die internationale Diplomatie.

Dies dient auch dazu, den Vertrag gegen die Weiterverbreitung nuklearer Waffen (NPT) zu erhalten, der an seinen Flanken bisher politisch ungedeckt und also umgehbar war, was Indien und Pakistan sowie Nordkorea mit ihren Atomversuchen bewiesen haben. Washington hat seit der Clinton-Präsidentschaft Nordkorea immer wieder Konzessionen für die Vertragseinhaltung angeboten oder gemacht. Was folgt daraus für Iran oder eines Tages für ein anderes Land, zum Beispiel für Brasilien, Saudi-Arabien oder die Türkei?

Die iranische Atompolitik nutzt die offenen Flanken des Vertrags und die sowohl pragmatische als auch bisher zurückhaltende Politik Amerikas, um den Vertrag und dessen Kontrollregime zu umgehen oder zu blockieren. Es geht dabei in Teheran offensichtlich um Zeitgewinn, bis die Kernwaffenschwelle des iranischen Atomprogramms erreicht und damit die nukleare Rüstungsoption geschaffen ist.

Dieses Spiel auf Zeit mit unverbindlichen Gesprächen, Besuchen der Inspektoren der internationalen Kernkraftbehörde IAEA, Berufung auf die „friedliche Natur“ des Programms und Drohungen im Falle schärferer Sanktionen muss vor dem Moment, da Iran die nukleare Rüstungsoption erreichen kann, beendet werden.

Dabei geht es auch um die existentielle Bedrohung Israels und dessen Präventivschlag-Optionen gegen ausgewählte Ziele in Iran. Wann dieser Moment eintritt, lässt sich aus nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, die sich schon in der Vergangenheit als unsicher erwiesen haben, nicht eindeutig schließen. Heute nehmen die alliierten Regierungen an, dass der religiöse Führer Chamenei sich noch nicht für einen Atomtest und den Bau eines Atomsprengkörpers entschieden habe. Also können sie versuchen, noch Einfluss auf ihn zu nehmen.

Das iranische Programm wurde außerdem durch Störung von außen wenigstens verzögert und durch Sanktionen wirtschaftlich verteuert. Es hat Kommando-Operationen gegen einzelne Objekte und Personen gegeben, etwa gegen iranische Nuklearfachleute, es gab „Cyber“-Attacken gegen die Stromversorgung oder einschlägige Infrastruktur. Aber sie bauen keinen unwiderstehlichen Druck auf das Regime in Teheran auf, solange sie nicht in eine militärische Operation umschlagen, das heißt in kriegsartige Handlungen wie eine See-, Luft- und Landblockade. Gegen eine militärische Eskalation der Dauerkrise würde sich Iran irgendwie wehren. Die Erdölversorgung könnte darunter leiden, mit Folgen für die Weltwirtschaft, vor allem aber auch für Amerika, wie Finanzminister Geithner kürzlich in Davos erklärte.

Für eine Blockade müssten wenigstens die verbündete Türkei, Irak, Pakistan, Aserbaidschan und Turkmenistan, dazu die arabischen Golfstaaten, die eine iranische Bedrohung fürchten, als passive Partner gewonnen werden. Dies würde für die arabischen Küstenländer mit ihren schiitischen Bevölkerungsgruppen, von denen innere Störungen oder Terrorangriffe ausgehen könnten – insbesondere in Bahrein, wo die Lage schon unsicher ist, auf dessen Benutzung aber die amerikanische Flotte im Golf angewiesen ist kritisch werden. Israel mit seinen Nuklearwaffen und Angriffsträgern müsste zurückgehalten werden.

Einer der Verantwortlichen für die 2006 begonnene amerikanische Verschärfung der Sanktionen gegen Iran, der damalige Staatssekretär im Außenministerium Nicholas Burns, sagte jüngst dazu, wenn man „keine militärische Antwort parat“ habe, dann sei es „das Beste, die bisherige Strategie fortzusetzen und nach Wegen für die Eröffnung von Verhandlungen zu suchen“.

Der frühere französische Präsident Chirac sagte in seiner Amtszeit, eine oder zwei iranische Atombomben würden die Welt nicht verändern: Das wäre die Akzeptanz einer nukleartechnischen Rüstungsfähigkeit Irans auf der Kernwaffenschwelle ohne Kernwaffenversuche. Die damit verbundenen Probleme von Kontrolle und Vertragseinhaltung blieben bestehen. Die wahrscheinliche Folge des iranischen Beispiels wäre eine weitere nukleare Proliferation und eine dauernde Verunsicherung der Nachbarn Irans und anderer Regionen in der Reichweite iranischer Flugkörperwaffen. Was heißt: Die politische Option bringt ebenso schwerwiegende Risiken mit sich wie die militärische und bietet ebenso wenig eine zuverlässige Lösung. Gegenüber Iran steht die Welt vor einem klassischen Dilemma.

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Time am 4. Februar 2012

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1) http://www.welt.de/politik/ausland/article13849152/Israel-und-das-gefaehrliche-iranische-Roulette.html
2) http://www.israelnetz.com/themen/nachrichten/artikel-nachrichten/datum////chamenei-bezeichnet-israel-als-krebsgeschwuer/?tx_ttnews%5BbackPid%5D=10&cHash=da0dd68df0
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2011/11/20/lothars-dicker-hund/
4) http://www.theatlantic.com/international/archive/2012/02/japans-dilemma-over-iran-sanctions/252337/

Die Rede des Präsidenten des Staates Israel

28. Januar 2010

Lesen Sie hier die ungekürzte Rede des Präsidenten des Staates Israel, Schimon Peres, die er am 27. Januar im Deutschen Bundestag gehalten hat (1). Das Bild zeigt Peres bei seinem Empfang in Berlin.

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Ich stehe heute vor Ihnen als Präsident des Staates Israel, der Heimstätte des jüdischen Volkes. Und während es mein Herz zerreißt, wenn ich an die Gräueltaten der Vergangenheit denke, blicken meine Augen in die gemeinsame Zukunft einer Welt von jungen Menschen, in der es keinen Platz für Hass gibt. Eine Welt, in der die Worte „Krieg“ und „Antisemitismus“ nicht mehr existieren.

Sehr verehrte Anwesende, in unserer Jahrtausende alten jüdischen Tradition findet sich ein Gebet in der aramäischen Sprache, dass in Erinnerung an die Toten gesagt wird, im Andenken an Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern. Dieses weit über tausend Jahre alte jüdische Gebet konnten weder die Mütter sprechen, deren Säuglinge ihrer Armen entrissen wurden, noch die Väter, die ihren Kindern einen letzten Blick zuwarfen, bevor sie in die Gaskammern gepfercht wurden, noch hörten es die Kinder, die im Krematorium in Rauch aufgingen.

Ich möchte, meine Damen und Herren, jetzt und hier die ersten Worte dieses Kaddisch- Gebets im Namen des jüdischen Volkes, und zu Ehren und im Andenken an die sechs Millionen Juden, die zu Asche wurden, zu rezitieren:

„Erhoben und geheiligt werde Sein großer Name in der Welt, die Er nach Seinem Willen erschaffen, und Sein Reich erstehe in eurem Leben und in euren Tagen, und dem Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in naher Zeit. Sprechet: Amen“

Das Gebet endet mit den folgenden Worten, die im Staat Israel zum Symbol geworden sind und zu einem Traum für das jüdische Volk schlechthin wurden:

„Der der Frieden in seinen Himmelshöhen stiftet, stifte Frieden unter uns und ganz Israel. Sprechet: Amen

Meine Freunde, Gesandte des deutschen Volkes und dessen Vertreter,

im Staat Israel und überall auf der Welt weilen immer weniger Überlebende der Shoa unter uns. Ihre Zahl nimmt täglich ab. Und gleichzeitig leben auf deutschem Boden, in Europa und anderswo auf der Welt noch immer Menschen, die damals dieses schrecklichste Ziel verfolgten – den Völkermord. Ich bitte Sie: tun Sie alles, um diesen Verbrechern ihre gerechte Strafe zu erteilen.

In unseren Augen handelt es sich nicht um Rache. Es geht um Erziehung. Es sollte eine Stunde der Gnade für die jüngere Generation sein. Die Jugend muss sich erinnern, darf nicht vergessen und muss wissen, was geschehen ist. Sie darf niemals, wirklich niemals, an etwas anderes glauben, sich andere Ziele setzen als Frieden, Versöhnung und Liebe.

Heute begehen wir den internationalen Gedenktag für die Opfer der Shoa. Genau heute vor 65 Jahren schien nach sechs Jahren Dunkelheit zum ersten Mal die Sonne. Die ersten Sonnenstrahlen legten das Ausmaß der Zerstörung, die mein Volk erlitten hatte, für alle bloß.

An diesem Tag stieg der Rauch noch aus den Krematorien auf, und Blut und Asche bedeckten das Lager Auschwitz-Birkenau. Jetzt war es still auf dem Bahnsteig. Die „Selektionsrampe“ war menschenleer. Im Tal des grauenhaften Mordes breitete sich trügerische Ruhe aus. Das Ohr nahm nur die Stille wahr, doch aus den Tiefen der vereisten Erde wurde ein Schrei hörbar, der das menschliche Herz zerriss und bis zum gleichgültig schweigenden Himmel aufstieg.

Der 27. Januar 1945 kam zu spät. Sechs Millionen Juden waren bereits nicht mehr unter den Lebenden. Dieser Tag symbolisiert nicht nur die Erinnerung an die Ermordeten, nicht nur das Schuldgefühl der Menschheit im Angesicht dieser nicht fassbaren Schreckenstaten, sondern auch die Tragödie des Versäumnisses.

Dies ist unsere Lehre aus einer Zeit, als die in Flammen lodernde Welt derartig abgelenkt war, dass die Mordmaschine tagein-tagaus weiterarbeiten konnte, jahrein-jahraus, ungestört.

Drei Jahre zuvor, am 20. Januar 1942, kam unweit von hier in der „Villa am Wannsee“, am Ufer dieses schönen Sees, eine Gruppe hochrangiger Offiziere und Beamte unter Reinhard Heydrich zusammen, um die „Endlösung der Judenfrage“ zu planen und in die Tat umzusetzen.

Adolf Eichmann arbeitete fleißig an einem Dokument zur Erfassung der Zielbevölkerung, die zur Vertreibung und Ausrottung bestimmt war. Dazu zählte die gesamte Judenheit Europas. Von den drei Millionen polnischen, ukrainischen und sowjetischen Juden, bis zu den 200, die im kleinen Albanien lebten. Elf Millionen Juden wurden zum Tode verurteilt. Die Nazis arbeiteten effizient, und der Weg führte von der „Villa am Wannsee“ direkt in die Gaskammern und Krematorien von Auschwitz.

Ich stehe heute, an diesem Gedenktag, vor Ihnen, verehrte Zuhörer, vor Führungspersönlichkeiten und Vertretern eines anderen, demokratischen Deutschlands – als Vertreter des jüdischen Staates, des Staates der Überlebenden, des Staates Israel. Mir sind die Tragweite und die erschütternde Bedeutung dieser Sitzung bewusst, und ich hoffe und bin sicher, Ihnen geht es ebenso.

Vor meinem geistigen Auge steht die prächtige Gestalt meines von mir so bewunderten Großvaters, Rabbi Zwi Meltzer, ein würdiger und schöner Mann, dessen Lieblingsenkel ich war. Er war mein Lehrer und Erzieher.

Er lehrte mich die Thora. Ich sehe ihn noch vor mir mit seinem weißen Bart und seinen dunklen Augenbrauen, eingehüllt in den Gebetsmantel, inmitten aller Betenden in der Synagoge, in meinem Geburtsstädtchen Wiszniewo in Weißrussland.

Ich hüllte mich damals ebenfalls in den Gebetsmantel meines Großvaters und lauschte aufgeregt seiner schönen klaren Stimme. Noch heute klingt das Echo seiner Stimme in meinem Ohr, das „Kol Nidrei“ Gebet am Versöhnungstag, in den Stunden und Momenten, wo nach dem jüdischen Glauben das Schicksal jedes Einzelnen vom Allerheiligsten festgelegt wird, ob ihn der Tod oder das Leben erwartet.

Ich erinnere mich, wie er am Bahnsteig stand, von wo aus der Zug mich, den elfjährigen Jungen, von unserem Dorf ins Heilige Land Israel bringen sollte. Ich erinnere mich an seine überschwängliche Umarmung. Und ich erinnere mich an seine letzten Worte, die mir befahlen: „Mein Junge, bleib immer ein Jude!“

Die Lokomotive pfiff und die Bahn fuhr los. Ich blickte meinem Großvater durchs Fenster nach, bis seine Gestalt verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Als die Nazis in Wiszniewo einmarschierten, befahlen sie allen Juden, sich in der Synagoge zu versammeln. Mein Großvater ging als erster hinein, eingehüllt in denselben Gebetsmantel, in den ich mich als Kind schon eingewickelt hatte. Seine Familie folgte ihm. Die Türen wurden von draußen verriegelt, und das Holzgebäude wurde angezündet. Von der gesamten Gemeinde blieben nur glühende Asche und Rauch.

Keiner hat überlebt. Meine verehrten Anwesenden, die Shoa wirft schwierige Fragen zur tiefsten Seele des Menschen auf. Wie böse kann der Mensch sein? Wie gelähmt ein ganzes Volk? Ein kulturelles Volk, das auch die Philosophie respektierte? Zu welchen Gräueltaten ist der Mensch fähig? Wie kann er seinen moralischen Kompass abstellen? Die Logik lähmen? Wie kann ein Volk sich als „Herrenrasse“ betrachten, und den Mitmenschen als null und nichtig?

Noch heute stellt sich die Frage, weshalb die Nazis in der Existenz der Juden eine solche Gefahr und Bedrohung sahen. Was brachte sie dazu, in diese Todesindustrie derart viel zu investieren? Wieso setzten die Nazis ihren Plan bis zum bitteren Ende fort, obwohl die Niederlage sich schon längst am Horizont abzeichnete? Waren die Juden eine Bedrohung für das „Tausendjährige Reich“? Konnte ein verfolgtes Volk, von den Stiefeln der Täter zertrampelt, die mörderische Kriegsmaschine der Nazis aufhalten? Wie viele Divisionen standen den Juden Europas zur Verfügung? Wie viele Panzerwagen, Kampfflugzeuge, wie viele Gewehre?

Meine Damen und Herren, der Hass der Nazis lässt sich durch reinen „Antisemitismus“ nicht erklären. Der Antisemitismus ist ein abgedroschener Begriff und keine Erklärung für die mörderische, bestialische Begeisterung, die zwanghafte Entschlossenheit des Nazi-Regimes, die Judenheit auszurotten.

Der eigentliche Zweck des Krieges war doch die Erlangung der Macht über Europa und nicht die Begleichung einer historischen Rechnung mit den Juden.

Und wenn wir Juden in den Augen des Hitler-Regimes eine so bedrohliche Gefahr waren, dann handelte es sich doch bestimmt um keine militärische, sondern eine moralische Bedrohung. Dabei wurde auch der Glaube geleugnet, dass jeder Mensch im Antlitz Gottes erschaffen ist; dass jeder Mensch vor Gott gleich ist, dass alle Menschen ebenbürtig sind. Selbst unbewaffnet wird ein Jude für die Heiligkeit des göttlichen Namens einstehen. Seit Anbeginn seiner Existenz ist das jüdische Volk den Geboten: „Morde nicht!“, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ und „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ verpflichtet. – Unter allen Umständen und überall.

Den gutgläubigen Juden, der an diese Gebote glaubt, sehe ich jetzt vor mir in Gestalt meines gütigen Großvaters, des wertvollsten und ehrlichsten Menschen, den es je gab. Die Nazis wollten ihn entmenschlichen. Sie verbrannten ihn und seine Brüder lebendig. Das Feuer vertilgte ihren Körper, doch nicht ihren Geist.

Die Nazis versuchten, uns Juden in ihren schrecklichen Propagandafilmen und im „Stürmer“ als Parasiten, Höhlenratten und Verbreiter von Krankheiten darzustellen. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, die Werte von Gerechtigkeit und Gnade zu vergessen und sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Als Jude trage ich für immer den Stempel des Schmerzes über den Mord an meinen Brüdern und Schwestern. Als Israeli beweine ich die tragische Verzögerung der Entstehung des Staates Israel, weswegen mein Volk ohne Zufluchtsstätte blieb. Als Großvater kann ich den Verlust von 1,5 Millionen Kindern nicht verschmerzen – das ungeheure menschliche Potenzial, ohne dessen Verlust das Schicksal Israels anders ausgesehen hätte. Ich bin stolz darauf, dass wir der Erzfeind der Nazi-Verbrechen sind. Ich bin stolz auf das Erbe unserer Väter – das Gegenteil jeder Rassenlehre. Ich bin stolz auf die Gründung des Staates Israel, die moralische und historische Antwort auf den Versuch, das jüdische Volk von der Erde zu tilgen. Ich danke dem Allerheiligsten für diejenigen Völker, die diesem Wahnsinn, dem Bösen und der Grausamkeit ein Ende setzten. Die Shoa muss dem menschlichen Gewissen stets als ewiges Warnzeichen vor Augen stehen; als Verpflichtung zur Heiligkeit des Lebens, zur Gleichberechtigung aller Menschen, zu Freiheit und Frieden. Die Ermordung der Juden Europas durch Nazi- Deutschland darf nicht als ein astronomisches „schwarzes Loch“ betrachtet werden, als ein Todesstern, der das Licht schluckt und die Vergangenheit gemeinsam mit der Zukunft verschlingt. Die Shoa darf uns aber auch nicht davon abhalten, an das Gute zu glauben. An die Hoffnung, an das Leben.

Heute, am internationalen Gedenktag für die Opfer der Shoa, frage ich mich, wie die Juden Europas in unserem Gedächtnis hätten verbleiben wollen. Nur durch den Rauch der Krematorien? Sollten wir uns nicht auch das Leben vor der Shoa in Erinnerung rufen?

Würden die Millionen Juden Europas über eine kollektive Stimme verfügen, würde diese Stimme uns und Sie alle auffordern, den Blick auf die Zukunft zu richten. Zu verwirklichen, was diese Opfer hätten tun können, wenn ihnen nicht die Gelegenheit dazu genommen worden wäre. Neu zu erschaffen, was wir durch ihren Tod verloren haben.

Nehmen wir als Beispiel den Schöpfungsgeist der deutschen Juden, die sich mit ihrem Heimatland identifizierten, und deren Beitrag zur Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und für Deutschland überhaupt so bedeutungsvoll war, dass er in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Größe der jüdischen Gemeinde stand.

Die Juden Europas haben die Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Literatur und Kunst dieses Kontinents ungemein bereichert, da sie nach der Vertreibung aus verschiedenen europäischen Ländern zu einem belesenen Nomadenvolk von Handwerkern und mehrsprachigen Kaufleuten wurden. Ein Volk von Ärzten, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern. Ein Volk, das mit Persönlichkeiten gesegnet war, welche die deutsche Kultur, und die Welt im Allgemeinen, bereicherten.

Ich bin überwältigt, wenn ich an die vielen Philosophen und Erfinder denke, die aus den jüdischen Dörfern, den jüdischen Ghettos und dem jüdischen Bürgertum in die Universitäten strömten, sobald ihnen der Zugang gewährt wurde.

Wie durch ein Wunder erschienen Albert Einstein, Sigmund Freud, Martin Buber, Karl Marx, Hermann Cohen, Hannah Arendt, Heinrich Heine und Moses Mendelssohn, Rosa Luxemburg, Walther Rathenau, Stefan Zweig und Walter Benjamin.

Trotz ihrer Verschiedenheit ist allen der nicht zu unterschätzende Beitrag zum menschlichen Gedankengut gemein, sowie ihr außergewöhnlicher Einfluss auf die Moderne. Sie richteten den Blick Deutschlands, Europas, ja, der gesamten Welt auf eine neue Zukunft.

Und nun zur bedeutendsten aller Lehren: „Nie wieder“. Nie wieder eine Rassenlehre. Nie wieder ein Gefühl von Überlegenheit. Nie wieder eine scheinbar gottgegebene Berechtigung zur Hetze, zum Totschlag, zur Erhebung über das Recht. Nie wieder zur Verleugnung Gottes und der Shoa.

Nie wieder dürfen blutrünstige Diktatoren ignoriert werden, die sich hinter demagogischen Masken verbergen und mörderische Parolen von sich geben.

Meine Freunde, Vertreter des deutschen Volkes, die Drohungen, unser Volk und unseren Staat zu zerstören, werden im Schatten von Massenvernichtungswaffen ausgestoßen, die im Besitz irrationaler Menschen sind, die nicht zurechnungsfähig sind und die nicht die Wahrheit sprechen. Um eine zweite Shoa zu verhindern, ist es an uns, unsere Kinder zu lehren, Menschenleben zu achten und Frieden mit anderen Ländern zu wahren. Die junge Generation muss lernen, jede einzelne Kultur, und die universellen Werte zu respektieren. Die Zehn Gebote müssen immer wieder neu gedruckt werden. Lasst uns Licht ins Dunkel bringen; lasst uns Teleskope und Mikroskope auf die Geheimnisse der Wissenschaft richten, die dem menschlichen Körper und Geist Heilung bringen können. Wir benötigen Nahrung für die Hungrigen, Wasser für die Durstigen, Luft zum Atmen und Weisheit für die Menschheit. Mit dem Ende des Britischen Mandats rief David Ben-Gurion, der Wegbereiter der sich erneuernden Nation, den Staat Israel aus. Die Araber wiesen die UNO-Resolution zurück und ihre Armeen griffen Israel an. Und so griffen sieben arabische Heere Israel nur wenige Stunden nach seiner Unabhängigkeitserklärung an, um den noch kaum entstandenen Staat sofort wieder zu zerstören. Wir standen ihnen alleine gegenüber. Wir hatten keine Verbündeten, und waren trotz allem die letzte Hoffnung des jüdischen Volkes auf Sicherheit. Hätten wir den Krieg verloren, wäre dies vielleicht das Ende unseres Volkes gewesen.

Die israelische Armee siegte in diesem aussichtslosen Kampf, in dem historische Gerechtigkeit und menschlicher Mut sich vereinten. In den Reihen der israelischen Streitkräfte kämpften bereits in diesem Krieg Überlebende der Shoa, die erst kurz zuvor die sichere Küste Israels erreicht hatten und sich schon während der Schlachten den anderen Soldaten anschlossen. Einige fielen an der Front.

Während Israel noch die Kriegswunden leckte, begann das kleine Land bereits, als erste Priorität, seine Tore den Überlebenden der Shoa und den vielen jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern zu öffnen. Alle anderen Tore blieben für sie verschlossen.

Meine sehr verehrten Anwesenden, wir erinnern uns noch gut, wie uns damals, als unsere Wunden noch bluteten, von unerwarteter Seite Hilfe angeboten wurde – nämlich vom neuen Deutschland.

Zwei historische Persönlichkeiten reichten sich über dem Abgrund die Hand: Kanzler Konrad Adenauer, der Vater der demokratischen Bundesrepublik, und David Ben-Gurion, Gründer und erster Ministerpräsident des Staates Israel.

Am 27. September 1951 hielt Kanzler Adenauer eine Rede im Bundestag. Er sprach von der Verantwortung des deutschen Volkes für die Verbrechen des Dritten Reiches, seine Verantwortung dem jüdischen Volk gegenüber, und über die Bereitschaft seiner Regierung, die Juden für den Raub ihres Besitzes zu entschädigen und dem jungen Staat beim Aufbau unter die Arme zu greifen.

Der Entschluss der israelischen Regierung, mit der deutschen Regierung direkt zu verhandeln, führte zu einer noch nie dagewesenen Protestwelle unter den Juden in der Welt. Überlebende mit eintätowierten Todesnummern der Vernichtungslager bewarfen das israelische Parlament mit Steinen, aber es gab auch solche, die Ben-Gurion unterstützten.

Doch Ben-Gurion bestand auf seinem Entschluss: Es gibt ein anderes Deutschland, mit dem wir über die Zukunft, und nicht nur über die Vergangenheit reden müssen. Schweren Herzens stimmte die Knesset zu. Die Reparationen aus Deutschland halfen Israel aus seiner Notlage und leisteten einen wesentlichen Beitrag zur schnellen Entwicklung des Landes.

Ich hatte damals, als junger Mann, die Ehre, Ben-Gurions Assistent und später im Verteidigungsministerium sein Stellvertreter zu werden. Ich lernte, dass das sich im Aufbau befindende Israel seine Kinder beschützen muss.

Auch in diesem Fall zeigten die Deutschen Verständnis für uns und belieferten uns mit Ausrüstung zu unserer Verteidigung. Zwischen Deutschland und Israel hat sich seither eine einzigartige Freundschaft entwickelt.

Diese Freundschaft führt aber nicht dazu, dass wir die Shoa vergessen, sondern wir sind uns der Finsternis, die im Todestal der Vergangenheit herrschte, bewusst; auch im Angesicht der gemeinsamen, klaren Entscheidung, unseren Blick nach vorne zu richten – zum Horizont der Hoffnung und in eine bessere Welt.

Die Brücke über dem Abgrund wurde mit schmerzenden Händen und Schultern, die dem Gewicht der Erinnerung kaum standhielten, aufgebaut und sie steht auf starken, moralischen Grundfesten.

Unseren ermordeten Brüdern und Schwestern haben wir ein lebendiges Mahnmal errichtet: Mit den Pflügen, die eine Wüste in fruchtbare Plantagen umwandeln. Mit Labors, die neues Leben entdecken. Mit Waffen, die unsere Existenz sichern. Und mit einer kompromisslosen Demokratie.

Wir waren und sind der Überzeugung, dass das neue Deutschland alles in seiner Macht Stehende tun wird, damit der jüdische Staat sich nie mehr alleine einer Gefahr ausgesetzt sehen muss. Mörderische und überhebliche Diktaturen sollen ihr böses Haupt nicht wieder erheben dürfen.

Ich danke Ihnen.

Von Konrad Adenauer, der mit David Ben-Gurion eine gemeinsame Sprache fand, bis zum Kniefall Willy Brandts im Andenken an die Helden des Warschauer Ghettos. Und Sie, Abgeordnete des Bundestages und des Bundesrates, von Helmut Schmidt bis Helmut Kohl, und andere Führungspersönlichkeiten, Sie haben die Grundmauern gefestigt und dem Bau noch weitere Steine der Freundschaft hinzugefügt.

Gesellschaftspolitische Institutionen, Wirtschaftsorganisationen, Kulturzentren, Intellektuelle, Entscheidungsträger und Praktiker – sie alle haben dieses außergewöhnliche Freundschaftsgewebe bereichert.

Danke und nochmals vielen Dank.

Sie, Herr Bundespräsident Horst Köhler, sagten in der Knesset in Jerusalem „Die Verantwortung für die Shoa ist Teil der deutschen Identität“. Wir rechnen Ihnen das hoch an.

Und Sie, Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, haben die Herzen unseres Volkes mit Ihrer Aufrichtigkeit und Wärme erobert. Sie erklärten vor den beiden Kammern des US- amerikanischen Kongresses: „Ein Angriff auf Israel kommt einem Angriff auf Deutschland gleich“. Diese bewegenden Worte unverbrüchlicher Unterstützung werden wir niemals vergessen.

Meine sehr verehrten Anwesenden, meine Damen und Herren, beinahe 62 Jahre sind seit der Gründung des Staates Israel vergangen. Wir haben die Prüfung von neun Kriegen überstanden. Wir haben Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien geschlossen.

Den Ländern, mit denen wir in Frieden leben, haben wir alle Gebiete, die uns während der Kriege in die Hände fielen, zurückgegeben. Jetzt sind wir ein kleines Land mit wenigen Rohstoffen. Unsere Erde ist sehr störrisch. Und dennoch ist uns die Entwicklung einer Landwirtschaft gelungen, die zu den weltbesten zählt. Statt der Rohstoffe haben wir technologisches und wissenschaftliches Know-how, das uns an die Spitze der wissenschaftlichen Forschung katapultiert hat und die Größe unseres Landes kompensiert.

Unser Volk kam aus allen Ecken der Diaspora. Heute befindet sich die Mehrheit der Juden in Israel. Wir sind zu unserer Sprache zurückgekehrt. Wir sind das einzige Land in unserer Region, dessen Kinder sich in derselben antiken Sprache wie ihre Vorfahren vor über 3000 Jahren unterhalten – in Hebräisch, der Sprache des Alten Testaments.

Die jüdische Geschichte verläuft weiterhin auf zwei parallelen Achsen: Auf der einen Seite die ethische, die bereits in den Zehn Geboten festgehalten ist, diesem Dokument, das vor ungefähr 3500 Jahren niedergeschrieben wurde und seither nicht mehr redigiert werden musste. Es gehört zum Fundament der westlichen Kultur.

Und andererseits die wissenschaftliche Achse, deren Ziel die Ergründung der Geheimnisse ist, die dem menschlichen Auge bisher verborgen blieben, und die unser Leben zu ändern vermögen.

Israel ist ein jüdischer und demokratischer Staat, in dem rund 1,5 Millionen gleichberechtigte arabische Bürger leben. Wir werden es nicht zulassen, dass jemand wegen seiner Nationalität oder Religion diskriminiert wird.

Wir haben die Weltwirtschaftskrise überwunden und befinden uns wieder im Wachstum. Unsere Kultur ist gleichermaßen modern wie traditionell. Die israelische Demokratie ist lebendig. Bei uns gibt es keine Flauten, und selbst in Kriegszeiten bleibt diese Demokratie bestehen.

Unsere Siege haben jedoch den Gefahren kein Ende gesetzt. Es gelüstet uns nicht nach Gebieten, die uns nicht gehören. Und wir hegen auch kein Interesse, ein anderes Volk zu beherrschen, dürfen aber unsere Augen trotz allem nicht verschließen. Unser nationales Begehren ist klar und eindeutig: Frieden mit unseren Nachbarn zu erreichen.

Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass Israel dem Grundsatz „zwei Staaten für zwei Völker“ zustimmt. Wir haben im Krieg einen Preis bezahlt, und zögerten nicht, auch für den Frieden einen Preis zu zahlen. Auch jetzt sind wir bereit, auf Gebiete zu verzichten, um mit den Palästinensern Frieden zu schließen. Sie sollen einen eigenen Staat errichten, einen unabhängigen, gedeihenden und friedliebenden Staat.

Ebenso wie unsere Nachbarn identifizieren auch wir uns mit den Millionen Iranern, die gegen die Diktatur und Gewalt rebellieren. Genau wie sie lehnen wir ein fanatisches Regime ab, das die Charta der Vereinten Nationen missachtet. Ein Regime, das mit Zerstörung droht und Atomkraftwerke und Nuklearraketen besitzt, mit denen es sein eigenes Land wie auch andere Länder terrorisiert. Ein solches Regime ist eine Gefahr für die ganze Welt.

Wir möchten von der Europäischen Gemeinschaft lernen. Sie, die den Kontinent von tausend Jahren Krieg und Not befreit und jungen Menschen ermöglicht hat, den Hass ihrer Vorväter gegen Solidarität unter den Jungen einzutauschen. Wir können viel aus Ihrer Erfahrung lernen, und möchten von einem Nahen Osten träumen, in dem alle Länder bereit sind, den Konflikt ihrer Eltern gegen den Frieden für ihre Nachkommen einzutauschen.

Wir möchten eine regionale moderne Wirtschaft aufbauen, um aktuellen Problemen, die uns allen gemeinsam sind, zu begegnen: Hunger, Verwüstung, Krankheit, Terror. Eine Zusammenarbeit bei wissenschaftlichen Projekten würde die Lebensqualität und den Lebensstandard aller verbessern.

Der uns allen gemeinsame Gott ist der Gott des Friedens. Nicht der Gott des Krieges.

Sehr verehrte Anwesende, ich stehe heute vor Ihnen im Glauben, dass es in Ihrer und auch unserer Macht steht, den Lauf der Geschichte zu ändern. Ich glaube daran, dass der Frieden in Reichweite ist. Drohungen gegen Israel werden uns nicht von diesem Weg abbringen.

Ich stehe heute vor Ihnen als Sohn eines Volkes, das bereit ist, alles Menschenmögliche zu tun, um eine bessere Welt zu schaffen, in welcher der Mensch dem Menschen ein Mensch ist.

Der internationale Gedenktag für die Opfer der Shoa ist ein Tag der Andacht und des In-Sich-Gehens. Eine Stunde der Erziehung und der Hoffnung.

Ich habe mit dem Kaddisch-Gebet begonnen, und möchte mit unserer Nationalhymne, der „Hatikwa“ – der Hoffnung – schließen:

Solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, 2000 Jahre alt, zu sein ein freies Volk in unserem Land, im Lande Zion und Jerusalem!“

Wir wagen den Traum, und ich bin überzeugt, Sie wagen ihn mit uns: Gemeinsam werden wir diesen Traum auch verwirklichen.

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Time am 28. Januar 2010

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1) http://berlin.mfa.gov.il/mfm/Data/171571.pdf

Im Interview: Schimon Peres

23. Januar 2010

Klaus-Dieter Frankenberger und Hans-Christian Rößler haben für die heutige FAZ ein Interview mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres (1) geführt, der am Montag zu seinem ersten Besuch in Deutschland erwartet wird. Eine Zusammenfassung ist kostenlos online (2), das vollständige Interview folgt hier.

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„Mit Fanatikern sind Kompromisse nicht möglich“

Israels Präsident Schimon Peres über Iran, den Nahost-Konflikt
und die Zukunft des deutsch-israelischen Verhältnisses

FRAGE: Herr Präsident, das iranische Atomprogramm war wichtiger Gegenstand der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen Anfang der Woche in Berlin. Wie groß ist die Gefahr, die von einem nuklear bewaffneten Iran ausgeht? Ist das eine existentielle Gefahr für Israel?

ANTWORT: Es ist falsch, Iran nur für eine Gefahr für Israel zu halten. Das Land ist eine Gefahr für die ganze Welt, nicht nur für Israel. Besonders die arabischen Staaten sind äußerst besorgt, denn Teheran verschafft sich mehr als nur eine nukleare Option. Es ist eine Option mit Ambitionen, die viel weiter gehen: Die Iraner wollen den Nahen und Mittleren Osten dominieren. Sie erschüttern schon das politische System im Libanon, arbeiten mit Syrien und der Hamas zusammen. Bis nach Lateinamerika reichen ihre Bemühungen. Es ist ein neuer Imperialismus, der religiös verbrämt und motiviert zugleich ist. Überdies ist Iran zum Zentrum des Terrors geworden.

FRAGE: Lässt sich das Regime in Teheran nicht abschrecken oder eindämmen?

ANTWORT: Mit Politikern kann man über Kompromisse reden. Mit religiösen Fanatikern wie denen in Teheran kann man keine Kompromisse schließen. Das gilt nicht nur für Israel. Auch ihr Hass auf Amerika geht tief, tiefer, als viele Amerikaner ahnen: Die Vereinigten Staaten nennen sie den „Großen Satan“, uns nur den „Kleinen“.

FRAGE: Was geschähe, wenn Iran über eine militärische Nuklearkapazität verfügte?

ANTWORT: Der Nahe Osten wird mit hundertprozentiger Sicherheit nuklear aufrüsten: Die Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten werden nachziehen. An dem Tag, an dem die Iraner über Atomwaffen verfügen, ist es zu spät, diese Entwicklung aufzuhalten.

FRAGE: Was also schlagen Sie vor?

ANTWORT: Es müssen jetzt endlich Wirtschaftssanktionen verhängt werden. Das ist umso wichtiger, als die Iraner selbst sich gegen ihre Regierung erheben und ihre Freiheit verlangen. Diese Iraner brauchen Unterstützung. Zusammen mit Sanktionen kann das Wirkung zeigen, doch das ist nicht alles. Ich bin ein Anhänger einer ethisch begründeten Außenpolitik. Den früheren Präsidenten Carter haben viele kritisiert, aber eines sollte man nicht vergessen: Auf der Konferenz in Helsinki sprach er gegenüber den Russen das Thema Menschenrechte an, denen war das sehr peinlich. Iran gehört den Vereinten Nationen an, aber sein Präsident Ahmadineschad handelt im Widerspruch zur UN-Charta. Denn die verbietet es, ein anderes Land zu bedrohen. Wenn wir uns nicht an Werten orientieren, haben wir verloren. Nur die Wirtschaft und Armeen reichen nicht aus. Hier geht es nicht ums politische Tagesgeschäft. Es ist die Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, dass die Welt auch moralisch ihre Stimme erhebt.

FRAGE: Wer kann das erreichen? Etwa der amerikanische Präsident Obama?

ANTWORT: Warum nur Obama? Jeder kann das, wir alle können das. Wenn es um einen Aufruf geht, moralisch zu handeln, ist das keine Angelegenheit nur für Regierungen oder internationale Organisationen, sondern eine Frage, die uns alle angeht. Intellektuelle haben sich noch gar nicht zu Wort gemeldet. Die Stimme des Weltgewissens muss laut und deutlich zu hören sein. Überall wird das dann zu hören sein, auch in Iran.

FRAGE: Werden Sie Kanzlerin Merkel auffordern, Sanktionen gegen Iran zu verhängen?

ANTWORT: Die besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel beruhen mehr auf Werten als auf Interessen. Es ist eine moralische Verbindung, nicht nur einfach eine politische Option. Natürlich werde ich diesen moralischen Aspekt dieses aktuellen Themas ansprechen.

FRAGE: Wie sehr prägt die Vergangenheit noch die deutsch-israelischen Beziehungen? Sie werden in Deutschland am kommenden Mittwoch, am Holocaust-Gedenktag, vor dem Bundestag reden.

ANTWORT: Wer eine neue Zukunft bauen will, darf die Vergangenheit nicht vergessen. Man darf das eine nicht vom anderen trennen. Ich stand an der Seite David Ben Gurions, als wir in Israel darüber debattierten, ob es wirklich ein neues Deutschland gebe. Ben Gurion sagte: „Die Vergangenheit ist vergangen.“ Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern, aber die Zukunft. Das haben auch die Deutschen verinnerlicht.

FRAGE: Was bedeutet Ihr Auftritt vor dem Bundestag für Sie persönlich?

ANTWORT: Ich stamme aus einer kleinen Stadt in Weißrussland, wo mein Großvater mit seiner Familie lebte. Ein Teil der Familie wanderte nach Israel aus. Aber meine Großeltern waren zu alt, um umzuziehen. Auch einer ihrer Söhne blieb, um sich um sie und einen Bruder zu kümmern, der an Krebs starb. Sie wurden in die hölzerne Synagoge getrieben, die dann in Brand gesetzt wurde. Sie verbrannten bei lebendigem Leib. Können Sie sich vorstellen, dass man so etwas jemals vergisst? Ich selbst arbeitete später mit Deutschland zusammen. Deutschland unterstützte Israel mit ziviler Hilfe, aber auch mit Waffenlieferungen. Ich verstand mich gut mit dem damaligen Verteidigungsminister Strauß. Dessen schäme ich mich nicht. Ich bin stolz darauf, dass uns in Deutschland konservative Parteien beistanden, damit wir uns selbst verteidigen konnten. Für mich schließt sich ein Kreis, der von meiner Kindheit bis zum heutigen Tag reicht. Das lässt mich überhaupt nicht unberührt.

FRAGE: Als Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler vor der Knesset in Jerusalem sprachen, blieben einige Abgeordnete fern. Gibt es in Israel Vorbehalte gegen Ihre Rede vor dem Bundestag am Holocaust-Gedenktag?

ANTWORT: Mir geht es nicht um „Public Relations“. Ich werde versuchen, ausgewogen die Wahrheit zu sagen. Mein Ziel ist es nicht, irgendjemandem mit meinen Worten eine Freude zu bereiten.

FRAGE: In Deutschland und in Israel vollzieht sich ein Generationswechsel. Die Generation, die die Grundlagen für die engen Beziehungen schuf, macht jungen Deutschen und Israelis Platz, die den Holocaust nur aus Erzählungen oder Geschichtsbüchern kennen. Beunruhigt Sie das?

ANTWORT: Die jungen Israelis wissen, dass es ein neues Deutschland gibt. Die Debatte ist vorbei. Bei den jungen Deutschen bin ich mir nicht so sicher. Vor kurzem habe ich Umfragen gesehen, die mich überraschten: Danach halten manche Deutsche Israel für gefährlicher als Iran. Die in Deutschland Verantwortlichen sind sich jedoch seit dem Abkommen zwischen Ben Gurion und Adenauer des moralischen Tiefgangs unserer Beziehungen bewusst. Davon können wir uns nicht lossagen. Gemeinsam versuchen wir, auf diesen immer noch schmerzhaften Erinnerungen eine gedeihliche Zukunft aufzubauen.

FRAGE: Was ist der Kern des besonderen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel? Was ist seine Substanz in der Zukunft?

ANTWORT: Es hat zwei Seiten: Wir sollten jede Regung von Rassismus, Antisemitismus, Gewalt und von Missachtung der Menschenrechte auf der ganzen Welt bekämpfen. Wo immer das geschieht, sollten wir uns sofort dagegen erheben und nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Gleichzeitig ist Israel aber immer noch gefährdet. Das verstehen junge Deutsche nicht. Deutschland hat eine besondere Verantwortung, Israel bei den Gefahren und Schwierigkeiten beizustehen, denen es sich gegenübersieht.

FRAGE: Welche Rolle kann dabei das deutsch-israelische Zukunftsforum (3) spielen? Hält man es in Israel für wichtig?

ANTWORT: Es ist wichtig, weil die Beziehungen zwischen beiden Staaten einen besonderen Charakter haben. Sie unterscheiden sich von allen anderen internationalen Beziehungen. Es geht dabei nicht nur um Handelsaustausch und politische Interessen. Es reicht weit in die Vergangenheit zurück und führt in eine schwierige Zukunft. Das Forum interessiert die Israelis.

FRAGE: Welchen Platz sehen Sie für die jüdischen Gemeinden in Deutschland? Einer Ihrer Amtsvorgänger, Eser Weizmann, forderte während eines Besuchs in Deutschland die Juden auf, nach Israel zu kommen.

ANTWORT: Der beste Ort für Juden ist Israel, er ist besser als jeder andere Ort; das gilt auch für Deutschland. In Israel können Juden sich selbst ausdrücken, ihre Tradition fortsetzen und an ihre Vergangenheit anknüpfen. In Israel haben sie ihren eigenen Staat, der Juden einlädt zu kommen. Früher flohen die Leute hierher, weil sie unterdrückt wurden. Heute sind sie eingeladen, Teil eines Landes zu werden, das viel zu bieten hat: Es ist ein moderner, demokratischer, lebendiger Staat. Warum sollten sie sich eher für die Schattenseite entscheiden, wenn die Sonnenseite offensteht?

FRAGE: Lassen Sie uns zurückblicken: Sie waren 1993 bei der Unterzeichnung des ersten Oslo-Abkommens im Rosengarten des Weißen Hauses dabei. Später wurden Sie zusammen mit PLO-Chef Arafat und Ministerpräsident Rabin mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Warum gibt es immer noch keinen Frieden? Was ist seit 1993 schiefgelaufen?

ANTWORT: Ohne Arafat hätte es keinen Anfang der Verhandlungen gegeben, mit ihm konnten wir sie aber auch nicht zuende bringen. Ich hatte erwartet, Arafat werde Ordnung in seinem Lager mit den vielen bewaffneten Gruppen schaffen. Er tat es nicht Ben Gurion gleich, der eine einzige Armee und eine Regierung schuf. Stattdessen dauert bei den Palästinensern der interne Konflikt bis heute an. Selbst als wir schon ein Abkommen unterzeichnet hatten, ging der Terror weiter. Ich verlor deshalb viele Wahlen. Arafat hatte nicht die Kontrolle. Ich habe stundenlang mit ihm zusammengesessen und ihm gesagt: Wenn du dein Lager nicht einst, wirst du selbst Opfer werden. Genau das geschah dann. In Israel fragte man mich, wie ich so jemandem trauen und mich von ihm abhängig machen könne. Man kann viele Parteien haben, aber nur ein Gewehr. Wenn sie mehr Gewehre haben, schaffen sie Probleme für sich und andere. Auch Ministerpräsident Scharon traf eine mutige Entscheidung, als er alle Siedler aus dem Gazastreifen zurückholte. Es war nicht einfach, und es gab viel Streit. Wir setzten 45 000 Polizisten ein, das Ganze kostete uns mehr als zwei Milliarden Dollar. Kaum hatten wir Gaza verlassen, begannen sie, auf uns zu schießen. Bis heute sind die Palästinenser gespalten.

FRAGE: Heißt das, es gibt gegenwärtig keinen palästinensischen Partner, mit dem Israel Frieden schließen kann? Präsident Abbas hat ja auch schon seinen politischen Rückzug angekündigt.

ANTWORT: Ich glaube, Abbas wäre dazu in der Lage. Ich habe großen Respekt vor ihm. Die gegenwärtige palästinensische Führung ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Das gilt für Abbas wie für Ministerpräsident Fajad. Abbas kümmert sich stärker um die Politik, Fajad um die Infrastruktur. Fajad sagt selbst, er sei ein Anhänger Ben Gurions: Er wolle etwas aufbauen, nicht nur verhandeln. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte bauen die Palästinenser eine völlig neue Stadt bei Ramallah. Ich unterstütze das.

FRAGE: Warum geht es dann auch mit Abbas und Fajad nicht voran?

ANTWORT: Das Problem besteht in einem Missverständnis über die Rolle der Vereinigten Staaten. Beide Seiten erwarten, dass die Amerikaner mehr tun, besonders Abbas. Er dachte, die Amerikaner hätten sich ganz auf die Seite der Palästinenser gestellt und sich von Israel abgewendet. Das ist aber nicht der Fall. Frieden müssen die beiden Konfliktparteien schon selbst schließen. Dabei sollte sie Amerika unterstützen. Aber die Vereinigten Staaten dürfen in den Verhandlungen nicht Partei ergreifen, denn sie sind nicht selbst Teil des Konflikts.

FRAGE: Aber helfen können die Amerikaner doch?

ANTWORT: Sicher. Aber das Oslo-Abkommen haben wir ohne die Amerikaner zustande gebracht. Wir haben vier Monate lang Geheimverhandlungen geführt und uns geeinigt. Dann habe ich Außenminister Christopher angerufen. Er war völlig überrascht, ja schockiert. Letztlich unterstützte uns dann die amerikanische Regierung. Heute versuchen die Amerikaner, beide Seiten zu überzeugen. Das ist der richtige Weg. Frieden kann man nicht aufzwingen, das ist keine Vergewaltigung.

FRAGE: Präsident Obama ist jetzt ein Jahr im Amt. War es nach all den Hoffnungen, die er weckte, ein verlorenes Jahr für den Nahen Osten?

ANTWORT: Die Möglichkeiten politischer Führer werden überschätzt. Die Wirklichkeit verändert einen Führer mehr als umgekehrt. In Israel kenne ich keinen einzigen führenden Politiker, der gehalten hat, was er versprochen hatte. Das lag nicht daran, dass sie Heuchler oder charakterlos waren: Sie waren mit einer Realität konfrontiert, der sie nicht entweichen konnten. Menachem Begin zum Beispiel gab seine Ideologie auf, weil eine völlig neue Lage entstanden war. Barack Obama übernahm sein Amt auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Die Welt ist überbevölkert, konfliktreich und randvoll mit Waffen. Gleichzeitig macht der Westen nur noch zwölf Prozent der Weltbevölkerung aus. Wenn man alles in Betracht zieht, hat es Obama bisher gut gemacht.

FRAGE: Israel scheint jenseits der Unterstützung aus Amerika fast überall an Ansehen zu verlieren, jedenfalls was die öffentliche Meinung anbelangt. Wie sehr besorgt Sie dieser Verlust?

ANTWORT: Das stimmt nicht, im Gegenteil: Israel ist das beliebteste Land auf der Welt. Sie müssen nur nachzählen. Es gab nie bessere Beziehungen zur katholischen Kirche; die Evangelikalen sind die größten Zionisten, die es je gegeben hat. Das sind immerhin 1,3 Milliarden Menschen. Weitere 1,3 Milliarden leben in Indien, das wie Israel unter dem Terrorismus leidet. Wir unterhalten exzellente Beziehungen zu China, besonders mit Blick auf Landwirtschaft und Technologie. Damit sind wir schon bei fast vier Milliarden. Wir haben zudem unsere Beziehungen zu Russland verbessert. Dazu unterstützen uns 63 Prozent der Amerikaner. Zugegeben, wir haben Schwierigkeiten mit Schweden und…

FRAGE: …in Europa hat Israel definitiv Sympathien verloren.

ANTWORT: Mit manchen Ländern haben wir Probleme, mit anderen nicht. Aber nennen Sie mir ein Land, das auf der ganzen Welt so viel Unterstützung hat wie Israel. Eigenartig an Europa ist, dass sich unsere Beziehungen zu den Arabern deutlich verbessert haben, weil auch die das iranische Atomprogramm fürchten. Gleichzeitig sind unsere Beziehungen zu Europa schlechter geworden – wegen der Araber. Das ist paradox.

FRAGE: Liegt das auch und nicht zuletzt am Gaza-Krieg?

ANTWORT: Einige Länder verstehen einfach nicht, mit wem und was wir es zu tun haben. Es ist sehr kompliziert, als Rechtsstaat gegen gesetzlose Terroristen zu kämpfen. Das können Sie in Afghanistan, im Irak und anderswo auf der Welt sehen. Der Goldstone-Bericht (der UN-Menschenrechtskommission, in dem Israel Kriegsverbrechen in Gaza vorgeworfen werden; die Red.) ist ein Skandal. Die Vereinten Nationen sind kein Organ der Rechtsprechung, sondern eine politische Organisation mit einer automatischen Mehrheit gegen Israel. Wenn es keinen objektiven Ausschuss gibt, gibt es keine objektiven Ergebnisse. Der Ausgangspunkt für die UN war, israelische Verbrechen in Gaza zu ermitteln. Israel hat Gaza aus freien Stücken verlassen. Jahrelang wurden wir dann von dort aus beschossen. 2000 Israelis wurden insgesamt getötet. Schweden konnte das nicht aufhalten. Aber uns wirft man vor, wir hätten absichtlich arabische Zivilisten getötet. Das ist verrückt! Wir verloren während des Gaza-Kriegs 13 eigene Soldaten durch „friendly fire“. Meinen Sie, wir haben das absichtlich getan? Dieser Kampf ist furchtbar kompliziert. Denken Sie dabei nur daran, was in Kabul, im Jemen und in Somalia passiert!

FRAGE: Aber warum solidarisieren sich trotzdem immer mehr Europäer mit den Palästinensern?

ANTWORT: Weil sie unter dem Einfluss der Medien stehen. Deren Berichterstattung über Terroranschläge ist einseitig. Ich kritisiere das nicht, aber sie können nun einmal einen Terroristen nicht dabei fotografieren, wenn er eine Autobombe zündet oder jemanden erschießt. Sie fotografieren nur unsere Reaktion darauf. Die Öffentlichkeit gewinnt so den Eindruck, wir wachten am Morgen auf, hassten die Araber und handelten entsprechend. Das ist Unsinn, aber dieser Kampf ist verloren. Wir wurden zum Beispiel gefragt, warum während des letzten Krieges unsere Kinder nicht getötet wurden. Antwort: Wir verteidigten unsere Kinder eben, die Hamas-Kämpfer versteckten sich hinter ihren.

FRAGE: Haben Sie angesichts dieses, wie Sie sagen, verlorenen Kampfes die Türkei als wichtigen muslimischen Partner schon aufgegeben?

ANTWORT: Ich weiß nicht, was in der Türkei los ist. Aber warum fordert die Türkei den iranischen Präsidenten Ahmadineschad nicht auf, damit aufzuhören, Israel zu bedrohen, wenn sie so sehr um Menschenrechte besorgt ist? Wenn wir kritisiert werden, möchte ich hören, welche Alternative es gibt. Wie sollten wir die Raketenangriffe auf Israel stoppen? Erst als wir dort militärisch eingriffen, hörten sie auf. Gibt es irgendeine internationale Organisation, die das stoppen kann? Es ist sehr leicht zu kritisieren.

FRAGE: Sie klingen verbittert.

ANTWORT: Ich bin nicht verbittert über die Europäer, aber über die Kritik, die aus Europa kommt. Ich möchte schon gerne wissen, welchen Rat Europäer geben, wenn in Pakistan eines Tages die religiösen Fanatiker die Macht übernehmen und die Atomwaffen in ihre Hände fallen sollten. Wenn die ersten Bomben fallen, reicht es nicht mehr aus, Reden zu halten.

FRAGE: Das klingt alles andere als zuversichtlich. Wo sehen Sie Israel und den Nahen Osten in, sagen wir, zwanzig Jahren? Wird das der „Neue Nahe Osten“ sein, von dem Sie seit vielen Jahren reden?

ANTWORT: Wenn nichts Grundlegendes passiert, wird es ein schrecklicher Teil der Welt sein. 1989 lebten 150 Millionen Araber im Nahen und Mittleren Osten. Heute sind es mehr als 400 Millionen. Das ist eine Verdreifachung der Bevölkerung in dreißig Jahren. Es gibt Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit. Die ganze Welt muss sich deshalb anstrengen, Nahrung für Frieden zu produzieren, damit es eine andere Zukunft gibt (4). Denn selbst wenn wir hier ein Abkommen mit den Palästinensern schließen, aber wirtschaftlich scheitern, wird das politische Auswirkungen haben.

FRAGE: Sie erkennen gar keine hoffnungsvollen Ansätze mehr?

ANTWORT: Ich sehe keinen Zusammenprall der Zivilisationen, sondern einen der Generationen. Viele junge Menschen studieren an Universitäten und verstehen, dass sich die Welt geändert hat. In Israel leben 1,5 Millionen Araber unter den insgesamt 7,5 Millionen Bürgern des Landes. Unter den Arabern gibt es 60 000 Akademiker. Die meisten von ihnen arbeiten als Ärzte in unseren Krankenhäusern. Es gibt nicht eine einzige Klinik, in der es nicht arabische Ärzte und Patienten gibt. Ich kann nicht verstehen, dass wir schon einen „Neuen Nahen Osten“ haben, wenn wir ins Krankenhaus kommen, aber nicht, wenn wir es verlassen. Erziehung und Ausbildung sind wichtig. Ich baue auf die neue Generation. Je besser es die Araber haben, desto besser wird es für uns sein. Ich glaube nicht an Macht und Gewalt, sondern an guten Willen und Bildung.

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Time am 23. Januar 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Shimon_Peres

2) http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E6469242012B443329214C28DD3E856BB~ATpl~Ecommon~Scontent.html

3) http://www.dizf.de/cms/front_content.php?idcat=1

4) Soundtrack: „Must be Hell“ (bootlegged) von den Stones unter
http://www.youtube.com/watch?v=n_tVVyjpCbo

Hier der Text:

Must be Hell

We’ve got trouble, that’s for sure
We got millions unemployed
Some kids can’t write
Some kids can’t read
Some kids are hungry
Some overeat

Our TV leader boldy speaks
The words of Christ he tries to preach
We need more power to hold the line
The strength of darkness still abides

Must be hell living in the world
Living in the world like you
Must be hell living in the world
Suffering in the world like you

Keep in a straight line, stay in tune
No need to worry, only fools
End up in prison of conscience cells
Or in asylums they help to build

Must be hell living in the world
Suffering in the world like you you you you
Must be hell living in the world
Suffering in the world like you
Must be hell
Suffering in the world like you

We’re free to worship, we’re free to speak
We’re free to kill, that’s guaranteed
We got our problems, that’s for sure
Clean up the backyard, don’t lock the door

Must be hell living in the world
Suffering in the world like you
Must be hell living in the world
Suffering in the world like you

I say we we are heaven bound
I say we we are heaven bound
I say we we are heaven bound

I say we we are heaven bound
I say we we are heaven bound