Posts Tagged ‘Stephen Hawking’

Wir fernsteuern

9. August 2015

Bots

Sir Winston Churchill hat die Bedeutung der Wissenschaft für das Überleben der zivilisierten Welt gegenüber dem Mohammedanismus in besonderem Maße herausgehoben (1):

„Einzelne Muslime mögen großartige Qualitäten aufweisen, aber der Einfluss der Religion lähmt die gesellschaftliche Entwicklung derer, die ihr nachfolgen. Es gibt keine stärker rückschrittliche Kraft auf der Welt. Weit entfernt davon, dem Tod geweiht zu sein, ist der Mohammedanismus ein militanter und bekehrerischer Glaube. Er hat bereits in Zentralafrika gestreut, zieht bei jedem Schritt furchtlose Krieger heran, und wäre nicht das Christentum in den starken Armen der Wissenschaft geborgen, der Wissenschaft, gegen die er (der Islam) vergeblich gekämpft hat, würde die Zivilisation des modernen Europas vielleicht fallen, so wie die Zivilisation des alten Roms gefallen ist.“

Bei der bolschewistischen Wochenzeitung „Freitag“ agitiert man gegen den Einsatz von Drohnen und Kriegsrobotern (2). Das ist nicht erstaunlich, denn die Auftraggeber dieser Verräter an Humanismus und Zivilisation sind es, die diese Technologien weder entwickeln noch beherrschen können.

Ihre Hauptwaffe nämlich ist die totale Unterordnung der Frau unter das Ziel, zahllosen männlichen Nachwuchs für die Kriegerproduktion zu gebären, um die Schlachten gegen uns durch überlegene Masse entscheiden zu können.

Lesen Sie einen Aufsatz von Michael Schulze von Glaßer.

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Tötungsmaschinen, selbstgesteuert

Künstliche Intelligenz, in Kurzform KI, wird zu einem Rüstungsthema. „Die Kernfrage der Menschheit lautet heute, ob ein weltweites KI-Wettrüsten gestartet oder verhindert werden soll“, heißt es in einem offenen Brief, den – als die Prominentesten – Stephen Hawking, Noam Chomsky und der Hightech-Unternehmer Elon Musk unterschrieben haben. „Sobald eine größere Militärmacht die Entwicklung von KI-Waffen vorantreibt, wird ein weltweites Wettrüsten kaum noch zu verhindern sein“, warnen die über 17.500 Unterstützer des Briefes. Die Technik der Künstlichen Intelligenz habe einen Punkt erreicht, an dem es nur noch wenige Jahre dauere, bis es möglich sei, vollkommen autonome Waffen zu erschaffen. Solche Waffensysteme gelten nach der Erfindung des Schießpulvers und der Atomwaffen als dritte Revolution der Kriegsführung.

Diese Waffen gelten als „Kalaschnikows der Zukunft“. Sie könnten preiswert Menschen töten, Nationen destabilisieren und ganze Bevölkerungsgruppen auslöschen, heißt es in dem Brief. „Es gibt viele Möglichkeiten, wie KI dabei helfen kann, Schlachtfelder für Menschen und vor allem Zivilisten sicherer zu machen, ohne neue Werkzeuge für das Töten von Personen zu schaffen.“ Zu den Unterzeichnern gehören auch deutsche Wissenschaftler – etwa vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt und den Universitäten in Freiburg, Bremen, Leipzig, Chemnitz und Bochum.

Auge in Auge mit dem Gegner

Militärs und Politiker sehen in den Waffen den Vorteil, ihre eigenen Soldaten durch die Unerreichbarkeit für den Feind zu schützen. Zudem seien die Waffen preiswert. Die Gegner hingegen sprechen von einer Pervertierung des Krieges – weil die Kampfhandlungen der Konfliktparteien immer mehr entpersonifiziert werden. Mussten sich die Soldaten im Ersten Weltkrieg noch in die Augen schauen, wenn sie sich mit ihren Bajonetten erstachen, waren sie im Zweiten Weltkrieg schon durch die dicken Stahlplatten ihrer Panzer getrennt. Der Ausbau der Luftstreitkräfte führte später schon zu kilometerweiter Distanz zwischen dem, der die Bombe auslöste, und dem, der von ihr getötet wurde. Durch den Einsatz ferngesteuerter Kampfdrohnen wuchs die Entfernung auf tausende Kilometer an.

Automatisierte Waffensysteme bringen nun eine ganz neue Größe ins Spiel: Zeit. Die Militärs schicken eine automatisierte Waffe auf den Weg – wann sie tötet, wissen sie nicht genau. Schon die heutigen Einsätze gesteuerter Drohnen zeigen, wie die Sicherheit der eigenen Soldaten zu einem leichtfertigen Einsatz führt.

Das Londoner Bureau of Investigative Journalism hat im Drohnenkrieg der USA in Pakistan seit dem Jahr 2004 mindestens 2.500 getötete Personen gezählt – darunter wohl 400 Zivilisten und knapp 200 Kinder. Mit vollkommen selbstständigen Waffensystemen könnte die Hemmschwelle, vermeintliche Feinde ohne Gerichtsurteil zu exekutieren, weiter herabgesetzt werden. Kollateralschäden werden schon heute in Kauf genommen.

Die Diskussion um automatisierte Waffensysteme ist nicht neu. Bereits 2012 veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch eine Studie dazu unter dem Titel Losing Humanity: The Case Against Killer Robots. Darin warnte die Organisation vor der Aushöhlung internationalen Rechts durch den Einsatz selbstständig agierender Drohnen: „Sie wären nicht in der Lage, grundlegende Prinzipien des internationalen Völkerrechts einzuhalten, sie würden Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung untergraben und wären ein Hindernis, jemanden für etwaige Opfer zur Rechenschaft zu ziehen.“

Der rechtliche Status gehört zu den noch vielen offenen Fragen rund um den Einsatz autonomer Waffensysteme. Human Rights Watch fordert in seiner Studie von den Staaten Vorsorgemaßnahmen: „Verbieten Sie die Entwicklung, die Produktion und den Einsatz von vollständig autonomen Waffen mithilfe eines international rechtsverbindlichen Instruments.“ Auch an die Wissenschaftler wird appelliert, sich nicht an der Erforschung autonomer Rüstungsgüter zu beteiligen – der aktuelle Aufruf ist eine Folge des Appells von Human Rights Watch. Ob dieser etwas nützt ist fraglich.

„Ächtungsprozesse dauern auf der einen Seite sehr lang, zum anderen steckt der Teufel immer im Detail“, meint Thomas Mickan von der Informationsstelle Militarisierung. Er beschäftigt sich bei der Organisation mit autonomen Waffensystemen und hofft vor allem auf die Eigenverantwortung der Wissenschaftler – auch in Deutschland: „Grundlagenforschung für autonome Waffen wird auch an deutschen Universitäten geleistet.“

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der Technologiedemonstrator „Sagitta“. Dabei handelt es sich um eine Nurflüglerdrohne des deutschen Rüstungsunternehmens Cassidian, das heute Teil von „Airbus Defence and Space“ ist. „Sagitta soll nicht zur Produktreife geführt werden, sondern fungiert als Trägersystem, um sich auf den Weg zu autonomen Waffensystemen zu bewegen“, erklärt Thomas Mickan.

Besonders die Zusammensetzung der Forschenden hält Mickan für interessant. „Sowohl staatliche Universitäten, Rüstungsfirmen und über die Universität der Bundeswehr auch das Militär sind an der Forschung beteiligt“, sagt der Politikwissenschaftler. Auf der Webseite der Technischen Universität Chemnitz etwa wird Sagitta als „Machbarkeitsstudie einer Nurflügel-Flugzeug-Konfiguration“ beschrieben. Dazu gehört ein „Mehrzweck-Schacht“ für verschiedene Waffen, mit dem auch „neueste Technologien für geringe Entdeckbarkeit und autonome Flugsysteme“ erforscht werden sollen.

Erneut ein Zeichen setzen

Vertreter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt aus Braunschweig schreiben zur Aufgabe von Sagitta: „Bei den angestrebten Forschungsarbeiten an unbemannten Luftfahrzeugen ist das spätere Einsatzszenario des Systems durch die Bundeswehr zu berücksichtigen, welches sich insbesondere durch Aufklärungsmissionen (Leichtbau) und Bekämpfung von Bodenzielen in stark geschützten und überwachten Gefechtsräumen (Tarnung) auszeichnet.“ Auch die Technische Universität in München und die Hochschule Ingolstadt sind an der Sagitta-Entwicklung beteiligt. Thomas Mickan von der Informationsstelle Militarisierung glaubt, „dass sich die Forschung an der autonomen Drohne in einen globalen Forschungs- und Rüstungswettlauf einfügt“.

So richtet sich der aktuelle Appell gegen die Entwicklung vollautomatisierter Waffensysteme auch an Forscher und Politiker in Deutschland. Es wäre an der Bundesregierung, ein Zeichen zu setzen und sich – wie bei Landminen schon geschehen – für eine internationale Ächtung auszusprechen. Stattdessen sucht das Verteidigungsministerium aktuell nach Kampfdrohnen zum Kauf. Der Schritt hin zu vollautomatisierten Drohnen ist dann nicht mehr weit.

Und auch die Universitäten und Forschungseinrichtungen reagieren kaum. Zu den Unterzeichnern des internationalen Appells gehören nur wenige Wissenschaftler aus Deutschland – manche sind sogar an Einrichtungen aktiv, die an Sagitta forschen. Zu einer größeren Diskussion über die Verantwortung von Wissenschaft und die Möglichkeit, militärische Forschung etwa durch Zivilklauseln zu unterbinden, kommt es aber nicht.

Das heißt, auch Deutschland ist an der weiteren Pervertierung des Krieges beteiligt. Die automatisierte Kriegsführung stellt eine ganz neue Dimension der Unmenschlichkeit dar – sie braucht nicht mal mehr Menschen zum Töten.

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Time am 9. August 2015

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1) http://www.pi-news.net/2008/04/sir-winston-churchill-ueber-den-islam/
2) https://www.freitag.de/autoren/michael-schulze-von-glasser/toetungsmaschinen-selbstgesteuert

Islam? Welcher Islam? Kein Islam!

12. Juni 2015

Al Azhar

Markus Bickel berichtete auf „FAZ.NET“ über „innermohammedanistische“ „Auseinandersetzungen“ (1).

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Azhar-Universität in Kairo

Islam? Welcher Islam?

Auf den Siegeszug des „Islamischen Staats“ reagiert die Azhar-Universität in Kairo, der „Vatikan des Islam“, mit schrillen Tönen. Für einige westliche Gelehrte haben die Lehrenden nur Hohn und Spott übrig.

Osama al Azharis Waffe sind seine Bücher. Eines nach dem anderen hält der sunnitische Scheich mit dem weißen Turban in die Höhe und fordert die Zuhörer im prall gefüllten Hörsaal auf, sie zu lesen. Und übersetzt werden sollten sie selbstverständlich auch: ins Englische und Französische, ins Spanische, Urdu, Farsi und Russische, um dann in die ganze Welt verschickt zu werden.

Strengen Blickes hört der in schwarzem Gewand gekleidete al Azhari mit dem akkurat gestutzten Backenbart gar nicht mehr auf, für seine Mission zu werben: Erst wenn die Toleranz und Mäßigung lehrenden Schriften der Azhar ihren festen Platz in den Bibliotheken des Westens gefunden hätten, würden die Ungläubigen endlich aufwachen und nicht mehr dem Atheismus anheimfallen, ruft Azhari seinen Zuhörern zu, während sich die Ventilatoren an der hohen Decke langsam drehen. Inschallah, so Gott will!

Eigentlich sollte das Mitglied des Präsidialrats für Sozialdienste der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität an diesem Mittag über „Motive und Ziele von Diffamierungskampagnen gegen die Azhar“ sprechen. Doch der junge Professor dreht den Spieß einfach um – und teilt kräftig aus. Für Stephen Hawking, den Astrophysiker, hat er nur Spott und Verachtung übrig; eine stets willkommene Zielscheibe ist außerdem der britische Autor Christopher Hitchens, der Bücher wie „Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet“ geschrieben hat und kritische Essays über einen rückwärtsgewandten „Islamofaschismus“.

Auch der Kolumnist Ayman al Sayad, der am anderen Ende des Podiums sitzt, bleibt nicht verschont. Der Journalist hatte die im Jahr 972 von den Fatimiden gegründete älteste Hochschule der Welt gerade in den höchsten Tönen gelobt. Einen Blick von außen sollte er in seinem Vortrag „Al Azhar und die Medien“ auf eine Einrichtung werfen, die einerseits Universität, andererseits religiöses Zentrum für Millionen Muslime auf der ganzen Welt ist. Doch das reicht dem strengen Scheich Azhari nicht. „Leider war er hier nicht Student“, kanzelt er seinen Vorredner ab und steckt damit zugleich die engen Grenzen des Azhar-Universums ab. „Jeder, der einen großen Namen trägt, sollte die Azhar besucht haben.“

Beifall brandet auf, vor allem junge Männer haben sich im großen Hörsaal der Fakultät für Massenkommunikation zusammengefunden, aber auch eine Handvoll Frauen. Die Azhariten sind die Lebensversicherung ihrer Familien, denn trotz überfüllter Räume und hoffnungslos veralteter Curricula bringt der Besuch der „Blühenden“, wie Azhar auf Arabisch heißt, noch immer Renommee und Respekt ein. Mehr als 450.000 Studenten besuchen die Universität, die in 18 ägyptischen Provinzhauptstädten und überall auf der Welt ihre Ableger hat, in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, in Indonesien und Indien, Sudan und Somalia. Gelehrt wird an 62 natur- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Frauen und Männer getrennt.

Von wissenschaftlicher Freiheit freilich lässt sich spätestens seit 1961 nicht mehr sprechen: Der nach dem Sturz der Monarchie 1952 an die Macht gelangte Offizier Gamal Abd al Nasser nahm die Gelehrten an die kurze Leine und bestimmte den Großscheich der Universität fortan selbst. Im Gegenzug sicherte der Staat die Finanzierung zu. An dieser Ordnung wurde über Jahrzehnte nicht gerüttelt, ehe nach der Revolution gegen Husni Mubarak ein sanfter Hauch des Wandels auch die Azhar erfasste: In Zukunft dürfen die Scheichs selbst über ihren obersten Sprecher entscheiden – freilich erst, wenn der amtierende Großimam Ahmad al Tayyeb verstirbt oder sich entscheidet, freiwillig abzutreten.

Am Stolz der Azhariten, der wichtigsten Autorität der muslimischen Welt anzugehören, haben die Machtkämpfe, die Aufstieg und Fall des im zweiten Revolutionsjahr an die Macht gelangten Muslimbruders Muhammad Mursi mit sich brachten, nichts geändert. Salafisten und konservative Theologen, die traditionell über großen Einfluss in der Azhar verfügten, setzten in den zwölf Monaten der Islamistenherrschaft zwar alles daran, die Scharia-Gesetzgebung auszuweiten. Doch ihr Aufstieg wurde durch den Staatsstreich des damaligen Armeechefs Abd al Fattah al Sisi im Juli 2013 jäh gestoppt. Großscheich al Tayyeb gab dem Militärputsch seinen Segen, als er mit Sisi vor die Kameras trat. Zu einem Aufschrei führte das nicht: Staatstreu sind die Azhar-Führer seit Nasser immer gewesen, im Gegenzug genießen sie weitgehend Immunität.

Professor al Azhari ist gerade wieder voll in Fahrt gekommen, nur ein religiös-folkloristisches Beiprogramm kann ihn noch aufhalten, Koran-Rezitationen und salbungsvoll vorgetragene Verse eines als „großer Dichter“ angekündigten Poeten. Zahllose Kameras der Mobiltelefone halten das Geschehen auf dem Podium im Ibrahim-Hamrosch-Saal fest, benannt nach einem ehemaligen Großscheich der Universität. Dann aber, um kurz nach zwölf, geben die Telefone den Ruf zum Mittagsgebet von sich, der Berater des Großscheichs, Muhammad Muhanna, der das Wort ergriffen hat, muss seine Rede unterbrechen. Gottes Wille kommt per App.

Mit grünen Schärpen über den Schultern hatte ein Dutzend stolzer Studienanfänger am Vormittag vor dem Gebäude der Medienwissenschaftler in der islamischen Altstadt Kairos die Azhar-Größen empfangen: Sowohl der Vizepräsident der Universität, Ibrahim al Hodhod, als auch der Stellvertreter des Großscheichs, Abbas Shouman, sind gekommen, außerdem Dutzende Professoren, Fotografen, Kameramänner und Reporter. Roter Teppich und Plakate mit dem Hinweis, dass es sich bei der Veranstaltung „Die Botschaft der Azhar und die Verantwortung der Medien“ um ein „wissenschaftliches Seminar“ handele, sollen die Bedeutung der Zusammenkunft unterstreichen.

Seit Ende 2014 jagt eine solche Veranstaltung die nächste. Der Erfolg der sunnitischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hat die Lehranstalt im Herzen Kairos aufgeschreckt – wenn auch mit einiger Verzögerung. Wochen vergingen, ehe al Tayyeb die Greuel der Mörderbande in Mossul und anderen irakischen Städten verurteilte. Dann aber so: Bei den „Terroristen“ handele es sich um eine „zionistische Verschwörung“. Äußerungen einzelner Azhar-Scheichs, die sich weigerten, die IS-Kämpfer als Gottlose zu bezeichnen, trugen ebenfalls nicht gerade dazu bei, dass sich die Universität, die mitunter als „islamischer Vatikan“ bezeichnet wird, als Hort vernünftiger Antifundamentalisten einen Namen machen könnte.

Seit ein paar Monaten hat sich der Ton verändert. Auch auf dem Podium im Ibrahim-Hamrosch-Saal. Der strenge Scheich Azhari legt großen Wert darauf, dass schon im Dezember zweihundertfünfzig Gelehrte aus aller Welt dem Aufruf der Azhar folgten, nach Kairo zu kommen, um gemeinsam eine Stellungnahme gegen den IS zu verabschieden. „Mehr als eine halbe Million Exemplare wurden davon gedruckt“, sagt er stolz. Bücher sind Azharis Waffe, Auflage seine Währung.

Dass den Terroristen und ihren Anhängern mit Worten allein nicht beizukommen ist, geht im Redeschwall der Gelehrten auf dem Podium allerdings unter. Von „entscheidenden Phasen“, „wichtigen Wendepunkten“ und „schwerwiegenden Herausforderungen“ ist in einem fort die Rede und davon, dass die Azhar – „das Minarett der Wissenschaft“ – stark genug sei, sich allein gegen Angriffe zu wehren.

Tayyebs Stellvertreter Shouman, der zuletzt Schlagzeilen machte, als er die Aufforderung an die Frauen zurückwies, das Kopftuch abzulegen, fordert die Medien dazu auf, ihrer Rolle gerecht zu werden – und „ein sehr gutes Bild des Islams“ zu vermitteln. Muhammad Muhanna, der Berater des Großscheichs, wagte sogar die Behauptung, dass es sich bei den Kämpfern des „Kalifen“ Abu Bakr al Bagdadi gar nicht um Muslime handele.

Das wurde dann zum Mantra der Azhar-Gelehrten, seit jedes Gespräch über den Islam unweigerlich bei den Greueltaten von Bagdadis Männern endet. Keine Muslime, lautet ihre Devise, um das Phänomen in den Griff zu bekommen. Kein Wort darüber, dass sich die Sunnitenmiliz in den von ihr eroberten Gebieten auf eine breite gesellschaftliche Basis stützen kann. Kein Wort davon, dass sich die IS-Fanatiker ebenso wie die Azhar-Gelehrten auf dieselben Wurzeln berufen: den Koran.

Als sich die Extremisten im Februar zur Verbrennung des jordanischen Kampffliegers Moaz Kasabeh bei lebendigem Leibe bekannten, erhob Großscheich Tayyeb Einspruch: Der Koran empfehle für solche Fälle doch die Kreuzigung und das Abhacken der Gliedmaßen! Amerikas Außenminister John Kerry muss andere Stellungnahmen im Kopf gehabt haben, als er im vergangenen Herbst vorschlug, die Azhar solle die ideologische Speerspitze moderater Muslime im Kampf gegen den IS bilden.

Aus dem modernen Palast auf einer Anhöhe in der Innenstadt von Kairo, wo Tayyeb residiert, dringen stattdessen schrille Töne und werden Intrigen gegen reformerische Kräfte gesponnen. Den Azhar-kritischen Kulturminister Gaber Asfour soll Tayyeb im März aus dem Amt gedrängt haben; bei der Absetzung der beliebten Fernseh-Talkshow „Ma Islam“ („Mit dem Islam“) ein paar Wochen später hatte er ebenfalls seine Finger im Spiel. Der Vorwurf an den Moderator Islam al Beheiry: Mit seiner Kritik an der Texttreue des traditionellen sunnitischen Establishments habe er den Islam beleidigt. Als Tayyeb im April dann das „barbarische Vorgehen“ schiitischer Milizen im Irak anprangerte, bestellte die Regierung in Bagdad den ägyptischen Botschafter ein.

Auch Volker Kauder erlebte bei seinem Treffen mit dem Großscheich in Kairo alles andere als einen nachdenklichen Gesprächspartner – geschweige denn einen „islamischen Luther“. Er habe einen „intensiven Vortrag“ über eine zionistisch-amerikanische Verschwörung anhören müssen, erzählt der Vorsitzende der Unionsfraktion in der Residenz des deutschen Botschafters, eine Verschwörung, die zur Entstehung des IS geführt habe und deren Opfer nun in erster Linie Muslime seien. Außerdem habe es längere Tiraden über die verderbliche Rolle Homosexueller und den Abfall Europas vom Glauben gegeben. Das nüchterne Fazit Kauders: „Wir sind viel weiter voneinander entfernt, als ich geglaubt habe.“

An einer schmucklosen Ausfallstraße Kairos liegt der weitläufige Campus der Azhar-Universität. Direkt gegenüber dem Denkmal für den unbekannten Soldaten. Im Oktober 1981 hatte hier eine Gruppe bewaffneter Islamisten den damaligen Präsidenten Anwar al Sadat umgebracht. Unmittelbar danach verhängte dessen Nachfolger Mubarak den Ausnahmezustand, der erst nach seinem Rücktritt 2011 aufgehoben wurde. Von dem Gefühl des Aufbruchs, das in den Tagen des Aufstands gegen den autoritären Herrscher Ägypten erfasste, ist heute nichts mehr übrig. Bleierne Zeiten sind eingekehrt vier Jahre nach der Revolution, ein Klima der Ausgrenzung und Einschüchterung beherrscht das Land.

Taschen und Metallgegenstände muss abgeben, wer den streng bewachten Eingang passieren will. Wie am Flughafen wird alles kontrolliert. Ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei steht hinter der hohen Pforte, ein Englischstudent weist den Weg zum Büro des Dekans der fremdsprachlichen Fakultät. Das Schlimmste sei längst vorbei, sagt der junge Mann und meint damit die Monate nach der Machtergreifung Sisis. Sicherheitskräfte rückten damals ein, viele seiner Kommilitonen wurden verhaftet. Zwanzig Studenten kamen seit Sommer 2013 bei Protesten ums Leben, allein sieben davon auf dem Azhar-Campus.

Über diese Vorkommnisse reden möchte Said Attia nicht, ebenso wenig über die Anzahl der Muslimbrüder, die heute noch Posten in der Azhar-Hierarchie besetzen. Hunderte sollen es sein. Er sei Forscher und kein Politiker, sagt der Dekan. Auch nähere Auskünfte über die Ansprache, die Sisi im Januar vor Professoren und Geistlichen hielt, wehrt er ab. „Ich habe geklatscht“, sagt er knapp und weist darauf hin, dass auch ein Sohn des Präsidenten an seiner Fakultät immatrikuliert gewesen sei.

Azhar als „Hort eines moderaten Islams“

In der vielbeachteten Rede hatte Sisi eine radikale Erneuerung islamischen Denkens gefordert und die Azhar-Lehrenden in die Pflicht genommen. Eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem eigenen System müssten diese führen, um weiteres „Verderben“ zu verhindern: Es sei „undenkbar“, dass die 1,6 Milliarden Muslime dem Rest der Menschheit das Gefühl gäben, sie töten zu wollen. „Die ganze Welt wartet auch deshalb auf Ihre Worte, weil die muslimische Nation zerrissen und zerstört wird und auf ihren Untergang zusteuert.“ Wieder machte das Wort von der Azhar als dem „Hort eines moderaten Islams“ die Runde.

„Wir glauben daran, dass wir uns erneuern müssen“, sagt Said Attia und erwähnt einen Hadith aus der Sammlung der überlieferten Gebräuche und Aussagen Mohammeds, der alle hundert Jahre einen religiösen Reformer gefordert habe. Dem Kern von Sisis Rede freilich, mit veralteten Texten und Denkweisen zu brechen, die über Jahrhunderte ungeprüft weitergegeben wurden, stimmt er nicht zu. „Es geht nicht um die Grundlagen“, sagt er. Schließlich sei doch jedem klar, dass nicht alles, was zu Zeiten des Propheten vor 1400 Jahren gegolten habe, eins zu eins auf heute übertragbar sei. Und der IS? „Sie behaupten, sie seien Muslime“, betet Attia die Azhar-Mainstream-Haltung herunter. „Meiner Meinung nach sind sie das aber gar nicht.“ Man müsse sich doch nur die Enthauptung der 21 ägyptischen Kopten an einem Strand in Libyen im Februar anschauen. So etwas habe weder der Prophet erlaubt noch der Koran. Islam? „Der Islam hat nichts damit zu tun.“

Doch was denn nun den „moderaten Islam“ ausmache, kann Attia auch nicht so recht erklären. „Harmonie“ nennt er als Stichwort, „Frieden“, „Liebe“ und „Gleichheit“ und zitiert den Koran, der fordere, dass Muslime gemäßigt auftreten sollten. Seiner Fakultät kommt dabei eine besondere Rolle zu. Ein eigener Satellitensender der Universität soll künftig in zehn Sprachen über den „wahren Islam“ aufklären. Attias Professoren werden unter den Übersetzern sein. Schon jetzt hätten sie begonnen, die Reden des Wafq-Ministers für religiöse Angelegenheiten zu übersetzen. „Die Bedeutung des Islams und Fehler von Muslimen: Hin zu einer Korrektur“, hieß die letzte Konferenz, die seine Behörde ausrichtete.

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Time am 12. Juni 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/azhar-universitaet-in-kairo-is-sind-gar-keine-muslime-13631203.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2