Posts Tagged ‘Susanne Schröter’

Mein Freund Hamad

15. Juni 2019

Theresa Weiß schreib bei „FAZ.NET“ über Hamad Abdel-Samad (1).

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Kein Appeasement mit dem Islamismus

Ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Nein, meint der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. Er verteidigt auf einer Konferenz an der Goethe-Uni in Frankfurt sein Recht auf freie Meinungsäußerung.

Damit Hamad Abdel-Samad frei sprechen kann, stehen sechs Personenschützer vor dem Konferenzraum des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ der Goethe-Uni. Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler ist Muslim und kritisiert den Islam: „Der Islam will von der deutschen Aufklärung profitieren, weigert sich aber, Teil dieses Prozesses zu werden.“ Auch wollen religiös-politische Gruppen Kritiker mundtot machen und somit ihren Einfluss auf die Politik ausbauen. Abdel-Samad ist überzeugt, dass sich immer weniger Deutsche trauen, Kritisches über den Islam zu sagen, weil sie sofort den Vorwurf bekommen, rassistisch zu sein. Solche Aussagen provozieren. Doch wo, wenn nicht an der Universität solle kontrovers diskutiert werden, fragt er.

Abdel-Samad ist nicht allein. Wer sich kritisch zum Islam positioniert, sieht sich in Deutschland Bedrohungen ausgesetzt. Ein Frankfurter Beispiel aus jüngster Zeit: Zehn Menschen gehören zur „Initiative Säkularer Islam“, einer Gruppe aus Wissenschaftlern und Publizisten, die über den Islam diskutieren will und ein totalitäres Verständnis von Religion ablehnt. Vier davon müssen inzwischen von Personenschützern bewacht werden. „Weil sie auf der Abschussliste von irgendwelchen Radikalen stehen“, sagt Susanne Schröter. Die Professorin der Goethe-Universität und Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ will die kritische Auseinandersetzung mit der Religion vorantreiben. Auch darum hat sie zur Konferenz „Säkularer Islam und Islamismuskritik“ eingeladen, auf der auch Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie in Münster, sprechen.

Kritik an der Religion

Frankfurt ist ein Insel, meint Schröter. Das Forschungszentrum sei einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem es überhaupt noch möglich ist, Kritik an der Religion zu üben. Vor der Konferenz war Schröter abermals verbal angegriffen und als Rassistin beschimpft worden, weil sie der Islamkritik eine Plattform gibt und Hamad Abdel-Samad eingeladen hat.

Seine Aussage, dass der politische Islam davon profitiert, wenn es keine Islamkritik gibt, erhitzt viele Gemüter. Auffallend ist für den Forscher, dass er diese Reaktionen vor allem in Deutschland bekommt. Trägt er seine Thesen in Ägypten oder Marokko vor, stoße er auf ein Publikum, das kritische Auseinandersetzungen würdigt. „In der arabischen Welt wird belächelt, wer behauptet, Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Und in Deutschland bin ich damit der Islamhasser.“ Auch Schröter findet das paradox: „Kritische Muslime fühlen sich bedroht von Muslimen, die postulieren, dass wir hier in einer rassistisch-islamophoben Gesellschaft leben.“

Liberaler Reformer des Islams

Mouhanad Khorchide schlägt zunächst sanftere Töne an; er gilt als liberaler Reformer, der durch eine Auslegung des Korans und der Fatwas, die den geschichtlichen Kontext berücksichtigt, einen neuen Weg für den Islam finden will. Aber er sagt auch: „Der sogenannte Islamische Staat hat viele in der arabischen Welt wachgerüttelt.“ Er meint damit, dass die Handlungen der Terrorgruppe durch Narrative aus der Mitte des Islams gestützt wurden, mit Texten aus dem Koran etwa. Das habe viele Muslime darauf aufmerksam gemacht, dass es eine zeitgemäße Auslegung des Islams brauche. Er berichtet, dass die atheistischen Strömungen in der arabischen Welt wachsen – weil es keine alternativen Lesarten gibt, wenden sich die Jungen von der Religion ab. Und der politische Islam – die Mächtigen, die ihre Autorität auch aus der Religion ziehen – versucht, noch stärker gegenzulenken.

Vor allem in Deutschland fällt das auf fruchtbaren Boden, wie Susanne Schröter sagt. „Es entwickelt sich ein identitärer Islamismus in Deutschland, der Muslime als besondere Gruppe sieht, die Sonderrechte haben sollte und das religiös begründet.“ Wie die rechtsradikale identitäre Szene habe sie eine große Anziehungskraft auf Jugendliche. „Das ist auch deshalb problematisch, weil sich die Verbände nicht genügend abgrenzen“, sagt die Direktorin des Forschungszentrums.

Politik und Wirtschaft halten sich bedeckt

Politik und Wirtschaft hielten angesichts der Anfeindungen, die Islamkritiker erdulden müssen, die Füße still. „Die wollen keine Partner in Saudi-Arabien verärgern“, sagt Abdel-Samad. „Diese Politik ist fatal“, ergänzt Schröter. Es gebe eine Appeasement-Haltung gegenüber Regimen wie dem in Iran, Katar und Saudi-Arabien. Geld aus Anti-Extremismustöpfen fließe an fragwürdige Organisationen. Und junge Syrer und Afghanen, die nach Deutschland kommen, sollen als Integrationsmaßnahme in eine Moscheengemeinde gehen, erzählt Schröter. „Dabei sind die froh, aus dem Einflussbereich des Islam herausgekjommen zu sein.“

Obwohl gerade die Saudis seit den siebziger Jahren Programme auflegten, um junge Menschen an den Wahabismus heranzuführen, scheuten sich die deutschen Entscheider, Beziehungen zu gefährden. Dabei wollten die Jungen eigentlich anders leben, der Islam stehe dem entgegen, sagt Abdel-Samad. „Es ist eine Katastrophe, dass die Intellektuellen nicht in erster Linie der Freiheit verpflichtet sind.“

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Time am 15. Juni 2019

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1) https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/konferenz-zur-islamkritik-an-der-frankfurter-goethe-uni-16236671.html

Eine auslaufende Welle

11. Mai 2019

Vor kurzem brachte die MoT einen Beitrag von Hamad Abdel-Samad über eine links-grün-orkische Kampagne gegen eine Frankfurter Nazislamwissenschaftlerin (1).

Lesen Sie hier einen Bericht von Oliver M. Piecha von „mena-watch“ über die angefeindete Veranstaltung (2).

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Von Kopftüchern und Deutschen

Der Anfang ist ein bisschen enttäuschend, der Saal ist voll, es ist kurz nach zehn, gleich fängt es an und erst jetzt kommt auch mal ein Kopftuch in Sicht. Und dann gehört es noch zu einer Mitarbeiterin hier. Dabei soll es doch auf der Konferenz „Das islamische Kopftuch. Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ des Frankfurter Forschungszentrums „Globaler Islam“ vor allem um Eines gehen: um das Kopftuch eben.

Aber offensichtlich eher in der Theorie als in der Praxis. Verglichen jedenfalls mit einem durchschnittlich besetzten S-Bahn-Wagen im Rhein-Main-Gebiet ist diese Konferenz tatsächlich sehr „weiß“. Und Kopftuchträgerinnen bekommt man nicht viel mehr als ein halbes Dutzend zusammen. Vielleicht sind ja auch deswegen so wenig Betroffene gekommen, weil die Konferenz im Ramadan und dann auch noch einem Freitag liegt? Eine Kritikerin hatte das ernsthaft bemängelt.

Die Polizei war allerdings da, und bewachte den Eingang, denn die Konferenz hatte im Vorfeld für massives Aufsehen gesorgt. Eine obskure Gruppe hatte im Internet die Entlassung der federführenden Professorin Susanne Schröter gefordert und die eingeladene Alice Schwarzer des antimuslimischen Rassismus bezichtigt. Danach überschlugen sich sozusagen die fiktiven Ereignisse, und 700 Teilnehmer wollten sich für die 150 vorhandenen Plätze anmelden, die Universität bot sogar einen Liveblog und einen Livestream auf sowie ein public viewing.

Wer immer die Protest im Internet lanciert hat, ob es nun Islamisten waren, Verfechter postkolonialer Ideologie oder patentierte Antirassisten – aber womöglich fällt das mittlerweile auch schon alles in eins –, sie durften sich kurzzeitig als Sieger fühlen. Ein paar Zeilen im Internet genügten, um ein Medienereignis herzustellen und alle Feuilletons des Landes aufzuschrecken. Aber kaum jemand mochte öffentlich mehr als ein kleines bißchen Verständnis für den seltsamen Aufruf zu äußern, nicht einmal die üblichen Verdächtigen, das ganze klang einfach zu deutlich nach einer pubertären Allmachtsphantasie.

In Amerika (oder vielleicht an der Berliner Humboldt-Universität) mag sich in Hörsälen die Meinungsdiktatur von Snow Flakes und Social Justice Warriors etablieren, und in Paris kann Alain Finkielkraut wegen des Vorwurfs der Islamophobie seine Vorlesungen nicht mehr halten – wie Susanne Schröter mahnend in ihrer Vorrede betonte –, in Frankfurt jedenfalls hieß die Antwort: No Pasaran. Das war schon fast die Volksfront, praktisch alle waren sich einig; von der Unileitung bis zur Staatssekretärin, von der ehemaligen grünen Integrationsbeauftragten der Stadt – sie wurde ausgezischt, viele Anwesende waren nicht gut auf die Grünen und ihr Verhältnis zum Islam zu sprechen – bis zur Frankfurter Studentenvertretung, dem Asta: Alle, alle waren sie für die Freiheit des Wortes und der Wissenschaft.

Aber so richtig bedroht erschien die auch gar nicht. Die eine Handvoll Demonstrantinnen im Nieselregen, die man von drinnen beim Anstehen für den Kuchen nicht einmal bemerkte, dienten allerdings zur Bebilderung der Zeitungsartikeln, und später, als der Regen aufgehört hatte, war die einzige Kopftuchträgerin weit und breit im Visier einer Fernsehkamera. Dass das Catering für die Menge der Teilnehmer nicht ausreichend war, wie immer wieder im Vorraum enttäuscht zu hören war, fand in den Medien dagegen keine Beachtung.

Susanne Schröter erklärte in ihrer Einführung, dass der Anlass für die Konferenz die jüngst eröffnete Frankfurter Ausstellung zur „Islamischen Mode“ gewesen sei, die den politischen Kontext ausgeblendet habe. So kamen nun in Frankfurt einige der Prominenten aus der ewigen Besetzungsliste des deutschen Kopftuchdramas zu Wort: Alice Schwarzer und Necla Kelek. Was beide zu sagen hatten war so kurzweilig wie bekannt. Schwarzer erzählte noch einmal wie sie bereits vor über zwanziger Jahren als einsame Mahnerin gegen den politischen Islam stand und Kelek warb für die von Terre des femmes initiierte Petition für ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Schulen. Das war nun gerade nicht die Schuld der beiden Vortragenden, aber man konnte dabei doch auf den Gedanken kommen, das sei eine Debatte, die mindestens zehn Jahre zu spät geführt wird. Es gab ja eine Zeit, irgendwann nach der Jahrtausendwende, als es so aussehen mochte, als ob der politische Islam in Europa praktisch widerstandslos durchgewunken werden würde. Aber ist die gesellschaftliche Stimmung mittlerweile nicht eine so ganz andere? Kann man ernsthaft von „Sprechverboten“ in Bezug auf Kopftücher sprechen, wie Schwarzer es tat? Über was wird denn da ununterbrochen geredet? Wenn man kurz ernsthaft darüber nachdenkt: Ist das nicht eine bizarre Aussage?

Auftritt Khola Maryiam Hübsch: Man will debattieren, also braucht man auch eine Stimme für das Kopftuch. Und Frau Hübsch kann das. Sie bedient sich gekonnt rhetorischer Taschenspielertricks: Natürlich ist sie auch für unbedingte Solidarität mit verfolgten Frauen im Iran, denen das Kopftuch aufgezwungen wird! Aber muss nicht dieselbe Solidarität auch den verfolgten Frauen im Westen gelten, die das Kopftuch nicht tragen dürfen? Bevor man antworten könnte, da habe sie sicher vollkommen recht, aber ob sie wohl kurz die Länder im Westen aufzählen könne, wo von Sittenpolizei verfolgte Frauen wegen ihrer Kopfbedeckung im Gefängnis säßen, plappert sie schon munter weiter. Es muss nämlich schnell gehen, das Reden, mit einem latent aggressiven Unterton, man soll wohl besser nicht ins Nachdenken kommen, was sie da so alles im Detail erzählt, denn die Zusammenhänge sind nicht besonders stringent.

Es ist eine Art süßlicher Seim, der sich da ergießt, angereichert mit modischen Vokabeln, sie ist ja „speakerin“ und „word artist“, und Frauen mit Kopftuch sind in ihrer Welt coole „Hijabis“. Bald fällt auch zum erstenmal der Begriff „intersektionalistisch“. Unterhaltsam kann sie auch sein: Schwarzer habe sie in der Kaffeepause als „Hübschchen“ angesprochen, ja, wer würde sich da noch wundern, dass Alice Schwarzer wie ein alter weißer Mann wirke? Bei den Schwarzer-Fans kommt das nicht gut an, und die sind hier in der absoluten Mehrzahl. Das Personal dieser Debatte ist jedenfalls so altgedient, wie das ganze fast schon wie scripted reality wirkt. Vielleicht sagt Schwarzer das jedesmal zu ihr? Hübsch hat hier nun mal die Rolle der dissidenten Kopftuchkulleraugenfrau mit dem schnellen, frechen Mundwerk. Inhaltlich ist da nicht viel zu holen, aber wie auch? Sie muss ununterbrochen offensichtliche Widersprüche zum Verschwinden bringen.

Da ist die Sache mit Gott. Sie spricht von ihrer persönlichen Religion und mehrfach fällt der Begriff der Spiritualität. Das ist nicht unwichtig. Tatsächlich gibt es im Islam mit den Sufis eine entsprechende religiöse Tradition, die auf Mystik und Spiritualität konzentriert ist und deswegen auch zum Hassobjekt der Salafisten geworden ist. Und es ist kein Zufall, dass sich im Nahen Osten, in Ägypten, oder der Türkei, die Anzeichen für eine Renaissance des Sufiislam häufen, der im Gegensatz zum puritanischen, regelbasierten von den Golfstaaten finanzierten Islam steht, wie wir ihn über die letzten Jahrzehnte praktisch nur noch gesehen haben. Aber es sei als Verdacht formuliert, dass das gar nicht die Quelle dieser islamischen „Spiritualität“ ist, von der die „Hijabis“ so gerne sprechen. Vielleicht sollte man eher auf den Einfluss des modernen individualisierten Christentums schauen. Es ist nämlich eine sehr westliche, individualistische Religionsauffassung, die da mit Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und Spiritualität daherkommt, und die mit einem traditionellen oder gar dem politischen Islam eher weniger verbindet.

Hübsch findet schöne Worte, sie spricht vom Ausbrechen aus gesellschaftlichen Rollenerwartungen, wenn es um die Entscheidung Pro-Kopftuch geht, oder vom Sexismus, auf den „züchtige“ („modest“) Kleidung eine Antwort sei. Es fehlt eigentlich noch das Stichwort „Entfremdung“. Und vielleicht noch eine Erwähnung, warum es besser für das Klima wäre, Kopftuch zu tragen. In der Person von Hübsch werden wichtige Widersprüche greifbar, die das Thema „Kopftuch“ so komplex machen. Eloquent stellt sie einen scheinbar durch und durch westlichen Prototypen individueller Lebensgestaltung dar.

Und dann wird am Ende ihrer Rede im Frankfurter Saal ein Flugblatt anonymer Aussteigerinnen aus der Ahmadiyya Muslim Jamaat verteilt, der muslimischen Sekte, deren Vorzeigefrau sie ist. Die anonymen Stimmen klagen über Drohungen, Druck und Benachteiligungen zumal in Hinsicht auf die Weigerung eine islamische Kopfbedeckung zu tragen. So tragisch und so banal: Autonomie und Individualismus versus gruppenbezogenes, strikt an Traditionen orientiertes Gruppenverhalten. Das ist ein echter Konflikt, da kann man noch so viel speaker und word artist sein wollen. Hier sitzen die Reibungspunkte von Menschen, die der einen und der anderen Welt angehören. Widersprüche, die sich augenscheinlich in der Person von Hübsch manifestieren, die auch immer wieder als Funktionärin ihrer Glaubensgemeinschaft in der Öffentlichkeit gewirkt hat. Insofern möchte man fast sagen, dass ihr auf dieser Konferenz ein wenig die tragische Rolle zugewachsen ist, und zum Schluss hat man fast Mitleid. So richtig mag sie hier im Saal auch kaum jemand. Darüber hinaus bleiben dann noch Fragen nach persönlicher Integrität, ob diese Widersprüche als Konflikt erlebt, unterdrückt oder bewusst verschleiert werden – sozusagen noch unter dem Kopftuch.

Da wo Hübsch in ihrer Schizophrenie als scheinbar autonome individualistische junge Frau und gleichzeitig als Repräsentantin einer islamischen Sekte scheitert, schaffen es auch andere anwesende Akteurinnen der fortwährenden deutschen Islamdebatten-Inszenierung nicht, einmal vom immergleichen Redemanuskript aufzusehen. Ein Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten der Länder des Nahen Ostens scheint völlig zu fehlen. Das ist angesichts des Ortes der Veranstaltung – einem Zentrum zur Erforschung des globalen Islam – ja schon etwas seltsam. Islam oder „politischer Islam“ wird permanent als Invariante beschworen. Es gibt praktisch kein Verständnis dafür, wie sich Gesellschaft entwickelt, wie Widersprüche wirken könnten, und dass generationaler Wandel etwas längerfristiges ist, das auch Ideologien transzendiert.

Der Nahe Osten wandelt sich, die iranische Revolution ist in ihrem 40 Jahr und der Politische Islam ein Generationenprojekt. Über all das könnte man sprechen, aber in diesem Frankfurter Saal sitzen vor allem Menschen, von denen man den Eindruck hat, dass sie sich ganz persönlich in ihrem tiefsten Deutschland vom politischen Islam verfolgt und bedroht fühlen. Mehrfach kommt die Rede auf über 50 Länder, in denen die Scharia gelte und die vom politischen Islam beherrscht sein. So ungefähr. 50 Länder! Ja, da muss man ja Angst bekommen!

Susanne Schröter zeigt in ihrem Vortrag Nahostbilder aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, um zu demonstrieren, dass man damals im Irak Miniröcke und in Ägypten keine Kopftücher getragen hat. Simsalabim und schon hat man den „islamischen Rollback“ gezeigt. Ganz so einfach ist die Sache nun aber nicht. Tatsächlich richtet sich die Familiengesetzgebung in fast allen islamisch dominierten Ländern an der Scharia aus (die berüchtigten Körperstrafen sind noch einmal etwas anderes, und sie werden tatsächlich nur in ein paar wenigen Ländern praktiziert wie in Saudi-Arabien oder bei den Taliban). Nur: Das war auch schon so zu den Zeiten, als die Mittelschicht in Kabul Jazzplatten gekauft hat und iranische Studentinnen noch kürzere Röcke als die irakischen getragen haben.

Und was angesichts dieser nostalgischen Fotos, die immer nur die eine Geschichte zu erzählen scheinen, dass früher alles besser war, und niemand Kopftücher getragen hat, in der Regel völlig unbeachtet bleibt, ist die Tatsache, dass zumal in den Kernländern des Nahen Ostens diese an der Scharia orientierte Gesetzgebung mittlerweile heftig umstritten ist. Menschen beiderlei Geschlechts demonstrieren dagegen, begehren dagegen auf, kämpfen für eine Änderung dieser Gesetze, die tatsächlich einen fundamentalen Einfluss auf den Lebensalltag von Menschen haben: Töchter gelten weniger als Söhne, die Scheidungsgesetze benachteiligen massiv Frauen, und in vielen Ländern sind auch erwachsene Frauen abhängig von männlichen Vormündern. Und es ist kein Zufall, dass Tunesien hier nun zum Vorreiter von revolutionären Gesetzesänderungen geworden ist, mit denen diese Art von geschlechterbezogener Differenzierung aufgehoben wird.

Das ist eine Folge des totgesagten „Arabischen Frühlings“, zu dem Alice Schwarzer auch nur die Umformulierung zum „Arabischen Winter“ einfiel. Die realen Auseinandersetzungen im Nahen Osten bedienen offensichtlich nicht das Bedürfnis nach Projektionsflächen. Und so nimmt man es lieber nicht wahr, dass der politische Islam in den Kernländern des Nahen Ostens unter erheblichem Druck geraten ist, an vielen Orten führt er längst Rückzugsgefechte.

Junge Menschen im Nahen Osten verlassen zunehmend die ideologischen, altgewohnten Pfade, auch in ihrem Widerstand, oder vielmehr in ihrem Desinteresse an den Kämpfen der Alten. Dann sitzen auch die Mädchen in der Öffentlichkeit im Cafe, ob mit oder ohne Kopftuch, und rauchen Shisha. Und nein, das passiert nicht überall und nein, das wird die Gewaltverhältnisse in all diesen Staaten nicht sofort umstürzen. Aber zumal aus intellektueller Frankfurter Perspektive wird man doch einmal sagen müssen, wie beschränkt und völlig undialektisch es ist, anzunehmen, dass dieser Generationenwandel nicht irgendwelche Auswirkungen haben sollte. Fasziniert starrt man aber weiter voller lustvoller Abscheu auf die alten Männer und ihre Machtdemonstrationen, und wittert allerorten ein scheinbar wie naturgesetzliches Voranschreiten des politischen Islams, so als würde es sich hier nicht um eine letztlich gescheiterte und total abgehalfterte Ideologie handeln.

Tatsächlich verbucht der politische Islam ja auch weiter Geländegewinne, dafür stehen die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle in Brunei, oder der von Susanne Schröter in ihrem Eröffnungsvortrag angerissene Einfluß des Islamismus in Malaysia oder Indonesien – dem Land mit den meisten Muslimen weltweit. Das zentrale Merkmal aller Gegenden in denen der politische Islam derzeit an Boden gewinnt, ist jedoch ihre Lage in der Peripherie – vom Zentrum des Nahen Ostens aus gesehen. Wie eine Welle hat sich der politische Islam ausgebreitet, und möglicherweise wird er auch wie eine Welle auslaufen. Mit Verspätung in der Peripherie.

Die neue Strategie des „IS“ könnte dafür stehen; die Jihadisten ziehen gen Südostasien, und in die unkontrollierten Regionen Afrikas; und auch im Westen, zumal in Europa finden sich treue Anhänger. Denn auch Europa gehört zu dieser islamischen Peripherie, auf die der politische Islam angeblich so machtvoll zuschreitet, dass man vor lauter Kopftüchern bald nichts mehr zu sehen vermag. Spätestens in Europa mischt sich der Islam mit Identitätsfragen, und es wäre abermals so sinnlos wie weltfremd anzunehmen, dass „der Islam“ oder vielmehr „der politische Islam“ ausgerechnet davon unberührt bleiben sollte. Die einzige wirkliche Invariante in diesem ganzen Szenario scheint das europäische Krisenbewusstsein zu sein. Man fühlt sich bedroht, man ist immer nah an der Panik gebaut, und hat bei aller beschworenen Kultur offenbar so gar kein Vertrauen in die eigenen Werte. Dabei wären die doch die Antwort auf die Kopftücher, um die es hier angeblich geht.

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Time am 11. Mai 2019

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2019/04/26/hassgefuehle/
2) https://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/von-kopftuechern-und-deutschen/

Hassgefühle

26. April 2019

Hamed Abdel-Samad schrieb auf der „Achse“ über einen Skandal an der Frankfurter Uni (1).

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Uni-Frankurt: Das Kopftuch und der Aufstand der Nieten

Universitäten sind dafür da, Wissen zu vermitteln und kritisches Denken zu lehren, nicht religiöse Gefühle zu schützen. Susanne Schröter ist eine der fähigsten Experten zum Thema „politischer Islam“ in Europa. Nur wirbt sie nicht um Verständnis für die Scharia und das Kopftuch wie die üblichen Experten, und sie reitet nicht auf der Welle derer, die jede Kritik am Islam als Islamophobie abstempeln.

Nun organisiert sie eine Konferenz an der Uni Frankfurt mit dem Titel „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“ Muslimische und linke Studenten der Uni hätten zur Konferenz kommen können, um mit den eingeladenen Experten zu diskutieren. Aber nein, sie starten eine Kampagne gegen Susanne Schröter, nennen sie „Rassistin“ und fordern für sie ein Berufsverbot. Diese intoleranten Studenten führen diese Kampagne aber im Namen der Toleranz und bemerken den Widerspruch nicht.

Dieser Trend kommt aus Amerika, wo linke und muslimische Studenten kein Problem damit haben, dass Muslimbrüder überall an Unis eine Bühne kriegen, aber versuchen, jeden islamkritischen Vortrag zu verhindern. Sie verstehen Unis als „safe spaces“ für ihre Gefühle und Ideologien, und bekommen von linken Professoren, Journalisten und Politikern Unterstützung. Doch wo sonst sollte man kontroverse Debatten führen, wenn nicht an Unis?

Alle, die Schröter Rassismus vorwerfen, weil sie das Kopftuch nicht verniedlicht, wie andere Experten es gerne tun, sind diskursunfähig und Wissensverweigerer. Sie sind intellektuelle Nieten, die an Unis nichts verloren haben! Sie sind die bewusste oder unfreiwillige Stütze des politischen Islam. Sie sind eine Gefahr für eine gesunde Debattenkultur, denn sie wollen, dass ihre Ideologie und Gefühle bestimmen, welche Argumente richtig und welche falsch sind!

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Time am 26. April 2019

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1) https://www.achgut.com/artikel/uni_frankfurt_das_kopftuch_und_der_aufstand_der_nieten

Staatliche Hilfe für Staatsfeinde

10. Juli 2016

Gohome

Mit Macht drängen die Mohammedanisten auf vielen Wegen in die Institutionen, um die Interessen der Torkei und ihres Blutsäufergottes AllaHundseingesandter zu vertreten. Lesen Sie einen Bericht von Thomas Thiel von „FAZ.NET“ (1) über Import-Imame, das Gezeter von Mazyeks „islam.de“ über Kritik an staatlichen Geldern zur Unterstützung der Invasion (2) sowie einen pointierten Beitrag Henryk M. Broders darauf (3).

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Missionare der türkischen Staatstheologie

Kann der Islam im Westen Wurzeln schlagen? Für die Ausbildung deutschsprachiger Imame fehlt bislang ein klares Konzept. Dabei gibt es längst sinnvolle Modelle.

Die Forderung ist bekannt und wird in jeder Talkshow neu intoniert: Er könne sich mit dem Imam seiner Gemeinde nicht einmal unterhalten, klagt der Politiker, weil dieser nur Türkisch verstehe. In deutschen Moscheen predigende Imame sollten dies in deutscher Sprache tun und hierzulande ausgebildet werden, am besten an einem der neuen Zentren für Islamische Theologie, die mit dem ausdrücklichen Ziel gegründet wurden, radikale Laienprediger aus den Moscheen zu vertreiben. Das ist aber eine Legende. Die Universitäten legen zwar die theologischen Grundlagen, aber sie bilden keine Imame aus. Nach dem Grundgesetz dürfen das nur die Religionsgemeinschaften, also die Moscheeverbände, tun.

Ob die ersten Absolventen der Islamischen Theologie, die im kommenden Jahr die Universitäten verlassen, in den Moscheegemeinden willkommen sind, muss sich noch zeigen. Der Kontakt zwischen den Milieus ist bisher schwach. Eine andere Frage müssen sie selbst beantworten. Ist Imam überhaupt ein attraktiver Beruf? Finanziell ist das schnell beantwortet. In den meisten Moscheen ist es ein Feierabendjob mit kargem Salär von rund 500 Euro, ausgeübt von Laien, die ihre Kenntnisse nebenbei erwerben. Es können Gemüsehändler oder Informatiker sein. Der Widerstand gegen eine moderate Auslegung des Korans wundert da wenig. Viele Imame kommen mit historisch-kritischen Methoden nie in Berührung.

Die große Ausnahme sind die sogenannten Import-Imame der Ditib, des größten deutschen Islamverbandes, der neunhundert der rund 2500 Moscheen in Deutschland betreibt. Die Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, zahlt einen monatlichen Auslandsaufschlag von 1800 Euro plus Heimatgehalt. Ditib-Imame sind Beamte des türkischen Staates. Die staatliche Abhängigkeit ist nicht das einzige Problem. In der Türkei ausgebildet, kennen Ditib-Imame weder Kultur noch Sprache ihres Gastlandes und müssen, wenn sie erste Kontakte geknüpft haben, schon wieder die Koffer packen. Oft finden sie nur schwer Zugang zu ihren Gemeinden, besonders zu den nicht mehr türkischsprachigen Jugendlichen der dritten und vierten Generation. Anders als in ihrer Heimat, wo sie sich ausschließlich religiösen Aufgaben widmen, erwarten sie in Deutschland auch viele seelsorgerische Tätigkeiten, bei Ehekrisen, Jugendarbeitslosigkeit, Erziehungsproblemen, den typischen Begleiterscheinungen der Migration. Dass sich die Diskussion an den Import-Imamen entzündet, ist daher verständlich und trotzdem nur zur Hälfte berechtigt. Ditib-Imame sind die am besten ausgebildeten und am strengsten geprüften Vertreter ihres Fachs.

Sympathien für Erdogan

Doch wer prüft sie? Aufschluss gab die Erklärung des Ditib-Vorstands Zekeriya Altug, der anlässlich der Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags zu Protokoll gab, sein Verband fühle sich von den türkischstämmigen Abgeordneten, die für die Resolution gestimmt hatten, nicht mehr vertreten. Die Frankfurter Islamforscherin Susanne Schröter, die eine ausführliche Studie über Wiesbadener Moscheegemeinden durchführte und dabei auf eingeschränktes Entgegenkommen der Ditib stieß, hält den Verband für ein finanzielles und ideologisches Anhängsel des türkischen Staates, einen Transmissionsriemen des zunehmend islamistischen Kurses von Erdogan. Die in Ankara ausgebildeten Imame seien Missionare der türkischen Staatstheologie. Tatsächlich hat die Diyanet Vertreter in allen wichtigen Ditib-Gremien. Über Kontakte einzelner Ditib-Moscheen zu Dschihadisten und Salafisten wurde mehrfach berichtet.

Ein eigenes Bild lässt sich nur über Umwege machen. Der Imam der Frankfurter Merkez-Moschee ist des Deutschen nicht mächtig und lehnt den Gesprächswunsch ab. Der Vorstand, ein energisch fuchtelnder Geschäftsmann, verweist an den Religionsattaché der Diyanet, der alle Gesprächswünsche absegnen muss. Man hört’s mit Erstaunen: War nicht die Emanzipation vom türkischen Einfluss Voraussetzung für die Kooperation beim hessischen Islamunterricht?

Der Attaché vermittelt Hasan Agirbas von der Ditib-Moschee im hessischen Idstein, einen intellektuell aufgeschlossenen, mehrsprachigen Vorzeige-Imam, der theologisch auf breiter Basis steht. Der eloquente Agirbas hat Fernseh- und Interviewroutine und gibt sich als Vertreter einer historisch-kritischen Koranlesart zu erkennen, macht aus seiner Sympathie für die gegenwärtige politische Entwicklung in der Türkei aber keinen Hehl.

Eine Laientätigkeit

Sein Beispiel ist, nicht nur für die Ditib, von begrenzter Aussagekraft. Denn im Unterschied zu den übrigen Moscheeverbänden verfügt die Ditib über Finanzquellen aus der Türkei. Die politische Forderung nach in Deutschland ausgebildeten Imamen ist eine Phantomdebatte. Es gibt dafür bis heute kein Konzept. Auf Initiative der Islamkonferenz sollte 2010 ein Modell eingerichtet werden. Daraus entstanden aber lediglich lokale Initiativen zur landeskundlichen und sprachlichen Weiterbildung. Ehrenwerte Maßnahmen, aber nichts davon bereitet die Imame auf ihre eigentliche Tätigkeit vor: Koranrezitation, Predigen, Gemeindepastoral.

Die Universitäten betrachten dies trotz vielfacher Forderung nicht als ihre Aufgabe und beschränken sich auf die landeskundliche Weiterbildung. „Nicht die große Lösung“, sagt der Osnabrücker Theologe Rauf Ceylan. Zumal von den Imamen der Ditib, die den größten Integrationsbedarf hätten, nur wenige nach Osnabrück kämen. Schmerzlich vermisst werden Ausbildungsstätten, die Imame auf ihre Gemeindearbeit vorbereiten. Katholisch gesprochen: Priesterseminare. Schon aus finanziellen Gründen wird sich das so bald nicht ändern. Würden die Imame in Deutschland ausgebildet, müssten die Moscheegemeinden dafür aufkommen. Die meisten sind jedoch finanzschwach und haben genug zu tun, die laufenden Kosten ihrer Moscheen zu bezahlen, von denen, so Ceylan, nicht wenige wieder schließen, wenn die ersten Stromrechnungen kämen.

Für die Ditib, den einzigen finanzkräftigen Akteur, gibt es bisher keinen Anreiz, sich in Deutschland ausgebildete Imame zuweisen zu lassen. Diese Haltung scheint sich etwas zu ändern. Im Rahmen eines internationalen Programms schickt der Verband seit 2006 deutsche Schulabsolventen in die Türkei und lässt sie dort zu Predigern für deutsche Moscheen ausbilden. Im Grundsatz hält die Ditib aber am Import-Modell fest. In den ärmeren Moscheegemeinden wird Imam ohnehin eine Laientätigkeit bleiben, falls nicht ein ganz neues Modell gefunden wird.

Verstärkte Integration der Universitäten

Der Staat kann hier nur eine Nebenrolle spielen, denn sein Aktionsradius ist schon durch das Recht der Verbände zur Auswahl ihrer Geistlichen beschränkt. Die Ditib lehnt staatliche Einmischung ab. Delikat an der staatlichen Kooperation wäre auch die Finanzierung. Die Verbände, die eher ethnische als religiöse Gebilde sind, müssten als Religionsgemeinschaften anerkannt werden. Auch unter den sehr heterogenen Verbänden ist strittig, ob man sich für die Anerkennung als Religionsgemeinschaft stärker engagieren soll. „Es gibt darüber bis heute keine systematische Diskussion, weder zwischen den Verbänden noch mit dem Staat“, sagt Rauf Ceylan.

Hypothetisch konkurrieren zwei Modelle. Nach dem ersten soll die Imam-Ausbildung über eine Moscheesteuer finanziert werden. Die Ditib lehnt das bisher ab. Dagegen steht ein lokaler Ansatz: Die Moscheegemeinden sollen attraktive Imam-Gehälter durch höhere Mitgliedsbeiträge finanzieren. Ein Teil davon sei an die Verbände zu überweisen, für den Aufbau professioneller Ausbildungsstätten. Der freiwillige Mitgliedsbeitrag liegt in Idstein heute bei knapp zehn Euro im Monat. Wie sollen die islamischen Gemeinden das nötige Geld aufbringen, wenn den meisten schon der Unterhalt ihrer Moscheen schwerfällt? Und sind die religiös konservativen Verbände geeignete Kandidaten für die Ausbildung der Imame? Dem Ziel eines in der westlichen Gesellschaft verwurzelten Islams käme man nur durch verstärkte Integration der Universitäten näher. Der Forderung nach einem „deutschen Imam“ fehlt noch der Unterbau.

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Statt Prävention mit gesamtgesellschaftlichem Ansatz lieber kriminalisieren?

Erstmals legen islamische Einrichtungen mit staatlicher Unterstützung Deradikaliserungsprogramme auf – Das passt einigen nicht in den Kram

Seit alle mitgliederstarken deutschen Islamverbände nun mit dem Bundesinnenminister in der Deutschen Islamkonferenz (DIK) regelmäßig zusammensitzen und Wege auszuloten suchen, wie muslimische Gemeinden die gleichen gesellschaftlichen Aufgaben wahrzunehmen in der Lage sind, wie christliche Kirchen und jüdische Gemeinden, lassen einige sich als „islamkritisch“ verstehende Journalisten keine Gelegenheit aus, die demokratische Gesinnung dieser Verbände anzuzweifeln. Den staatlichen Behörden, die organisierte Muslime bewusst in neue Aufgabengebiete einzubinden suchen, wird der Vorwurf der Blauäugigkeit gegenüber „extremistischen Tendenzen innerhalb der Islamverbände“ entgegengebracht.

Besonders die Tatsache, dass sich einige dieser Verbände sogar explizit an Präventionsarbeit gegen Radikalisierung von Muslimen beteiligen, scheint den einen oder anderen aus der Medienlandschaft zu irritieren, siehe hierzu. Über zweifelhafte, oft verschleierte islamophobe Quellen suchen sich jene Medienvertreter zu bestätigen, dass nicht nur sie selbst, sondern auch staatliche Organe Zweifel an der Grundgesetzestreue der Islamverbände besäßen.

Die Berechtigung des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main e.V. (DIV), ein mit Bundesmitteln gefördertes Projekt gegen die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher durchzuführen, wird beispielsweise mit dem Argument in Frage gestellt, unter den 46 zu diesem Verband gehörenden Moscheegemeinden und islamischen Kulturvereinen befände sich mindestens ein Mitglied, das den im hessischen Verfassungsschutzbericht auftauchenden Muslimbrüdern angehöre. Allein diese Tatsache genügt, um die im genannten Projekt beanspruchte Präventionsarbeit als „Förderung von Radikalisierung“ zu stigmatisieren.

Mit dem Projekt selbst und auch mit der sonstigen Verbandsarbeit, die bereits seit Jahren in Form politischer Bildungsarbeit einen – wenn auch nicht als solchen deklarierten – Beitrag gegen gesellschaftliche Fundamentalopposition und somit auch gegen islamisch legitimierte Radikalisierung leistet, haben sich jene auf Skandalberichterstattung fixierten Journalisten nicht befasst. Konstruiert wird einzig mit vagen Verdächtigungen ein gemutmaßter Skandal. Wie eine solche Radikalisierung tatsächlich abläuft und wie sie verhindert werden kann, scheint sie erst recht nicht zu interessieren. Radikal ist demnach alles, dem das Etikett „Islamismus“ angeheftet werden kann und als einziges taugliches Gegenmittel sind Polizei und Sicherheitsdienste gefragt. Da ist der Schritt, den Islam als Religion insgesamt den Stempel „radikal“ und „demokratieuntauglich“ aufzudrücken, nicht mehr allzu groß.

Da Radikalisierung in der Realität aber ein langwieriger, mit vielen Zwischenetappen ausgezeichneter und beständig umkehrbarer Prozess ist, dient diese fehlende Differenzierung gerade dazu, jene Radikalisierung zu befördern, um anschließend als „self-fulfilling prophecy“ das eigene Weltbild zu bestätigen und einzig wahrer Kämpfer dagegen erscheinen zu können. Eine ernsthafte Präventionsarbeit setzt hingegen bewusst bei einem Personenkreis an, der nicht als „radikal“ eingestuft wird und den es über die Einbeziehung in die Gesellschaft, in der ihm Chancen geboten werden, von tatsächlichen oder vermeintlichen Radikalisierungstendenzen abzuhalten gilt.

Die muslimischen Verbände, die mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit die muslimische Mehrheit in unserem Land erreichen, sind somit für eine erfolgreiche Präventionsarbeit geradezu prädestiniert. Sie können die Gedankenmuster eines Radikalen leichter dekonstruieren, und zugleich deutlich aufzeigen, wie ein Muslim sich auf zeitgemäßem und den gesellschaftlichen Gegebenheiten angemessenem Wege, mit Alltagsproblemen auseinandersetzt.

Gerade weil sie selbst muslimischen Glaubens sind und trotz staatlicher Förderung nicht in staatlichem Auftrag Präventionsarbeit betreiben, können Moscheegemeinden und Islamverbände hier Erfolge vorweisen, die andere Institutionen nicht gleichem Maße hervorbringen. Der als gefährdet geltende Personenkreis fühlt sich als muslimische Individuen ernst genommen und nicht als „radikal“ oder „Sicherheitsrisiko“ abgestempelt. Wer sich radikalisiert, begehrt nämlich in gewisser Weise gegen die Mehrheitsgesellschaft auf, was bei Minoritäten, insbesondere auch Muslimen nicht zuletzt darauf zurück zu führen ist, dass er sich von dieser Gesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt fühlt.

Dass auch Behörden und Ministerien sich in der Präventionsarbeit mehr und mehr über die engstirnige, ausschließlich nach Sicherheitsaspekten erfolgende Bewertung von Polizei und Geheimdiensten hinwegsetzen, und die Präventionsprojekte weniger von den Innen- als von Sozial- und Familienministerien ausgewählt werden, stellt vielmehr den Beleg dar: Die Politik hat mehrheitlich erkannt, dass Radikalisierung eben nicht auf Verbandszugehörigkeit, geschweige denn auf den Islam als Religion zurückzuführen ist, der zeitgemäß ausgelegt vielmehr ein Mittel gegen jene Radikalisierung darstellen kann. Diese Erkenntnis sollte auch bei einigen Medienvertretern noch heranreifen. Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, den muslimischen Gemeinden nicht nur in sozialen Einrichtungen ihr Mitspracherecht einzuräumen, sondern auch in Beiräten öffentlich rechtlicher Rundfunk – und Fernsehsender.

Wer den Einfluss radikaler Islamisten und gewaltbereiter Neosalafisten im deutschen Gemeinwesen fürchtet, ist aufgefordert, politisch engagierten Muslimen, die in vielen Partnerländern Deutschlands in der Islamischen Welt sogar demokratisch erlangte Regierungsverantwortung besitzen, auch innerhalb unserer eigenen Gesellschaft in den bestehenden Institutionen ihren Platz einzuräumen. Einbindung in Verantwortung bewahrt sie vor dem Gefühl, ausgrenzt zu werden und demonstriert zugleich der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft ihr Potential, zum inneren Frieden unseres Landes beizutragen.

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Staatsknete für Islamisten im Kampf gegen den Islamismus

Das hier sollten Sie gelesen haben, wenn Sie wissen wollen, wie man „Dialektik“ übersetzt, nämlich: Ihr könnt uns alle mal am Arsch lecken!

„Im Kampf gegen die Radikalisierung junger Muslime hat das Bundesfamilienministerium einen Moschee-Verband in Hessen und Rheinland-Pfalz zum Partner gemacht. Nach HR-Recherchen sind darunter Institutionen, die den Muslimbrüdern nahestehen. Verfassungsschützer sehen in dieser Organisation eine Bedrohung für die Demokratie.“

Genauer, das Bundesfamilienministerium unter Manuela Schwesig finanziert Präventionsprogramme gegen Islamismus, Salafismus und Antisemitismus. Zu den so Bedachten gehört auch ein obskures „Institut“ in Frankfurt, das nach Ansicht des Hessischen Verfassungsschutzes als „Kaderschmiede für Muslimbruderschafts-Funktionäre betrachtet werden“ kann. Das ist etwa so, als würde das Gesundheitsministerium einem Verband der Kampftrinker Geld geben, damit er Jugendliche über die Gefahren des Alkoholkonsums aufklärt.

Bei islam.de, einer Seite, die zum Beritt des Vorsitzendes des Zentralrates des Muslime, Aiman Mazyek, gehört, mag man so etwas nicht stehen lassen. Im Gegenteil. Prävention müsse „mit gesamtgesellschaftlichem Ansatz“ betrieben werden, die „muslimischen Verbände“ seien „für eine erfolgreiche Präventionsarbeit geradezu prädestiniert, sie können die Gedankenmuster eines Radikalen leichter dekonstruieren…“. Im übrigen hätten „moslemische Individuen“ gute Gründe, sich zu radikalisieren: „Wer sich radikalisiert, begehrt nämlich in gewisser Weise gegen die Mehrheitsgesellschaft auf, was bei Minoritäten, insbesondere auch Muslimen nicht zuletzt darauf zurück zu führen ist, dass er sich von dieser Gesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt fühlt.“ Olala, die alte Leier. Die Gesellschaft ist schuld, und die muslimischen Verbände, unter Mitwirkung der Islamisten, Salafisten und Antisemiten, müssen nun das geradebiegen, was die Gesellschaft verbogen hat. In gewisser Weise und nicht zuletzt.

Aber das ist noch nicht alles. Der „gesamtgesellschaftliche Ansatz“ muss ausgebaut und erweitert werden. Es ist „an der Zeit, den muslimischen Gemeinden nicht nur in sozialen Einrichtungen ihr Mitspracherecht einzuräumen, sondern auch in Beiräten öffentlich rechtlicher Rundfunk – und Fernsehsender“.

Hieß das nicht früher „der lange Marsch durch die Institutionen“? Jetzt geht der Rummel wieder los.

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Time am 10. Juli 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/imam-ausbildung-in-deutschland-14329287.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
2) http://www.islam.de/27713
3) http://www.achgut.com/artikel/staatsknete_fuer_islamisten_im_kampf_gegen_den_islamismus

 

Sie können es nicht erwarten

27. Dezember 2011

Können es nicht erwarten, endlich als Drittfrau mit einem 60-Jährigen verheiratet, täglich vergewaltigt und verprügelt zu werden: Indonesische Ork-Mädchen sind sich sicher, moralisch höher zu stehen als Nicht-Orks.

Aus Indonesien berichtete am 24. Dezember in der FAZ Bettina David. Sie referierte dabei auf einen Artikel von Susanne Schröter aus der FAZ vom 21. November zum Thema „mohammedanistischer Feminismus“ (1), in welchem sie eine gewisse Ratlosigkeit angesichts des grassierenden mohammedanistischen Fundamentalismus grade auch unter Frauen bzw. Akademikerinnen bemerkte. Sie fragte sodann, „… warum sich gerade akademisch gebildete Frauen so stark mit einer aus westlich-säkularer Sicht frauendiskriminierenden, aus dem Nahen Osten importierten Interpretation des Islam identifizieren.“

Bettina David lieferte zwar verschiedene interessante Erklärungsansätze, aber der enorme Druck, den einerseits die rückständigen und gewaltbasierten Orkgesellschaften durch die Globalisierung und die Macht des Westens erfahren, wie andererseits der, welcher von Orkgemeinschaft und Orkkommissaren auf die einzelnen Orkindividuen ausgeübt wird, kamen ein wenig zu kurz.

Deshalb war ihre Schlussfolgerung („Dennoch wird sich die indonesische Lebenslust mit ihrer Vorliebe für alles Spielerisch-Humorvolle kaum von rigiden Islaminterpretationen verdrängen lassen.“) trotz guter Beobachtung m. E. unglaubwürdig. Ein Dimmi steckte den Kopf in den Sand und genoss die schöne Aussicht, das war mal wieder typisch.

„Es ist genau diese Eindeutigkeit, die nun auch – darin ganz modern – der neue indonesische Islam fordert… Das Bedürfnis nach Durchsetzung strengerer Normen scheint groß zu sein… Auch gegenüber den Eltern empfinden viele eine tiefe Schuld…“

Als Prognose für Indonesien weise ich auf Somalia oder bestenfalls Pakistan, aber lesen Sie selbst.

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Du bist Muslim, aber lebst du auch als Muslim?

In Indonesien begingen Muslime und Christen bis vor kurzem noch gemeinsam ihre Feiertage. Nun aber dringt ein buchstabengläubiger Islam vor. Mit einer Rückkehr zum Patriarchalischen hat das nichts zu tun. Was aber macht eine rigorose Moral im Land der vielen Religionen so attraktiv?

Noch vor dreißig Jahren rechneten manche Beobachter Indonesiens mit einem Niedergang des dortigen Islam für den Fall, dass der synkretistische Mystizismus Javas als eigene Religion anerkannt werden sollte. Diese Anerkennung ist ausgeblieben, und längst stellt der Mystizismus keine Gefahr mehr für den orthodoxen Islam dar. Indonesien, mit mehr als zweihundert Millionen Sunniten das bevölkerungsreichste muslimische Land, hat sich wider Erwarten als eifriger Schüler des nahöstlichen neoorthodoxen Islam erwiesen.

Anfang der neunziger Jahre war es nicht mehr zu übersehen: Mehr und mehr junge Frauen riskierten den Skandal und brüskierten ihre Umgebung, indem sie sich verschleierten. Anders als in den mediterranen muslimischen Ländern, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Zuge von Modernisierungsprojekten eine Zwangsentschleierung erlebten, nahmen Frauen in Indonesien traditionellerweise unverschleiert am öffentlichen Leben teil. Von einer Rückkehr zu einer eigenen Tradition konnte also nicht die Rede sein, das Kopftuch war im Gegenteil das Symptom für etwas Neues. Die Strenggläubigkeit der Töchter galt als Affront gegen Familie, Tradition und Gesellschaft. Zwanzig Jahre später trägt nun auch ein Großteil der damals entsetzten Mütter überzeugt das Kopftuch, betet fünfmal täglich und hält streng den Ramadan ein.

Was ist passiert? Anfangs sprach man in Indonesien noch von der „malaysischen Krankheit“, die auch die eigene Bevölkerung zu erfassen schien. Susanne Schröter hat über die Entwicklung eines Feminismus im malaysischen Islam berichtet. Doch auch aus ihrem Aufsatz spricht eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der Frage, warum sich gerade akademisch gebildete Frauen so stark mit einer aus westlich-säkularer Sicht frauendiskriminierenden, aus dem Nahen Osten importierten Interpretation des Islam identifizieren. Worin liegt die Anziehungskraft neoorthodoxer Religionsauslegungen, wenn diese nicht nur gegen ein westlich-liberales Verständnis von individueller Freiheit gerichtet sind, sondern auch gegen eigene, lokale Traditionen?

Im multiethnischen Indonesien ist der Islam zum Inbegriff einer Identität geworden, die an der globalen Moderne teilhat. Gerade ein buchstäbliches Verständnis der Quellen eignet sich für die Ausbildung dieser Identität. Früher überwog ein dogmatischer Pragmatismus, gemeinschaftliche Rituale standen im Mittelpunkt der religiösen Erfahrung. Inwieweit der Einzelne wirklich glaubte, ob er die Symbole des Gemeinschaftsmahles „slametan“ als Ausdruck einer hindu-buddhistischen mystischen Weltsicht deutete, eher islamisch verstand oder nur als Feier guter nachbarschaftlicher Beziehungen sah, stand ihm frei. Es war üblich, dass Christen und Muslime gemeinsam ihre Feiertage begingen, Familien- und Nachbarschaftsbindungen waren wichtiger als religiöse Differenzen.

Das ist heute anders. Die ersten Kopftuchträgerinnen wurden als provozierender Ausdruck eines neuen „Fanatismus“ begriffen, einer kompromisslosen Identität, die die traditionelle Tugend der flexiblen, oft spielerischen Anpassung an die jeweiligen Kontexte zurückwies. Wie der Arabist Thomas Bauer in seinem jüngst erschienenen Buch „Kultur der Ambiguität“ zeigt, war es der Westen, der den Anstoß zu dieser Entwicklung gab. Der Westen, der die Spielregeln für die globale Weltgemeinschaft festlegt, fordert vor allem Eindeutigkeit. Man muss das, was man glaubt und wofür man steht, auch leben, Worte und Taten müssen übereinstimmen – nur so ist man „authentisch“ und „vertrauenswürdig“. Unzweideutige Loyalitäten werden mit Nachdruck eingefordert; das zeigt auch die Islamdebatte in unserem Land.

Es ist genau diese Eindeutigkeit, die nun auch – darin ganz modern – der neue indonesische Islam fordert: Du nennst dich Muslim, aber lebst du auch als Muslim? Indem dieser neue Islam an das Bewusstsein jedes Einzelnen appelliert und die individuelle Verantwortung vor Gott über die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft stellt, wird er zum Träger eines Rationalisierungsschubs. Religion wird erstmals zu einem präzise festgeschriebenen, in sich geschlossenen System, das man sich bewusst aneignet. Im Gegensatz zu liberalen Auslegungen erleichtern gerade rigide Verhaltensanweisungen die körperlich-affektive Identifikation mit dem neuen Selbstideal.

Das Bedürfnis nach Durchsetzung strengerer Normen scheint groß zu sein: Allgegenwärtig ist die Klage über sich schamlos selbst bereichernde Politiker und Beamte; die moralische Panik angesichts einer entfesselten Sexualisierung stützt an der Scharia orientierte Verordnungen wie das Pornographiegesetz von 2008. Die materiellen Errungenschaften und Symbole der westlichen Moderne verleibt man sich geradezu gierig ein.

Die Rolle von Schuldgefühlen in der gegenwärtigen indonesischen Hinwendung zu einem strengeren Islamverständnis ist offensichtlich: Bei Gebeten und Predigten fließen Tränen der Reue und Dankbarkeit, der beliebte Prediger Arifin Ilham veranstaltet regelmäßig Massenveranstaltungen, in denen gemeinsam für den Einzelnen, seine Familie, Freunde und die ganze Nation um Vergebung gebeten wird. Naturkatastrophen wie der Tsunami von 2004 werden schnell als göttliche Bestrafung für eigene Schuld interpretiert. Auch gegenüber den Eltern empfinden viele eine tiefe Schuld, am Ende des Ramadan bitten die Kinder die Eltern rituell um Vergebung – eine im nahöstlichen Islam unbekannte Praxis, bei der auch erwachsene Männer weinen, wenn sie vor der Mutter niederknien. Für uns befremdlich, aber Therapieformen wie der Familienaufstellung durchaus nicht unähnlich.

Auch angesichts der pedantischen Beschäftigung mit Fragen, was erlaubt und was verboten ist, mag man an Freuds Theorie von der Religion als kollektiver Zwangsneurose, die die Bildung einer individuellen Neurose erübrige, denken. Es genügt ein Blick auf Facebook-Statusmeldungen und Fan-Seiten – Indonesien belegt mit mehr als 35 Millionen Facebook-Nutzern Platz zwei nach den Vereinigten Staaten –, um zu erkennen, wie groß das Bedürfnis vieler Menschen nach religiös-moralistischer Ermahnung und einem durch islamische Sprachformeln ermöglichten Ausdruck gegenseitiger Bestätigung und Anteilnahme ist. Der Islam dient hier als eine Art Container für all das, wofür die sonst so überschwänglich angeeignete westliche Moderne keine Sprache anzubieten hat. Die Islamisierung des gesellschaftlichen Lebens stellt sich aus dieser Sicht mithin nicht so sehr als eine Gegenbewegung zur westlichen Moderne dar, sondern ergänzt sie um eine religiös codierte, lokale Ängste und Phantasmen integrierende Dimension.

Damit sind Erfahrungsebenen angesprochen, die in Diskussionen um liberale oder fundamentalistische Koran-Auslegungen meist übersehen werden, obwohl es diese affektiv- irrationalen Aspekte sind, die für Gegenargumente taub machen. Das zeigen auch die fruchtlosen Diskussionen um das Kopftuch: Indonesische Frauen verstehen es, sich durchaus verführerisch zu verschleiern, indonesischer Smalltalk ist für unser Empfinden oft erstaunlich kokett – und da soll das Kopftuch allen Ernstes vor „sündhaftem Begehren“ schützen? Doch es geht wohl nicht nur um die angebliche Angst vor männlicher Triebhaftigkeit, sondern vor allem auch um die Stärkung des eigenen Selbstwertgefühls: das Kopftuch als eine Art zweiter Haut, die ein Gefühl von Kohärenz und Einheit bietet, Symbol der Identifikation mit einem positiven Ideal moderner indonesisch-muslimischer Weiblichkeit.

Gleichwohl ist es gerade diese Idealisierung des Islam zum Inbegriff des absolut Guten, die die gesellschaftlich dringend nötige, realitätsgerechte Auseinandersetzung mit den eigenen Dämonen bisher verhindert. Den fatalen Auswüchsen der ideologisierten Religion – islamistischer Terrorismus und Frauen diskriminierende Scharia-Verordnungen in einigen Regionen Indonesiens, ein enormer Gruppendruck zu konform-frommem Auftreten – steht der frömmigkeitsbegeisterte Mainstream hilf- und sprachlos gegenüber. Zu idealistisch aufgeladen ist die religiöse Sprache, der Islam in seiner neuen Funktion als Statthalter einer Halt gebenden, unantastbaren Wahrheit darf nicht kritisiert werden, gerade weil die Praxis auch weiterhin den Überzeugungen nur selten ganz entspricht.

Dennoch wird sich die indonesische Lebenslust mit ihrer Vorliebe für alles Spielerisch-Humorvolle kaum von rigiden Islaminterpretationen verdrängen lassen. Prediger wie „Uje“ Jeffry Al Bukhori verdanken ihre Popularität auch ihrem mit dem weiblichen Publikum flirtenden Witz. Es bleibt abzuwarten, wie diese Erfahrungsdimensionen langfristig die Gestalt des indonesischen Islam formen werden. Die gegenwärtig vorherrschende Identifikation mit einem Islam, der gehorsame Unterwerfung fordert, ist vielleicht nur die erste Phase der Suche nach einer modernen islamischen Identität Indonesiens in Zeiten der Globalisierung.

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Time am 27. Dezember 2011

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/frauen-im-islam-welche-chancen-hat-der-islamische-feminismus-11536377.html

Mehr wissen als sie

14. August 2010

Dass der Mohammedanismus auf lange Sicht keine Zukunft auf der Erde hat, ist für mich sonnenklar. Ebenso klar ist für mich, dass sich alle anständigen Menschen mit aller Kraft für seine Eliminierung einsetzen müssen. In den counterjihadischen Blogs wird auf hohem Niveau ebenso der Feind analysiert wie Abwehr-Methoden diskutiert und erarbeitet werden. Wie Geert Wilders treffend sagt, geht es dabei nicht um den Kampf gegen Mohammedanisten, sondern um den Kampf gegen eine menschenverachtende, faschistische Ideologie. Ein kleines Kopftuchmädchen ist wohl Soldat der Orkarmee, aber ein Kindersoldat ist ganz sicher auch Opfer, und sollte m.E. auch, sofern wir nicht unmittelbar bedroht werden, mitleidig als solches betrachtet werden.

Es muss ja leider auch festgestellt werden, dass die entschlossenste und wirksamste Maßnahme, die Illegalisierung des Mohammedanismus, zur Zeit im Westen keine Mehrheit findet. Vielleicht gibt es diese Mehrheit bereits, jedenfalls stelle ich in Gesprächen mit Mitbürgern fast immer einen erstaunlichen Kenntnisreichtum ebenso wie eine entschlossene Ablehnung des Mohammedanismus fest. Aber dies in Wahlen oder außerparlamentarischer Opposition zu manifestieren, dazu ist der Leidensdruck wohl noch nicht groß genug.

Wenn wir aber das Gelände nicht kontrollieren, müssen wir uns langsam und vorsichtig vorarbeiten. Aufklärung ist dabei entscheidend für den Erfolg. Wir müssen Gegebenheiten verstehen und nutzen.

Gegenüber Al Kaida und den Taliban gelten ja sehr viele Ork-Organisationen „moderat“. Das sind sie nicht wirklich, aber eben gegenüber ihrer Avantgarde. Und gegen die kann man sie vielleicht in Stellung bringen. Ich hatte von der Begeisterung berichtet, die unsere Dimmies der angeblich moderaten Gülen-Bewegung entgegen bringen (1). Natürlich ist deren Ziel die Einführung der Scharia, natürlich ist das eine 5. Kolonne. Jedoch die Notwendigkeit, sich als moderat zu tarnen, macht es für sie auch notwendig, sich mit unseren Philosophien, Vorstellungen, Methoden und Zielen auseinanderzusetzen.

Ich glaube an die Kraft unserer Ideen, unserer Religion, unserer Philosophien. Ich glaube, wenn sie auch nur ein bißchen von dem zulassen, wird dies sie verwandeln. Darum der vernichtende Terror der Taliban-Super-Nazis gegen alles und jeden, gegen schwangere Frauen und Augenärzte. Sie haben Recht: Wir werden sie unweigerlich beseitigen! Wir sind ihre Antithese! Die Welt gehört Jahwe, nicht Satan. Wenn sie nur das Sandkorn eines unser Gedanken übrig lassen, wird es sich in das Gebirge verwandeln, welches diesen widerwärtigen Abschaum unter sich begraben wird. Dabei gilt: Den größten Nutzen von einem Verbot des Mohammedanismus haben die Mohammedanisten.

Deshalb ist es richtig, solche Kollegen morgens freundlich zu grüßen, sie leiden an schwerer Krankheit, sind quasi behindert. Es ist wichtig, genau hinzusehen und ruhig zu bleiben, anstatt gleich sofort dagegen zu sein. Wir haben noch nicht die Mittel, sie alle rauszuschmeißen, aber auf jeden Fall können wir sie beobachten und studieren. In diesem Sinne bitte ich den folgenden Artikel von Susanne Schröter aus der FAZ vom 11. August über die Milli Görüs zu verstehen.

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Pflichtlektüre für den Verfassungsschutz

Werner Schiffauer, der Pionier der kulturanthropologischen Forschung über Türken  in Deutschland, hat für sein neues Buch die Islamische  Gemeinschaft Milli Görüs  beobachtet.

Ereilt islamistische Eiferer das gleiche Schicksal wie säkulare Revoluzzer, die beim langen Marsch durch die feindlichen Institutionen von diesen aufgesogen, umgeformt und zurechtgestutzt wurden und ihre umstürzlerische Rhetorik schließlich in ein wachsweiches Reformprogramm verwandelten? Der Migrationsforscher Werner Schiffauer, Professor für Kulturanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), vertritt diese These in seinem neuesten Buch, das den sprechenden Titel „Nach dem Islamismus“ trägt.

Schiffauer skizziert vor dem Hintergrund einer kenntnisreichen historischen Analyse den weiten Weg der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs von einer an der Türkei orientierten antiwestlichen Organisation mit kruder islamistischer Ideologie zu einer in der Demokratie angekommenen pragmatischen Interessenvertretung deutsch-türkischer Muslime. Diese Entwicklung sei vornehmlich die Sache junger Intellektueller, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und sowohl mit der deutschen Sprache als auch der herrschenden politischen Kultur bestens vertraut seien. Schiffauers Protagonisten sind zwar nach wie religiöse Muslime, schätzen jedoch das politische System der Bundesrepublik oder behaupten sogar, in Demokratie und sozialer Marktwirtschaft das islamische Ideal von Gerechtigkeit entdeckt zu haben. So redet jedenfalls Oguz Ücuncü, der smarte Generalsekretär, der die Schiffauersche Theorie in seiner Person perfekt verkörpert. „Postislamisten“ nennt Schiffauer die jungen Kader von Milli Görüs, die er gleichsam als muslimische Version der Jungen Union porträtiert, und er suggeriert mit der Nacherzählung ihrer Geschichte, dass der Islamismus sich im Kontakt mit der Demokratie selbst überwindet.

Dass Schiffauers Theorie keine ungeteilte Zustimmung erfährt, kann man sich denken. Milli Görüs ist in der Vergangenheit immer wieder ins Visier von Polizei, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz geraten und wird noch immer islamistischer und krimineller Umtriebe bezichtigt, darunter der Unterstützung der palästinensischen Hamas. Im bayerischen Streit um das Vorzeigeprojekt der Moschee in Penzberg geht es um angebliche Kontakte des Imams zu Milli Görus. Bundesinnenminister de Maizière hat darauf verzichtet, den von Milli Görus dominierten Islamrat für Deutschland weiterhin an der von seinem Vorgänger ins Leben gerufenen Deutschen Islamkonferenz zu beteiligen. Schiffauer, der stets zu größerer Gelassenheit im Umgang mit Milli Görüs aufgerufen hat, ist vorgeworfen worden, es mangele ihm an kritischer Distanz zu seinem Forschungsgegenstand. Er habe sich vereinnahmen lassen und sei zu einem Sprachrohr der Islamisten geworden, sei ihren Verschleierungstaktiken auf den Leim gegangen und unfähig, die Wölfe im Schafspelz zu erkennen.

Diese Kritik ist wenig überzeugend. Wissenschaftlich betrachtet, ist nämlich weder an Schiffauers Methoden noch an den Schlussfolgerungen aus seinen empirischen Daten etwas auszusetzen. Im Gegenteil: Der Autor hat im besten ethnologischen Sinne langjährige teilnehmende Beobachtungen bei Milli Görüs durchgeführt und ist in einen Verstehensprozess eingetreten, der ihm Erkenntnisse eröffnet hat, die bei großer Distanz nicht möglich gewesen wären. Diese Beobachtungen und Erfahrungen hat er historisch und sozialwissenschaftlich auseinandergelegt und eingeordnet. All dies ist solide kulturanthropologische Arbeit. Dass er seinen eigenen Standpunkt nicht verheimlicht und den Leser an seiner Entdeckungsreise in die unbekannte Welt der Milli Görüs teilhaben lässt, statt mit quantitativen Daten eine scheinobjektive Gewissheit zu erzeugen, entspricht der bewährten Praxis in seiner Disziplin.

Schiffauers Ansatz ist, im Lichte der internationalen Islamismusforschung betrachtet, übrigens keineswegs spektakulär. Wissenschaftler wie Gilles Kepel, Olivier Roy oder Nilüfer Göle haben bereits vor Jahren das Scheitern des politischen Islamismus festgestellt. Wie Schiffauer sehen sie junge, gut ausgebildete Unternehmer, Intellektuelle und Kulturschaffende, die den Spagat zwischen islamischen Werten und einer säkularen Moderne erfolgreich bewältigen, als Erben der fehlgeschlagenen islamistischen Revolutionen.

Ist die Aufregung um Milli Görüs übertrieben oder vielleicht sogar Ausdruck einer islamfeindlichen Haltung, die einige Migrationsforscher mit dem irreführenden Begriff „Islamophobie“ bezeichnen? Schiffauer ist an dieser Stelle differenzierter, als seine Kritiker einräumen.

Er gesteht zu, dass ungewiss sei, wie groß der Einfluss der jungen Demokraten wirklich ist und in Zukunft sein wird. In der heutigen Milli Görüs unterscheidet er drei Milieus: ein konservatives Gemeindemilieu, in dem ländlich-türkische Wertvorstellungen gepflegt werden, ein Jugendmilieu, dessen Protagonisten sowohl in der Gemeinde als auch in der Mehrheitsgesellschaft aktiv sind, aber einen wenig flexiblen Oppositionsgeist pflegen, und schließlich ein postislamistisches Milieu mit reflektierten Intellektuellen, die sich für den Kontakt mit dem Wissenschaftler anboten, da sie den „Dialog mit Geisteswissenschaftlern“ suchen. Da die Postislamisten, so Schiffauer, ihren Einfluss vor allem auf der Ebene regionaler und überregionaler Arbeitskreise geltend machen, prägen sie auch die Außendarstellung der Organisation. An der Basis und in den Gemeinden dominieren jedoch die beiden anderen Milieus.

Problematisch ist auch das kulturelle Programm, für das Milli Görüs eintritt. Schiffauer räumt ein, dass es ein „Missverständnis wäre, zu glauben, dass das postislamistische Projekt in einen ,liberalen‘ Euro-Islam münden wird. Vielmehr hat man den Eindruck, dass das postislamistische Projekt seine Überzeugungskraft etwa gegenüber Kritikern aus der islamischen Welt gerade daraus ableitet, dass es einen streng rechtgeleiteten, das heißt an der Scharia orientierten Islam vertritt.“Das muss bedenklich stimmen, vor allem, wenn man internationale Vergleichsfälle heranzieht, um sich die Konsequenzen einer kulturislamistischen Strategie vor Augen zu führen. Überall dort, wo sich der kulturelle Islamismus durchsetzte, hat er die Gesellschaften nachhaltig verändert. Von Ägypten bis nach Indonesien nimmt der Normierungsdruck für Muslime zu, werden Handlungsspielräume von Frauen eingeschränkt und rigide Verhaltenskodizes erlassen. In Deutschland versuchen Aktivisten von Milli Görüs, muslimische Mädchen vom Schwimmunterricht und von Klassenfahrten zu „befreien“, und haben damit nicht selten sogar Erfolg. Dass solche Angriffe auf die in der Verfassung garantierte Gleichheit von Männern und Frauen Alarmglocken läuten lassen, ist verständlich. Kulturrelativistisch inspiriertes Gewährenlassen muss Grenzen haben, die religiöse Akteure gleich welcher Couleur respektieren müssen.

Da die Geschlechterfrage in der Integrationsdebatte seine Schlüsselfunktion hat, ist es nur natürlich, Milli Görüs auch in dieser Hinsicht genau zu inspizieren. Anstelle einfacher Antworten findet man auch hier eine irritierende Vielschichtigkeit der Ebenen. Schiffauer hat bereits in früheren Schriften darauf hingewiesen, dass das Bildungs- und Beratungsprogramm von Milli Görüs durchaus geeignet sei, positive Veränderungen in Familien anzustoßen, die noch von absolut frauenverachtenden ländlich-patriarchalischen Vorstellungen geprägt sind. Wenn ein Mann beispielsweise seiner Frau mit religiösen Begründungen verbietet, ohne ihn die Wohnung zu verlassen, diese aber von Milli Görüs dahingehend beraten wird, dass es durchaus mit dem Islam vereinbar sei, bekleidet mit dem Kopftuch selbständig Angelegenheiten außerhalb des Hauses zu erledigen, dann muss das wohl als „Empowerment“ bezeichnet werden. Wer sich allein über das Kopftuch echauffiert, hat vieles nicht verstanden.

Werner Schiffauer hat es zu seinem Programm erklärt, soziale Realitäten in ihrer Komplexität zu erkennen und diese Einsichten den Lesern seiner Bücher zu vermitteln. Mit seiner neusten Monographie ist ihm dies in bewundernswerter Weise gelungen. Man muss seinen Schussfolgerungen nicht in jedem Punkt zustimmen – dass seine Darstellung von Milli Görüs die Diskussion um den Islam und die Integration ungemein bereichert und bestens geeignet ist, Schwarzweißmalereien zu korrigieren, kann kaum bestritten werden.

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Time am 14. August 2010

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Werner Schiffauer: „Nach dem Islamismus“. Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 391 S., br., 15,- Euro.

1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/08/05/turken-turken/