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Wer uns hasst soll gehen

11. März 2014

Pankaj Mishra

Beißt die fütternde Hand:
Pankaj Mishra, der Hinterlistige.
Er soll gehen!

Im „Tagesspiegel“ wird ein Text von Pankaj Mishra mit dem Titel „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“ von dem in der FAZ eigentlich stets konstruktiv schreibenden Thomas Speckmann hoch gelobt (1).

Für seinen westfeindlichen Text hat Herr Mishra vom Westen einen Preis bekommen.

Dagegen wiederum hat heute die große Freundin des Counterjihad und der offenen Gesellschaft – Necla Kelek – in der „Welt“ Position bezogen (2).

Lesen Sie jetzt ihren Aufsatz.

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Buchpreis für Mishra ist eine Fehlentscheidung

Pankaj Mishra erhält am 12. März den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“. Eine falsche Entscheidung. Der indische Autor ist ein Anti-Europäer, er hält nichts von den Menschenrechten.

Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ist eine ehrenwerte Angelegenheit. Mit seiner Verleihung im Gewandhaus der Auszeichnung wird traditionell die Leipziger Buchmesse eröffnet. Die Liste der Preisträger führt – von Imre Kertesz über Slavenka Draculic, Karl Schlögel bis zu Ian Kershaw – die erste Garde Intellektueller auf, die für ihren Diskurs, die europäische Verständigung – vor allem mit den Ländern Mittel- und Osteuropas – geprägt zu haben, geehrt wurden.

Wenn man das Gemeinsame der ausgezeichneten Bücher und Autoren benennen müßte, wäre es, was der Historiker Michael Wolffsohn in Anlehnung an Nelson Mandela als „Versöhnung durch Wahrheit“ bezeichnet hat. Ein hohes Gut, das es zu verteidigen gilt.

In diesem Jahr erhält den Preis der in London lebende indische Schriftsteller Pankaj Mishra für seinen Großessay „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“. Die Jury begründet ihr Urteil so: „Es ist der nicht-europäische Blick auf den Westen, der Pankraj Mishras aufklärendes Werk über die eigene Rolle in der heutigen Welt unentbehrlich macht.“ Es ist erfreulich, dass ein Nicht-Europäer geehrt wird. So geht der Blick über Europas Grenzen hinaus. Die Frage stellt sich deshalb, welche Wahrheit er uns bringt.

Die Gräuel der Kolonialmächte

Mishras Anliegen ist es darzustellen, „wie einige der intelligentesten und sensibelsten Völker des Ostens mit den Übergriffen des Westens“ umgingen. Der „nicht-europäische“ Blick des Autors ist darauf gerichtet, was der Westen Asien durch den Kolonialismus angetan hat und wer und wie sich der Widerstand dagegen entwickelt hat.

Dazu stellt er ausführlich und anschaulich die Gräuel der Kolonialmächte dar und rückt drei Gelehrte und Schriftsteller in den Fokus. Sie haben seiner Meinung nach zum neuen antikolonialen Selbstverständnis Asiens im 19. und 20. Jahrhundert entscheidend beigetragen. Mishra porträtiert die Weltsicht und die vergeblichen Versuche des Literaturnobelpreisträgers aus Bengalen, Rabindranath Tagore (1861-1941), Asien im Mißtrauen gegen die „Zivilisation“ des Westen zu vereinen. Und stellt die Bemühungen des chinesischen Reformers Liang Qichao (1873-1929) im rückständigen China vor, Reformen und so etwas wie einen chinesischen Nationalismus zu etablieren.

Kern und Ausgangspunkt der Beschreibung aber ist das Leben und Werk des Iraners Dschamal al Afghani (1838-1897), der als reisender Aktivist und Theoretiker den Islam zunächst reformieren wollte, ihn aber dann als antikoloniale Ideologie, als politischen Islam etablierte. Mishra sieht al-Afghani mit seiner Theorie „der Islam“ versus „den Westen“ als Wegbereiter eines neuen antikolonialen Selbstverständnisses. Dass al-Afghani damit den Fundamentalismus der Salafisten, der Muslimbrüder, der Mullahs im Iran und auch die religiöse Rechtfertigung eines Bin Laden lieferte, ist für den Autor wohl zwangsläufig. Mishra vergleicht al-Afghanis Einfluß auf den Orient und auf den Gang der Geschichte mit dem von Karl Marx.

Die Verbreitung westlicher Bildung ist hinterhältig

Der Autor stellt die anti-westlichen Positionen in Asien ausführlich, aber nicht kritisch reflektierend dar. Ihm ist die klammheimliche Freude anzumerken, mit der er immer wieder seine Stichwortgeber – „den Westen“, „die Zivilisation“ oder „Europa“ – für alles verantwortlich machen lässt, was zum Untergang der asiatischen Reiche beigetragen haben soll.

Es ist richtig, dass er den Briten das brutale und zynische Vorgehen in Indien und China mit drastischen Worten vorhält, kann man aber Mao ausschließlich als Befreiungskämpfer darstellen und die Millionen Toten der kommunistischen Politik unerwähnt lassen?

Wird man dem Westen gerecht, ohne zu erwähnen, was in den letzten zweihundert Jahren in Europa und Amerika an Diskursen und Kämpfen für Menschenrechte, gegen Sklaverei und Kolonialismus stattgefunden hat? Zum Beispiel, dass England die Sklaverei bereits 1834 verboten und mehr Geld im Kampf gegen Sklaverei ausgegeben hat, als es je damit eingenommen hat? Mishra hätte dann eingestehen müssen, dass auch westliche Gesellschaften lernfähig sind.

Er hätte einräumen können, dass – obwohl vom Kolonialismus befreit – in vielen Ländern Asiens auch heute keine demokratischen Verhältnisse herrschen. Solche Argumente würde der Autor wohl als westlichen Maßstab abtun, so, wie er etwa einen Weggefährten Al Afghanis zitiert, der meinte, „Bildung nach westlichem Vorbild (sei) eine besonders hinterhältige Form von Kolonialismus“.

Einseitige und fragwürdige Darstellung

Bezeichnend dabei ist, dass es Mishras asiatische Helden mit Ausnahme von Mahatma Ghandi – nicht geschafft haben, eine eigenständige Position umzusetzen, sondern ausschließlich den Einfluß und die zerstörerische Kraft des bösen Westens beklagen.

An vielen Stellen kippt der aufklärerische Anspruch des Autors so ins Ideologische, wird die Darstellung einseitig und fragwürdig. Seine Darstellung der Gesellschaften Asiens ist selektiv. Mishra schreibt weder von der Tyrannei der Osmanen, der Despotie indischer Mogule oder dem Rigorismus chinesischer Kaiser. Reiche, die allesamt untergingen, weil sie gegen ihre Völker herrschten und sich gegen Veränderungen sperrten, während Europa begann, seine damals wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Innovationen und Machtanspruch in Eroberung und Fremdherrschaft umzusetzen.

Es wäre spannend gewesen, von einem Insider zu erfahren, woran – außer den Europäern mit ihrer entsetzlichen „Gier“ und fehlender „Moral“ – diese Imperien noch gescheitert sind. Warum fielen die Reiche Asiens dem Westen ohne nennenswerten Widerstand in den Schoß? Hier hätte vielleicht ein Blick in „westliche“ Bücher wie Jürgen Ossterhammels „Die Verwandlung der Welt“ oder David Landes „Wohlstand und Armut der Nationen“ geholfen.

Die Schmach, von den Besatzern befreit zu werden

Mishras Beschreibung des Orients vor dem Kolonialismus läßt den Islam als „eine sich selbst genügende Welt“ erscheinen und als ein Hort „einer Gemeinschaft gleichgesinnter Verteidiger der moralischen und sozialen Ordnung.“ Die Millionen Sklaven, die die Osmanen in ihren Kriegen verheizten und für sich arbeiten ließen, bleiben unerwähnt.

Die westliche Politik brach in diese „heile Welt“ erst mit der Unterjochung Ägyptens im Jahr 1798 durch Napoleon ein. Erst seine Anerkennung der islamischen Führer, der Ulema, als politische Kraft führte angeblich, wie Mishra schreibt, zu einer „politischen Ermächtigung des Islam“. Folgt man diesem Gedanken, wäre selbst Al-Afghani kein origineller Denker, sondern auch nur auf einen westlichen Trick hereingefallen.

Das ist das Enttäuschende an diesem Buch. Mishra – selbst kein Muslim – kommt nicht darüber hinaus, was der islamische Gelehrte Abdelwahab Meddeb als „Die Krankheit des Islam“ bezeichnet. „Es ist das Ressentiment desjenigen, der nur noch auf die Stunde der Vergeltung wartet.“ Die tunesische Soziologin Fatima Mernissi, die sich auch mit den Auswirkungen des Kolonialismus auf den Orient beschäftigt, zieht eine andere Bilanz, als Mishra. Für sie gibt es bis heute keine Einsicht der arabischen Völker, dass Sklaverei ein Unrecht ist und dass erst die französischen Kolonialherren in den Dreißigerjahren in Marokko die Sklaverei abgeschafft haben. Die doppelte Schmach, von den Besatzern befreit zu werden, quälte sie am meisten.

Selbstzweifel sind Mishra fremd

Mishra sind solche Selbstzweifel fremd. Reflektion über den eigenen Anteil an der Geschichte fehlen. Und damit fehlt für mich der Wille zu Wahrheit und Versöhnung.

Aufschlußreich ist die subtile Art, mit der der Autor seine Weltsicht sprachlich zu vermitteln sucht. Er schreibt sehr gut und verständlich, sagt seine Meinung aber nicht direkt, sondern läßt mit sorgfältig ausgesuchten Zitaten andere für sich sprechen. Da er sie oft nicht kommentierend einbindet, stehen sie da, suggerieren eine Meinung, von der sich der Autor im Zweifelsfall distanzieren kann. Man kann das an einigen Beispielen gut belegen. Mishra schreibt über den türkishen Genozid an den Armeniern nur einen Satz: „Zermürbt von armenischen Nationalisten im Osten Anatoliens, deportierten die Türken 1915 gnadenlos Hundertausende von Armeniern – ein Vorgehen, das ihnen später den Vorwurf des Völkermords einbrachte.“

Der Autor legt uns – so lese ich das – mit dieser Formulierung nahe, dass die Armenier ihre Deportation provoziert haben müssen und die Türken gar nicht anders konnten. Und natürlich ist alles nur ein „Vorwurf“, was heißt, es ist noch lange nicht bewiesen. So würde Erdogan es auch sagen. Und an anderer Stelle schreibt Mishra über Atatürk: Er „hegte die naive Hoffnung, die Wissenschaft würde die Religion am Ende überwinden, und der Nationalismus könne den türkischen Muslimen eine neue Identität verleihen“.

Mishra redet dem religiösen Backlash das Wort

Muslime haben, so der Subtext des Autors, selbstverständlich nur eine Identität, den Islam. Die Inder ihren Hinduismus und die Chinesen ihren Konfuzius. Religion scheint für ihn die wahre Identität der Völker zu sein. Säkularität ist ein Irrtum des Westens. Kurios wird es zudem, wenn er über den EU-Beitritt der Türkei ganz nebenbei anmerkt: „Aber am Ende scheint die Türkei … auf eine explizit rassisch motivierte Abneigung des Westens gestoßen zu sein, die ihr die volle Mitgliedschaft im Club verweigert.“ Der EU Rassismus bei den Beitrittsverhandlungen vorzuwerfen, ist eigentlich ein „show-stopper“.

Die Weltsicht des Autors Pankaj Mishra ist nicht, wie von der Jury gelobt, „nicht-europäisch“, sondern explizit anti-europäisch. Mishra redet dem religiösen Backlash das Wort: „In der Zukunft werden weitaus mehr politisierte Muslime sich rechenschaftspflichtige Regierungen wünschen, die Bürgerrechte und ein gewisses Maß an Gleichheit garantieren – und sie werden ihre Ziele weniger über säkulare westliche Ideologien zum Ausdruck bringen als über das alte Ideal einer moralischen Gemeinschaft der Gläubigen.“

Dieses Statement kann man nach Lektüre des Buches nur in einem Sinne verstehen, nämlich dass Mishra meint: Es lebe die Umma, zurück zur Scharia, Religion an die Macht. Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, individuelle Freiheit – die Werte, auf die sich die UNO oder wohl nur „der Westen“ verständigt haben – kommen in seinen Argumentationen und Vorstellungen gar nicht mehr vor. Stattdessen beschwört er das Ende Europas: „Und zweifellos erscheint die Vorherrschaft des Westens bereits jetzt nur als eine weitere, überraschend kurzlebige Phase in der langen Geschichte der Imperien und Zivilisationen.“

Er teilt die Welt in Gut und Böse

Ich habe mich gefragt, warum dieses Buch ausgerechnet mit einem Preis für „Europäische Verständigung“ ausgezeichnet wird, denn auf Verständigung, gar Versöhnung scheint es der Autor nicht anzulegen. Im Gegenteil, er teilt die Welt in Gut und Böse. Die Juryentscheidung kann ich mir nur aus dem Überdruss der europäischen Intellektuellen an der eigenen Gesellschaft und der eigenen Geschichte erklären.

Mishra liefert nachträglich die intellektuelle Rehabilitierung der gescheiterten Politik der anti-imperialistischen Linken, die jetzt in Universitäten und Medien über postkoloniale Politik referieren. Das mag bei dem einen oder anderen Jurymitglied biografische Erinnerungen geweckt haben. Der beredte Versuch, den politischen Islam und den organisierten Islamismus als nicht-europäische Idee, als antikoloniale und damit moralisch akzeptable Kraft darzustellen, halte ich nicht nur politisch für falsch. Die hundertfache Denunzierung europäischer und universeller Menschenrechte durch unkommentierte Zitate und den beschriebenen Subtext, ist für mich zudem eine besondere Form der Ignoranz. Aber dass dieses Buch nur ein Zerrbild liefert, scheinen weder die Jury noch die bisherigen Rezensenten so zu sehen.

Die Streitschrift hat als anti-europäische Position ihren Platz im Diskurs über Euro-Zentrismus und Post-Kolonialismus. Ein Beitrag zur „europäischen Verständigung“ ist sie nicht.

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Time am 11. März 2014

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1) http://www.tagesspiegel.de/kultur/pankaj-mishra-erwachen-aus-ruinen/9602220.html
2) http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article125645485/Buchpreis-fuer-Mishra-ist-eine-Fehlentscheidung.html

„Nicht von Staatsfeinden distanzieren“

30. Mai 2012

Bedrohliche Geste oder Lausbefall?

Beim staatlich geförderten orkischen Propagandamagazin „Migazin“ bin ich auf einen interessanten Artikel des Juristen Cefli Ademi gestoßen, der in Gütersloh Lehrbeauftragter zur „Einführung in die islamische Jurisprudenz“ ist.

Diesbezüglich erinnern wir uns zunächst an die Ausführungen Thomas Speckmanns, der in der FAZ vom 24. Mai geschrieben hatte (1):

„In der Tat dürfte es vor allem die Forderung nach der Einbindung des auf den Koran gegründeten islamischen Rechts – der Scharia – in die europäische Rechtsordnung sein, die dem Rückblick auf den vor mehr als einem Jahrhundert im Sudan errichteten fundamentalistischen Gottesstaat Bedeutung verleiht. Denn an diesem realen Beispiel führt Oeser anschaulich vor Augen, wie es sein könnte, wenn sich alle Europäer der islamischen Kultur und ihrer Rechtsordnung beugen müssten.

Allein eine eingehende Kenntnis der über die Jahrhunderte gewachsenen Kultur und ebenso lang praktizierten Religion des Islam, wie sie die auch in Oesers Darstellung eine Schlüsselrolle einnehmenden europäischen Gefangenen im Mahdi-Reich erwerben und nach ihrer Befreiung weitergeben konnten, kann nach seinem Urteil erahnen lassen, wie schwierig das durch die globale Mobilität immer drängender gewordene Problem des Zusammenlebens zweier derart divergierender Kulturen ist.

Dieses Problem wird sich nach Oesers treffendem Urteil erst dann lösen lassen, wenn auch der Islam die Trennung von Staat und Religion vollzogen haben wird, die im christlichen Europa auch erst nach blutigen Konflikten gelungen ist.

Die aktuellen Berichte über Straßenschlachten in Deutschland zwischen Salafisten und staatlichen Sicherheitskräften scheinen Oesers These erneut zu belegen.“

Die Urteile von Speckmann und Oeser werden ungewollt durch die Ausführungen des „Volljuristen“ Ademi bestärkt, dessen Thema von morgens bis abends kein anderes als die Einführung der islamischen Jurisprudenz, die Implementierung der Scharia in unserem Land ist.

Er denunziert die Debatte über die SA-lafistische Bewegung in Deutschland als „pawlowschen Muslim-Reflex“ und schreibt (2):

„Der NSU-Staatsskandal wurde nahezu vollständig aus der medialen und politischen Öffentlichkeit ‚plötzlich’ weggedrängt. Nach nur wenigen Monaten reden wir fast ausschließlich über sog. ‚Salafisten’ und Muslime reagieren so, wie es von ihnen bevormundend erwartet wird.“

Dieser Lehrer an einer deutschen Universität ist also der Ansicht, dass die SA-lafismusdebatte von Politik und Medien gezielt und geplant initiert wurde, um von den angeblichen Mordtaten des Zwickauer Duos abzulenken und die Orks auf Kurs zu bringen. Die SA-lafisten sind eigentlich gar keine oder es gibt sie gar nicht, behauptet Ademi, indem er sie als „sogenannte“ bezeichnet und in Anführungszeichen setzt. Die Deutschen hingegen sind s.E. moralisch verkommen:

„Über zehn Jahre morden Naziterroristen frei durch Deutschland. Hohe Behörden hatten sogar – jedenfalls mittelbar – ‚Geheimdienst’-Ausweise für sie ausgestellt. Ermittlungsbehörden diskreditieren die Opfer und ihre Angehörigen mit falschen Verdächtigungen und nehmen letzteren so das Recht auf menschenwürdiges Trauern. Sie verhöhnen gar die Opfer, die fast allesamt türkischen ‚Migrationshintergrund’ haben, mit dem Unwort des Jahres 2011: ‚Dönermorde’.“

Nazis morden sich mit staatlicher Hilfe durch das Land, die Opfer aber werden verhöhnt, meint Herr Ademi, der an seiner Habilitation zum Thema „Islamische Jurisprudenz mit Blick auf den bundesdeutschen Verfassungsstaat – Religionsverfassungsrecht mit Blick auf den Islam“ arbeitet. Welche Art von Recht er wohl sprechen wird?

„Es dauerte nur wenige Monate bis dieser beispiellose Staatsskandal nahezu vollständig aus der medialen und politischen Öffentlichkeit ‚weggesprengt’ wurde. Und welches Sprengmittel eignete sich dazu am besten: Zurechtgeschmiedete, das ‚christliche Abendland’ gefährdende ‚Salafisten’, die – wer oder was auch immer damit gemeint ist – seit der flayermäßigen Verteilung von Koranübersetzungen auf einigen Fußgängerzonen Deutschlands wie auf Knopfdruck die ‚Tagesthemen’ beherrschen.“

Die seiner Ansicht nach bis ins Endlose weiterzuführende Schambekundung des deutschen 80-millionenköpfigen Volkes aufgrund der wahnsinnigen Taten zweier verkrachter Existenzen wurde durch „zurechtgeschmiedete Salafisten“ „weggesprengt“. Was für eine teuflische Verschwörung der Politik und der Medien, die also die eigentlichen Urheber des SA-lafismus, der keiner ist, sind. „Das ‚christliche Abendland’ gefährdende ‚Salafisten’“, witzelt Ademi, um die Gefahr durch sie zu relativieren. Auch das christliche Abendland wird von ihm in Anführungszeichen gesetzt, so als ob es das nicht gäbe oder als ob es nicht christlich wäre. Die meisten Mohammedanisten aber gehen der Verschwörung auf den Leim, bedauert Herr Ademi:

„Nicht wenige Muslime springen dem vorgelegten (Ablenkungs-) Knochen reflexartig hinterher und sind fleißig dabei, sich vom ‚Salafisten’, dem begrifflich neuen, aber substanziell nicht hinreichend ausdifferenzierten Staatsfeind, möglichst scharf zu distanzieren. Politische und mediale Wortschöpfungs- und Deutungshoheiten sowie bevormundend signalisierte Erwartungshaltungen gegenüber Muslimen werden nicht in Frage gestellt. Dies mündet schließlich im permanenten Gefühl der Muslime, einer Buschrhetorik ausgesetzt zu sein: ‚Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns’.“

Herr Ademi ist dagegen, dass sich die Glaubensgenossen vom Staatsfeind SA-lafismus distanzieren. Er erhält Unterstützung aus der Schariapartei Deutschlands (SPD):

„Vor dem Hintergrund, dass ‚hohe Behörden bei den Morden durch Neonazis blind waren auf dem rechten Auge’, findet Gesine Schwan es ‚makaber, dass jetzt plötzlich die Angst in Deutschland vor den Salafisten grassieren muss’.“

Mein lieber Schwan, ist DIE blöd! Weil ich es dummerweise zugelassen habe, dass meine Kinder sich einen Schnupfen geholt haben, darf ich jetzt nicht verhindern, dass sie sich ein Bein brechen?

„Muslime scheinen gegenwärtig nämlich verdammt zu sein, sich unermüdlich selbstkritisch um der bevormundend erwarteten Selbstkritik willen vom sog. ‚Salafisten’ loszusagen. Und die reflexartige aber unreflektierte Selbstkritik als Selbstzweck oder allenfalls als wertloses Glaubwürdigkeitssiegel erfreut sich unter Muslimen immer mehr an Beliebtheit. Pawlow würde sich in seiner Theorie der klassischen Konditionierung vollends bestätigt fühlen.“

Aha, sein selbstständiges Denken zeigt der Mohammedanist, indem er sich NICHT vom staatsfeindlichen SA-lafismus distanziert, so Herr Ademi.

Die „unreflektierte“ Distanzierung ist indessen ein bedauerliches Massenphänomen, meint er.

Der bald einen deutschen Doktortitel im Namen führen wird.

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Time am 30. Mai 2012

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2012/05/29/derart-divergierend/
2) http://www.migazin.de/2012/05/25/der-pawlowsche-muslim-reflex/

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PS.: Den Typen oben (Reda Syam), der öffentlich zum Mord an „Ungläubigen“ auffordert, hat Fred Alan Medforth im Video unter
http://medforth.wordpress.com/2012/05/30/salafist-rechtfertigt-mord-an-unglaubigen-in-deutschland/

Derart divergierend

29. Mai 2012

Sahen wild und gefährlich aus, die Mahdisten…

… hatten aber keine Chance gegen Opis Maxim-Gun

Vor vier Jahren konnte ich den Leserinnen und Lesern von Eisvogels Blog „Acht der Schwerter“, in dem ich seinerzeit regelmäßig kommentierte, zum ersten Mal ins Deutsche übersetzte Auszüge aus Churchills Buch „The River War“ vorlegen, in dem er die Niederschlagung der mohammedanistischen Jihad-Bewegung im Sudan beschreibt (1).

In der FAZ vom 24. Mai dieses Jahres erinnerte Thomas Speckmann an das Buch, er stellte ein neues von Erhard Oeser zum Thema vor und zog bemerkenswerte Schlussfolgerungen in Bezug auf den Jihadismus der Gegenwart. Er betitelt seine Ausführungen allerdings mit den Worten „Geburtsstunde des politischen Islam“, so als ob es je einen unpolitischen Mohammedanismus gegeben hätte…

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Nachrichten von der Geburtsstunde des politischen Islam

Auf den Spuren von Winston Churchill:
Erhard Oeser erzählt die Geschichte des Mahdi-Reichs im Sudan

Vor vier Jahren erregte Winston Churchill in dieser Zeitung Aufsehen. Der Vorabdruck seines nun erstmals auf Deutsch vorliegenden Bestsellers „The River War“ lenkte die Aufmerksamkeit auf einen in der heutigen westlichen Öffentlichkeit kaum mehr bekannten Konflikt gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts: die britische Strafexpedition im Sudan gegen das Reich des Mahdi. An ihr nahm Churchill als junger Kavallerie-Leutnant teil.

Detailliert schilderte der spätere Literaturnobelpreisträger, wie die damals stärkste Militärmacht der westlichen Welt mit moderner Technik und Logistik den ersten islamischen Gottesstaat in der Schlacht von Omdurman 1898 vernichtend schlug: „Bei einem rückhaltlos geführten Krieg im flachen Gelände ist die militärische Maschinerie von solchem Gewicht, dass kaum Menschen aus Fleisch und Blut die Oberhand behalten können, und die Zufälle des Kampfgeschehens sind auf ein Minimum reduziert. Der Krieg gegen die Derwische war in erster Linie eine Frage des Transports. Der Khalifa wurde durch die Eisenbahn bezwungen.“ Einerseits wurde Churchill auch 2008 von Rezensenten für seine Sprachgewalt gelobt; man attestierte ihm Verständnis von transkulturellen Konflikten, da er nicht etwa die Religion, sondern vielmehr die Misswirtschaft ägyptischer Herrscher im Sudan als Triebfeder des Mahdi-Aufstands betrachtete und auch die desaströsen Folgen britischer Kriegsverbrechen beleuchtete. Andererseits fiel aus heutiger Perspektive Churchills rassistischer Einschlag bei der Beschreibung der Afrikaner auf, was meist darauf zurückgeführt wurde, dass Churchill „ein Kind seiner Zeit“ und daher durch und durch Imperialist gewesen sei. Zwar erkannte man bei ihm eine „Liebe zum Krieg“, aber ein Kreuzzügler gegen den Islam sei er nicht gewesen – als ein solcher habe er sich selbst nicht verstanden.

Im Gegensatz zu derlei Hommagen an Churchill stießen die begleitenden Erläuterungen der Herausgeber auf Kritik, da sie die abwägende Sichtweise des Ursprungstextes desavouieren würden. Zugleich sei der deutsche Titel „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi“ zu tendenziös, suggeriere er doch im Gegensatz zu Churchills Sichtweise eine Art „Clash of Civilizations“.

Zwar stellt auch Erhard Oeser seine Darstellung der historischen Episode des Mahdi-Reichs zwischen 1885 und 1897, in der er ebenfalls die Geburtsstunde des modernen politischen Islam erkennt, in den Kontext gegenwärtiger Islamismusdebatten, aber die Analyse des Wiener Philosophen und Wissenschaftstheoretikers der Naturwissenschaften kommt in Stil und Form ähnlich nüchtern daher wie Churchills schlichter Originaltitel „The River War“. Mit dem britischen Augenzeugen und Chronisten hat Oeser eine eingehende Analyse der Motive des Mahdi und seiner Anhänger, eine ausgewogene Darstellung der Niederschlagung des Mahdi-Aufstands durch die Briten sowie einen kritischen Blick auf ein aufschlussreiches Kapitel englisch-afrikanischer Kolonialgeschichte gemein. Ähnlich wie Churchill betont auch Oeser, dass aufgrund der bei kolonialen Verwaltungsbeamten und Steuereintreibern verbreiteten Korruption ein berechtigtes soziales und politisches Anliegen hinter dem Mahdi-Aufstand lag, bei dem jedoch der religiöse Hintergrund eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Soziale Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung verbunden mit religiösem Fanatismus auf der einen Seite und die Ausweitung der politischen Machtsphäre verbunden mit wirtschaftlicher und militärischer Überlegenheit auf der anderen Seite habe damals wie heute zu jenen grausamen Vernichtungskämpfen geführt, von denen der Dschihad im Sudan und der sich anschließende Rachefeldzug der Kolonialmächte eindrucksvolle Beispiele seien.

Dabei sieht Oeser den sudanesischen Kalifen Abdullahi, der als Nachfolger des Mahdi eine militärische Schreckensherrschaft errichtete und sich auf Kosten seines verarmten Volkes bereicherte, als Vorläufer von Herrschertypen der Gegenwart in Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien und im Jemen, die sich nicht weniger korrupt und grausam gegen ihr eigenes Volk erwiesen haben und inzwischen zum größten Teil durch die Arabellion entmachtet worden sind.

Ob jedoch die Kriege der heutigen westlichen Mächte gegen das Regime von Saddam Hussein im Irak und gegen Taliban und Al Qaida in Afghanistan ihr Vorbild im Feldzug der britischen Kolonialmacht gegen das Reich des Mahdi hatten, wie Oeser behauptet, darf bezweifelt werden. Im Irak kämpfte die amerikanische Koalition bei ihrem Einmarsch 2003 gerade nicht gegen einen fundamentalistischen Gottesstaat. Islamistischer Widerstand gegen die Invasoren bildete sich erst nach dem Fall Bagdads mit Unterstützung durch das Ajatollah-Regime in Iran – eine tragische Ironie der Geschichte. Und in Afghanistan wie auch später im Irak war die Intention der Intervention nicht ein kolonialer Herrschaftsaufbau, sondern die Errichtung einer demokratischen und marktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung – auch wenn dieses Ziel bis heute nicht vollends erreicht wurde.

Mit Blick auf die politische Debatte um die Integration islamischer Zuwanderer in Europa trifft Oeser mit seiner historischen Einordnung des Mahdi-Reichs in aktuelle Bezüge hingegen ins Schwarze: In der Tat dürfte es vor allem die Forderung nach der Einbindung des auf den Koran gegründeten islamischen Rechts – der Scharia – in die europäische Rechtsordnung sein, die dem Rückblick auf den vor mehr als einem Jahrhundert im Sudan errichteten fundamentalistischen Gottesstaat Bedeutung verleiht. Denn an diesem realen Beispiel führt Oeser anschaulich vor Augen, wie es sein könnte, wenn sich alle Europäer der islamischen Kultur und ihrer Rechtsordnung beugen müssten.

Allein eine eingehende Kenntnis der über die Jahrhunderte gewachsenen Kultur und ebenso lang praktizierten Religion des Islam, wie sie die auch in Oesers Darstellung eine Schlüsselrolle einnehmenden europäischen Gefangenen im Mahdi-Reich erwerben und nach ihrer Befreiung weitergeben konnten, kann nach seinem Urteil erahnen lassen, wie schwierig das durch die globale Mobilität immer drängender gewordene Problem des Zusammenlebens zweier derart divergierender Kulturen ist. Dieses Problem wird sich nach Oesers treffendem Urteil erst dann lösen lassen, wenn auch der Islam die Trennung von Staat und Religion vollzogen haben wird, die im christlichen Europa auch erst nach blutigen Konflikten gelungen ist. Die aktuellen Berichte über Straßenschlachten in Deutschland zwischen Salafisten und staatlichen Sicherheitskräften scheinen Oesers These erneut zu belegen.

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Time am 29. Mai 2012

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-1-the-river-war/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-2-the-railway-war/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-3-die-schlacht-von-omdurman/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-4-einnahme-der-stadt/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-5-kritik/

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PS.: Das Gemälde ist von Robert George Talbot Kelly 

Neu: „Local Ownership“

8. März 2012

Egal, ob ich ihm nun immer zustimme, interessant sind die Überlegungen von Thomas Speckmann eigentlich immer.

Scheitern die Versuche des Westens so oft, wie er meint? Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist nicht immer alles offensichtlich und unmittelbar wirksam. Die Bedeutung des Vietnamkrieges z.B. lag im Wesentlichen in der Dekonstruktion des Kommunismus. Meint hier jemand, diese wäre nicht erfolgreich durchgeführt worden?

Lesen Sie nun einen Artikel von Herrn Speckmann zum Thema Aufstandsbekämpfung aus der FAZ vom 7. März.

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Rezepte für den Kleinkrieg

Die Counterinsurgency, zu Deutsch Aufstandsbekämpfung, zeigt in Theorie und Praxis vor allem eines: mangelnde Reflexion eigener und fremder Interessen. Deshalb scheitern die Versuche des Westens oft.

Woher stammt die immer wieder auftauchende Hybris westlicher Mächte, zu glauben, sie könnten theoretisch auch jeden asymmetrischen Krieg gewinnen? Wer hat ihnen diesen Irrglauben vermittelt, für den allein in den letzten zehn Jahren Tausende westlicher Soldaten und Zehntausende Zivilisten in Afghanistan und im Irak mit ihrem Leben bezahlen mussten? Jochen Hippler (vergl. 1, T.) vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen hat die westlichen Theorien unkonventioneller Kriegführung untersucht. Zwar ist die Aufstandsbekämpfung eine alte Kriegsform, da die Niederschlagung von Aufständen – entweder der eigenen Bevölkerung gegen eine als inakzeptabel empfundene Herrschaft oder unterworfener fremder Bevölkerungsgruppen – seit Jahrtausenden zu beobachten ist.

In ihrer modernen Form aber entwickelte sie sich aus dem Willen europäischer Kolonialmächte, den stets wieder aufbrechenden Widerstand in ihren Kolonien zu brechen. So gilt als frühes Beispiel das Buch des spanischen Hauptmanns Bernardo de Vargas Machuca, das 1599 erschien und der militärischen Kontrolle von Spaniens Kolonien und ihrer Ausweitung in Mittel- und Südamerika dienen sollte. Drei Jahrhunderte später verfasste der britische Oberst C. E. Callwell eine Art Handbuch, das sich ebenfalls vor allem mit Aufstandsbekämpfung im kolonialen Raum befasste und stellvertretend für ihre Konzeption und Praxis vor dem Ersten Weltkrieg steht.

Ein Jahr vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1941 erschien ein weiteres Handbuch zu Kleinkriegen, „Small Wars“ des Marine Corps, das die amerikanischen Erfahrungen mit Aufstandsbekämpfung in Mittelamerika, in der Karibik und auf den Philippinen berücksichtigte. Eine weitere Phase der Theorieentwicklung begann mit der Dekolonisierung während des Kalten Krieges, von der sich besonders Großbritannien und Frankreich betroffen sahen. Als Schlüsseltext bezeichnet Hippler hier das Werk „Defeating Communist Insurgency“ von Sir Robert Thompson (1966), in dem auf Grund der Erfahrungen in Malaya und Vietnam ein neuer Gedanke entwickelt wurde, der von dem kolonialen stark abwich. Die sich darauf gründende britische Schule der Aufstandsbekämpfung unterschied sich dabei deutlich von der französischen, die gleichfalls auf Erfahrungen in Vietnam, aber auch in Algerien beruhte und stärker repressiv orientiert war. Letztere floss in den sechziger und siebziger Jahren zum Teil nicht nur in die amerikanischen Überlegungen, sondern auch in die einiger lateinamerikanischer Diktaturen wie Brasilien ein.

Der ehemalige britische General Rupert Smith schließlich veröffentlichte 2006 ein Buch, das aus historischer Perspektive die Veränderungen des Charakters von Krieg reflektierte und feststellte, dass konventionelle Waffengänge zugunsten von „Kriegen innerhalb der Bevölkerung“ an Bedeutung verloren. Hierbei ging er über die Praxis hinaus und widmete sich auch der Theorie. Im selben Jahr erschien das „Counterinsurgency Field Manual 3-24“ des amerikanischen Militärs, das nicht nur eine Anleitung, sondern zugleich eine theoretische Herangehensweise an die Aufstandsbekämpfung darstellt und – ungewöhnlich für militärische Feldhandbücher – 2007 auch von Chicago University Press publiziert wurde („Counterinsurgency – Theorien unkonventioneller Kriegführung: Callwell, Thompson, Smith und das US Army Field Manual 3-24“, in: „Handbuch Kriegstheorien“. Hrsg. von Thomas Jäger und Rasmus Beckmann, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011).

Der Charakter der von Hippler untersuchten Publikationen als Beratungsschriften führt, nach seiner Analyse, zu einem beträchtlichen Mangel an Selbstreflexion sowohl bei den Beratern als auch bei den Beratenen: Die Voraussetzungen des eigenen Handelns, seine politische Einbettung, sein konservativer und oft imperialer Charakter und die daraus resultierenden Grenzen der strategischen Grundannahmen würden selten reflektiert oder gar kritisch befragt. Stattdessen würden die interessengeleiteten ideologischen Implikationen – aufgrund derer die Krisenregionen oft als eine Art unmündiger Patient, die westlichen Groß- und Mittelmächte als verantwortliche Ärzte wahrgenommen werden – in der Regel als selbstverständlich vorausgesetzt, akzeptiert oder gar apologetisch offensiv vertreten. So gelingt es den meisten Autoren aus Hipplers Sicht, zwar einerseits Aufstandsbekämpfung als im Kern politisch zu begreifen, sie aber doch primär als sozialtechnologische Therapie fremder Leiden aufzufassen, während die eigenen Interessen, Macht- und Gestaltungsansprüche zwar angedeutet, in ihrem Gewicht aber nicht genügend berücksichtigt werden.

So macht Hippler auf ein zentrales Problem in der Realität von Aufstandsbekämpfung aufmerksam, das in der theoretischen Literatur nur selten behandelt wird: der grundlegend konservative Charakter von „Counterinsurgency“, der auf die Stabilisierung fremder Regierungen zielt, weil dies aufgrund außen- und sicherheitspolitischer Interessen angebracht erscheint. Dabei bildet Stabilität das zentrale strategische Interesse; notwendige Reformschritte an Ort und Stelle sind hingegen nur Instrumente, die diesem Ziel dienen sollen. Gerät beides in einen Widerspruch, was durch die Jahrhunderte häufig zu beobachten ist, dann wird in aller Regel zugunsten von Stabilität und gegen Reformen entschieden – mit langfristig fatalen Folgen für die Aufstandsbekämpfer wie für die Bevölkerung.

Denn in Wahrheit ermöglichen erst die Entwicklung und Stärkung einer im Zielland entschiedenen und gelenkten Politik notwendige Reformen, schaffen Legitimität und, daraus folgend, Stabilität. Daher dürfte es kein historischer Zufall sein, dass die westlichen Interventionsmächte nach Jahrhunderten ernüchternder Erfahrungen mit konservativen Theorien der Aufstandsbekämpfung ihre bisherige Strategieausrichtung umkehren und nun wie in den Fällen Libyen und Syrien auf Reformen und erst danach wieder auf Stabilität setzen; die Reformkräfte in Notlagen auch militärisch unterstützend, allerdings ohne den Einsatz von eigenen Besatzungstruppen, um die Dilemmata einer sonst vermutlich notwendigen Bekämpfung eines Aufstands von Anhängern des bisherigen Regimes zu vermeiden. So könnte in die Theorie unkonventioneller Kriegführung bald ein Begriff Einzug halten, der für die Praxis von Reform und Legitimität in Krisenregionen bereits heute richtungweisend ist: „local ownership“, lokale Eigenverantwortung – im Krieg wie im Frieden.

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Time am 8. März 2012

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/28/another-ork-agent/ 

Nicht im Geringsten

27. April 2011

Sklavenmarkt in Bagdad anno 1237

Aufsätze von Thomas Speckmann lese ich in der FAZ meist mit großem Interesse. So auch heute, obwohl ich seinen aktuellen Text diesmal nicht unwidersprochen präsentieren will. Hier ist er:

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Verbrechen an der Zivilbevölkerung als neues Mittelalter?

Gaddafis Kriegführung in Libyen ist kein epochenspezifisches Phänomen, sondern ein historischer Export Europas

Mitte April verabschiedeten Barack Obama, Nicolas Sarkozy und David Cameron eine gemeinsame Erklärung zur Lage in Libyen: Eine „mittelalterliche Belagerung“ erleide Misrata, mit der Libyens Machthaber Muammar al Gaddafi die Bevölkerung „zur Unterwerfung“ zwingen wolle. Kehrt das Mittelalter in der Kriegführung zurück? Ist das Zeitalter der „neuen Kriege“, die mit ihren Warlords und Söldnern an die Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges erinnern, schon wieder vorbei? Bewegen sich die heutigen Kriegstypen bereits weiter zurück auf der Zeitachse? Von der Neuzeit zum Mittelalter? Als Maßstab für diese Einordnungen dient meist die Intensität kriegerischer Gewaltakte, außerordentlicher Gewaltanwendung und von Kriegsverbrechen. Der Blickwinkel wird dabei von wissenschaftlichen Arbeiten aus der jüngeren Zeit geprägt, die sich größtenteils mit Gewalt im zwanzigsten Jahrhundert beschäftigen, unabhängig davon, ob die dort beobachteten Phänomene im eigentlichen Sinne Bestandteil direkter militärischer Auseinandersetzungen waren oder nicht.

Ein Weg, der mehr Erfolg verspricht bei dem Versuch, aktuelle Konflikte wie den libyschen Bürgerkrieg in die Kriegsgeschichte einzuordnen, ist die epochenübergreifende Untersuchung von „Entgleisungen“ innerhalb kriegerischer Konflikte. Denn sie ermöglicht nicht nur eine Dekonstruktion von Normabweichungen, die sich in gewalttätigen Exzessen und einem Übermaß an Gewalt ausdrücken. Eine solche Untersuchung vermeidet auch das Risiko, mit allzu zeitgenössischen Worten auf die Greuel der Vergangenheit zurückzuschauen – mit fassungslosen Blicken auf eine Gewalt, die heute unhaltbar erscheint.

Studien, wie sie Frédéric Rousseau und Burghart Schmidt für das Centre de Recherches Interdisciplinaires en Sciences Humaines et Sociales de l’Université de Montpellier versammeln, erlauben es, dem Vorwurf anachronistischer Betrachtungen entgegenzutreten, der Historikern früherer Zeiten oft und nicht selten vorschnell begegnet („Kriegsverbrechen vom sechzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart“, Dobu Verlag, Hamburg 2009). Solche Untersuchungen zeigen, dass es beispielsweise nicht notwendig war, bis zum zwanzigsten Jahrhundert zu warten, um zu sehen, dass die Gewalttätigkeiten gegen die Indianer des amerikanischen Kontinents entschieden verurteilt wurden: Trotz der Rechtfertigungen des spanischen Eroberers Hernán Cortés unterstrich der Dominikaner Bartolomé de Las Casas schon im sechzehnten Jahrhundert den illegitimen Charakter der Gewalttaten der Konquistadoren in Mexiko und hob diese Frage auf eine ethische Ebene.

Auch die Verantwortlichen der Geschehnisse, die als Massaker der Waldenser bis in die Gegenwart überliefert wurden, standen schon Mitte des sechzehnten Jahrhunderts „außerhalb der Menschlichkeit“. Der Wortschatz der Gewalt folgte immer rascher der faktischen Gewalt. So erhielt auch der Begriff „Massaker“ – wie er erneut im Fall Bengasis als Argument für die westliche Militärintervention verwendet wurde – im sechzehnten Jahrhundert seine bis heute gültige Bedeutung als Umschreibung für den Mord an einer großen Zahl wehrloser, in den meisten Fällen ziviler Personen. Der Gebrauch dieses Begriffs unterstrich schon in der damaligen Epoche ein Abnehmen der Toleranz gegenüber Greueltaten und eine größere Empfindsamkeit gegenüber „Entgleisungen“ im Krieg.

Rousseau und Schmidt wenden sich gegen die gerade heute weitverbreitete Neigung, das Ereignis der „Entgleisung“ in eine in diesem Sinne konstruierte Rationalität einzubetten, eine Ordnung an die Stelle einer Unordnung zu setzen. Denn dieses Bemühen kann sich als illusorisch erweisen. So ist es oftmals problematisch, den Anteil an Entgleisungen auszumachen, der impulsiven Reaktionen zukommen kann. Ferner erscheint ein asymmetrisches Kräfteverhältnis oft als ein Element, das Entgleisungen erleichtert. Hinzu kommt die entscheidende Bedeutung der Art und Weise militärischer Führung. Die besonderen Bedingungen einer Kriegführung auf fremden Territorien durch isolierte Truppenverbände, die von ihrer Basis getrennt oder zumindest weit entfernt sind, öffnen vielen Arten von Entgleisungen Tür und Tor. Oft führen Schwierigkeiten der Truppenversorgung zu einer Vielzahl von Kontakten mit wehrlosen Zivilisten und damit zur Vervielfältigung von Gewalttätigkeiten am Rande der Kriegsschauplätze.

Bereits die Kriege des sechzehnten Jahrhunderts in den Niederlanden haben gezeigt, dass Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung von der militärischen Führung immer wieder als ausnahmsweise Überschreitung der Disziplin betrachtet wurden, die es zu kontrollieren galt, dass sie oft aber auch als eine Art Sicherheitsventil für fehlende Soldzahlungen betrachtet und entsprechend toleriert wurden, und dass sie ebenfalls in Zusammenhang mit der feindlichen Haltung der Bevölkerung standen und aus den Leiden resultierten, die die Feldzüge den Soldaten auferlegten. Nicht selten wurden diese Verbrechen als ein „notwendiger“ Ausgleich für die Schärfe der militärischen Disziplin innerhalb des Dienstes und der Kämpfe betrachtet.

Mit Blick auf die berechtigte Empörung über die Verbrechen von Gaddafis Truppen an der eigenen Bevölkerung muss sich der Westen zugleich den historischen Spiegel von Rousseau und Schmidt vorhalten lassen. Denn infolge der ständigen Verletzung des europäischen Kriegsrechts in den Kolonialkriegen in Afrika bildeten die dortigen Entgleisungen beinahe schon selbst wieder eine Norm und eine Art der Kriegführung, die von Europa aus exportiert wurde. So war auch Lateinamerika im Unabhängigkeitskampf Schauplatz eines schmutzigen Krieges, dessen grausamste Elemente bereits während der Kämpfe gegen die napoleonischen Truppen in Spanien zu beobachten gewesen waren. Und was die französische Kriegführung in Algerien und das britische Vorgehen im Kongo betraf, so schienen hier Kriegsverbrechen geradezu Bestandteil politisch-militärischer Kolonialstrategien. Somit trifft der Westen heute in Libyen keinesfalls auf spezifisch „mittelalterliche Belagerungen“, sondern auf eine Kriegführung, die nicht nur epochenübergreifend Anwendung findet, sondern auch ein historischer Export Europas ist.

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Zunächst finde ich es ein wenig schade, dass Speckmann in seinen Ausführungen das Mittelalter, welches im Titel angekündigt wird, gänzlich unerwähnt lässt – das hätte mich doch auch sehr interessiert.

Aber was sollen denn diese Sätze: „Gaddafis Kriegführung in Libyen ist kein epochenspezifisches Phänomen, sondern ein historischer Export Europas (…) in Afrika bildeten die dortigen Entgleisungen beinahe schon selbst wieder eine Norm und eine Art der Kriegführung, die von Europa aus exportiert wurde. (…) Und was die französische Kriegführung in Algerien und das britische Vorgehen im Kongo betraf, so schienen hier Kriegsverbrechen geradezu Bestandteil politisch-militärischer Kolonialstrategien. Somit trifft der Westen heute in Libyen keinesfalls auf spezifisch ‚mittelalterliche Belagerungen‘, sondern auf eine Kriegführung, die nicht nur epochenübergreifend Anwendung findet, sondern auch ein historischer Export Europas ist.“

Ich bin über die Geschichte Algeriens und Kongos nicht besonders im Bilde, aber kann mir vorstellen, dass die Kolonialmächte tatsächlich oft grausam und verabscheuenswürdig vorgegangen sind. Ich möchte jedoch fragen, was dort vor sich ging, bevor die Europäer erschienen? 

Na klar, der mohammedanistische Sklavenhandel grassierte, ein Sklavenhandel, der in 1.400 Jahren Mohammedanismus niemals und auch heutzutage noch nicht zum Erliegen gekommen ist. Dem von jeher jeglicher Gedanke an ein „Kriegsrecht“ fremd ist.

Die Orks versklavten in Afrika, so Dr. Egon Flaig (1), insgesamt 50 Millionen Menschen und nochmals – vor allem von den Maghreb-Staaten aus – 1,2 Millionen Europäer. Da pro Sklave von fünf damit verbundenen Toten ausgegangen werden muss (Jagd, Flucht, Tod des Ernährers), ist eine Todeszahl von 250 Millionen Afrikanern sowie 6 Millionen Europäern nicht unwahrscheinlich. Die Gesamtzahl der Opfer des Mohammedanismus müsste demzufolge von 270 Millionen auf 400 Millionen korrigiert werden (2).

Wie dem auch sei, die genannten Regionen waren mit ziemlicher Sicherheit auch schon vor der Ankunft der Europäer die Hölle, und zwischen 1988 und 2004 hatten die Jugendlichen des unabhängigen Algeriens denn auch nichts besseres zu tun, als sich 150.000-fach die Kehlen durchzuschneiden. Michael Mannheimer (s. 1):

„Vom ersten Tag des transatlantischen Sklavenhandels an führten die Europäer in der Alten wie in der Neuen Welt eine erregte Debatte über die Sklaverei. 1794 wurde sie von der französischen Nationalversammlung in allen französischen Territorien verboten. 1833 folgte das britische Parlament dem französischen Beispiel. Auf dem Wiener Kongress beschlossen 1815 die europäischen Monarchen, den Sklavenhandel zu unterbinden. Von da an machte die britische Marine Jagd auf Sklavenschiffe, blockierte die westafrikanische Küste und würgte den transatlantischen Sklavenhandel ab. Der jahrzehntelange Einsatz als maritimer Weltpolizist kostete London viel Geld.“

Apropos Mittelalter, Mannheimer:

„Gar so finster war Europas Mittelalter doch nicht: Vor tausend Jahren waren die Territorien nördlich und westlich der Alpen die einzige Region auf der Welt, in der es keine Sklaven gab. Adlige Güter wurden hier von Bauern bewirtschaftet, die in unterschiedlichen Stufen abhängig und unfrei waren. An die Stelle der Sklaverei trat die Leibeigenschaft. Anders als Sklaven gehörten Leibeigene zur Gesellschaft und fristeten, zwar am unteren Ende der sozialen Leiter, ein halbwegs menschenwürdiges Dasein. Niemand durfte sie verkaufen oder verschleppen. Als die (christlich geprägten) Normannen  1066 England (durch Herzog Wilhelm II. aus der Normandie (Nordfrankreich)) eroberten, unterdrückten sie dort die Reste der Sklaverei rigoros. Im ‚Sachsenspiegel‘, dem (ältesten) Gesetzeswerk (Rechtsbuch) des deutschen Mittelalters, wurden Mitte des 13. Jahrhunderts sowohl Leibeigenschaft als auch Sklaverei aufgehoben. Frankreichs König Philipp der Schöne schenkte 1299 allen Leibeigenen auf seinen Krongütern die Freiheit, weil ‚jegliches menschliche Geschöpf, welches nach dem Bild unseres Herrn geformt ist, kraft des natürlichen Rechts frei sein muss‘. Da war es schon, das ’natürliche Recht auf Freiheit‘, fast 500 Jahre vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, mitten im sogenannten finsteren Mittelalter.“

Wir brauchen uns absolut nicht zu schämen, und wir brauchen keine Verantwortung übernehmen für etwas, das wir nicht zu verantworten haben. Wir haben nicht zu verantworten, was Aff-Affie und all die anderen mohammedanistischen Unmenschen von Marokko bis Indonesien verbrechen. Nicht im Geringsten!

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Time am 27. April 2011

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1) http://michael-mannheimer.info/2011/04/22/der-islam-und-die-weltgeschichte-der-sklaverei/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/mohammedanismus-und-sklaverei/

Letztlich unbesiegbar

1. Dezember 2010

Von Thomas Speckmann bringt die heutige FAZ einen (wie stets interessanten) Aufsatz über die westliche Kriegführung einst und jetzt.

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„Ritter, Tod und Taliban“ oder „Vom unheroischen Westen“

Angeblich sind Demokratien nicht so kriegs- und opferbereit wie frühere Gesellschaften: Eine militärische Selbstwahrnehmung voller Mythen und Legenden.

Früher war bekanntlich alles besser – selbst im Krieg. Früher zog der Westen mit wehenden Fahnen in die Schlacht. Früher waren die westlichen Demokratien standhaft an der Heimatfront. Und heute? Alles vorbei, verloren, vertan. So oder so ähnlich lesen sich viele Kommentare zum Kriegsgeschehen in Afghanistan. Und in der Tat: Auf ihrem Gipfel in Lissabon hat die Nato ein neues strategisches Konzept beschlossen, das einen weiteren Exportversuch ihrer kollektiven Verteidigung in ferne Weltgegenden unwahrscheinlich werden lässt. Die Niederlande haben bereits im August ihren Kampfeinsatz am Hindukusch aufgegeben, Kanada will nächstes Jahr folgen – der beste Beweis für diejenigen, die behaupten, der Westen habe seinen kriegerischen Schneid verloren. Doch dieser Eindruck täuscht. Das gegenwärtige Verhalten der westlichen Nationen ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel in ihrer Kriegsgeschichte, ja es ist so alt wie der Westen selbst.

Schon in der Antike zeigte sich der Westen nicht heroischer als heute. Athens Blütezeit begann mit einer politischen Dummheit, die aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts als Déjà-vu westlicher Militärinterventionen erscheint: Im Jahr 500 v. Chr. beschlossen die ionischen Städte in Kleinasien vom Perserreich abzufallen. Sie baten Athen um militärischen Beistand. Nach den Analysen des britischen Historikers Tom Holland war das Ergebnis eine schmerzvolle Niederlage im ersten Angriffskrieg einer Demokratie gegen eine Autokratie. Athens Volksversammlung lehnte fortan jedes weitere Hilfsgesuch vom Kriegsschauplatz ab, so verzweifelt die Anfragen auch waren.

Militärisch war die athenische Expeditionsstreitmacht nach dem Urteil Christian Meier zwar nicht besonders ins Gewicht gefallen. Politisch reichte ihre Entsendung aber aus, um die Perser zu veranlassen, nach der Niederschlagung des Aufstands die Ionier und ihre Verbündeten bestrafen zu wollen. Die Perserkriege gegen das griechische Festland waren die Folge. Erst jetzt, da sich die Athener aus Angreifern in Übersee zu Verteidigern ihrer Heimat wandelten, konnten sie die Perser besiegen und selbst zur antiken Supermacht aufsteigen. Viele Denker der Reformationszeit sollten die heroischen Ereignisse von Marathon und Salamis zu einem Musterbeispiel abendländischer Tugenden und Werte erklären – im Gegensatz zu den Kreuzzügen. Es schien am Ende rechtschaffener, sich zu verteidigen als anzugreifen, und besser, für die Freiheit zu kämpfen als religiös-fanatisch.

Auch die Römer zahlten Lehrgeld in asymmetrischen Kriegen, die militärisch nicht zu gewinnen waren. Was dem Westen heute der islamistische Terrorismus mit Anschlagsversuchen wie jüngst durch Luftfrachtpakete aus dem Jemen, waren die Germanen für Rom: Sie fielen immer wieder in die linksrheinischen Provinzen ein. Wie der Westen bis heute glaubt, sich am Hindukusch verteidigen zu müssen, kam auch Rom zu der Überzeugung, nur in einer offensiven Defensive seine Reichsgrenzen schützen zu können. Unter Kaiser Augustus sollte Germanien „befriedet“ werden.

Was der Westen in Afghanistan als „hinterhältige Angriffe“ der Taliban geißelt, erlebten die Römer in den Wäldern Germaniens. Und wie die Nato am Hindukusch reagierte auch das römische Imperium mit einer massiven Truppenaufstockung auf die Rückschläge bei der Bekämpfung des germanischen Aufstands. Nach dem Varus-Desaster verstärkten die Römer umgehend ihre Stützpunkte am Niederrhein. Ein Drittel der gesamten römischen Armee stand nun dort – ähnlich dem amerikanischen Aufwand für Afghanistan und den Irak. Doch auch alle weiteren Offensiven in Germanien liefen sich tot. Militärische Einzelerfolge ließen sich nicht in eine dauerhafte Kontrolle der eroberten Gebiete umwandeln. Nach Berechnungen des Münsteraner Historikers Wilm Brepohl dürfte ein Viertel der römischen Gesamtstreitmacht von rund 100.000 Mann nach drei Jahren asymmetrischen Krieges nicht mehr heimgekehrt sein. Germanien war zum Vietnam der Römer geworden. Nicht wenig deutet heute darauf hin, dass Afghanistan zum Germanien des Westens werden könnte. Mit einem Unterschied: Keinem Historiker käme in den Sinn, die Römer wegen ihres Rückzugs als unheroisch zu bezeichnen.

Im Vergleich zu den asymmetrischen Kämpfen an der Peripherie des römischen Imperiums erscheint das Mittelalter im kollektiven Gedächtnis als das heroische Zeitalter schlechthin. In ihm wurde nach weit verbreiteter Meinung „ritterlich“ gekämpft; der Heldentod galt noch etwas. Doch auch diese Vorstellungen sind spätestens nach den jüngsten Darstellungen von Mittelalterexperten wie dem Regensburger Historiker Martin Clauss ins Reich der Mythen zu verweisen. In Wirklichkeit hatte das damalige Kampfgeschehen vieles gemein mit den Konflikten des 21. Jahrhunderts: Wie im „Krieg gegen den Terror“ waren bei mittelalterlichen Feldzügen offene Feldschlachten die Ausnahme. So erscheint mit Blick auf die Strategie der Taliban das Vorgehen kleiner berittener englischer Einheiten im Hundertjährigen Krieg vertraut. Ihr Ziel war es nicht, den Gegner zum finalen Kampf zu stellen oder ein Gebiet zu erobern. Es ging vielmehr darum, den Herrschaftsanspruch der anderen Seite zu untergraben. Wenn englische Truppen das Kernland Frank-reichs verwüsteten, ohne dass der französische König sie daran hindern konnte, schadete dies der Autorität der Krone. Hier wurden die Nichtkombattanten zum primären Ziel einer wenig heroischen Kriegführung, die in ihrer politischen und psychologischen Logik überaus aktuell anmutet.

Auch die Neigung, Heroismus mit der Bereitschaft gleichzusetzen, hohe Opferzahlen für den Sieg in Kauf zu nehmen, wie es viele Kommentatoren des aktuellen Kriegsgeschehens in Afghanistan tun, ignoriert grundlegende Traditionen des Kriegswesens gerade westlicher Gesellschaften. Bereits die Römer schickten nicht nur Hilfstruppen in die Schlacht, um die eigenen Verluste zu begrenzen, sondern verwendeten auch Wurfgeschütze und Katapulte, um möglichst viele Gegner vor dem Aufeinanderprallen der Schlachtreihen zu töten. Im Mittelalter setzten englische Heere mit dem Langbogen ebenfalls eine gefürchtete Distanzwaffe ein. Im Hundertjährigen Krieg konnte sie französische Ritter noch auf achtzig Meter tödlich treffen und verringerte damit das Risiko eigener Opfer.

Auch mit Beginn der Moderne blieb die westliche Waffenentwicklung vor allem darauf ausgerichtet, die eigenen Verluste zu minimieren und zugleich die des Gegners zu maximieren; eine Entwicklung, die sich über den Bau schwerer Bomber für die alliierten Luftoffensiven im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan bis in die Gegenwart erstreckt. Vom Langbogen zur Drohne.

Mangelnder Heroismus des Westens wird oftmals auch an der gegenwärtigen Renaissance des Söldnertums festgemacht. Seine kampfscheuen Gesellschaften delegieren bei ihren Waffengängen mehr und mehr zentrale Aufgaben an private Sicherheitsunternehmen. In den Vereinigten Staaten werden die Operationen in Afghanistan und im Irak bereits als „Söldnerkriege“ bezeichnet. Die amerikanische Berufsarmee soll heute nicht mehr in der Lage sein, ohne die Militärfirmen einen Krieg zu führen. Wie gehabt: Schon das antike Athen und Sparta setzten auf den Einsatz von Söldnern. Im Peloponnesischen Krieg wurden verstärkt auswärtige Berufssoldaten als Ergänzung der Milizarmeen der Gemeinwesen rekrutiert.

Im Gegensatz zum demokratischen Athen setzte das autoritäre Sparta auch aus strategischen Gründen fremde Truppen ein. Angesichts eines steten Bevölkerungsrückgangs im 4. Jahrhundert v. Chr. vermochten es die Spartaner insbesondere durch die gezielte Verpflichtung peloponnesischer Söldner, das Schwinden spartanischer Vollbürger zu verschleiern. Damit gelang es Sparta nach dem Urteil des Baseler Althistorikers Leonhard Burckhardt, seinen Einflussbereich selbst dann noch zu vergrößern, als die Stadt den Zenit ihrer Macht bereits überschritten hatte – eine Vorgehensweise, die an den heutigen Westen erinnert, der ebenfalls aufgrund der Auslandseinsätze seiner regulären Soldaten unter einer imperialen Überdehnung leidet, die ihn zunehmend militärisch, wirtschaftlich und vor allem politisch überfordert.

Nicht zuletzt die Kolonialarmeen des Britischen Weltreiches rekrutierten sich nur selten aus Staatsangehörigen der Kolonialmacht. Imperiale Streitkräfte wie die British Indian Army gingen unter dem Befehl britischer Offiziere und zusammen mit Kontingenten, die ausschließlich aus Großbritannien stammten, in ihre Einsätze – ähnlich der heutigen Strategie des sogenannten „Partnering“ von afghanischen Sicherheitskräften und Nato-Truppen.

Der Krieg an der Front ist immer auch ein Krieg an der Heimatfront. Der politische Rückhalt ist für Demokratien eine mindestens so kriegsentscheidende Ressource wie der Nachschub an Waffen und Munition. Gelingt es der militärischen Führung nicht, die eigenen Verluste zu begrenzen – wie in Frankreich während des Ersten Weltkrieges -, schwindet die Bereitschaft von Soldaten wie Zivilisten, die Belastungen des Krieges durchzustehen.

Wie sehr auch der Zweite Weltkrieg Verhaltensschemata der westlichen Alliierten im Kontrast zu totalitären Regimes wie der Sowjetunion aufzeigt, die sich bis heute nicht verändert haben, ja die immanent scheinen für das Denken und Handeln des demokratischen Westens im Fall des Krieges, haben Arbeiten wie die des britischen Historikers Norman Davies vor Augen geführt. Zwischen 1939 und 1945 stand die Taktik seiner Landsleute auf dem Schlachtfeld im Zeichen von Zurückhaltung – ganz in der Tradition von Bürgerarmeen. Zwar verfügten auch Großbritanniens Kommandeure ab 1944 über kampfstarke Panzer. Aber sie wurden als Deckung für die vorrückende Infanterie eingesetzt, nicht als unabhängige Angriffsspitzen. Heroische Duelle mit deutschen Panzern waren nicht erwünscht. Die Aufgabe, gegnerische Panzertruppen außer Gefecht zu setzen, wurde vor allem Spezialeinheiten mit Jagdpanzern und Jagdbombern mit Raketen überlassen.

Auch die US-Armee glaubte schon im Zweiten Weltkrieg an den Sieg durch Feuerkraft. Wie die Briten besaßen die Amerikaner weder einen Panzer, der Schlachten entscheiden konnte, noch eine Truppe kampferprobter Veteranen. Aber sie hatten großes Vertrauen in ihren Materialnachschub und räumten den technischen Waffengattungen, insbesondere der Artillerie, die Priorität ein. Und noch häufiger als die Briten verließen sich die Amerikaner auf die Schlagkraft ihrer Air Force.

Im Kurzzeitgedächtnis der westlichen Mediengesellschaften ist es Mode geworden, dem Westen zu unterstellen, er zögere heute aus seiner unheroischen Haltung heraus länger als in früheren Epochen, bevor er sich zu militärischen Operationen entschließe. Als Beleg für diese These wird nicht zuletzt auf die zunehmende Piraterie vor Somalia verwiesen: Die Navy und ihre verbündeten Marinen beschränkten sich auf gelegentliche Schläge gegen die Seeräuber. Vor einer erneuten Intervention zu Lande schreckten Amerika und Europa nach ihrem Scheitern in Mogadischu 1993 aber zurück.

Doch auch dieser Eindruck trügt: Im Fall der antiken Piraterie wachte Rom erst auf, als die sichere Versorgung des imperialen Zentrums bedroht war. Und Jahrhunderte später schienen nach den Betrachtungen zur Geschichte des Mittelmeerraums des italienischen Historikers Salvatore Bono weder Spanien, Frankreich, England noch Venedig und die Niederlande willens oder in der Lage, der Bedrohung wirksam zu begegnen, die von den Berber-Korsaren entlang der nordafrikanischen Küste ausging. Wie heute vor Somalia blühte das Lösegeldgeschäft mit den Mannschaften der gekaperten Schiffe. Tributzahlungen der westlichen Seemächte waren an der Tagesordnung, um die Handelsrouten offen zu halten. Erst als Algier 1830 vor einer französischen Übermacht kapitulierte, bedeutete das auch das Ende der Korsaren von Tunis und Tripolis.

Wie wenig gerüstet im Vergleich zu früheren Kriegen die heutigen Gesellschaften des Westens nicht nur im mentalen Sinne seien, machen Beobachter immer wieder auch an Ausrüstungsmängeln der westlichen Streitkräfte bei Operationen wie im Irak oder in Afghanistan fest. Dabei gelangt die historische Statistik hier ebenfalls zu einem anderen Urteil. Nicht zuletzt die amerikanischen Kriegsgeschichte ist durchzogen von Demobilisierungen nach Waffengängen, die den Vereinigten Staaten beim nächsten Konfliktfall oft große Probleme bereiteten: Nach dem Unabhängigkeitskrieg schien Washington der permanente Unterhalt einer Kriegsflotte zu teuer. Daher verfügte die Navy nur über wenige kleine Fregatten, als sie 1801 den ersten Krieg führen musste, der den Vereinigten Staaten formell erklärt wurde. Der Gegner war Tripolis – eine Schutzmacht der Berber-Korsaren.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg rüstete Amerika massiv ab. Das Heer schrumpfte auf die Größe der belgischen Armee. Die Ausrüstung von Air Force und Navy veraltete. Isolationismus und Pazifismus dominierten die amerikanischen Innenpolitik. Erst nach Pearl Harbor begann die erneute Aufrüstung. Doch wie Großbritannien zeigten sich auch die Vereinigten Staaten erst Jahre nach ihrem Kriegseintritt in der Lage, größere Operationen auf dem europäischen Kontinent zu beginnen.

Der Westen verhält sich heute weder unheroischer noch kriegsmüder als früher. Ein Rückzug wie aus Vietnam kommt für westliche Demokratien nur in Frage, wenn sie ihre Sicherheit nicht direkt bedroht sehen. Gelangt hingegen eine gesellschaftliche wie politische Mehrheit zu der Überzeugung, dass Opfer menschlicher und materieller Art nicht zu vermeiden sind, um das eigene Land und seine Interessen zu schützen, dann haben sich Europas und Amerikas Demokratien letztlich als unbesiegbar erwiesen, allen gelegentlichen Niederlagen zum Trotz, und das vor wie nach 1945: Für die Rückeroberung der von Argentinien besetzten Falkland-Inseln hat Großbritannien 1982 die größten Verluste der Royal Navy seit dem Zweiten Weltkrieg in Kauf genommen, für die Jahrzehnte dauernde Bezwingung der IRA tausend gefallene Soldaten. Elementare Voraussetzung für eine derart große Opferbereitschaft war, dass die Mehrheit der britischen Bevölkerung hinter dem Einsatz ihres Militärs stand. Denn sie empfand beide Konflikte als von außen aufgezwungen und sah sich daher in einer Verteidigungsposition. Im „Krieg gegen den Terror“ scheint dies hingegen nur sehr bedingt der Fall. Auch bei Großbritanniens europäischen Nachbarn fühlen sich lediglich wenige Menschen durch den islamistischen Terrorismus existenziell bedroht.

Nach der Logik offensiver Defensivkriege wie in Afghanistan, die zugleich Bestandteil einer Präventionspolitik gegen weitere Terroranschläge in Amerika und Europa sind, müssten derlei Militärinterventionen auch auf Länder wie Pakistan, Somalia oder den Jemen ausgeweitet werden. Doch ebendies ist angesichts der historischen Erfahrungen bei Anti-Terror-Kampagnen zu hinterfragen. Zwar trifft es zu, dass zahlreiche islamistische Attentäter ihre Inspiration und Ausbildung in Ländern wie Pakistan erhalten. Aber schon die IRA ließ sich in den siebziger Jahren in Libyen trainieren und mit Waffen und Sprengstoff versorgen. Auch die RAF wäre ohne Netzwerk aus palästinensischen Terroristen, arabischen Diktaturen und kommunistischen Geheimdiensten kaum handlungsfähig gewesen.

Doch sowohl IRA als auch RAF sind von Großbritannien und der Bundesrepublik vor allem mittels polizeilicher und geheimdienstlicher Operationen niedergerungen worden, ohne dass britische und deutsche Truppen in Nordafrika, im Nahen Osten oder im Ostblock einmarschierten, um die Rückzugsräume und Trainingslager der Terroristen zu zerstören. Die Frage, ob sich heute die für derartige Operationen erforderlichen langfristigen politischen Mehrheiten in den westlichen Demokratien finden ließen, erscheint ohnehin mehr als rhetorisch. Wer dies jedoch mit einer generellen Kriegsmüdigkeit demokratischer Gesellschaften verwechselt und ihnen mangelnden Heroismus im Vergleich zu früheren Konflikten vorwirft, denkt nicht nur ahistorisch, sondern in letzter Konsequenz auch undemokratisch.

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Time am 1. Dezember 2010

 

Der schwarze Ritter

27. Oktober 2010

Gestern war hier die Rede von den Tierblutorgien anlässlich des Opferfestes, die in der gesamten Türkei grassieren und weiter anwachsen. Heute wird den FAZ-Lesern in zwei Artikeln dieses barbarische Land, welches sich einige Jahre lang scheinbar auf dem Weg in Richtung Zivilisation befand und sich nun wieder auf den zurück zu seiner grässlichen Vergangenheit gemacht hat, einmal mehr schöngeredet.

Tatsächlich wird m.E. nicht gesehen, dass es im Grunde drei große Impulsgeber des Mohammedanismus gibt, die um die Deutungshoheit (respektive Macht) streiten. Das ist zunächst Saudi-Arabien, Stammland und Verwalter der „heiligen“ Stätten, das ist Iran mit dem bedeutendsten Schisma und seiner unter allen Orkstaaten einmaligen zivilisatorischen und teilweise noch lebendigen Vergangenheit, und das sind die Türken, unter deren Herrschaft das letzte mohammedanistische Großreich stand.

Insofern war der „Blick der Türkei nach Europa“ in den letzten Jahren lediglich der gierige Blick des Wüstenräubers auf die reiche und gut bewachte Karawane Europa, die man sich einzuverleiben gedachte, um im Lager des Mohammedanismus Status- und Machtzuwachs zu erfahren. Mit einem sehnsuchts- oder verehrungsvollen Blick auf die Errungenschaften der Aufklärung sollte er jedoch nicht verwechselt werden.

Rainer („the dimmi“) Hermann hat das Wort:

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Arabische Blicke

Der „Handelsstaat“ Türkei entdeckt seine Nachbarn wieder

Einen Nutzen hatte die Reise des iranischen Staatspräsidenten Ahmadineschad in den Libanon: Zwar heizte sie vor der Veröffentlichung der Anklage des Sondertribunals zur Ermordung Rafiq Hariris die Spannungen weiter an. Sie legte aber auch offen, dass Iran in der arabischen Welt fast nur noch Schiiten an seiner Seite weiß (Sowie, genau, die Türkei! T.). In Beirut und bei dem Abstecher in den Südlibanon jubelten ihm fast ausschließlich Schiiten zu, in der arabischen Welt verfolgten die sunnitischen Muslime die Reise mit großem Unbehagen.

Dass der Einfluss Irans in der arabischen Welt seinen Zenit überschritten hat, hat viele Gründe. Etwa die Umstände von Ahmadineschads Wiederwahl im Juni 2009 und die blutige Niederschlagung der Proteste. Ein anderer ist der wachsende Einfluss der Türkei. Im vergangenen Juli hatte das „Palästinensische Zentrum für Politik und Umfragen“ von Chalil Shikaki ermittelt, dass 43 Prozent aller Palästinenser die Türkei als ihren wichtigsten außenpolitischen Partner sehen, vor Ägypten mit 13 Prozent und Iran mit nur 6 Prozent. Die Unterstützung für die Türkei ist im Westjordanland und in Gaza nahezu gleich.

Im Libanon war es Ahmadineschad nicht gelungen, den Trend umzukehren. Kurz vor seiner Ankunft in Beirut war der türkische Ministerpräsident Erdogan aber wieder einmal in Damaskus, wo er mit Staatspräsident Assad konferierte. Beide unterstützen im irakischen Rennen um das Amt des Regierungschefs den säkularen Schiiten Allawi, während Iran Amtsinhaber Maliki favorisiert. Neben dem Irak erörterten Erdogan und Assad die Möglichkeiten zur Wiederbelebung des Friedensprozesses. Assad machte klar, indirekte Gespräche mit Israel unter der Bedingung wiederaufzunehmen, dass die Türkei vermittelt.

Bis vor einem Jahrzehnt war die Türkei im Nahen Osten nicht präsent, trotz ihrer Grenze zu Syrien, zum Irak und zu Iran. Sie war ein zurückhaltender Nachbar. Heute ist der Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs als Vermittler und Handelspartner begehrt. Die Türkei ist für die Staaten und Gesellschaften des Nahen Ostens eine „Erfolgsgeschichte“, eine „soft power“ geworden – mit ihrer dynamischen Wirtschaft und der praktisch demonstrierten Vereinbarkeit von Islam, einer säkularen Politik (an deren Ende die Macht- und Mullaeliten fieberhaft arbeiten, T.) und einer parlamentarische Demokratie (die auch jeden Tag weiter ausgehöhlt wird, T.).

Kontrovers wird im Westen über die Frage diskutiert, ob die Türkei heute lediglich den Nahen Osten wiederentdeckt oder sogar dorthin zurückkehrt und – sollte dies der Fall sein – ob sie ihre außenpolitische Ausrichtung zum Westen aufgibt. Diesen Fragen ging in Istanbul eine Tagung der Sabanci-Universität, der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik und der Robert Bosch Stiftung nach. Ein Ergebnis war, dass die Türkei zwar eine neue, aktive Außenpolitik praktiziert, ihre Orientierung nach Europa und zum Westen aber nicht aufgibt. Sie verlegt auch ihre außenpolitischen Achsen nicht neu. Die Öffnung zu den Nachbarn im Nahen Osten dient vielmehr der Diversifizierung der Diplomatie und über die Erschließung neuer Absatzmärkte auch der Steigerung des Wohlstands in der Türkei.

Die frühere Außenpolitik der Türkei hatte sich an Sicherheitserwägungen und dem Primat der territorialen Integrität orientiert. Die neue Außenpolitik steht indes im Dienst des „Handelsstaats“ Türkei, der über eine Mehrung des Wohlstands die Sicherheit und Grenzen garantieren soll. So hatte einer der prominentesten Botschafter der alten Generation, Sükrü Elekdag, gern davon gesprochen, dass die Türkei stets für „zweieinhalb Kriege“ gerüstet sein müsse: gegen Griechenland, Syrien und die PKK. Demgegenüber formuliert der heutige Außenminister Davutoglu eine „Politik der Null-Probleme“ gegenüber allen Nachbarn mit dem Ziel, den grenzüberschreitenden Handel zu maximieren. Bis auf Armenien ist diese Rechnung aufgegangen.

(Das muss man sich mal vorstellen, dass die EU Beitritssverhandlungen mit einem Land führte, dessen Militärpolitik offiziell gegen eines ihrer Mitglieder ausgerichtet ist. Davutoglu indessen ist der Begründer des Konzeptes der „strategischen Tiefe“, das angeblich eine „multi-dimensionale türkische Außenpolitik“ (Wiki) meint, die aber ganz praktisch die Einfrierung der Beziehungen zu Israel bedeutet, die die Verweigerung von Hilfe im zweiten Irak-Krieg bedeutet, die beste Beziehungen zu Naziran bedeutet. T.)

Türkische Außenpolitik ist mehr als klassische Diplomatie, sie ist Handelspolitik. Von der neuen, wirtschaftsorientierten Außenpolitik des Handelsstaats Türkei profitiert vor allem die aufstrebende neue Mittelschicht Anatoliens, die das Rückgrat der Regierungspartei AKP bildet. Die „anatolische Tiger“ genannten jungen Industriestädte Anatoliens blicken auf die bisher unausgeschöpften Marktchancen in der Nachbarschaft. Ihre Unternehmer treiben zwar auch mit Europa Handel. Wegen der restriktiven Schengen-Visavergabe selbst für Unternehmer und Investoren (Als ob die zu Handelsbeschränkungen führen würde, T.) orientieren sie sich mehr und mehr am Nahen Osten. Sie befürworten daher die Visa-Freizone, welche die Türkei mit Syrien, dem Libanon und Jordanien geschaffen hat.

Zu den Erfolgsgeschichten der neuen türkischen Außenpolitik gehört Syrien (Ja, große Klasse, wie gut die Beziehungen zu dieser Diktatur geworden sind, die ebenfalls nach der Bombe greift und ein gefährlicher Feind des Westens ist, T.). 1998 standen die Nachbarn noch am Rand eines Kriegs. Heute sind die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen eng. Mit der Annäherung an Syrien ist eine Abkühlung der Beziehungen mit Israel einhergegangen (Was macht das schon, wenn doch die zu Syrien so fantastisch geworden sind… T.). Sie hatte bereits unter Erdogans Vorgänger, dem linksnationalen Bülent Ecevit, eingesetzt, der Israel einen „Genozid“ an den Palästinensern vorgeworfen hatte (Gemeint ist: Das sei Konsens, nicht nur mohammedanistische Demagogie. T.). Erdogan hatte aber noch 2005 Israel besucht, zwei Jahre später sprach der israelische Staatspräsident Peres vor dem türkischen Parlament.

Gegenüber Israel und den Palästinensern verfolgt die Türkei eine andere Politik als die EU. Beide setzen sich für eine friedliche Lösung des Konflikts und die Schaffung zweier Staaten ein. Sie sprechen aber mit unterschiedlichen Akteuren. Die Türkei wirft der europäischen Diplomatie vor, an der Wirklichkeit vorbei zu sehen, wenn sie nur mit der Fatah spricht und die Hamas boykottiert. Denn ohne die Einbindung der Hamas (Eine Terrororganisation und Verbrecherbande, die ein Territorium gekidnapped hat, so wie die kommunistischen Drogenbanden es in Südamerika zu tun pflegen, T.) könne es eine friedliche Lösung nicht geben. Daher versuche die Türkei, die Hamas in den politischen „Mainstream“ zu ziehen (Genauso wird die Mafia am besten bekämpft: Indem man den Paten zum Staatschef macht. T.).

Besonders offensichtlich sind die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Westen und der Türkei gegenüber Iran. Während der Westen die Sanktionen gegen Iran verschärft, baut die Türkei ihren Handel aus (d.h. unterläuft die Sanktionen mit einem der größten derzeitigen Feinde des Westens, T.). Im UN-Sicherheitsrat hatte die Türkei im Juni gegen eine Verschärfung der Sanktionen gestimmt. Anders als der Westen glaubt die Türkei, nur über eine Normalisierung der Beziehungen Iran normalisieren zu können (Grade eben behauptete Hermann noch das Primat der Ökonomie in Bezug auf die Außenbeziehungen der Türkei, T.). Dazu gehörten Handel und Diplomatie. Die Türkei wisse, mit welcher Basar-Mentalität man mit Iran verhandeln müsse. Aus Furcht vor einer Destabilisierung der Region hatten weder das Osmanische Reich noch die Republik Türkei irgendeinen Aufstand in Iran unterstützt. Ein regionales Machtgleichgewicht zu erhalten, war über Jahrhunderte wichtiger als Außenpolitik auf der Grundlage von Ideologie zu betreiben. Daher fällt die türkische Sympathie für die dissidente „grüne“ Bewegung nur verhalten aus (Nein, sie fällt verhalten aus, weil die „Grüne Bewegung“ eine Bewegung weg von der Theokratie ist, weg von dort, wo die türkischen Machthaber die Türkei hinbringen wollen.T.).

Die Türkei spielt, wie die EU, im Nahen Osten lediglich die Rolle eines sekundären Akteurs nach den Vereinigten Staaten. Nach dem Ende des Kalten Kriegs hatte sie aber rechtzeitig die tektonischen Verschiebungen in der Weltpolitik erkannt und will nun als moderner, selbstbewusster Handelsstaat die sich bietenden Chancen ausnutzen. Der Blick ist weiter nach Europa gerichtet. Die Tür dorthin bleibt aber verschlossen, und so verfolgt eine selbstbewusst gewordene Türkei ihre eigenen Interessen, auch im Nahen Osten.

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Vom gespenstischen Resümee einer wissenschaftlichen Tagung in München berichtete der von mir meist sehr geschätzte Thomas Speckmann, der die Sie erwartende Ungeheuerlichkeit leider völlig lapidar und unkommentiert berichtet.

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Weiße und schwarze Ritter

Weltpolitische Strategien der Europäischen Union

Sie hat ein treffsicheres Gespür für relevante Tagungsthemen und diskussionsfreudige Referenten. Bereits vor zwei Jahren traf die BMW Herbert Quandt Stiftung in München ins Schwarze: Während die Teilnehmer ihrer jährlichen Expertenkonferenz zu den internationalen Beziehungen am Frühstückstisch die neuesten Informationen über die grassierende Finanzkrise austauschten, nahm der Veranstaltungstitel „Who will lead the world?“ eine Frage vorweg, die seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers wenige Tage vor dem Münchner Treffen 2008 über nahezu allen Fachtagungen zu globalen Angelegenheiten schwebt. Dieses Jahr wurde diese Frage vor allem an Europa gerichtet – und das war keinesfalls rhetorisch gemeint. Immer wieder wurde der Brite Mark Leonard zitiert. Der Direktor für Internationale Politik am Centre for European Reform in London hatte 2007 in seinem vielbeachteten Essay „Warum Europa die Zukunft gehört“ den Beginn eines europäischen Jahrhunderts ausgerufen, das dem amerikanischen zwanzigsten nachfolgen werde.

Wird die Europäische Union folglich die Weltmacht der Zukunft? Vor dem Hintergrund der Schlagzeilen drei Jahre nach Leonards Buch muss seine These mehr als kühn wirken: Euro-Krise, Streikchaos in Griechenland, Spanien und Portugal, Massenproteste gegen die Rentenreform in Frankreich und Sparbeschlüsse in Großbritannien von historischem Ausmaß. Entsprechend leicht fiel es Jackson Diehl von der „Washington Post“, den – wie er selbst spöttelte – „bösen, arroganten“ Amerikaner zu geben. Schonungslos hielt er der EU den Spiegel vor: Sie habe bislang keine ausreichenden Antworten auf die demographische Herausforderung gefunden. Um die ökonomische Produktivität vieler ihrer Mitglieder stände es ebenfalls nicht gut. Sträflich würden dringend erforderliche Investitionen in Forschung und Entwicklung vernachlässigt. Das Militär sei nicht vorbereitet auf die asymmetrischen Kriege des neuen Jahrhunderts. Im nahöstlichen Friedensprozess spiele Europa keine Rolle. Ein politisches Konzept fehle auch gegenüber China – vor allem gegenüber Pekings Engagement in Afrika und Südamerika. Für Chinas Kontrahenten Indien wiederum sei Amerika als Lieferant von Hightech und Rüstungsgütern attraktiver als Europa, um gegen eine aggressiver auftretende Volksrepublik bestehen zu können.

Machen die Europäer derzeit also alles falsch? Ja und nein schallte es aus den Diskussionsrunden. Vessela Tcherneva brachte als Sprecherin des bulgarischen Außenministeriums die auch nach dem Lissaboner Vertrag anhaltende außen- und sicherheitspolitische Misere Europas auf den Punkt, indem sie einen beliebten Witz von EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton zitierte: Henry Kissinger wacht morgens auf und stellt fest, dass Europa nun eine Telefonnummer hat. Er wählt sie, worauf sich ein Anrufbeantworter in Gang setzt: „Hier ist der Anschluss des Hohen Vertreters der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Für die deutsche Position wählen Sie bitte die eins, für die französische die zwei, für die britische die drei.“

Domenico Lombardi, Präsident des Oxford Institute for Economic Policy, wies auf eine weitere bittere Ironie der europäischen Einigungsgeschichte hin: Europas Nationalstaaten haben in den vergangenen Jahrzehnten die Bildung eines Finanzsystems vorangetrieben, das sie auf nationaler Ebene nicht mehr kontrollieren können. Doch für eine umfassende europäische oder sogar internationale Regulierung liegen die Interessen von Europas Nationalstaaten zu weit auseinander, wie sich nicht zuletzt in den aktuellen Brüsseler Debatten zeigt.

Zugleich bringen die durch die Finanzkrise noch weiter verschärften Budgetzwänge die Europäer enger zusammen. Es war sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet zwei Finanz- und Wirtschaftsexperten die zukünftige Ausrichtung der europäischen Sicherheitspolitik überaus realistisch skizzierten. Markus Kerber, Leiter der Abteilung für finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen im Bundesfinanzministerium, merkte an, dass die desaströse Finanzlage zur Zusammenarbeit bei der Verteidigung zwinge – mit bislang kaum vorstellbaren Möglichkeiten der Kooperation: Großbritannien baue neue Flugzeugträger, habe aber keine Mittel für Flugzeuge. Deutschland verfüge über keinen Träger, dafür aber über Jets. Erste Anzeichen einer derartigen Kooperationsbereitschaft auf bilateraler Ebene machte Pawel Swieboda vom Centre for European Strategy in Warschau bereits zwischen Frankreich und Großbritannien aus. Und Kurt J. Lauk gab als Präsident des Wirtschaftsrats der CDU allgemein zu bedenken, dass die Europäer aus innenpolitischen Gründen ohnehin zurückhaltender beim Umbau ihrer Armeen in Interventionsstreitkräfte wären als die Amerikaner. Kurz: Warum soll man große Summen in global einsetzbares Militär investieren, wenn es dann doch nicht nach Übersee entsandt wird?

(So weit, so logisch, aber jetzt kommt der Hammer, T.)

Diese Rolle könnte für die EU und die Nato in Zukunft verstärkt die Türkei übernehmen. Hugh Pope von der International Crisis Group in Istanbul verwies darauf, dass die türkische Armee heute nicht nur die zweitgrößte Streitmacht der Nato sei, sondern auch über große Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung verfüge. Und vor allem: Ankara sei bereit, seine Truppen einzusetzen.

(In der Tat, die Türkei war immer schon bereit, ihre Armee einzusetzen: gegen Armenier,  Griechen, Zyprioten, Assyrer und Kurden, und sie hat ihr nie eine Pause gegeben. Welche Konflikte, bei denen die EU die Türkei als Interventionsarmee einsetzen könnte, sind denn vorstellbar? Vielleicht bei den bekanntermaßen verheerenden Territorialkonflikten in Südamerika (Chile – Peru, Chile – Bolivien, Venezuela – Kolumbien, Venezuela – Guyana)? Beim Kampf um die arktischen Rohstoffe? Tatsächlich ist es doch so, dass nahezu alle Konflikte Konflikte zwischen Orks und Nicht-Orks sind. Und wenn die Türkei also in Europa intervenieren will? T.)

Könnte die Türkei auf diese Weise für Europa zu einer Art „Weißem Ritter“ in der Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten über den zukünftigen Sinn und Zweck des westlichen Militärs werden (Die Türkei als „weißer Ritter“ Europas in einer Auseinandersetzung mit den USA? Grotesk, aber natürlich nicht unmöglich, wenn man Wulff & Co. weiter gewähren lässt. T.), so steht China derzeit im Ruf eines „Schwarzen Ritters“, der die feindliche Übernahme wichtiger Unternehmen und zentraler Märkte betreibt. Wie wenig diese Sichtweise jedoch dem Gesamtbild gerecht wird, betonte George Soros. Der amerikanische Investor erinnerte daran, dass Peking mit dem Kauf europäischer Anleihen letztlich den Euro gerettet habe, um weiterhin über eine Alternative zum Dollar zu verfügen. Seiner europäischen Heimat schrieb der gebürtige Ungar ins Stammbuch, dass eine Rückkehr zu den Maastrichter Stabilitätskriterien in Krisenzeiten kontraproduktiv sei. Stattdessen sollte Brüssel große Projekte zum Ausbau der europäischen Energie-Infrastruktur als sinnvollen Stimulus fördern (Siehe „Desertec“, 1) – gleichsam als EU-Hilfe zur nationalen Selbsthilfe der Mitglieder. Für Europa sicherlich eine neue Erfahrung: Wann war es in seiner Geschichte schon einmal gleichzeitig Opfer und Retter?

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Obwohl uns ausschließlich und fortwährend Berichte über das Fortschreiten der mohammedanistischen Reaktion in der Türkei erreichen (zuletzt die Kopftuchpremiere von Frau Gül bei der Ehrenformation), wird sie uns weiter als Partner mit Zukunft anempfohlen. An die Möglichkeit, dass ihnen die nicht-orkischen Bürger Europas einen Strich durch die Rechnung machen, und dass die Türkei zurückgewiesen wird, scheinen die Dimmi-Agenten und ihre Helfer in den Medien nicht zu denken.

Meinetwegen mag die kommunistische Einparteiendiktatur Chinas den „schwarzen Ritter“ geben, dann ist die Türkei in der langfristigen Perspektive aber der „pechschwarze Ritter“. Wer der „weiße Ritter“ ist? Meine Meinung habe ich bereits mehrfach zu Protokoll gegeben (2): Es ist Geert Wilders! (3)

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Time am 28. Oktober 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/10/24/so-nicht/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/22/geert-for-president/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/13/der-plan-des-weissen-ritters/
3) http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E9F372F5B38C849418ADB929E02EB9F46~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

Alte Kameradschaft

8. Mai 2010

In einem Leserbrief an die FAZ am 19. April 2010 hatte die Leserin Muriel Mirak-Weissbach auf eine Mitschuld von deutschem Militär und deutscher Regierung am mohammedanistischen Völkermord der Türken an den christlichen Armeniern hingewiesen. Sie schrieb (1):

„Tatsächlich sind die Unterlagen des deutschen Archivs des Auswärtigen Amts aus dem Ersten Weltkrieg seit 1993 intensiv durchforstet und ausgewertet worden. Im Jahr 2005 hat der ehemalige ‚Spiegel‘-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Führung des deutschen Militärs und des Deutschen Reichs waren über die Genozid-Politik der Jungtürken bestens informiert. Aus machtpolitischem und militärstrategischem Kalkül wurde nicht nur weggeschaut, sondern man gab dem Verbündeten am Bosporus freie Hand. Die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern ist also nicht nur eine türkische, sondern auch eine deutsche.“

Am Mittwoch, den 5. Mai, hatte der verlässliche Thomas Speckmann die Studien den türkischen Historikers Gencer Özcan vorgestellt, welcher die enge und aus meiner Sicht verhängnisvolle Verbindung zwischen deutschem (kaiserlichen) und türkischen Militär sowie die enorme Bedeutung beider in Bezug auf die Prägung der jungen türkischen Republik aufzeigt („Der deutsche Einfluss auf die türkische Armee“, in: „Am Rande Europas? Der Balkan – Raum und Bevölkerung als Wirkungsfelder militärischer Gewalt“. Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Band 68, hrsg. von Bernhard Chiari und Gerhard P. Groß, München 2009).

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Ein Volk in deutschen Waffen

Die Armee als Schule der Nation: Vom Einfluss des deutschen
Militärs auf die Staatswerdung der Türkei

Die Türkei ist Deutschlands bester Kunde. In den letzten fünf Jahren war Ankara der wichtigste Käufer deutscher Waffen. Vierzehn Prozent der Rüstungsexporte gingen an den Nato-Partner, gefolgt von dreizehn Prozent für den Rivalen Griechenland, der allein seit 1998 Waffen im Wert von 45 Milliarden Euro bei deutschen Unternehmen gekauft hat. Damit zählt Deutschland zu den Hauptprofiteuren des ruinösen Wettrüstens zwischen Ankara und Athen.

Doch nicht nur bei der Lösung der griechischen Schuldenkrise spielt Berlin eine Schlüsselrolle. Wie stark der deutsche Einfluss auch auf die türkische Armee bis heute ist, wird im historischen Rückblick von Gencer Özcan deutlich. Der Istanbuler Historiker beschreibt nicht allein die im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts nach deutschem Vorbild initiierten Reformprogramme zur Neuordnung der Armee des Osmanischen Reiches, sondern vor allem die bislang kaum beleuchteten Folgen für die Türkische Republik.

Da die türkische Armee in den Anfangsjahren der Republik als Instrument eingesetzt wurde, um einen für das Projekt Nationalstaat geeigneten neuen Staatsbürgertyp zu schaffen, verdeutlicht Özcans Analyse des deutschen Erbes, das die republikanischen Streitkräfte vom Osmanischen Reich übernommen haben, nicht nur den Wandlungsprozess des Soldatenberufs, sondern auch die Veränderungen, welche die frühe Türkische Republik für die Beziehungen zwischen Armee und Gesellschaft gebracht hat. Dabei fällt mit Blick auf die heute erneut florierenden Rüstungsgeschäfte zwischen Deutschland und der Türkei auf, dass schon damals eine Dimension des Wandels die steigende Zahl der in der osmanischen Armee eingesetzten deutschen Waffen darstellte. In der Türkei als Berater und Ausbilder diensttuende preußische Offiziere bemühten sich erfolgreich, die Verkäufe von Rüstungsproduzenten wie Krupp, Loewe und Mauser zu steigern, wofür sie nebenbei hohe Provisionen erhielten.

Unter den deutschen Offizieren nahm General Colmar Freiherr von der Goltz (2) einen besonderen Platz ein (Anmerkung, Wiki: „Er selbst hingegen bereicherte sich bei seiner Tätigkeit nicht. Als der Waffenfabrikant Loewe ihm eine Aktienübertragung anbot, antwortet er: ‚Sie haben es gut gemeint, aber ein preußischer Offizier nimmt keine Trinkgelder!'“ T.). Seine Ideen prägten die osmanischen Offiziere nicht nur im Hinblick auf den Soldatenberuf. Sie veränderten auch ihr Gesellschaftsbild und daraus folgend ihre politischen Ansichten. Ein Element von zentraler Bedeutung im Denken von Goltz war der Glaube, die Armee müsse eine Position außerhalb der Politik einnehmen, jedoch zugleich über ihr stehen. Das Militär wurde als ein Gebiet definiert, in das sich Politiker nicht einzumischen hatten. Diesen Standpunkt teilten viele osmanische Offiziere. Die Folge war ein angespanntes Verhältnis zwischen Politik und Soldaten.

Wie tief die Auffassung, dass Politiker sich von militärischen Angelegenheiten fernzuhalten haben, bis heute nicht allein in der Türkei verwurzelt scheint, sondern auch in ihrer deutschen Heimat, hat zuletzt die Berliner Debatte gezeigt, ob sich Politiker zu Ausrüstungsfragen der Bundeswehr in Afghanistan äußern oder die Beantwortung derselben nicht besser ganz der militärischen Führung überlassen sollten.

Özcan weist den deutschen Einfluss auf die türkische Armee anhand einer Reihe von Beispielen nach: der am deutschen Modell orientierten Neustrukturierung der türkischen militärischen Institutionen, der Übernahme der deutschen Vorschriften für Soldaten, dem Aufbau eines modernen Einberufungssystems, der Schaffung von Modellregimentern und der Ausbildung einer Vielzahl von türkischen Offizieren in Deutschland. Auch wenn diese Ära der Form nach mit der Ablösung der deutschen Vorschriften durch die der Vereinigten Staaten in den späten vierziger Jahren endete, so lebte dieser Einfluss doch als Teil der institutionellen Kultur der türkischen Armee fort. Er beschränkte sich dabei nicht allgemein auf die Streitkräfte und die professionellen Karrieren der Republikgründer. Vielmehr ließ er die begrifflichen Trennungen zwischen Armee, Staatsbürger und Soldat verschwimmen. Auch führte er dazu, dass die Unterschiede zwischen Kriegs- und Friedenszeiten unklarer wurden.

Das militärische Gesellschaftsmodell, das Goltz in seinem Buch „Das Volk in Waffen“ entworfen hatte und die Widerspiegelung der Funktionsweise der Armee im gesellschaftlichen Leben und im politischen System vorsah, hat seine Wirkung in der Türkischen Republik beibehalten. Es dient als Blaupause für die Sichtweise der Armee und des Offizierskorps auf die Gesellschaft sowie die Form der Beziehungen zwischen diesen beiden.

Nachdem das Militär am 27. Mai 1960 gegen das Regime der Demokratischen Partei geputscht hatte, überstellten die jungen Offiziere der neuen Generation die „nicht dem Vaterland, sondern den Diktatoren dienenden“ Generalstabsoffiziere der Anklage. Sie zwangen zugleich die Politik, verfassungsrechtliche Neuordnungen einzuführen, welche die Politiker wiederum zwangen, die Macht mit den Offizieren zu teilen. Dass dem 1960 begonnenen und mit dem Putsch vom 12. September 1980 verfestigten Aufbau des nationalen Sicherheitsstaates die Ideen des „totalen Krieges“ sowie des „Volkes in Waffen“ als geistige Grundlage gedient haben, wertet Özcan als Beleg für den deutschen Einfluss. Auch hier war die Türkei einer von Deutschlands besten Kunden.

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Just heute meldet die FAZ, dass eine vom früheren spanischen Ministerpräsidenten Gonzalez geleitete „Reflexionsgruppe“ der EU – oh Wunder – die Aufnahme der Türkei empfiehlt. Die FAZ: „Wie in Brüssel zu hören war, soll insbesondere (der deutsche Vertreter, Stuttgarter Oberbürgermeister und CDU-Mitglied Wolfgang Schuster, T.) Schuster dazu geraten haben, die langfristige Beitrittsperspektive Ankaras in dem Bericht mit dem Titel ‚Projekt Europa 2030‘ zu bestätigen“.

Soso, 20 Jahre haben wir noch. Interessant auch, dass eine so kurze Zeit als „langfristig“ bezeichnet wird. Alte Kameraden können es bald wirklich nicht mehr länger ertragen getrennt zu marschieren.

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Time am 8. Mai 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/19/turkischer-realismus/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Colmar_Freiherr_von_der_Goltz

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PS, hier noch ein Link zu einem FAZ-Artikel vom 26. April, aus dem die iranischen Aktivitäten in Bezug auf die Urangewinnung in Namibia hervorgehen:
http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~EE9A001ED028C4A43807B296CC0422DF9~ATpl~Ecommon~Scontent.html
auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rössing_Uranium_Limited

Alles läuft rund in Afghanistan

11. April 2010

Zum Thema Afghanistan hat Friederike Böge in der heutigen FAZ einen ihrer wie stets sehr interessanten Aufsätze abgeliefert.

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Was treibt Hamid Karzai?

Die Beziehungen zwischen dem Präsidenten und dem Westen sind zerrüttet. Nicht nur in Kabul rätselt man über seine Absichten. Und seinen Geisteszustand.

Wer in diesen Tagen mit Mitarbeitern des afghanischen Präsidialamtes redet, trifft auf Männer, die nervös zur Tür schauen und das Thema wechseln, sobald ein Kollege sich nähert. Verdächtige Worte wie „Präsident“ oder „Karzai“ meiden sie und sprechen stattdessen von „dem Mann da oben“. Der Geheimdienst, so sagt einer, beobachte genau, mit wem Regierungsmitarbeiter Kontakt hätten. Das Misstrauen gegenüber Amerika und Großbritannien sei so groß, dass er einen schriftlichen Antrag stellen müsse, wenn er Vertreter der beiden Botschaften treffen wolle. Die Paranoia der afghanischen Führung trat vor kurzem in einem Gerücht zutage, das in Kabuler Regierungskreisen die Runde machte. Innenminister Hanif Atmar, ein Liebling der Briten, sei vom amerikanischen CIA beauftragt, Präsident Hamid Karzai zu ermorden. Es war nur eine von vielen Verschwörungstheorien, doch immerhin soll der Minister daraufhin seinen Rücktritt angeboten haben.

Die Beziehungen zwischen Karzai und seinen westlichen Verbündeten sind seit Monaten zerrüttet. In den vergangenen Tagen hat der Präsident sie mit erstaunlichen Äußerungen auf eine neue Probe gestellt. Er behauptete, die massiven Fälschungen bei der Präsidentschaftswahl seien von Ausländern organisiert worden. Er erklärte, „die Ausländer“ wollten ihn und das Parlament schwächen. In Kandahar stellte er vor Stammesältesten die wichtige Nato-Offensive auf das Kernland der Taliban in Frage. In Gesprächen mit Abgeordneten soll er sogar gesagt haben, er werde sich den Aufständischen anschließen, wenn der Westen ihm weiter in seine Regierungsgeschäfte pfusche.

Das sagt ein Mann, dessen Regierung nach Ansicht vieler innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen würde, wenn die westlichen Truppen morgen abzögen. Dessen Sicherheitsapparat zu großen Teilen vom Ausland finanziert wird. Ist der Präsident auf Drogen, wie der einstige UN-Gesandte in Kabul, Peter Galbraith, im amerikanischen Fernsehen nahelegte? Ist er gar verrückt geworden, wie der Arzt und Oppositionspolitiker Abdullah Abdullah diagnostizierte? Oder verfolgt er mit seinem Konfrontationskurs eine Strategie?

Zweifel am Geisteszustand des Präsidenten sind nicht neu. Oft schon ist er als überarbeitet, erratisch, divenhaft, sprunghaft und paranoid beschrieben worden. Karzai brauche Urlaub, sagen Diplomaten seit Jahren. Er selbst hat in einem Interview einmal gesagt: „Ich bin eine erschöpfte Person. Ich mache das nicht erst seit sieben Jahren, sondern seit ich 22 Jahre alt bin.“

Besonders anstrengend sind wohl die vergangenen Monate gewesen. Das Gerangel um die gefälschte Präsidentschaftswahl 2009 hat ihn, den stolzen Paschtunen, tief gedemütigt. Seit dem Amtsantritt von Barack Obama hat er, der jeden Morgen die amerikanische Presse studiert, nur noch selten Schmeichelhaftes über sich lesen dürfen. In Kabul heißt es, er sei überzeugt, man wolle ihn loswerden. Kaum weniger demütigend war der jüngste Besuch Obamas, bei dem er Karzai für die Korruption rügte. Wütend, so heißt es, sei man im Präsidentenpalast, auch darüber, dass Amerika in der Afghanistan-Politik immer stärker auf pakistanische Interessen eingehe. Und vollends platzte Karzai offenbar der Kragen, als das afghanische Parlament seine Wahlrechtsreform ablehnte. Damit wollte er wohl sicherstellen, dass genügend loyale Kräfte gewählt werden. Die braucht er dringender denn je, seit sich erstmals eine wirksame Opposition im Unterhaus zu bilden scheint.

Sind also einfach nur die Pferde mit dem Präsidenten durchgegangen? Der Kabuler Analyst Harun Mir sieht keine „rationale Erklärung“ für die Äußerungen Karzais. Er sei isoliert und frustriert. Ohne Hoffnung. Andererseits: Aus Karzais Sicht ist seine Distanz zu den engsten Verbündeten keineswegs so irrational, wie sie scheint. Er mag vom Westen abhängig sein, doch auch er, Karzai, ist für den Erfolg der amerikanischen Strategie in Afghanistan vorerst unverzichtbar. Aus Sicht des Westens gibt es derzeit keine Alternative zu Karzai. Sein stärkster Herausforderer Abdullah gilt als Iran-nah und wirkt wegen seiner Rolle im Bürgerkrieg für viele Afghanen wie ein rotes Tuch. Der bei Diplomaten beliebte Ashraf Ghani kam bei der Wahl über ein paar Tausend Stimmen nicht hinaus. Wohl auch deshalb hatten die westlichen Botschaften es nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 zunächst gar nicht eilig, den Wahlbetrug anzuprangern. Erst als Medienberichte das ganze Ausmaß der Manipulation zutage förderten, hagelte es Kritik aus Washington, London und Berlin.

Trotz des Drucks hat Präsident Karzai bislang kaum erkennen lassen, dass er ernsthaft gegen die Korruption vorgeht. Ein Beispiel: Zum stellvertretenden Chef der Anti-Korruptions-Behörde ernannte er den Bruder seines ehemaligen Stabschefs. Einen Mann, der weithin als inkompetent gilt. Bislang hat die afghanische Regierung kaum die Erfahrung gemacht, dass sich Korruptionsbekämpfung für sie lohnen würde. Trotz wachsender Misswirtschaft ist das Volumen internationaler Hilfsgelder für Afghanistan in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Ebenso wie im Nachbarland Pakistan, wo Milliardenhilfen aus Washington jahrelang ohne strikte Konditionen flossen. Der amerikanische Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, hat es kommen sehen. Nach einem Bericht der „Washington Post“ hatte der Diplomat sich in einem internen Memo im November gegen Truppenaufstockung ausgesprochen. Der Grund: Washington mache sich abhängig von einem unberechenbaren, korrupten Partner.

Der Vorwurf, Ausländer hätten die Wahlen gefälscht, mag für westliche Ohren lächerlich klingen. Für das verschwörungstheoretisch geschulte afghanische Publikum ist das keineswegs undenkbar. Tatsächlich gab es etwa im paschtunischen Osten viele Stimmen, die die Kritik an den Wahlfälschungen als westliches Komplott gegen den paschtunischen Präsidenten ansahen. Das mag verständlich sein angesichts westlicher Medienberichte, der einstige UN-Gesandte Galbraith habe offen über eine Ablösung Karzais sinniert.

Der Präsident hat schon früher versucht, mit Kritik am Westen seinen Ruf als Marionette loszuwerden. Punkten konnte er damit nur bedingt. Die Unbeliebtheit seiner Regierung hat kaum mit seiner Abhängigkeit vom Ausland zu tun, sondern vor allem mit Korruption und Machtmissbrauch. In den vergangenen Monaten hat Karzai sich zudem auffällig intensiv um zusätzliche Bündnispartner bemüht. Er reiste nach China und Iran. Er drohte, Russland um Rüstungshilfe nachzusuchen, wenn der Westen ihm keine Kampfflugzeuge bereitstelle. Karzai wäre nicht der erste Herrscher in Kabul, der dem Druck seiner Verbündeten auszuweichen sucht, indem er zusätzliche Türen öffnet. Zudem wird er auf gute Beziehungen zu den Nachbarn China und Iran – und eine Aussöhnung mit den Taliban – angewiesen sein, wenn die westlichen Truppen Afghanistan in einigen Jahren verlassen werden.

Vor diesem Hintergrund, so meinen Beobachter in Kabul, müssten auch die jüngsten rhetorischen Einlassungen Karzais verstanden werden. Die Heftigkeit seiner Ausbrüche hat allerdings selbst seine engeren Mitarbeiter überrascht. Er sei ernsthaft besorgt, sagt der Mann aus dem Präsidialamt.

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Angesichts des gräßlichen Endes seines Vorgängers Mohammed Nadschibullah (1) wäre es wirklich kein Wunder, wenn Karzai allmählich der A*sch auf Grundeis ginge. Es ist m.E. vernünftig und logisch, dass er sich aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren das Talibanübel nicht beseitigt worden ist, viele verschiedene Optionen offen halten will. Es gibt durchaus „rationale Erklärungen“ für sein Verhalten, so wie Frau Böge diese ja auch darstellt.

In ihren Augen besteht der Kern des afghanischen Problems in der Korruption der Regierung Karzai. Es sollte also theoretisch lösbar sein, legt dies nahe. Aber vielleicht ist eine mohammedanistische Gesellschaft ohne Korruption ein Widerspruch in sich? Den Taliban wird nachgesagt, sie seien nicht korrupt gewesen, aber ob dies zutrifft, ist unter dem Leichenberg, den sie hinterlassen haben, schwer festzustellen (2).

Folgt man der Auffassung von Frau Böge, sollte ein Hauptinteresse des Westens darin bestehen, die Regierung Karzai durch eine andere zu ersetzen. Das ist nicht so einfach, da man sich demokratischen Regeln verschrieben hat, die wiederum in vieler Hinsicht rein praktisch gar nicht zu realisieren sind. Diesen Gedanken denkt sicher auch Karzai zuende, aber er scheint nicht bereit zu sein, sich auf Hawaii zur Ruhe zu setzen. Daher spielt er in Gedanken sicher auch ein Vorgehen westlicher Dienste gegen sich selbst durch.

Grundsätzlich pessimistisch wird die afghanische Situation neuerdings offenbar von Thomas Speckmann gesehen, der warnend an die Niederlage der Sowjets erinnert. Seine militärtheoretischen Ausführungen in der FAZ sind im allgemeinen mit Gewinn zu lesen. Sein letzter Aufsatz in der FAZ vom 7. April erscheint mir jedoch arg defätistisch. Vielleicht sollte er über seinen Betrachtungen von Kriegen als „alte“ und „neue“ dazu übergehen (3), auch „ganz neue“ Kriege ins Kalkül zu ziehen oder aber auch „ganz alte“.

Als „ganz neuen“ könnte man, wie ich schon häufiger ausgeführt habe, den Afghanistan-Krieg insofern betrachten, als dass sein Sinn nicht unbedingt darin bestehen muss, Territorium zu erobern oder den Gegner niederzuzwingen oder zu eliminieren, sondern einfach darin, ihn auf Trab zu halten bzw. ihn in Achgharnichtsklappt zu trappen (trap = engl.: Falle), wenn es sein muss auch 1.000 oder 2.000 Jahre lang. Denn ein „ganz alter“ Krieg wiederum ist der Jihad, der 1.400-jährige Krieg der Mohammedanisten gegen den Rest der Welt, welcher heutzutage von nur wenigen Menschen als solcher erkannt wird.

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Déjà-vu am Hindukusch

Die Chronik eines Debakels in Afghanistan

Eine Supermacht interveniert: Elitesoldaten von Luftlandedivisionen nehmen Flughäfen und andere Schlüsselobjekte in Besitz. Kurz darauf folgen motorisierte Bodentruppen. Ihr Vormarsch trifft nur in wenigen Städten auf Widerstand. Nennenswerte Verluste sind nicht zu beklagen. Ein leichter, schneller Sieg, auf den ersten Blick. Auf den zweiten zeigt sich bald, dass die Interventionsstreitmacht von 80 000 Mann lediglich dazu in der Lage ist, Städte und wichtige Verkehrsverbindungen oder Nachschublinien zu sichern. Die eingesetzten Kräfte reichen nicht aus, um flächendeckend die Provinzen des Landes zu überwachen. Ein blutiger Guerrillakrieg zwischen den Interventionstruppen und der Armee der neuen Regierung auf der einen sowie Aufständischen auf der anderen Seite ist die Folge.

Was sich wie eine Zusammenfassung der Ereignisse in Afghanistan seit Beginn der amerikanischen Intervention 2001 liest, ist die komprimierte Einleitung von Bernhard Chiaris luzider Analyse des Debakels der Sowjetunion am Hindukusch. Ohne dass der Wissenschaftliche Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam Analogieschlüsse zöge, erscheinen seine Beobachtungen nicht nur als Déjà-vu der heutigen Situation am Hindukusch. Sie legen auch den Finger auf die wunden Punkte des westlichen Vorgehens seit 2001 („Kabul, 1979: Militärische Intervention und das Scheitern der sowjetischen Dritte-Welt-Politik in Afghanistan“, in: „Die Sowjetunion und die Dritte Welt“, Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Band 99, hrsg. von Andreas Hilger, München 2009).

Unter den Bedingungen der außerhalb von Kabul weitgehend traditionell organisierten Stammesgesellschaften erklärte die afghanische Regierung im Oktober 1978 die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau. Jugendliche Aktivisten aus Schulen und Hochschulen, die die traditionellen Spielregeln des Lebens nicht einmal kannten, wurden in die Dörfer geschickt, um dort die Segnungen des Kommunismus zu verkünden. In ihrem Bestreben, unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen Zugang zu Bildung und Boden durch eine Landreform zu verschaffen, ignorierten die afghanischen Kommunisten die Überlieferungen: Zwangen Repräsentanten der Regierung eine Bäuerin in eine Grundschule, so entehrten sie damit deren Ehemann. In den Dörfern setzten sich die Männer dagegen zur Wehr.

Die Politik der Regierung in Kabul rief den Widerstand breiter Bevölkerungsschichten und bewaffnete Aufstände islamischer Gotteskrieger hervor. Im März 1979 lieferten sich Bewohner von Herat, Bauern der umliegenden Dörfer und Soldaten der örtlichen Garnison vier Tage lang Gefechte mit afghanischen Regierungstruppen. Die Märzunruhen forderten 5000 Tote, darunter 150 bis 200 sowjetische Militärberater und ihre Familienangehörigen. Die Aufständischen vernichteten Panzer der Armee und Jeeps des KGB mitsamt ihren Insassen. Anders als bei früheren, rasch niedergeschlagenen Meutereien in Mazar-i-Sharif und Kabul konnten die Aufständischen Herat eine Woche lang halten. Die Rebellion offenbarte den spontanen Volkszorn in den afghanischen Provinzen. Er war aber gerade daher für die Regierung und ihre sowjetischen Verbündeten viel erschreckender als vereinzelte Attentate der bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum organisierten Islamisten, die 1978 nur geringen Rückhalt in der Bevölkerung fanden.

Moskaus Militärs rieten mit Blick auf eine mögliche Intervention zur Vorsicht. Bei der Analyse des Aufstandes von Herat und der Taktik der Mudschahedin fiel immer wieder der Ausdruck „Partisanenkrieg“, seit dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion ein beinahe mythischer Begriff. Höheren Funktionären in Partei und Armee, meist selbst der Kriegsgeneration angehörig, war klar, welche Probleme die Ausweitung der militärischen Operationen gegen die afghanischen Aufständischen mit sich bringen mussten. Der Chef des sowjetischen Generalstabs, Marschall Ogarkow, warnte dringlich, eine Invasion würde dem Islamismus in der gesamten Region Auftrieb geben.

Am Ende waren es Leonid Breschnew und Politbüro-Mitglieder wie KGB-Chef Andropow, die alle Bedenken zurückstellten. Die Führung der UdSSR hoffte darauf, Afghanistan mit Hilfe einer neuen Regierung zu stabilisieren, um dann das eigene militärische Engagement rasch verringern zu können. Eine Hoffnung, die sich nicht nur damals als ebenso irrig erwies wie der Versuch, den ausufernden Konflikt mit Gewalt zugunsten der Kabuler Regierung zu entscheiden. Helmut Schmidt, der zur Zeit des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan Bundeskanzler war, hat Mitte März in einem Gespräch mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gemahnt: „Es wird langsam Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass man den Krieg irgendwann wird abbrechen müssen.“ Die Sowjetunion tat dies nach mehr als neun Jahren.

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Churchill hatte über die afghanische Gesellschaft geschrieben (4):

„Außer zur Erntezeit, wenn die Selbsterhaltung einen temporären Waffenstillstand erzwingt, sind die Pathanenstämme immer mit kleinen oder großen Kriegen beschäftigt. Jeder Mann ist Krieger, Politiker und Theologe. Jedes große Haus ist eine echt feudale Festung, zwar nur aus sonnengebackenem Lehm, aber mit Befestigungen, Kuppeln, Scharten, Ecktürmen, Zugbrücken, etc., wo nichts fehlt. Jedes Dorf hat seine Verteidigung. Jede Familie kultiviert ihre Vendetta; jeder Clan seine Fehde. Die zahlreichen Stämme und die Koalitionen von Stämmen haben alle ihre offenen Rechnungen, die gegeneinander beglichen werden müssen. Nichts wird je vergessen, und nur ganz wenige Schulden bleiben unbezahlt.“

Das Debakel der Sowjets rührte aus ihrem Versuch, die archaische und aus unserer Sicht verbrecherische Orkgesellschaft in die Welt des 20. Jahrhunderts liften zu wollen. Diesen Fehler brauchen wir nicht zu wiederholen, aber diese Erkenntnis verlangt nicht den Truppenabzug – im Gegenteil. Meine eigene Sicht der Dinge in Bezug auf den Afghanistankrieg, seine Ursachen und seinen Sinn, scheinen Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy eher zu teilen als Böge/Speckmann. Michaela Wiegel berichtete in der gestrigen FAZ:

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„(…) Einen italienisch-französischen Schulterschluss führten Sarkozy und Berlusconi auch bei der militärischen Zusammenarbeit vor. In Paris wurde die Gründung einer französisch-italienischen Brigade nach dem Vorbild der deutsch-französischen Brigade beschlossen. Angestrebt wird zunächst eine Gebirgsjägerbrigade, die gemeinsam für einen möglichen Einsatz in Afghanistan trainiert. Der italienische Außenminister Frattini forderte in der Zeitung „Le Figaro“ Deutschland auf, sich der Brigade anzuschließen. Auch Spanien solle darüber nachdenken. Es gehe darum, die europäischen Interventionsfähigkeiten zu verstärken. Nach dem Tod eines französischen Soldaten am Donnerstag in Afghanistan rechtfertigte der französische Verteidigungsminister Morin von neuem den Militäreinsatz. Ein schneller Abzug wäre unverantwortlich, sagte Morin.“

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In der Tat, so ist es, und daher ist auch das Gewinsel von Günther Nonnenmacher in der gestrigen FAZ m.E. recht unverantwortlich (5):

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Niemand kann die Angehörigen, die Freunde und Kameraden von Niels Bruns, Robert Hartert und Martin Augustiniak über ihren Verlust hinwegtrösten. Die öffentliche Trauerfeier in Selsingen, im Nachbarort der Fallschirmjägerkaserne von Seedorf, war Dank und Ehrung für die drei Bundeswehrsoldaten, die am Karfreitag in Afghanistan im Dienst für ihr Vaterland gefallen sind. Die Anerkennung für die Toten und ihre Würdigung – ausgesprochen im Namen aller Staatsbürger – können den persönlichen Schmerz nicht auslöschen. Öffentliches Gedenken und Anwesenheit höchster Repräsentanten des Staates bei der Trauerfeier sind nicht mehr als der Versuch, dem gewaltsamen, dem tragischen Tod der drei jungen Männer einen Sinn abzugewinnen.

Sinngebung des Sinnlosen? Die Frage richtet sich im Fall des Soldatentodes, diesseits von Glaube und Hoffnung, an die Politik. Denn sie trägt die Verantwortung für den 2001 beschlossenen Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch, und damit tragen die Politiker auch die letzte Verantwortung für den Tod von 39 deutschen Soldaten, die seither in Afghanistan gefallen sind. Zu dieser Verantwortung hätte es gehört, rechtzeitig und offen darüber zu sprechen, dass in Afghanistan seit geraumer Zeit Krieg herrscht – wie immer die völkerrechtlichen Umschreibungen dafür lauten mögen.

Das hätte den Ernst der Lage deutlich gemacht, nicht nur den Soldaten im Einsatz, die ihn ohnehin Tag für Tag erleben, sondern auch der deutschen Gesellschaft, die sich zu lange mit dem Gedanken beschwichtigt hat, es gehe um politische Stabilisierung, humanitäre Hilfe und Wiederaufbau eines zerstörten Landes.

Die einzig politisch tragfähige und damit verantwortungsvolle Rechtfertigung für den Einsatz in Afghanistan hat der frühere Verteidigungsminister Struck gegeben mit dem Satz, Deutschlands Freiheit und Sicherheit würden auch am Hindukusch verteidigt. Bundeskanzlerin Merkel hat ihn bei der Trauerfeier in Selsingen sinngemäß wiederholt und damit bekräftigt. Sie hat aber auch von Zweifeln gesprochen, die jeden Abgeordneten schon geplagt hätten.

Denn bei allen Rücksichten auf überpersönliche und übernationale Aspekte, wie etwa die Verpflichtungen in einem Bündnis: Politiker, die angesichts der Gefallenen keine Zweifel verspürten, wären im Deutschen Bundestag fehl am Platz.

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Selbstverständlich ist der Verlust von 39 gefallenen Mitbürgern sehr schmerzlich. Er ist aber nicht „tragisch“ oder „sinnlos“. Er ist nicht tragisch, weil die Toten aus freien Stücken den Soldatenberuf ergriffen und das Risiko des gewaltsamen Todes auf sich genommen haben. Das war in hohem Maße mutig, opferbereit und daher heldenhaft. Er ist nicht sinnlos, weil unsere Truppen zweifellos den Jihad von unseren eigenen Nationen in das Land des Feindes getragen haben und diesen dort binden.

Dass nicht jeder gute Politiker stets und immer wieder mit der treffenden Parole von Struck hausieren geht, und also die nackte Wahrheit ausspricht, ist vor allem Dimmis wie Nonnenmacher geschuldet, die die Parole nicht verstanden haben (wie Nonnenmachers Wortwahl zeigt), und die lange von einer demokratischen Zivilgesellschaft Afghanistan träumten (bzw. gegen die Intervention waren). Die Aufbauhilfe war sicher weniger für die Afghanen als vielmehr für die deutsche Heimatfront bestimmt, Nonnenmacher eingeschlossen.

Als FAZ-Redakteur hätte er es doch in der Hand gehabt, die Angelegenheit von vornherein „Krieg“ zu nennen und gegen den Jihad zu schreiben. Aber in der FAZ muss ja auf jeden counterjihadischen Artikel ein fieslahmverstehender folgen. Jetzt mit dem Finger auf „DIE“ Politiker zu weisen, ist mehr als wohlfeil. Aufgabe der Politik ist es, den Willen der Bürger zu exekutieren. Für die Formulierung dieses Willens, für die Meinungsbildung aber sind in hohem Maße die Medien, ist Nonnenmacher selbst verantwortlich.

Angebliche Zweifel müssen gewisse Politiker einräumen, um die Dimmis und PC-Geblendeten hier nicht zu verschrecken, um die Reihen langsam zu schließen und um bürgerlichen Gepflogenheiten gerecht zu werden. Wenn unsere Kanzlerin könnte, würde sie entschlossener vorgehen, da bin ich sicher. Aber es stehen derzeit einfach zu viele Günther Nonnenmachers im Weg rum.

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Time am 11. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/12/hell-aint-the-worst-place-to-be/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/04/we’re-only-in-it-for-the-money/
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/
4) http://kewil.myblog.de/kewil/art/176462276/
5) http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E0C84F875FDE44FA8902B6E4268104789~ATpl~Ecommon~Scontent.html

auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/21/nur-keine-eile/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/14/wir-sollten-bleiben-fur-immer/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/02/hohle-und-andere-nusse/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/11/verantwortung-wem-gegenuber/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/28/ich-bin-verdrossen/
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PS.: Apropos „Trap“, als Soundtrack AC/DC‘s „Fly on the Wall“:
http://www.youtube.com/watch?v=7DIHfaDzp50
live: http://www.youtube.com/watch?v=s33ocNT8yAo&feature=related

Hier der Text (mit leichter Modifikation; gewidmet Mohammed Atta):

Fly on the Wall

You can dance
through the night
Rock ‚n‘ roll music
(itchin‘ to fight)
Makin‘ love
drunk or stoned
Lookin‘ for dollars
get broken-boned
It‘s a game
too tough to tame
Ends up the same
sweatin‘ out rain

I was TRAPPED
like a fly on the wall
I was caged
like a zoo animal
No escape from the fate
that you make
You‘re a snake
I‘ve had all I can take
Watch out
there‘s a fly on the wall

Take a chance
take a bite
ALLA, ALLA
take me tonight
Like a bitch
makin‘ heat
Beatin‘ on my chest
lickin‘ at my feet
It‘s a game
too tough to tame
Ending up the same,
sweatin‘ in the rain
So watch out
there‘s a fly on the wall


Guter alter „Neuer Krieg“

17. Februar 2010

Friederike Böge bespricht in der heutigen FAZ eine aktuelle Autobiografie des Taliban-Mitbegründers Abdul Salam Zaeef (My Life with the Taliban, edited by Alex Strick van Linschoten und Felix  Kuehn, Hurst & Company Publishers, London 2010, 331 Seiten, 22,79 [Euro]).

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Die Usama-Angelegenheit

(…)

Zaeef gehörte 1994 zu den Gründern der Bewegung, die zwei Jahre später in Kabul an die Macht gelangte. Als enger Vertrauter des Taliban-Führers Mullah Omar stieg er zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf. Als späterer Botschafter in Pakistan verhandelte Zaeef vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit amerikanischen Diplomaten über eine Auslieferung des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin. Nach dem Sturz des Regimes verbrachte er vier Jahre im amerikanischen Militärgefängnis Guantánamo. Seit 2005 lebt er zurückgezogen in Kabul.

„Die größte Schwäche amerikanischer Strategen ist wohl ihr absolut mangelhaftes Verständnis ihres Gegners“, schreibt Zaeef. Es verwundert kaum, dass der Autor die Hoffnung, die Aufständischen könnten mit Geld korrumpiert werden, zurückweist. „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ So weit sein Selbstbild. Doch sein Buch bietet zahlreiche Hinweise darauf, dass Anspruch und Wirklichkeit bei den Taliban schon damals weit auseinander lagen. So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen. Zudem berichtet der Autor, dass der in Taliban-Fragen bestens informierte pakistanische Geheimdienst ISI ihm schon 2001 nahelegte, eine Gruppierung moderater Taliban zu bilden und sich von den Hardlinern abzuspalten.

Zaeef wurde 1968 als Sohn eines Mullahs im ländlichen Kandahar geboren. Wie viele Afghanen seiner Generation wuchs er in einem pakistanischen Flüchtlingslager auf, weil Sowjettruppen sein Land besetzt hatten. Mit 15 Jahren schloss er sich dem Widerstand an. Die Kämpfe beschreibt er als eine Zeit der Entbehrungen, aber auch der Kameradschaft. Diese Verklärung des Kämpferdaseins ist unter ehemaligen Mudschahedin weit verbreitet und dürfte mit dazu beitragen, dass die Schwelle, sich den heutigen Taliban anzuschließen, für viele nicht allzu hoch ist.

Anfangs, so Zaeef, waren die Taliban fast mittellos. Sie besaßen zwei Motorräder. Eines, das schnell den Geist aufgab, und eines, das den Beinamen „Panzer des Islam“ trug. Durch Spenden von Geschäftsleuten sei die Bewegung rasch gewachsen, schreibt der Autor. Der Afghanistan-Experte Ahmad Rashid führt das dagegen auf die massive Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI zurück, über dessen Rolle Zaeef nur Andeutungen macht. Auffällig schweigsam ist der Autor auch in Bezug auf die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und der Frauen, die ohne männliche Begleitung nicht das Haus verlassen, nicht arbeiten oder zur Schule gehen durften.

Zaeef beschreibt sich als einen unpolitischen Mann, der seine Erfüllung im Studium und der Lehre des Islams findet und die verschiedenen Posten in der Taliban-Hierarchie nur mit Widerwillen und auf Druck Mullah Omars hin angenommen habe. Wer in der Regierung arbeite, sei von Korruption und Ungerechtigkeit umgeben und den „Gefahren und Versuchungen der Macht“ ausgesetzt. Wie ein funktionierender islamischer Staat aussehen könnte und ob es ihn überhaupt geben kann, sagt er nicht.

Als Botschafter in Pakistan erlebt Zaeef die Begegnungen mit den meisten westlichen Amtskollegen als höflich. Ausnahme: der deutsche Botschafter. Er sei voller Vorurteile gewesen und habe immer nur über die Rolle der Frauen sprechen wollen. Zaeef seinerseits erklärte seinem japanischen Amtskollegen, der Buddhismus sei „eine inhaltsleere Religion ohne Grundlage“, der Islam dagegen sei die „wahre Religion“. Japan hatte vergeblich versucht, die Sprengung der bedeutenden Buddha-Statuen in Bamiyan zu verhindern.

Doch ein „deutlich größerer Verlust“ für Afghanistan sei der Tod des krebskranken stellvertretenden Taliban-Führers Mohammad Rabbani gewesen, für den Zaeef noch 2001 medizinische Hilfe von den Vereinigten Staaten erbat. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Leser überrascht darüber ist, wie falsch die Taliban die diplomatische Lage einschätzten. Mullah Omar habe noch kurz vor dem Sturz erklärt, die Gefahr eines amerikanischen Militärschlags liege bei unter zehn Prozent, weil die Regierung in Washington keine Beweise für die Beteiligung Usama Bin Ladins an den Anschlägen vom 11. September vorgelegt habe, schreibt Zaeef. Der Titel des Kapitels: „Die Usama-Angelegenheit“.

Die Autobiographie zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Überzeugungen von 30 Jahren Krieg, Flucht und Staatsverfall und von vier Jahren Haft in Guantánamo geprägt sind. Nach westlichem Verständnis ist er radikalreligiös und ausgesprochen unliberal, wenngleich er als „gemäßigter Talib“ gilt. Wenn es nach ihm ginge, wären wohl nicht 25 Prozent der afghanischen Parlamentarier Frauen, die Meinungsfreiheit wäre nicht in der afghanischen Verfassung verankert und die Vereinigten Staaten wären nicht der wichtigste Verbündete Afghanistans. Aber ist er auch eine Gefahr für den Westen? „Ich war ein Talib, ich bin ein Talib, und ich werde immer ein Talib sein“, erklärte Zaeef 2005 bei seiner Entlassung aus dem Militärgefängnis. „Aber ich war nie Teil von Al Qaida.“

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Na, das ist ja suuupa! Tatsächlich ist es völlig egal, welcher Terrortruppe irgendein Ork angehört. Matschagatschadatschu! „Mein Jihad? Dein Jihad? Jihad ist für uns alle da!“ Was für ein absurdes Statement ist dieses: „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ Als ob Jihad nicht von Anfang an den Sinn gehabt hat, Beute zu machen, zu vergewaltigen und zu versklaven. Es ist an uns, die orkische Eigenschaft auszunutzen, dass sie meist zwischen ihrer Gier nach Blut und ihrer Gier nach Gold hin- und hergerissen sind. Es ist an uns, jede Waffe, die zielführend ist, auch einzusetzen (1). Einer unser Hauptgegner dabei ist die linksverseuchte öffentliche Meinung, die so öffentlich gar nicht ist, sondern die vielmehr die Ansichten der linken Meinungs- und Medieneliten spiegelt. Grade sind bei einer Großoffensive in Helmand Tausende von westlichen Soldaten im Einsatz, aber drei versehentlich getötete afghanische „Zivilisten“ schaffen es allemal leichter auf die Titelseiten. Ein Aufsatz von Thomas Speckmann in der heutigen FAZ beschäftigt sich u.a. mit den Ursachen hierfür.

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Die „Neuen Kriege“  gab es in den Kolonien

Über die eurozentrische Illusion gehegter Konflikte

„Neue Kriege“ sind für die westliche Medienöffentlichkeit asymmetrische Konflikte wie im Irak oder in Afghanistan. Doch „neu“ sind derlei Kriegsformen gerade für die Europäer nicht. Sie haben es nur vergessen. Denn die neuen Kriege ereignen sich überwiegend außerhalb Europas. Gemessen werden sie jedoch an den europäischen Staatenkriegen. Ebendarin sieht der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche die Schwäche dieser Deutung: Den „gehegten Krieg“ gab es nur in Europa. Und auch hier überdauerte diese Hegungsära nur zweieinhalb Jahrhunderte – vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Ersten Weltkrieg („Wie neu sind die ,Neuen Kriege‘? Eine erfahrungsgeschichtliche Analyse“, in: „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Neue Horizonte der Forschung“. Hrsg. von Georg Schild und Anton Schindling, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009).

Langewiesche bezeichnet dies als einen Sonderweg, der freilich auch nur ein temporärer war: ab Mitte des siebzehnten Jahrhunderts von Europa spät beschritten und im Zweiten Weltkrieg verlassen. Langewiesche macht auf eine historische Tatsache aufmerksam, mit der sich vor allem der erneut am Hindukusch kriegführende Westen auseinandersetzen sollte: Außerhalb des eigenen Kontinents, in seinen Kolonialkriegen, hat Europa seinen Sonderweg nie respektiert. Und selbst in der Hegungsphase des Krieges in Europa gab es ihn auch nur als eine Forderung, gegen die immer wieder verstoßen wurde. Gleichwohl brechen die Neuen Kriege mit der westlichen Kriegserfahrung der Gegenwart, die am völkerrechtlich geregelten Staatenkrieg geschult ist, mit dem Zweiten Weltkrieg als Sündenfall, der sich nicht wiederholen soll.

Langewiesche nimmt die heutige Perspektive ernst. Ihm genügt nicht der Nachweis, dass es das „Neue“ schon immer gab. Er fragt vielmehr nach den Ursachen eines Phänomens: Neu sind die Neuen Kriege nicht, dennoch werden sie als neu erfahren. Langewiesche erklärt dies mit der Globalisierung des Wahrnehmungsraumes: Ganz gleich, wo in der Welt und in welcher Form heute Krieg geführt wird, die Medien berichten darüber. Alle, die zu ihnen Zugang haben, werden über das Kriegsgeschehen in der Welt ständig informiert; auch über die Art der Kriegsführung, über die Folgen des Krieges, die Not der Bevölkerung, Flucht und Vertreibung, Massaker, Vergewaltigungen, die Rolle von Kindern im Krieg als Opfer und als Täter, über Warlords und ihre Privatarmeen, über den Krieg als Ökonomie, Geschäfte mit Flüchtlingsströmen und der internationalen humanitären Hilfe.

Die mediale Allgegenwart heutiger Kriege bedeutet mediale Allgegenwart des ungehegten Krieges, jener Konflikte, die keine Kriege zwischen Staaten sind und rund 85 Prozent aller Waffengänge auf der Welt seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ausmachen. Zwar war ebendies in früheren Jahrhunderten auch nicht anders. Aber damals gab es den globalen Wahrnehmungsraum nicht. Die Europäer im Zeitalter des gehegten Staatenkrieges hatten die andersartigen Kriege außerhalb Europas nicht vor Augen. Von ihnen nahmen sie am ehesten die Kolonialkriege der eigenen Nation wahr. Und auch diese lediglich aus einer engen Perspektive: Dass man dort anders Krieg führte als im eigenen Kulturraum, Krieg gegen die gesamte Bevölkerung, galt als selbstverständlich.

Langewiesche beobachtet parallel eine Globalisierung des Handlungsraums, beruhend auf zwei Faktoren: Erstens, die globalen Interessen der Supermächte, vor allem der Vereinigten Staaten, die auch ihre Bündnispartner involvieren; zweitens, die weltweiten Interventionen der Vereinten Nationen, wodurch diese Konflikte zu Angelegenheiten aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft werden. Hinzu kommen Staatenorganisationen wie die Afrikanische Union, die Organisation Amerikanischer Staaten, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die Europäische Union oder die Nato, die ihrerseits in bestimmten Weltregionen intervenieren.

Auch der 1946 geschaffene Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag, unter dessen Dach für die Kriegsverbrechen in Jugoslawien und in Ruanda spezielle Strafgerichtshöfe eingerichtet wurden, trägt zur weiteren Globalisierung des Handlungs- und damit auch des Wahrnehmungsraums bei. Die Konflikte, in welche die supranationalen Institutionen eingreifen oder mit deren Folgen sie sich befassen, sind überwiegend Kriege, die nicht nach dem europäischen Muster des gehegten Staatenkrieges geführt werden und auch früher nie so geführt wurden: „Zu keiner Zeit, nicht in staatenlosen Gesellschaften, die Anthropologen und die Vor- und Frühgeschichtler untersuchen, und auch nicht in verstaatlichten Gesellschaften außerhalb der europäischen Hegungszone seit der frühen Neuzeit.“

Dass die Kriege der Gegenwart als Neue Kriege wahrgenommen werden, führt Langewiesche schließlich auch auf die Universalisierung der Menschenrechte zurück. Denn sie erzwingt nun, Menschenrechtsverletzungen im Krieg überall auf der Welt in gleicher Weise zu bewerten und zu verurteilen. Zuvor wurde der Krieg, den europäische Staaten außerhalb Europas führten, mit anderen Maßstäben gemessen als die Kriege in Europa. Doch dieser doppelte Maßstab mit einer doppelten Moral – eine für den eigenen Kulturraum, eine andere für die fremden Kulturen – wird nicht mehr akzeptiert. Heute fühlen sich auch Gesellschaften, die nicht von einem Krieg betroffen sind, verantwortlich. Sie fordern, einen Krieg, der als illegitim gilt, weil er die Menschenrechte von Bevölkerungsgruppen verletzt, sogar in Völkermord übergeht, mit „humanitären Interventionen“ zu bekämpfen. In ihnen erlebt die Idee des „Gerechten Krieges“, der in seiner Rechtfertigung und in seiner Durchführung an feste Regeln gebunden ist, eine Renaissance. Er ist die Antwort der Gegenwart auf die Regellosigkeit der „Neuen Kriege“.

Die bittere Ironie dieser Geschichte: Indem die heutigen Militärinterventionen des Westens versuchen, das Staatsmonopol auf Krieg, das man im Europa der frühen Neuzeit erreicht zu haben schien, weltweit zu erzwingen, sehen sich Amerikaner und Europäer selbst zunehmend in asymmetrische Kriege verwickelt, in denen sie ihrerseits immer wieder gegen die Regeln des modernen Kriegsvölkerrechts verstoßen und nicht zuletzt deshalb ihre Gegner kaum bezwingen können, die sich wiederum an keinerlei Regeln gebunden fühlen. Oder, wie Langewiesche den 2007 verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich zitiert: „Was wir nicht ertragen können, versuchen wir zu unterbinden – paradoxerweise nun mit eigener Gewalt.“ So erhält der „Gerechte Krieg“ seine Rechtfertigung durch die „Neuen Kriege“. Hierin sieht Langewiesche den vermutlich wichtigsten Grund für die Faszination, die vom Bild der Neuen Kriege ausgeht – ein Bild, das wirklich neu nur in den eurozentrischen Köpfen des Westens ist. Amerikas und Europas Antworten auf die heutigen Kriegsformen wirken daher nicht zufällig von Jahr zu Jahr älter.

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Dass sie keine Waffenindustrie hatten, machte die Überfälle der Indianer auf europäische Siedler nicht weniger grausam und blutig. Anstatt dankbar dafür zu sein, dass wir Kriege asymmetrisch mit der weit größeren Kraft auf unserer Seite führen können, erheben Gutmenschen und Orkagenten immer weitreichendere humanistische Anforderungen an unsere Streitkräfte.

Um Erfolg zu haben, auch an der Heimatfront, muss m.E. vermehrt der sadistische und grausame Charakter des Feindes herausgestellt werden (2), ohne dass der westliche Bürger gleich in Schreckstarre versetzt wird. Orientierung könnten die Indianerkriege sein. Das Neue an den „Neuen Kriegen“ sollte nicht sein, dass jeder meint, mitreden und vor allem mitbestimmen zu können, das Neue sollte sein, ihre Verluste nochmals zu maximieren und vor allem unsere nochmals zu minimieren.

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Time am 17. Februar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/05/die-terroristen-terrorisieren/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/19/zwei-strategien-gleichzeitig/
2) http://de.danielpipes.org/7972/nahen-osten-starkes-pferd
(aktuell, but: It’s just the Nazislam, Daniel! T.)

Von Thomas Speckmann in der „Madrasa of TIME“:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/imperialkrieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/asymmetrischer-krieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/10/jihad-terrorismus-xxxxl/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/02/keine-regeln-nur-fur-uns/