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„Volks“-Gerichtshof statt Debatte

8. Oktober 2018

Chaim Noll schrieb bei „Achgut“ über die medialen Reaktionen auf Thilo Sarrazins neuestes Buch (1).

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Wie der deutsche Medienbetrieb sich bei Sarrazin bloßstellt

Mit der Veröffentlichung seines neuen Buches Feindliche Übernahme erweist sich Thilo Sarrazin als bleibendes Ärgernis. Sein schieres Sein und Wirken stellt – sozusagen als Nebenwirkung – den deutschen Medienbetrieb bloß, den Politikbetrieb, die missbrauchte „Öffentlichkeit“ eines mit dem Abbau des Geistigen beschäftigten Landes. Sarrazin trifft eine fast irrationale Wut. Dabei tut er nichts anderes als Bücher schreiben.

Seine bisher letzte Studie gilt dem Islam. Von dem er meint, wie der Untertitel des Buches ankündigt, dass er „den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Dabei interessiert den Volkswirtschaftler Sarrazin besonders, ob die insuffiziente Wirtschaft muslimischer Länder, ihr gegen Null gehender Beitrag zu den Kultur- und Wissenschaftsleistungen der modernen Menschheit – ein Phänomen, das auch immer wieder von kritischen Muslimen beklagt wird – möglicherweise mit der Grundprägung dieser Gesellschaften durch die Religion des Islam zu tun hat. Er liest also dessen elementare religiöse Schrift, den Koran, vor allem unter einem sozialwissenschaftlichen, ökonomischen, sogar verwaltungstechnischen Aspekt.

Seit die deutsche Bundeskanzlerin das erste Buch Sarrazins abgeurteilt hat (erklärtermaßen, ohne es zu lesen), ist es eine sichere, die eigene Karriere fördernde Übung für deutsche Journalisten und Rezensenten, den unbequemen Einzelgänger zu attackieren. Schon am Tag der Veröffentlichung des Buches, dem 30. August 2018, eiferten die von großen Medien Beauftragten darum, Sarrazin abzutun.

Unter den ersten war die Rezensentin der Zeit, Johanna Pink, eine deutschen Professorin für Orientalistik. Es kann nicht wirklich überraschen, wenn Islamwissenschaftler, oft bis zur Lähmung jedes kritischen Gedankens in ihr Forschungsgebiet verliebt, das Buch von Sarrazin ablehnen: schon, weil es das Buch eines Außenstehenden ist. Frau Professor Pink und viele ihrer Kollegen haben längst den anmaßenden, Demokratie-feindlichen Ansatz islamischer Theologen verinnerlicht, nur Fachgelehrte dürften sich mit den heiligen Schriften des Islam beschäftigen. Eine der vielen restriktiven Besonderheiten dieser Religion, die sie wesentlich von anderen unterscheidet, etwa von der jüdischen oder protestantischen, die ihre Anhänger ausdrücklich – und vor allem die Laien – zur eigenständigen Lektüre und exegetischen Interpretation der Grundlagentexte ermutigen.

Arrogante Attitüde der Fachwissenschaftlerin

Frau Pinks Rezension beginnt mit der tadelnden Erwähnung der vielen Fehler, die Sarrazins Buch enthielte, doch sie verzichtet – bis auf ein einziges Beispiel, das wahrscheinlich ein schlichter Schreib- oder Druckfehler ist – auf Belege. Sie tut es durch Flucht in den negativen Konjunktiv: „das Unterfangen, auch nur die schwerwiegenderen Ungereimtheiten erschöpfend aufzulisten, wäre im Rahmen einer Zeitungsrezension aussichtslos“. So ist es um die meisten Behauptungen dieser Besprechung bestellt: Ihr Beweis wird aus Platzgründen nicht erbracht.

Raum genug bleibt aber für die Apologetik einer durch die Jahrhunderte blühenden islamischen Kultur. Angeblich hätte Sarrazin in seinem Buch die großen Kulturleistungen des Islam verleugnet. Als Beispiel für diese führt sie ausgerechnet „die ungemein reichhaltige Tradition der arabischen Dichtung“ ins Feld, als hätte nicht der Islam selbst, mit Mohammed beginnend, eben diese Dichtung immer wieder verurteilt und bekämpft.

Die arabische Dichtkunst hat so gut wie nichts mit dem Islam zu tun, sie ist viel älter, ihre Wurzeln reichen tiefer, sie ist autochthon und nicht epigonal wie der überwiegend aus biblischem Stoff zusammengeklaubte Koran, und die islamische Theologie hat alles versucht, sie zu unterdrücken. Der Prediger des Koran hat die großen Poeten der frühen arabischen Dichtung, etwa die Verfasser der berühmten Sammlung Al-Muallaqat, als „vom Satan Heimgesuchte“ bezeichnet (Koran, Sure 26, Vers 221) und damit über Jahrhunderte den Ton gesetzt für die religiös-islamische Haltung gegenüber freier Dichtkunst und Literatur.

Sarrazin geht es in seinem Buch auch weniger um islamische Beiträge zur Kulturgeschichte, als zur Gegenwart, zur Moderne. Gerade die arabische Dichtung ist ein Beispiel dafür, wie auf dem Koran basierender islamischer Traditionalismus bis ins zwanzigste Jahrhundert neue Entwicklungen behindert und die Dichtkunst ins Uralt-Muster der Kasside gepresst hat. Frau Pinks Plädoyer für Kulturleistungen, die dem Islam zum Trotz, nicht durch ihn erbracht wurden, bestätigt in Wahrheit Sarrazins Thesen. Nur kann Frau Pink nicht zwischen Kultur und repressivem Glaubenssystem differenzieren, für sie ist alles „Islam“, was aus islamischen Ländern kommt.

Daraus spricht Verachtung gegenüber den dort lebenden Menschen, die unter eine Religion subsumiert werden, die viele von ihnen in Frage stellen. Frau Pinks Polemik verleugnet das eigentliche Problem, die tiefe innere Widersprüchlichkeit islamischer Gesellschaften. Wie wenn man Solschenizyns Romane oder Vaclav Havels Theaterstücke als Kulturleistungen des Marxismus gedeutet hätte, weil sie in kommunistischen Ländern geschrieben wurden. Westliche Politik gegenüber solchen Systemen kann nur erfolgreich sein, wenn sie diese inneren Konflikte erkennt und dort ansetzt. Nicht behilflich ist, sie zuzudecken. Die arrogante Attitüde der Fachwissenschaftlerin hat im Leserforum der Zeit, eines dünkelhaften, um Volksbelehrung bemühten Blattes, die Zustimmung Gleichgesinnter erfahren, in Wahrheit bleibt ihr Text argumentativ jammervoll.

Zirkel angemaßter Allwissenheit

Am gleichen Tag versuchte Rainer Hermann in seiner „Haarsträubendes zum Islam“ überschriebenen Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einige „Fehler“ des Sarrazinschen Buches immerhin zu benennen. Hermann ist langjähriger Wirtschaftsredakteur und Abu-Dhabi-Korrespondent dieses Mediums, ein versierter Fürsprecher deutscher Wirtschaftsinteressen in islamischen Ländern. „Der Faktencheck fällt nicht günstig aus“, beginnt er. („Faktencheck“ ist ein beliebtes Wort in diesen Zirkeln angemaßter Allwissenheit.) „Mit Jahreszahlen nimmt es Sarrazin nicht genau (etwa bei der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen), nicht mit der Geographie (Sudan ist nicht Teil des Maghreb) und auch nicht mit Übersetzungen. Sarrazin schreibt Namen und Vornamen falsch, verwechselt Aleviten und Alawiten, bringt Laizismus und Säkularismus durcheinander.“

Doch selbst diese Fehler – träfen sie wirklich zu – rechtfertigten nicht die durch Hermann vorgenommene Stigmatisierung von Sarrazins Buch als „Kampfschrift“ oder seine die Wahrheit verdrehende Behauptung, auch mit dieser Publikation werde „Sarrazin wieder Angst verbreiten und dennoch auf Resonanz stoßen“ – als wäre es das Buch, das Angst verbreitet, nicht die im Bewusstsein vieler Europäer längst angekommene Gefahr islamischen Terrors und unkontrollierter Einwanderung.

Sarrazin, der Rainer Hermann (auf die Firma FAZ vertrauend?) offenbar nicht für einen schreibenden Lobbyisten, sondern für einen seriösen Islam- und Nahostkenner hielt, machte sich die Mühe, ihm in einem ausführlichen Leserbrief zu widersprechen. Er wies nach, dass Hermann ihn unsauber zitiert. So hätte er, Sarrazin, keineswegs behauptet, der Sudan gehöre zum Maghreb. Doch selbst wenn, finde ich, es änderte nichts am Wahrheitsgehalt seines Buches. Hermanns Taktik ist lächerlich und leicht durchschaubar: ein paar unklare terminologische Fragen („Maghreb“ ist schließlich nur ein verabredeter Begriff), fragliche Schreibungen oder marginale Ungenauigkeiten als Legitimation ins Feld zu führen, um die eigentlichen Aussagen des Buches zu ignorieren.

Die von Hermann vorgenommene Abwertung des Buches als „Kampfschrift“ findet sich – sei es Einfallslosigkeit der Schreiber oder vorab ausgegebene Parole – am gleichen Tag, dem 30. August, in der Ankündigung eines Interviews mit Sarrazin im Magazin stern. Dieses Interview, geführt von Arno Luik, erweist sich nicht nur als Tiefpunkt der Sarrazin-Rezeption der Leitmedien, sondern des zeitgenössischen deutschen Journalismus überhaupt. „Bekannt geworden ist Luik für seine intensive Art des Interviews“, behauptet Wikipedia, doch im Gespräch mit Sarrazin erschöpft sich der Intensiv-Interviewer in billigen Provokationen, Sticheleien und Gehässigkeiten. Wo er offen zu lügen versucht, geht Sarrazin frontal dazwischen. „Ich würde sagen, Sie beuten Vorurteile aus, Sie bauen Vorurteile auf“, stichelt Luik, vorsichtshalber in der Ich-Form und im Konjunktiv. Worauf Sarrazin antwortet, ein wenig humorlos, doch zutreffend: „Das ist eine böswillige Unterstellung.“ Nach solchen Repliken weicht Luik aus und versucht es woanders mit ähnlich haltlosen Anwürfen. So geht es über fünf Druckseiten des stern. In der Sache weiß Luik nichts gegen das Buch vorzubringen.

Das tödliche Wort geschickt ins Spiel gebracht

Mit verleumderischen Attributen arbeitet auch Anna Sauerbrey im „Tagesspiegel“. Das Buch sei „verletzend, grenz-rassistisch und manipulativ“, heißt es schon in der Überschrift. „Grenz-rassistisch“ – eine geniale Wortbildung, im Sinne genialer Demagogie. Denn grenz-rassistisch ist noch nicht rassistisch, man hat also vermieden, Sarrazin lügenhaft des „Rassismus“ zu bezichtigen und dennoch das tödliche Wort geschickt ins Spiel gebracht. Dabei beschäftigt sich Sarrazins Buch mit dem Islam, einer Religion oder Weltanschauung, nicht mit einer Rasse. Zu schwer zu begreifen, dass Religions- oder Islamkritik etwas vollständig anderes ist als „Rassismus“?

Zentrales Argument von Frau Sauerbrey ist Sarrazins angebliche „Einseitigkeit“ und Fehlinterpretation bekannter internationaler Statistiken: „Wie einseitig Sarrazins Lesart ist, kann man in den Studien nachlesen, die er selbst zitiert, zum Beispiel ‚The Future of the Global Muslim Population‘, ein Studie des renommierten US-Umfrageinstituts Pew Research Center von 2011.“ Aus der Studie ginge hervor, dass die von Sarrazin gefürchtete demographische Katastrophe Europas nicht stattfinden werde, weil die Geburtenrate islamischer Länder neuerdings regressiv sei.

In der Tat steht eins der Kapitel der zitierten Studie des Pew Centers unter der Überschrift „Growing, But at a Slower Rate“ und stellt fest: „The rate of growth among Muslims has been slowing in recent decades and is likely to continue to decline over the next 20 years.“ Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre soll also ein allmählicher Rückgang der Geburtenrate erfolgen, doch bis dahin werden – weitere Schwäche der europäischen Politik angenommen – noch viele Muslime ins offene Europa einwandern und noch mehr in Europa geboren werden – wo übrigens das Pew Center keinen Rückgang der muslimischen Wachstumsrate prognostiziert –, so dass Sarrazins Befürchtungen für weitere Deformation der kulturellen und politischen Landschaft Europas durchaus realistisch sind. Und selbst wenn es zuträfe, dass die Zunahme in Zukunft etwas langsamer vonstatten ginge, wäre es kaum ein Trost. Denn sie bleibt, wie die gleiche Studie des Pew Center feststellt, nach wie vor vergleichsweise hoch. Außerdem ist längst, wie man so schön sagt, das Kind in den Brunnen gefallen: Europa hat bereits jetzt eine unbekömmlich hohe, stark wachsende, die Werte der westlichen Demokratien bedrohende muslimische Population.

Wenig Aussicht auf eine sachliche und faire Beurteilung

Mehrfach in den Rezensionen wird Sarrazin vorgeworfen, dass er sich, ohne durch seine Ausbildung dazu befugt zu sein, an den Text des Heiligen Koran exegetisch heranwagt. Doch welche Qualifikation befähigt die Rezensenten, um beurteilen zu können, ob Sarrazin in seiner Exegese irrt? Frau Pink verwechselt Islam mit arabischer Dichtkunst. Rainer Hermann unterschiebt Zitate. Arno Luik vermag nicht ein einziges Argument vorzubringen, nur rhetorische Finten. Frau Sauerbrey „hat Mittlere und Neuere Geschichte, Politik und Publizistik in Mainz und Bordeaux studiert“ (wie ein Papier der Bundeszentrale für Politische Bildung mitteilt, wo sie offenbar als Referentin antritt), doch – bei allem Respekt – vom Islam versteht sie nichts.

Angesichts der Zerrüttung der politischen Landschaft Deutschlands hat ein Buch wie das von Sarrazin wenig Aussicht auf eine sachliche und faire Beurteilung. Die Verfasser der Angriffe verstehen sich weniger als Rezensenten denn als Kämpfer in den Grabenkämpfen zwischen politischen Fraktionen. Störende Argumente werden, ehe man sie genauer zur Kenntnis genommen hat, als „wenig hilfreich“, „rassistisch“ oder „hetzerisch“ abqualifiziert und aussortiert. Eine diffizile Art der Debatte hat das deutsche Feuilleton nie gelernt. Abweichende Meinungen gelten nicht als Anregung zur Diskussion, sondern als feindlicher Akt.

Thilo Sarrazin ist ein Mann der Finanzwelt, ein Rechner und Statistik-Fan. Was ich alles nicht bin. Doch ich kann sein Denken, seine logischen Konklusionen, seine Rechenexempel nachvollziehen. Mir steht nicht Ignoranz oder Gruppeninteresse im Weg, um persönlichen Respekt zu empfinden vor der ungeheuren Mühe, der sich der Volkswirtschaftler Sarrazin in diesem Buch unterzogen hat. Allein das Sondieren des kaum überschaubaren Zahlenmaterials, die Sichtung der zahlreichen Quellen, die komplette Lektüre des Koran, noch dazu in der wenig angenehmen Übersetzung des bekennenden Antisemiten Rudi Paret, die – bezeichnend genug – vielen deutschen Islamwissenschaftlern bis heute als die „maßgebliche“ gilt.

Wenn man, wie in unserer numerisch orientierten Welt üblich, Statistiken als überzeugendes Argument in Betracht zieht, sind einige von Sarrazins Zahlenvergleichen schlechterdings erschütternd. Wie etwa in dieser Passage aus seinem Buch:

„In Deutschland gab es im März 2017 rund 51 600 Strafgefangene, davon 30,1 Prozent Ausländer. Der Ausländeranteil an den Strafgefangenen ist damit rund dreimal so hoch wie der Ausländeranteil an der Bevölkerung, der Ende 2015 10,5 Prozent betrug (…) Für Nordrhein-Westfalen wird ein Anteil der Muslime von 22 Prozent an den Strafgefangenen angegeben. In Berlin wird der Anteil der Muslime an den Gefängnisinsassen auf rund ein Drittel geschätzt. In Frankreich sind etwa 60 Prozent aller Gefangenen Muslime. In den Niederlanden sind es 20 Prozent der erwachsenen und 26 Prozent der jugendlichen Strafgefangenen (…) In allen Fällen übersteigt der Anteil muslimischer Strafgefangener den sonstigen Bevölkerungsanteil bei Weitem.“

Was ließe sich gegen die Wirkungsmacht solcher Zahlen, samt und sonders mit Quellen belegt, vorbringen? (Noch dazu, wenn man in Rechnung stellt, wie viele von Muslimen begangene Straftaten aus allen möglichen Gründen unbestraft bleiben.) Die versuchte Diskreditierung des Autors hat bei mir und hunderttausend anderen Lesern wenig Eindruck hinterlassen. Ich bleibe bei meiner spontan beim Lesen des Buches entstandenen Einschätzung, es handle sich um „eins der intelligentesten Bücher zum Thema Islam und Moderne.“ Sarrazins Analyse der Inkompatibilität des traditionellen Islam mit der westlichen Welt von heute ergibt ein nach den Parametern der Vernunft gedachtes und geschriebenes Buch, dem größte Verbreitung zu wünschen ist.

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Time am 8. Oktober 2018

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1) https://www.achgut.com/artikel/wie_der_deutsche_medienbetrieb_sich_bei_sarrazin_blossstellt

Alle Wege führen nach Rom (#2)

13. April 2015

Ayaan Hirsi Ali

Am 8. April brachte „FAZ.NET“ einen Aufsatz von Regina Mönch (1) zu Ayaan Hirsi Alis neuestem Buch „Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“ (2).

Außerordentlich bemerkenswert finde ich folgende einleitende Zeilen von Frau Mönch:

„Denn die Zeit drängt, auch weil die mit dieser Religion legitimierte Gewalt zunimmt, weil der Dschihad endgültig als Gefahr ins Bewusstsein des Westens gedrungen ist und das einfältige Argument, die meisten Muslime seien doch ganz anders, nämlich friedlich, diesen sich ausbreitenden ,Heiligen Krieg’ weder erklärt noch eindämmen wird.“

Wesentliche Argumente des Counterjihad werden hier transportiert.

Erstens: Der Jihad breitet sich global aus. Zweitens: Er ist eine Gefahr für den freien Westen. Drittens: Die Zeit drängt für den Counterjihad. Viertens: Der sogenannte „heilige Krieg“ ist in Wirklichkeit ein unheiliger und satanischer. Fünftens: Der Blick auf die schweigende und friedliche Mehrheit verstellt das Verständnis des lebensbedrohlichen Problems, welches die stetig und rasant anwachsenden nihilistischen Eliten und Avantgarden des Mohammedanismus (3) darstellen.

Ich bin in vielerlei Hinsicht nicht mit Frau Ali einer Meinung. Mich interessiert z.B. die Rettung des „islamischen Hauses“ nicht – Ich will seinen Rückbau. Dennoch ist Frau Ali zweifelsohne eine hervorragende Counterjihada. Und gibt es nicht ein Sprichwort, das sagt: „Alle Wege führen nach Rom“?

So man denn nach Rom reisen will…

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Ayaan Hirsi Ali

Der Dschihad bedroht das islamische Haus

Nach dem Arabischen Frühling wird eine Reform des Islams kommen, sagt Ayaan Hirsi Ali. In ihrem neuen Buch erklärt sie ihren Optimismus. Und warum es dafür Dissidenten braucht.

BuchDer Islam ist keine Religion des Friedens. Das ist einer dieser Sätze, die in dem zumeist ruhig argumentierenden Text ab und an aufblitzen. Klare Ansagen, die niemand anders verstehen soll als eine Aufforderung zur öffentlichen Debatte über den Islam und seine Reformierbarkeit. Denn die Zeit drängt, auch weil die mit dieser Religion legitimierte Gewalt zunimmt, weil der Dschihad endgültig als Gefahr ins Bewusstsein des Westens gedrungen ist und das einfältige Argument, die meisten Muslime seien doch ganz anders, nämlich friedlich, diesen sich ausbreitenden „Heiligen Krieg“ weder erklärt noch eindämmen wird. Ayaan Hirsi Ali lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit nun drängt, und sie ruft uns auf, die Zeichen, die für eine Reform, ja eine Reformation des Islams sprechen, richtig zu deuten und endlich jene zu ermutigen, die sich längst auf den Weg dahin gemacht haben, nicht selten unter Lebensgefahr.

In ihrem neuen Buch „Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“ holt Hirsi Ali weit aus und widmet ganze Kapitel der islamischen Geschichte. Deren Kennern mag das überflüssig erscheinen, aber vielen dürften die Fakten unvertraut sein. Hirsi Alis Ausführungen zur scheinbar unauflösbaren Verquickung von „Moschee und Staat“, zum Leben Mohammeds, zur Prophetenverehrung oder zur Entstehung des Korans, zur Scharia und zur muslimischen Lebensart dienen einzig ihrer Grundthese, wonach der Konflikt zwischen Gewissen und Glauben, zwischen Moderne und tradierten Glaubens- und Verhaltensregeln, in dem so viele Muslime gefangen sind, anders als mit einer globalen Erneuerungsbewegung nicht zu lösen ist. Die Autorin ist überzeugt davon – und führt jede Menge Hinweise dafür an –, dass sich viele Muslime und auch jene, die nur in diese Kultur hineingeboren sind, danach sehnen, „die letztlich unerträglichen Anforderungen dieser Ideologie infrage zu stellen“.

Gilt vielen, vor allem Intellektuellen im Westen, der Arabische Frühling längst als gescheitert, so sieht Ayaan Hirsi Ali in dieser Massenbewegung immer noch die große Hoffnung. Sie habe bewiesen, dass islamische Gesellschaften das Potential zur Erneuerung hätten. Die Arabellion habe einen Prozess in Gang gesetzt, der durchaus in eine islamische Reformation oder „islamische Renovierung“ münden könne. Hirsi Ali glaubt nicht, dass deren Erfolg allein davon abhängt, dass ihn nur möglichst viele Muslime tragen. Sie appelliert darum immer wieder an die aufgeklärte nichtmuslimische Weltgemeinschaft, Muslime dabei zu unterstützen und zu erkennen, dass der Aufstand gegen die Despoten der arabischen Welt längst übergegangen ist in einen anderen Konflikt.

Den Islam mit der Moderne versöhnen

Der wird zwischen jenen ausgetragen, die die Unvereinbarkeit des Islams mit der Moderne bis zum bitteren Ende verteidigen wollen (der „Islamische Staat“, Boko Haram, die Taliban, Al Qaida oder islamistische Milizen wie Al Shabab), und jenen, die ihren Glauben neu definieren wollen. Noch scheinen die Kräfte ungleich verteilt, bleibt vielen Oppositionellen nur die Flucht ins Ausland, haben viele für ihre Ideen – das Buch ist reich an bewegenden Beispielen – mit dem Leben bezahlt. Aber warum sollte man sich nicht Religionskritikern wie Ayaan Hirsi Ali anschließen, die zuversichtlich daran glaubt, dass der erfolgreichen Weigerung, sich korrupten, unfähigen weltlichen Machthabern zu unterwerfen, dereinst „eine generelle Weigerung folgen wird, sich auch der Autorität der Imame, Mullahs, Ajatollahs und der Ulama zu unterwerfen“?

Sie stellt fünf Thesen auf, wie eine solche „Reformation“ in Gang gesetzt werden könnte, und vergleicht dieses Projekt mit seinem historischen Vorbild, der lutherischen Reformation. Was damals der Buchdruck dazu getan habe, so Hirsi Ali, verbreite sich heute über das Internet und ähnliche technische Revolutionen. Die brutalen Terrormilizen machen es ja vor. Hirsi Ali stellt immer wieder klar, sie wolle mit ihrem Buch, das sie ihr optimistischstes nennt, nicht in theologische Dispute mit der ganzen gelehrten Welt treten. Aber es soll als Streitschrift verstanden werden, als Aufforderung, sich der Realität der muslimischen Welt endlich zu stellen: Wir könnten es uns nicht mehr leisten, die Bereitschaft zum Wandel zu übersehen. Dieses Buch, betont sie, sei darum auch an westliche Liberale gerichtet, an jene, die sich tolerant glauben, aber die Intoleranz der Orthodoxie unterstützen.

Ihre Analyse der Hemmnisse für eine Reform, die der Islam in sich trägt, ist kurz und bündig: Der Koran als letztgültiges Gotteswort brauche eine historisch-kritische Interpretation wie die heiligen Bücher der anderen großen Religionen, die sich vom Islam nicht nur dadurch unterscheiden. Zweitens müsse die Überhöhung des Jenseits als Lebensziel durch ein anderes Menschenbild ersetzt werden. Die Jenseitsverklärung nütze nicht nur todbringenden Milizen, sondern fördere auch fortschrittshemmenden Fatalismus gegenüber dem irdischen Leben. Die Scharia, die sich über geltendes Recht stelle, ermögliche Menschenrechtsverletzungen, und die erstickenden Regeln für den Alltag diskriminierten nicht nur Frauen, sondern auch Andersgläubige und Minderheiten wie Homosexuelle. Schließlich bremse das Konzept des Dschihad. Die Reformthesen Hirsi Alis zielen darauf ab, diese antimodernen Konzepte so abzuwandeln, dass sie muslimisches Leben „mit der Welt des 21. Jahrhunderts“ versöhnen.

Kritik am kraftlosen Relativismus

Ayaan Hirsi Ali schreibt über die Zustände und Umstände des Islams seit fast anderthalb Jahrzehnten. Für ihre deutliche Kritik hassen sie die einen und bedrohen ihr Leben, während andere sich darin gefallen, die schwere Kindheit und Jugend der Autorin dafür verantwortlich zu machen, dass sie immer schon vor dem gewarnt hat, was inzwischen blutige Realität geworden ist. Ihre biographischen Reflexionen führen uns noch einmal vor, wie blind und feige sich viele, die es besser wissen müssten, an ihrer Kritik abgearbeitet haben. Sie geißelt islamische Frauen-Apartheid, deren Bekämpfung mehr Engagement verdiene in der aufgeklärten Welt, und den „kraftlosen Relativismus“ westlicher Eliten, die Menschen wie sie als öffentliche Ruhestörer diskreditierten, deren Ignoranz Unterdrückung hinnehme und die soziale Kontrolle islamischer Sittenwächter erst ermögliche.

Mutig wie immer durchbricht Hirsi Ali das schematische Muster für Islamismuserklärungen. Sie besteht darauf, dass Extremisten den Islam nicht einfach „gekapert“ haben für ihre unguten Zwecke, sondern dass dieser Religionskrieg ein Teil des unhinterfragten islamischen Großkonzeptes sei, das auch darum eine grundstürzende Reform brauche.

Anders als in der hiesigen Terrordebatte beschreibt sie keine armen Jungen, die, weil perspektivlos und „Opfer des Internets“, dem IS in die Arme getrieben würden. Nein, das sei zu einfach. Sie erzählt von jungen muslimischen Amerikanern aus gutbürgerlichem Haus, in privaten Islamschulen erzogen, die sich voller Überzeugung und aus Verachtung für Freiheitswerte dem Dschihad verschrieben. Darunter der Propagandachef des IS, ein syrisch-amerikanischer Doppelbürger, Elitestudent wie auch eine Wissenschaftlerin vom MIT, die als „Lady Al Qaida“ bekannt wurde und jetzt eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Die Präventionsprogramme in Europa überstehen Hirsi Alis Evaluation allesamt nicht, vor allem macht sie auf eine noch unbekannte Seite der Terroristenwerbung aufmerksam: auf jene muslimischen Jungen, die sich verweigern und darum sogleich „Opfer physischer und virtueller Einschüchterung“ werden.

Zum Schluss zieht Ayaan Hirsi Ali einen kühnen Vergleich zu Dissidenten wie Václav Havel oder Andrej Sacharow, die einen Wandel vorbereiteten, den damals viele für undenkbar hielten. Sie tut dies, um eine lange Liste von Dissidenten des Islams aufzuzählen, die unseren Schutz und unsere Empathie brauchten, auch wenn diese Gruppe noch klein und in vielen Punkten uneins sei: Nur so könne der Islam eine Religion des Friedens werden.

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Time am 13. April 2015

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neues-buch-von-ayaan-hirsi-ali-13525901.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
2) http://www.amazon.de/Reformiert-euch-Warum-Islam-ändern/dp/3813506924/ref=sr_1_fkmr0_1?s=books&ie=UTF8&qid=1428944541&sr=1-1-fkmr0&keywords=ayan+hirsi+ali+Reformiert+euch%21+Warum+der+Islam+sich+ändern+muss
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2015/01/09/die-friedliche-mehrheit/

Wanted: Judas

9. Februar 2011

„Judaskuss“ von Gustave Doré

Die FAZ versteht unter dem Begriff „Diskurs“ offenbar, dass neben jedem geistreichen Aufsatz auch ein völlig schwachsinniger stehen muss, dass jedem eher rechten Artikel ein linkslastiger zu folgen hat. Auf Qualität wird dabei offenbar keinen  großen Wert gelegt. So ist es zu erklären, dass man in der FAZ einerseits exzellente counterjihadische Beiträge findet, aber im Wechsel ebenso oft ziemlich tief fliegende jihadische. Und einige Autoren, wie zum Beispiel Karen Krüger, bringen es fertig, für beide Richtungen zu arbeiten, und dies manchmal sogar innerhalb eines einzigen Textes.

Heute wirft sich zunächst Herausgeber Frank Schirrmacher (1) ins Geschirr, aber was soll ich sagen, fehlt da inzwischen die Routine? Er hat jedenfalls ein m.E. unsägliches Produkt abgeliefert, wie ich selten eines gelesen habe (2). Thema sind die Malediven. So hat er sein langes Interview überschrieben:

„Wie können sich muslimische Staaten gesellschaftlich modernisieren, ohne in Bürgerkriege zu verfallen oder ihre Tradition zu verleugnen? Die Antwort gibt Mohammed Waheed, Vizepräsident der Malediven. Sein Staat, zwischen Indonesien und Saudi-Arabien gelegen, ist das erste islamische Land, das den Wechsel zur Demokratie vollständig vollzogen hat“, sülzt Schirrmacher auf einer Schleimspur, die einer Mammutschnecke zur Ehre gereichen würde, in der Printausgabe der Zeitung.

Und dann geht das über volle zwei Seiten so weiter, und ein zentrales Thema ist die angebliche Bedeutung der alten Krähe Habermas und seiner Kumpels von der „Frankfurter Schule“ (3) für die angeblich vollständige Demokratie der Malediven.

Was in dem Interview, geführt von einem der hochkarätigsten deutschen Journalisten, nicht vorkommt, ist die Tatsache, dass die Malediven seit Jahren zu den zehn Ländern mit der stärksten Christenverfolgung weltweit gehören (4).

Die „Evangelische Allianz“ (5): „Die Verfassung der Malediven geht so weit, dass es in Artikel 9, Abschnitt D über die Staatsbürgerschaft heißt, ‚ein Nichtmoslem kann nicht Bürger der Malediven werden’. Informationsminister Mohamed Nasheed geht in seiner Auslegung der Verfassung so weit, dass einem Bürger der Malediven die Staatsbürgerschaft aberkannt werden kann, wenn er den Islam verlässt. In der Vergangenheit wurden Malediver, die sich für eine andere Religion entschieden hatten, eingekerkert, als Verräter oder Bürger zweiter Klasse gebrandmarkt.“

„Musterdemokratie Malediven“ behauptet Schirrmacher – ob er dafür eine der 186 bewohnten Inseln des Staates geschenkt bekommen hat? Ob er da eine Schneckenfarm eröffnen wird, nachdem er endlich die FAZ ruiniert hat? Aber wie sagte Joseph Goebbels doch 1934: “Trotzdem können wir erklären, dass unsere Regierung den Gesetzen einer veredelten Demokratie entspricht.”

In der Auseinandersetzung mit einer Parasitenideologie wie dem Mohammedanismus, welche sich mit Vorliebe auch unserer Wörter bemächtigt, um sie mit anderen Inhalten zu füllen, bedeuten die Worte an sich nichts, bevor nicht ihr Inhalt genau bestimmt wird. Dies wird auch beim zweiten FAZ-Beitrag des heutigen Tages deutlich.

Jürg Altwegg brandmarkt einen angeblichen, „erneuten Verrrat“ „der französischen Intellektuellen“, weil sie sich nicht sofort und unisono auf die Seite der arabischen Revolte gestellt haben – was in Wirklichkeit meint, dass großzügigste materielle Hilfe und günstigste Verträge mit den neuen Machthabern gegeben werden sollten, und seien dies auch die Faschlimbrüder. „Ägypten in die EU – jetzt!“ ist das Mindeste, was ein redlicher Intellektueller laut Altwegg jetzt zu vertreten hat.

„Wer einen Aufstand nicht unterstützt, schreibt der liberale Jean-François Kahn, ‚wird zum Verräter’“, pupt Altwegg, so als ob jede Revolte an sich schon bedingungslose Unterstützung verdiene. Dies offenbart m.E. das Weltbild des spätpupertären Revoluzzers, der in der autonomen Szene ebenso anzutreffen ist wie in der nationalrevolutionären (und leider auch in deutschen Redaktionsbüros) – wichtig ist hier allein der Umsturz, egal von was.

„Ihr Schweigen hatte etwas Wohltuendes“, meint dieser kleine Schmierfink despektierlich, und er meint, sich über ein gutes Dutzend bedeutender französischer Denker stellen zu können, deren Makel für ihn vor allem, wie deutlich wird, darin zu bestehen scheint, dass sie (neo-) konservativ sowie… Juden sind.

Wer also ist hier der Judas, wer verrät hier was? Und was bedeutete es für Jesus, dass Judas ihn küsste (Mark. 14,43-45)? Und was bedeutet es für „die Demokratie“, wenn sie von Typen wie Schirrmacher und Altwegg definiert und in „Schutz“ (-Haft) genommen wird?

Konstantinopel fiel durch den Verrat eines christlichen Meisteringenieurs (6) an den mohammedanistischen Blutsäufer Mehmet II.

Nicht jeder Verräter heißt Judas – aber „Judas“ ist das Synonym für Verräter geworden. Und an Verrätern haben die Orks natürlich Bedarf in unbegrenzter Zahl, mögen sie auch Frank oder Jürg heißen.

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Der jüngste Verrat

Frankreichs Intellektuellen fällt zur arabischen
Revolte nicht viel ein: Warum?

Ihr Schweigen hatte etwas Wohltuendes. Wer schweigt, sagt keine Dummheiten. Im Namen des Antitotalitarismus und der Menschenrechte hatten die französischen Intellektuellen den Krieg gegen Saddam Hussein gefordert. Dass sie die Aufstände in Tunesien und Ägypten nicht vorausgesehen haben, ist verzeihlich. Doch das hartnäckige Schweigen zum Kampf eines Volkes für die Freiheit ist ein Skandal.

Von seiner eigenen Bevölkerung wurde der Tyrann Ben Ali verjagt – und in Paris war so wenig Freude zu spüren wie nach dem Fall der Berliner Mauer. Die Außenministerin hatte ihm logistische Hilfe angeboten und während der Weihnachtsferien den Privatjet eines regimetreuen Geschäftsmannes benutzt. Kulturminister Frédéric Mitterrand, Adoptivvater zweier Kinder aus Tunesien und des Sextourismus verdächtigt, hatte von Ben Ali die Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen bekommen. Er lobte die guten Schulen und das kulturelle Niveau in einem Land, das er partout nicht als Polizeistaat bezeichnen wollte.

Keiner der Medienintellektuellen, die für die Demokratie in Tschetschenien und Georgien plädierten, aus der Ferne einen Völkermord im Sudan bekämpften oder die Verbrechen der Rebellen im Kongo anprangerten, hat in den vergangenen Wochen den Kampf der arabischen Völker für die Freiheit unterstützt. Dass es sich fast ausnahmslos um jüdische Intellektuelle handelt, muss in dem Zusammenhang zumindest erwähnt werden. Der Philosoph Alain Finkielkraut hat nun redlicherweise zumindest ein paar Gründe für seine Zurückhaltung genannt. Tunesien wie Ägypten seien verlässliche Bastionen gegen den Islamismus, sagte er im Interview. Die Kopten und Israel haben von den Muslimbrüdern einiges zu befürchten. Finkielkraut erinnert an den Umsturz im Iran.

Dem Engagement großer Geister wie Foucault für Chomeini war die ebenso schwärmerische Identifikation mit Tyrannen in der Dritten Welt vorausgegangen. Dann vollzogen die Neuen Philosophen – Finkielkraut, Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann – die Abkehr vom Marxismus. Der Antitotalitarismus wurde zum neuen Imperativ. Die französischen Intellektuellen solidarisierten sich mit den Dissidenten in Polen und der Tschechoslowakei. Die osteuropäischen Länder hatten einst eine demokratische Tradition, auf die sie sich stützen konnten, sagt Finkielkraut weiter, und fragt: „Gibt es sie in Ägypten?“

Mit Vaclav Havel könne El Baradei ja wohl nicht verglichen werden, erklärte der Philosoph: „Jeder weiß oder müsste wissen, dass er als Chef der Internationalen Atomenergiebehörde ganz bewusst die iranische Gefahr herunterspielte und Dokumente, die Teheran belasteten, unterschlug. El Baradei hat die Muslimbrüder als Konservative verharmlost und die Situation mit der Türkei verglichen. Man muss schon fragen, ob El Baradei der Mann eines demokratischen Übergangs sein könne oder nicht viel mehr zum nützlichen Idioten der Islamisten zu werden droht.“

Nach dem 11. September wurde der Fanatismus des Islams nahtlos den zu bekämpfen Ideologien und Feindbildern des neuphilosophischen Antitotalitarismus zugerechnet. Die Intellektuellen unterstützten den Kriegszug gegen die Taliban in Afghanistan und den Angriff auf den Irak. Pascal Bruckner und andere Pariser Neokonservative haben ihr Engagement inzwischen kritisch befragt; es war ein Irrtum. Sehr viel weiter ist ihre politische Neubestimmung indes noch immer nicht gediehen. Sie erinnern sich an Jan Palach und haben den Namen des Tunesiers, der mit dem gleichen Akt der Verzweiflung, einer Selbstverbrennung, die Revolte in Gang brachte, schon wieder vergessen. Facebook halten sie ausschließlich für eine Verdummungsmaschine, bei Wikileaks denken sie nur an die „Tyrannei der Transparenz“.

Die Ereignisse in Ägypten und Tunesien haben nicht nur ihr Weltbild ad absurdum geführt. Sondern im ganzen Ablauf, dessen Schnelligkeit sie überforderte, auch offenbart, wie weltfremd sie geworden sind. Finkielkrauts Argumente lösten eine Welle des Widerspruchs aus. Die Aufständischen in Ägypten und Tunesien wollen weder die Scharia noch den Dschjihad. Sie kämpfen für die Freiheit. Sie sind das Volk – und von ihm sind die französischen Intellektuellen weiter denn je entfernt. Sie geraten mit ihrem Schweigen in den Verdacht, auf Seite der Macht zu stehen und den Autoritarismus zu billigen. Die notwendige Aufarbeitung des Kommunismus seit dreißig Jahren mündet in eine ideologische Sackgasse, und nur die Arroganz ist geblieben. Die Entfernung von der Revolution im eigenen Land macht die Intellektuellen blind für die Sehnsucht nach Freiheit in der arabischen Welt. Wer einen Aufstand nicht unterstützt, schreibt der liberale Jean-François Kahn, „wird zum Verräter“.

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Time am 9. Februar 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Schirrmacher
2) http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E933121B5334F4E39831BC301B62A9291~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Schule
4) http://www.opendoors-de.org/verfolgung/news/news_2010/01/100106MV/
5) http://www.ead.de/arbeitskreise/religionsfreiheit/nachrichten/einzelansicht/article/malediven-paradies-mit-fragezeichen.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=213&cHash=7ccd3841ec
sowie: https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/07/maledivische-malaise/
6) http://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Konstantinopel_(1453)#Die_Kanonen_des_Urban