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Flucht in den Dollar

23. Mai 2019

Lesen Sie einen Artikel von Holger Zschäpitz von der „Welt“ (1).

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In der Lirakrise verweigern die Türken
Erdogan die Gefolgschaft

Sie sollten Dollar in Lira tauschen. Stattdessen tauscht die türkische Bevölkerung die Lira in Dollar, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Präsident Erdogan hatte einen ganz anderen Plan. Doch kaum jemand will diesem Plan folgen.

Aus Angst vor einer neuen Währungskrise bringen die Türken immer mehr Geld in Sicherheit. Experten sprechen offen von einer schleichenden Dollarisierung des Landes. Zu allem Übel hat Erdogan auch die ausländischen Investoren vor den Kopf gestoßen.

Die Appelle von Recep Tayyip Erdogan sind grandios verhallt. Die Bevölkerung wird dem türkischen Präsidenten abtrünnig. Seine eindringlichen Aufforderungen, dass die Türken doch unbedingt ihre Dollar in Lira umtauschen oder aber zumindest an ihrer heimischen Währung festhalten sollen, wurden offenbar ignoriert.

Das belegen die aktuellen Zahlen zu den Devisenreserven, die jetzt öffentlich geworden sind. Danach haben die Türken aus Angst vor einer neuen Währungskrise sogar noch weiteres Geld in Sicherheit gebracht und mehr Lira in Dollar getauscht.

Inzwischen haben die Türken auf ihren Devisenkonten 181,2 Milliarden Dollar gebunkert, fast ein Rekord. Selbst höhere Zinsen auf Lira-Einlagen konnte die Türken nicht davon abbringen, ihr Geld zu konvertieren. Experten sprechen bereits von einer schleichenden Dollarisierung des Landes.

Das Misstrauensvotum der eigenen Bevölkerung kommt für Erdogan zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn der Sultan von Ankara, wie der türkische Präsident wegen seines autoritären Führungsstils auch genannt wird, hat es sich mit den internationalen Finanzmärkten verscherzt und ist daher auf die eigene Bevölkerung dringend angewiesen.

Kurz vor den Kommunalwahlen Ende März hatte Erdogan mit harschen Interventionen versucht, einen Lira-Verfall aufzuhalten. Ausländer konnten damals nicht mehr frei ihre Deviseninvestments in der Türkei managen, und nicht wenige erlitten heftige Verluste.

Den Ausverkauf der Lira konnte Erdogan aber nur kurz stoppen, doch die Volte des Präsidenten hat dazu geführt, dass viele Investoren die von der Landkarte der für Geldanlagen vertrauenswürdigen Nationen gestrichen haben. Seither haben ausländische Investoren rund 2,5 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen, so viel wie seit dem Jahr 2015 nicht mehr.

„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Investoren in die Türkei zurückkehren, solange Ankara nicht eine marktfreundlichere Politik betreibt“, sagte Win Thin, Stratege bei Brown Brothers Harriman, dem Finanzdienst Bloomberg. Die ist nicht zu erkennen. Erdogan tut wenig, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Im Gegenteil: Auf Drängen des Präsidenten beschloss die oberste Wahlbehörde der Türkei, die Bürgermeisterwahl von Istanbul kurzerhand zu annullieren, die Erdogans Kandidat an die Opposition verloren hatte. Strategen sehen in diesem Schritt politische Willkür.

Neben ungesicherten Eigentumsverhältnissen schreckt globale Investoren nichts so sehr ab wie politische Unsicherheit, die sich nicht kalkulieren lässt. Damit nicht genug. Erdogan droht es sich auch mit den USA zu verscherzen. Das Land plant den Kauf russischer S-400-Flugabwehrraketen. Washington hat dem Nato-Partner Türkei mit Sanktionen gedroht, ein Schritt, der Investoren zusätzlich ängstigt.

Sichtbar wird der Kapitalexodus auch an der Börse. Der Index BIST-100 ist am Mittwoch auf den tiefsten Stand seit Januar 2017 abgestürzt. Seit März hat das türkische Marktbarometer fast ein Fünftel seines Wertes verloren.

Die türkische Notenbank versucht offensichtlich, sich der Kapitalflucht entgegenzustellen. Die Nettodevisenreserven der Notenbank sind zuletzt unter die Marke von 25 Milliarden Dollar gestürzt, das war der niedrigste Stand seit Oktober vergangenen Jahres.

Nach Ansicht von Experten ist die Situation sogar noch dramatischer. Die Notenbank hat sich von den Geschäftsbanken 13,2 Milliarden Dollar über sogenannte Swap-Geschäfte geliehen, um den finanziellen Puffer üppiger erscheinen zu lassen. Rechnet man diese Ausleihungen heraus, liegen die Reserven nach Berechnungen der Finanzagentur Bloomberg lediglich bei 11,6 Milliarden Dollar. Und in diesem Wert ist sogar noch der Goldschatz enthalten, der gut zehn Milliarden Dollar wert ist.

Viele Beobachter befürchten, dass die türkische Notenbank auch noch die letzten Dollar dafür einsetzt, um an den Märkten die Lira zu stützen. Im kommenden Monat wird die Bürgermeisterwahl in Istanbul wiederholt. Da käme der regierenden AKP von Erdogan ein erneuter Schwächeanfall der Lira äußerst ungelegen.

Schon jetzt zählt die türkische Währung zu den schwächsten weltweit. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Lira zum Dollar knapp ein Viertel abgewertet. Allein in diesem Jahr ging es noch mal um 13 Prozent nach unten. Lediglich der argentinische Peso weist eine noch schwächere Bilanz auf.

Angesichts der niedrigen Devisenreserven hat die Türkei wenig Manövriermasse, sollten die globalen Investoren gegen das Land spekulieren oder Gläubiger ihre Kredite nicht verlängern. Erdogan hat bislang stets ausgeschlossen, den Internationalen Währungsfonds um Hilfe zu bitten, sollten die Devisen knapp werden. Das könnte bald eintreten: Allein in den kommenden zwölf Monaten werden Dollar-Kredite im Volumen von 177 Milliarden Dollar fällig, sprich: Sie müssen erneuert werden.

Im Zweifel bleibt der Notenbank lediglich die Möglichkeit, sich von den Geschäftsbanken weitere Dollar zu leihen. Doch auch das ist nicht unendlich möglich. Ab einem bestimmten Volumen sähe das wie eine Art Zwangsenteignung von Dollar-Reserven der eigenen Bevölkerung aus.

Aber freiwillige Hilfe kann der Präsident vom eigenen Volk kaum erwarten. Denn die Wirtschaftskrise hat bereits tiefe Spuren hinterlassen. Laut Eurostat müssen inzwischen 23 Millionen Menschen regelmäßig Entbehrungen erleiden, mehr als ein Viertel der Bevölkerung gilt damit als verarmt. Da dürften weitere Appelle des Präsidenten ungehört verhallen.

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Time am 23. Mai 2019

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1) https://www.welt.de/finanzen/article193998319/In-der-Lirakrise-verweigern-die-Tuerken-Erdogan-die-Gefolgschaft.html