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Im Interview: George Borjas

27. Januar 2016

george-borjas

Lesen Sie ein Interview mit dem Migrationsforscher George Borjas von Winand von Petersdorff von „FAZ.NET“ (1).

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„Eine Million Flüchtlinge sind gewiss zu viel“

Politik und Medien beschönigen die Erfolge der Einwanderung, sagt der Ökonom. Die guten Erfahrungen, die Amerika in den 1920er Jahren gemacht hat, lassen sich nicht übertragen.

Herr Professor Borjas, Politiker und vor allem Ökonomen streichen die Vorzüge der Immigration heraus – besonders für aufnehmende Länder. Schlicht gefragt: Ist Immigration gut?

Das hängt davon ab, wer betroffen ist. Wenn wir unterstellen, dass die Einwanderer nach Deutschland so zusammengesetzt sind, dass sie die Arbeiten übernehmen, die die Einheimischen nicht machen wollen, dann profitieren die Deutschen sehr davon. Sie als Journalist könnten sich voll und ganz darauf konzentrieren, Artikel zu schreiben und besser in Ihrer Profession zu werden.

Während die Immigranten den Müll entsorgen und das Haus putzen?

Genau. Man stelle sich aber stattdessen vor, die Zuwanderer seien alles qualifizierte Journalisten, die dank „Google Translater“ gute Artikel auf Deutsch schreiben können. Dann könnte Ihr Arbeitgeber auf die Idee kommen, dass Sie überbezahlt sind. Er könnte Ihren Lohn kürzen. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Immigration produziert stets Gewinner und Verlierer. Und die Gewinner sind tendenziell diejenigen, die Einwanderer beschäftigen, die ihre Produkte kaufen können. Die Verlierer sind diejenigen, die mit den Einwanderern um Arbeitsplätze und Löhne konkurrieren müssen.

Was kommt dabei unterm Strich für die gesamte Volkswirtschaft heraus?

Die ökonomischen Gesetze sagen, dass die Gewinne der Gewinner die Verluste der Verlierer übersteigen. Was für den Welthandel gilt, gilt auch für die Immigration. Nicht alle profitieren, aber in der Summe ist der ökonomische Effekt positiv, allerdings nur, wenn man allein den Arbeitsmarkt betrachtet. Das Ergebnis wird allerdings viel weniger eindeutig, wenn man zusätzlich etwa die Auswirkungen für den Wohlfahrtsstaat einkalkuliert. Fest steht: Die verbreitete Idee, dass Einwanderung für jedermann gut ist, ist schlicht falsch.

Sie selbst sind kubanischer Flüchtling. Sie haben es zum Harvard-Professor gebracht. Sind Sie nicht der lebende Beweis dafür, dass Immigration gut ist?

Für mich persönlich war sie sogar extrem gut. Ich hoffe, mein Wirken hier hat Amerika genutzt, was schon weniger klar ist. Und ob es für meine alte Heimat Kuba gut ist, sei dahingestellt. Wenn Ärzte aus Afrika auswandern, nützt es ihnen, ihrer neuen Heimat. Aber nicht ihrem Herkunftsland. Immigration produziert stets Kosten, die jemand tragen muss.

Sind nicht Auswanderer per se mit Mut, Energie und Weitsicht gesegnet und damit von vornherein nützlich für ihre neue Heimat?

Das ist ein Mythos. Die klügsten und besten Köpfe aus dem Hochsteuerland Dänemark haben vielleicht einen Anreiz, nach Amerika zu gehen, weil sie dort ihre Fähigkeiten besser versilbern können. In vielen Schwellenländern geht es den Eliten bestens, sie bleiben. Schlecht geht es den Armen, die deshalb das Weite suchen. Jeder Immigrant macht seine persönliche Kalkulation. Nichts ist so permanent wie Gastarbeiter, lautet ein geflügeltes Wort in unserem Metier. Warum sollte ein Einwanderer in seine Heimat zurückkehren, wo die Verhältnisse so viel schlechter sind?

Vielleicht, weil er ein Patriot ist?

Vielleicht. Die große Mehrheit derjenigen, die nicht weg müssen, bleibt. Ein indischer Computeringenieur im Silicon Valley findet anderswo keine vergleichbaren Bedingungen. Welchen Anreiz hätte er, heimzugehen?

Macht es einen Unterschied, ob die Menschen, die derzeit nach Deutschland kommen, aus islamischen Ländern kommen?

Natürlich macht es einen Unterschied. Man verschließt seine Augen, wenn man das nicht sieht. Als die Gastarbeiter nach Deutschland kamen, hat der Schriftsteller Max Frisch gesagt: Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen. Das fängt die gesamte Komplexität des Problems ein.

Nach Amerika kamen Menschen aus aller Herren Ländern. Und es scheint gut funktioniert zu haben.

Ich kenne das Argument aus Deutschland: Wenn wir es wie die Amerikaner machen, dann wird es schon funktionieren. Das führt leider vollständig in die Irre.

Warum?

Die Integration verdankt ihren Erfolg besonderen sozialen, kulturellen und ökonomischen Umständen. Die Einwanderer, die vor mehr als hundert Jahren nach Amerika kamen, fanden Arbeit in den Fabriken, die gerade entstanden. Die Arbeiter in den Ford-Fabriken im Jahr 1915 waren zu drei Viertel im Ausland geboren. Was passierte mit diesen Arbeitsplätzen? Sie wurden gewerkschaftlich organisiert. Sie hatten bald gutbezahlte Stellen, die die Arbeiter an ihre Söhne und Enkel vererbten. Für die Immigranten waren diese Jobs der Einstieg in die Mittelschicht. Heute warten Jobs im Servicesektor und der Gastronomie auf die Immigranten.

Und heute vererben die Einwanderer nur ihre Jobs bei McDonald’s weiter?

Das ist ziemlich unklar. Die Arbeitsplätze, die die Assimilation der Immigranten so maßgeblich erleichtert haben, sind jedenfalls verschwunden. Ein anderer Punkt, interessant für Deutsche: Die Deutschen stellten einen großen Teil der Einwanderer um die Jahrhundertwende. Deutschland hat dann zwei Weltkriege mit Amerika gefochten. Deshalb wurde den Deutschen in vielen Bezirken verboten, deutsch zu sprechen. Damals verschwanden auch deutsche Zeitungen.

Sie sagen damit, dass die Strafmaßnahmen die Assimilation der Einwanderer erleichtert haben?

Ja, die Deutschen mussten sich entscheiden, ob sie Amerikaner sein wollten. Das galt im Zweiten Weltkrieg auch für die Italiener. Und noch ein wichtiger Punkt: Assimilation selbst war vor 120 Jahren politisch und kulturell völlig unumstritten. Anders als heute: 2010 hat der türkische Premier Tayyip Erdogan eine Rede in Deutschland gehalten mit dem Kernsatz: Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist starkes Statement.

Worauf wollen Sie damit hinaus?

Die Ideologie hinter dem Begriff Assimilation war vor 120 Jahren ganz anders als heute. Niemand hat Anpassung als Sünde angesehen. Niemand hat damals ein multikulturelles Leben als etwa Optimales betrachtet. Generell gilt: Nur weil etwas in Amerika im 19. Jahrhundert funktioniert hat, muss es nicht heute in Deutschland funktionieren. Es wäre heute noch nicht einmal in den Vereinigten Staaten reproduzierbar.

Ist Amerikas Geschichte der Einwanderung eine Erfolgsgeschichte?

Historisch eindeutig ja. Doch im Amerika von heute werden Immigranten längst nicht mehr so schnell integriert wie früher. Sie lernen nicht mehr so schnell Englisch, und es dauert länger, bis sich ihre Löhne an das durchschnittliche Niveau angepasst haben. Und noch etwas: In den Vereinigten Staaten gab es zwischen 1920 und Ende der fünfziger Jahr so gut wie keine Zuwanderung. Das hatte natürlich auch einen Einfluss auf die Homogenität der Bevölkerung.

Viele Ihrer Kollegen teilen Ihre Skepsis in Bezug auf die Resultate der Immigration nicht und verweisen auf eine bahnbrechende Studie, die mit Ihrer alten Heimat zusammenhängt.

Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen.

Im Jahr 1980 siedelten sich binnen weniger Wochen 125.000 kubanische Immigranten im Großraum Miami an, um die 70 Prozent ohne Schulabschluss. Sie durften sofort arbeiten. Die simple Logik wäre gewesen, dass die Kubaner die Löhne gedrückt hätten. Der Autor, der bekannte Ökonom David Card, sagt dagegen, das sei schlicht nicht passiert.

Ha, Cards Studie war höchst einflussreich. Heute würde man sie nicht mehr so machen. Ich habe 2015 aus den gleichen Datensätzen in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass die Löhne der Unqualifizierten im Miami dramatisch gesunken sind durch die kubanische Konkurrenz. David Card hatte nicht die unqualifizierten Arbeitnehmer, sondern den gesamten Arbeitsmarkt von Miami untersucht, der allen möglichen Einflüssen unterlag. Ich habe ohnehin folgende Feststellung gemacht, was die Immigrationsforschung generell angeht: Sobald man näher an jene Gruppen herangeht, die von Immigration betroffen sind, desto klarer werden die Ergebnisse, desto deutlicher sieht man die Verlierer.

Gibt es nach Ihrer Ansicht ein Bedürfnis der Eliten, die Herausforderungen, die mit Migration verbunden sind, herunterzuspielen?

Ich arbeite an einen Buch, das dieses Jahr erscheinen wird. Darin dokumentiere ich Vorfälle, in denen die von Politik und Medien verbreitete Aussage, Immigration sei gut für alle, durch manipulierte Daten untermauert wird und durch die Tendenz, unbequeme Fakten zu verheimlichen.

In Amerika findet Donald Trump im Vorwahlkampf überraschend starke Zustimmung mit abwertenden Bemerkungen über Mexikaner und den Ankündigungen, er werde eine Mauer zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko errichten und elf Millionen Illegale aus Amerika ausweisen. Warum findet er so viel Zuspruch?

Die Amerikaner reagieren so zustimmend, weil sie das Gefühl plagt, Amerika habe die Kontrolle über seine Grenzen verloren. Jetzt wurde eine Regierungsstudie öffentlich, der zufolge aktuell eine halbe Million Menschen in Amerika geblieben sind, obwohl ihr Visum abgelaufen ist. Das verstärkt das Gefühl des Kontrollverlusts. Es berührt die Frage der Souveränität eines Landes. Die Amerikaner wollen nicht in einem Land mit offenen Grenzen leben.

Sie fordern aber keine Mauer, oder?

Ich weiß nicht, welche Politik die beste wäre. Wer das Immigrationssystem reformieren und auf die Sorgen vieler reagieren will, muss zunächst Vorschläge präsentieren, wie er die Zuwanderung unter Kontrolle bekommt. Sobald das Gefühl da ist, dass die Regierung die Kontrolle zurückerlangt hat, wird sich die Wahrnehmung der Immigration dramatisch ändern: Die Leute werden viel eher bereit sein, die Vorzüge der Einwanderung zu würdigen.

Sie sehen eine Verbindung zu Deutschland?

Deutschland hat die Kontrolle über seine Grenzen verloren, Ganz Europa hat die Kontrolle verloren. Das ist ein Teil des Problems. Ab wann überfordert eine hohe Anzahl an Flüchtlingen ein aufnehmendes Land? Sind zehn Millionen zu viel? Oder hundert Millionen?

Was ist Ihre Antwort?

Ich weiß es nicht. Eine Million ist gewiss zu viel, wenn man die politische Reaktion in Deutschland in Betracht zieht. Amerika lässt genauso viele ins Land, hat aber eine viermal so große Bevölkerung. Der Kontrollverlust hat soziale und politische Konsequenzen. Es erstarken Kräfte, die die politische Landschaft völlig verändern könnten. Darüber sollte sich Deutschland Sorgen machen.

Ist nicht alles viel einfacher: Die Flüchtlinge sind in Not, sie brauchen Hilfe?

Ich sympathisiere mit den Flüchtlingen. Ich bin schließlich selbst einer. Nur: Die guten Taten haben Folgen. Dafür will ich sensibilisieren.

Einverstanden. Aber Deutschland hat nun einmal die Flüchtlinge. Sie werden nicht ausgewiesen werden. Also wird man pragmatisch mit der Herausforderung umgehen müssen. Wie am besten?

Bevor man sich Gedanken über die beste Integrationspolitik macht, muss man die Zuwanderung unter Kontrolle bekommen. Wenn Deutschland das nicht in Griff bekommt, muss sich das Land statt über eine Million nächstes Jahr über zwei oder drei Millionen Flüchtlinge Gedanken machen. Damit wäre das Land überfordert.

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Time am 27. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/migrationsforscher-george-borjas-eine-million-fluechtlinge-sind-gewiss-zu-viel-14031850.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Die Billig-Öl-Krise

24. Januar 2016

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Am 21. Januar legte Winand von Petersdorff bei „FAZ.NET“ dar, inwiefern die derzeitige Ölschwemme zu einer Weltwirtschaftskrise führen könnte (1).

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Konjunktur

Das große Öl-Rätsel

Erstmals scheint es Konjunkturprobleme durch zu billiges Öl zu geben. Die These, Ölpreisschocks hätten große Wirkungen für Verbraucher und geringe für Produzenten, verliert ihr Fundament.

Vor zwei Jahren, im Juni 2014, kostete das Fass Rohöl 115 Dollar. Jetzt schwankt der Preis in der 30-Dollar-Zone. Ein größeres Programm zur Befeuerung der globalen Konjunktur hätte man sich kaum ausdenken können. Es hätte wirken müssen wie eine große Steuersenkung in den Ölabnehmerländern. Schon als der Preis Ende 2014 auf 80 Dollar gerutscht war, bezifferten jubelnde Citigroup-Ökonomen den Wachstumsstimulus auf mehr als eine Billion Dollar. Das schien höchst plausibel: Die Großmächte der Weltkonjunktur China, Indien, der Eurozone und selbst die Vereinigten Staaten waren schließlich Netto-Ölimporteure. Sie hätten durch den billigeren Rohstoff einen konjunkturellen Schub bekommen müssen, der im besten Fall die gesamte Weltwirtschaft mitgezogen hätte. Stattdessen regiert aber die Stagnation. „Eine der größten Überraschungen des Jahres 2015 ist, dass der erstaunliche Verfall des Ölpreises nicht das Wachstum der Weltwirtschaft stärker befeuert hat“, sagt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.

Irgendetwas ist falsch am alten Kalkül, das so lautete: Wenn der Ölpreis fällt, dann gewinnen die Verbraucher und es verlieren die Produzenten. Was zunächst wie ein Null-Summen-Spiel aussieht, wirkt beflügelnd auf die Konjunktur, weil die Volkswirte dachten, dass die Verbraucher wie früher schon das zusätzliche Geld für den Konsum und für Investitionen nutzen würden, während die Produzenten, die Öl-Scheichs, auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, ohne damit die Konjunktur nennenswerte zu trüben. Anders gesagt: Konsumenten würden viel von zusätzlich verfügbarem Geld verjubeln, Produzenten greifen auf Reserven zurück. Deshalb, so die Theorie, ist es für die Welt besser, wenn das Geld beim Verbraucher sitzt.

Allen war allerdings klar, dass nicht jeder Preiseinbruch unmittelbar stimulierend wirkt, schon gar nicht, wenn er die Folge einer großen Depression ist. Das ist wie bei einem Kranken: Wenn er Gewicht verliert, wird das nicht als Ergebnis eines erfolgreichen Fitnessprogramms gedeutet, sondern als Begleiterscheinung. Nach der Finanzkrise brachen die Bestellungen für den Rohstoff ein. Das drückte den Preis Ende 2008 schon einmal auf den Tiefststand von 30 Dollar. Damals hat der Ölpreis die Konjunktur höchstens vor einem weiteren Abrutschen bewahrt. Einen spürbar positiven Effekt erwarten die Ökonomen dagegen von sogenannten Angebots-Schocks wie jenem zwischen 1985 und 1986. Damals brachen die Ölpreise ein, weil Saudi-Arabien die Produktion hochfuhr, um verlorengegangene Marktanteile zurückzuerobern. Danach wuchs die Weltwirtschaft 1987 um 3,8 Prozent, immerhin um einen halben Prozentpunkt mehr als im Vorjahr.

Das Problem mit dem aktuellen Ölpreisschock ist nach Rogoffs Analyse, dass er weder ein eindeutiger Angebots- noch ein klarer Nachfrageschock ist. Chinas Umstrukturierung der Volkswirtschaft kostet Wachstum. Das hat zur Folge, dass das Land weniger Öl und andere Rohstoffe bestellt als erwartet. Deren Preise sind 2015 ebenfalls stark gefallen.

Mindestens ebenso wichtig ist aber die Schieferöl-Revolution in den Vereinigten Staaten: Dank neuer Bergbaumethoden wie Fracking, horizontalem Bohren und 3D-Seismik haben die Amerikaner ihre Ölförderung seit 2008 fast verdoppelt von 5 auf 9,3 Millionen Fass am Tag. Aktuell liegt die Produktion bei 8,7 Millionen Fass. Amerikas Fracker erweisen sich als zäh, zumindest was die Fördermenge betrifft. Das ist aus der Perspektive der Verbraucher prima, theoretisch zumindest.

Doch in der neuen Welt des Öls entfachen Preisschocks andere Wirkungen als früher. Ein Grund ist blanker Interventionismus: Länder wie China und Indien, die heute deutlich stärkeres Gewicht in der globalen Ökonomie haben als früher, haben den Treibstoff subventioniert, um ihn für Verbraucher auf erträglichem Niveau zu halten. Das führte in den Hochpreisjahren zu schweren Belastungen für die öffentlichen Haushalte dieser Länder. Sobald sie die Möglichkeit dazu sahen, fuhren sie die Subventionen zurück. Für die Verbraucher in diesen Ländern hat sich deshalb an der Tankrechnung nicht viel geändert und damit blieb ihnen auch nicht viel Geld, um es anderweitig auszugeben. So verpuffte die Stimulanz in importierenden Schwellenländern. Zu den Gewinnern zählt Rogoff zufolge allerdings die Eurozone, deren Konjunktur zunehmend vom Konsum gespeist wird.

Ölpreissenkungen wirken langfristig positiv

Ganz anders ist die Lage bei den Ölverkäuferländern: Einige der großen Exporteure haben weniger Puffer als gedacht und geraten nun in wirtschaftliche Turbulenzen: Das gilt für Venezuela, Nigeria, Angola und Russland, die alle ihre Haushalte aus Öleinnahmen gespeist haben und nun mit zum Teil drakonischen Sparprogrammen reagieren, die die Konjunktur bremsen. Selbst das als unanfechtbar geltende Saudi-Arabien kürzt die Staatsausgaben. Der Währungsfonds sieht für den Ölförderriesen 2016 eine Wachstumsrate von 1,2 Prozent, was für ein junges Land mit großem Bevölkerungsanstieg bedrohlich wenig ist.

Die These, Ölpreisschocks hätten große Wirkungen für Verbraucher und geringe für Produzenten, verliert ihr Fundament. Das zeigt sich auch in den Vereinigten Staaten. Hier zeigen sich die Ausgaben der Konsumenten robust: Sie haben zum Beispiel der amerikanischen Autoindustrie das beste Jahr ihrer Geschichte beschert und viele schwere Autos gekauft, die mehr Treibstoff verbrauchen. Das ist die gute Seite für die Konjunktur (nicht für Klimaschützer). Die düstere ist in den Öl-Bundesstaaten North-Dakota, Oklahoma und Texas sowie in den Bilanzen der Öl- und Gasförderer und deren Zulieferer zu sehen. Die Fracker- und Ölindustrie dort hat schon Hunderttausende entlassen. Die Firmen streichen ihre Investitionen zusammen, der Energiesektor im Börsensegment S&P 500 hat drei Viertel seiner Gewinne eingebüßt.

Längst schwappen die Probleme auf den Finanzsektor über. Der Markt für Hochzinsanleihen ist in Turbulenzen: Etwa 15 Prozent des Anlagevolumens hängt an Energiefirmen. Doch auch andere Bonds werden mit höheren Risikoaufschlägen gehandelt. Amerikanische Banken haben nach Angaben der Öl- und Gasindustrie 276 Milliarden Dollar geliehen, von denen 15 Prozent als unsicher gelten nach 4 Prozent im Vorjahr. In der scharf regulierten Bankenwelt führt das dazu, dass Banken ihre Kreditvergabebedingungen verschärfen könnten. Das könnte in eine Rezession führen. Und weil vergleichbare Entwicklungen weltweit zu sehen sind, scheint eine globale Flaute möglich. Die Ölkrisen seit den siebziger Jahren hatten jeweils ihre Ursache in verteuertem Öl. Diesmal droht die Krise wegen billigen Öls. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Rogoff zufolge wirken Ölpreissenkungen langfristig trotzdem positiv. Das zeigten makroökonomische Modelle.

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Time am 24. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-grosse-oel-raetsel-14025253.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Schutzpatron der Orks

13. Januar 2016

hussein

Was hat US-Präsident B. Hussein O. der Welt in „seiner letzten Rede zur Lage der Nation“ zu sagen?

Vor allem dies: Wer den Mohammedanismus kritisiert, kriegt Ärger!

Winand von Petersdorff berichtet bei „FAZ.NET“ (1).

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„Muslime zu beleidigen, macht uns nicht sicherer“

In seiner letzten Rede zur Lage der Nation verweist Barack Obama auf seine Erfolge als Präsident, gibt sich aber auch selbstkritisch: Es sei ihm nicht gelungen, die Gräben im Kongress zu überbrücken. Zugleich warnte Obama vor Panikmache wegen Terror und Einwanderung.

Barack Obama hat 372 Tage vor dem Ende seiner Amtszeit im amerikanischen Kongress seine letzte Rede zur Lage der Nation gehalten. Sie sollte Zuversicht in die Stärke und Zukunftsfähigkeit des Landes zeigen, hatte zugleich aber auch von Pessimismus gefärbte Passagen. In großen Teilen schlug der Präsident den kontemplativen Ton eines Mannes an, der sich verabschiedet und die Gelegenheit nutzt, an seine guten Werke zu erinnern und ein paar Hinweise für die Zukunft zu geben.

So warb der amerikanische Präsident für die Reform des politischen Systems seines Landes und für ein besseres Miteinander der politischen Flügel im Kongress. „Eine der Enttäuschungen meiner Präsidentschaft ist es, dass es mir nicht gelungen ist, die Kluft zwischen beiden Parteien zu überbrücken.“ Sie sei noch größer geworden. Obama sagte in einem Anflug von Selbstkritik, er selbst wolle sich bessern. Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt hätten für den Ausgleich mehr Talent gehabt.

Allerdings regiert Obama gegen republikanische Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses an. Sie bremsen den Präsidenten, der Waffengesetze verschärfen, die Umweltauflagen erhöhen und höhere Mindestlöhne durchsetzen will. Obama will auch das Garrymandering abschaffen. Das Verfahren erlaubt es, den Zuschnitt von Wahlbezirken zu manipulieren und trägt nach allgemeiner Überzeugung zur Polarisierung der politischen Positionen bei. Als zweites will er den Einfluss von Geld in der Politik zurückdrängen und schließlich das Wählen erleichtern und für dieses Ziel im Sommer mit einer Tour durchs Land kämpfen.

Obama erinnerte an seine Erfolge, vor allem die Schaffung von 14 Millionen Jobs und die Halbierung der Arbeitslosigkeit. Die amerikanische Autoindustrie habe 2015 das beste Jahr überhaupt gehabt. Obamas Regierung hatte die Autoindustrie in der Depression durch Kredite und Finanzspritzen vor dem Untergang bewahrt.

In einer anderen Passage der Rede wies Obama Zweifel an der Größe der Großmacht Amerika zurück. Diese Worte zielten auf die Rhetorik republikanischer Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur. Ohne Donald Trump zu nennen, bezeichnete er dessen Aussagen über die Schwäche Amerikas als heiße Luft. „Die Vereinigten Staaten sind die mächtigste Nation der Erde“, sagte der Präsident unter großem Beifall. Trumps Fremdenfeindlichkeit war das Ziel einer weiteren Passage: „Wenn Politiker Muslime beleidigen, dann macht uns das nicht sicherer. Es macht uns nur kleiner in den Augen der Welt.“

Anderen Kandidaten hielt Obama Panikmache vor. Das zielte auf Chris Christie, der davon gesprochen hatte, dass die Vereinigten Staaten gegen den so genannten „Islamischen Staat“ in einem Dritten Weltkrieg steckten. Über Ted Cruz‘ Aussage, er werde Isis mit Bombenteppichen in die Vergessenheit befördern, machte Obama sich lustig: Die Welt erwarte mehr von einem amerikanischen Führer als harte Worte. Isis müsse zerstört werden, die Gruppe sei aber keine Bedrohung für die nationale Existenz der Vereinigten Staaten. Er wies darauf hin, dass im 21. Jahrhundert die Gefahren nicht mehr von feindlichen Mächten ausgingen, sondern von gescheiterten Staaten, in denen Terroristen Unterschlupf fänden.

Im optimistischen Teil der Ansprache erinnerte Obama an den Erfindergeist, der Amerika vor sechzig Jahren befähigt habe, Menschen zum Mond zu bringen. Er forderte seine Mitbürger auf, den Erfindergeist auf Neue zu entfachen und die Anstrengungen auf die Ausmerzung der Krebskrankheit zu richten. „Lasst Amerika das Land sein, dass den Krebs heilt“. Die letzte Rede Obamas an die Nation endete mit der Botschaft, dass er an die Kraft der Amerikaner glaube, die Zukunft anzunehmen.

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Time am 13. Januar 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/obama-rede-zur-lage-der-nation-muslime-zu-beleidigen-macht-uns-nicht-sicherer-14011453.html

Das Ende des Nazislahm (#2)

10. Mai 2015

Fracking

Vor einem halben Jahr hatte ich Ihnen hier einen Aufsatz über die politischen und ökonomischen Folgen des Fracking vorgelegt (1). Ein aktueller Artikel auf „FAZ.NET“ von Winand von Petersdorff führt weiter in das Thema ein (2).

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Veränderte Fördertechniken

In der neuen Ölwelt

Was wäre eigentlich, wenn es mehr Öl als genug gäbe und trotzdem immer weniger verbraucht würde? Es spricht einiges dafür, dass es so kommen wird.

Der Tag, an dem das neue Ölzeitalter offenkundig wurde, war der 27. November 2014. Die Vereinigten Staaten feierten Thanksgiving, ein Tag der Truthähne, Kürbisse und der Familie und nicht gerade des Rohöls. Doch an jenem Donnerstag beendete die Organisation der Erdöl exportierenden Länder Opec ihre turnusgemäße Zusammenkunft in Wien mit einer wichtigen Mitteilung: Ihre Mitglieder würden die Ölförderung nicht drosseln, sondern auf dem alten Niveau halten, trotz des schon Monate währenden Preisverfalls.

Die Mitteilung war formal gehalten, nichts deutete äußerlich auf die Brisanz. Das Ölkartell Opec stellte an diesem Tag seine Bemühungen ein, die Preise unter Kontrolle zu bringen. 1960 war die Vereinigung just zu dem Zweck gegründet worden, das Rohöl nicht zu billig werden zu lassen. 1973 zeigte die Organisation ihre Macht, als sie ihre Förderung drosselte, den Ölpreis um 70 Prozent nach oben trieb und eine Rezession in vielen Ländern auslöste. Die Opec war im Zenit. Und heute? Heute überlässt sie die Preisbildung den Märkten. Vorerst.

Sofort nachdem die Opec ihr Statement veröffentlicht hatte, fiel der Preis für Rohöl, der schon seit Juni gesunken war, wie ein Stein. Später pendelte er sich zwischen 50 Dollar und 60 Dollar je Fass (159 Liter) ein. Der Preisrutsch beendete eine dreieinhalbjährige Phase, in der das Fass im Schnitt 110 Dollar gekostet hatte. Nie in der Geschichte war der Preis für Rohöl so lange so hoch gewesen. Und nie zuvor war er dabei so stabil geblieben wie in jenen dreieinhalb Jahren. Kein Wunder, dass sich das Gefühl eingeschlichen hatte, der Ölpreis habe sein natürliches Gleichgewicht gefunden und der historisch hohe Preis reflektiere die Endlichkeit des Rohstoffs.

Dabei war alles ein einziger großer Zufall. Christof Rühl, Chefökonom der Abu Dhabi Investment Authority, erklärt das so: Zwei Revolutionen haben sich in ihrer Wirkung neutralisiert. Die eine war politisch, fand in Nordafrika statt und setzte den eminent wichtigen Öllieferanten Libyen zeitweise außer Gefecht. Weil zudem verschärfte Sanktionen gegen Iran ihren Tribut forderten, fehlten plötzlich drei bis fünf Prozent des geplanten Ölangebots auf dem Markt in einer Zeit, in der die Nachfrage von den durstigen Schwellenländern beflügelt stieg. Das war der Stoff für eine ungekannte Preisexplosion weit über 111 Dollar hinaus.

„Opec hat den Frackern den Krieg erklärt“

Doch wie durch ein Wunder entfaltete just in jener Phase die zweite technische Revolution ihre Wirkung: die amerikanische Ölschieferrevolution, die Ausbeutung von unkonventionellen Vorkommen, vor allem im Schiefergestein, mit unkonventionellen Methoden. Genauer: die Kombination von Fracking und horizontalem Bohren. Noch im ersten Quartal 2011 war die Ölförderung der Vereinigten Staaten leicht geschrumpft. Drei Jahre später reichte die Fördermenge des Landes aus, um Verluste von Libyen, Iran und anderen Lieferanten auszugleichen.

Heute können die Vereinigten Staaten rund zehn Prozent der globalen Nachfrage decken, sie fördern so viel wie in den Rekordjahren zwischen 1968 und 1973. Amerikas Fracker haben fast im Alleingang die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Weil gleichzeitig weniger verbraucht wurde als erwartet, schwimmt die Welt plötzlich in Öl.

Die Opec hatte das genauso wenig kommen sehen wie die meisten anderen Beobachter. Doch das Kartell hat schon Schlimmeres überstanden. Jetzt lässt es unter der Führung Saudi-Arabiens den Sturzflug der Preise zu, der allen Ölgesellschaften auf der Welt weh tut, eigenen Opec-Mitgliedern wie Venezuela besonders. Der Verdacht kommt auf, die Saudis, die sich das leisten können, wollen die amerikanische Konkurrenz aus dem Markt drängen. „Opec hat den Frackern den Krieg erklärt“, ist die dramatische Schlagzeile zu dieser Entwicklung. Exxon-Chef Rex Tillerson sieht das allerdings nüchterner. Auf der jüngsten Ölkonferenz in Houston sagte er: „Die Saudis testen ganz klassisch den Markt.“

Auf dem ersten Blick ist die Situation für die Branche tatsächlich nicht neu. Die alten Fahrensleute der Industrie hatten sich damit abgefunden. Sie waren eben in einer Boom-und-Bust-Branche unterwegs: Mal ging es hoch, mal ging es runter immer schön dem Schweinezyklus entlang. Weltweit regieren die Ölkonzerne klassisch auf den Preisverfall. Sie kürzen Kosten und geben die teuersten Förderprojekte auf, in der Tiefsee, in kalten Regionen oder politisch instabilen Ländern. Die Beschneidung macht sich gewöhnlich nach zehn Jahren bemerkbar. Denn so viel Zeit brauchten die Großprojekte, um ins Laufen zu kommen. Dann wird das Öl knapp, die Preise steigen rapide, sobald alle mitbekommen hatten, was los ist.

Die Förderungstechnik wird immer besser und effizienter

Doch diesmal könnte es anders kommen. Ein entscheidender Faktor ist die überraschende Zähigkeit von Amerikas Frackern. Können sie überleben mit einem halbierten Ölpreis? Die Zeichen deuten darauf hin. Entgegen der allgemeinen Erwartung haben die amerikanischen Produzenten nach den letzten verfügbaren Zahlen ihre Förderung weiter gesteigert. Gleichzeitig aber hat die Industrie binnen eines Jahres die Hälfte ihre Fördertürme abgebaut. Die verbliebenen 900 schaffen somit das Doppelte.

Aber da geht noch mehr. Die Ölförderer schauen gerade genau hin, wie ihre Kollegen vom Schiefergas mit dem Preissturz für Erdgas überleben. Ein Mann kann davon berichten. Er heißt Steve Mueller und ist der Chef der Firma Southwestern Energy, Amerikas drittgrößter Gasförderer. Der ausgebildete Geologe Mueller spricht davon, wie das Mooresche Gesetz Einzug in seine Branche gefunden hat. Dieses Gesetz ist so eine Art Faustformel, derzufolge sich alle zwei Jahre die Leistung von Computerchips verdoppelt bei sinkenden Kosten. Anfang 2007 zählte die Schiefergas-Branche in Amerika 1500 Bohranlagen für Gasvorkommen, heute sind es 250, die Erdgasproduktion hat sich nichtsdestotrotz vergrößert.

Muellers Firma braucht heute sechs Tage, um ein Vorkommen anzubohren und mit der Ausbeutung zu beginnen, der Rekord waren drei Tage. Sieben Jahre zuvor brauchte er dafür noch dreimal so lange. Und es kostet weniger, ein Vorkommen anzubohren als vor sieben Jahren. Welche Industrie kann das von sich sagen? Die Entwicklung ist nach Muellers Einschätzung noch nicht zu Ende. „Wir haben etwas Unwiderstehliches in Gang gesetzt. Es wird nur noch besser“, sagt der Unternehmer. Der Gaspreis hat sich in den Vereinigten Staaten seit 2013 halbiert, während die Förderung weiter stieg. Die Vereinigten Staaten werden in absehbarer Zeit Gasexporteur.

Ob sich diese Entwicklung für die junge amerikanische Ölindustrie wiederholen lässt, ist noch nicht ganz klar. Doch in Houston sprechen jetzt alle von der Automation und Industrialisierung der Ölförderung. Bei diesen Entwicklungen kommen dann Unternehmen wie die Siemens AG ins Spiel. Deren Amerika-Chef Eric Spiegel spricht von dem Ziel der unbemannten Bohranlage, die von einem Kontrollzentrum aus gesteuert wird. Doch Siemens könnte noch in anderer Weise zu sparen helfen. Im Moment werden die Ölanlagen mit Dieselmotoren betrieben. In Zukunft könnten die Ölfracker das häufig anfallende Gas einfangen, statt es abzufackeln, und damit eine Turbine betreiben, die Strom für die Bohranlage liefert. Siemens hat solche Turbinen im Sortiment. Das Beispiel zeigt, da ist noch viel zu holen.

Kommt der „Peak demand“?

Deutlich wird aber auch, dass eine völlig neue Art der Ölindustrie in Amerika entstanden ist. Sie folgt nicht den jahrelangen Investitionszyklen der alten Ölgiganten. Die amerikanischen Fracker sind schnell und können auf Marktveränderungen sofort reagieren. Fracking beruht auf der Ausbeutung vieler kleiner kurzlebiger Vorkommen mit vergleichsweise billigen Anlagen. Wenn es nichts zu verdienen gibt, können die Unternehmen die Arbeit schnell unterbrechen, um sie fast genauso schnell wiederaufzunehmen, wenn wieder Gewinne winken. Energieökonom Rühl weist darauf hin, dass die amerikanischen Förderer aktuell 6000 Ölvorkommen angebohrt, aber noch nicht gefrackt hätten. Das können sie aber sofort, sobald der Markt entsprechendes Verlangen äußert.

Bleibt das Rohöl also auf Dauer billig? Nicht, wenn die Politik dominiert. All die Faktoren, die auf die Phase von 2011 bis 2014 entscheidend beeinflusst haben, sind immer noch wirkungsvoll. Die politischen Unruhen, die Libyen und Syrien betroffen haben, greifen inzwischen auf dem Jemen und Saudi-Arabien über mit noch nicht absehbaren Folgen. Saudi-Arabien selbst hat die finanzielle Ausdauer, die Produktion zu drosseln, um höhere Preise durchzusetzen.

Nur, die Politik wirkt auch entgegengesetzt. Während Niedrigpreise private Firmen entmutigen, könnten Länder wie Russland oder Venezuela, deren Staatshaushalte am Öl hängen, animiert sein, die Produktion zu erhöhen. Sie brauchen das Geld um jeden Preis.

Saudi-Arabien hat mit dem Verzicht der Drosselung der Produktion wenigstens seinen Marktanteil gehalten und kann mit niedrigen Preisen lange leben.

Eines allerdings fürchten die Saudis noch stärker als Konkurrenz: Das sind die Verbraucher. Die Produktionspläne der Ölländer beruhen darauf, dass die Nachfrage weiter steigt. Es gibt aber Zeichen, dass sie das nicht im erwarteten Ausmaß tun wird. „Peak Demand“ heißt das Wort dafür. Die Industrieländer haben nach einer Prognose der Mineralölkonzern BP ihren Nachfragehöhepunkt womöglich hinter sich. Weitere Länder haben nach Angaben des Internationalen Währungsfonds den Preisverfall des Öls genutzt, die Benzinsubventionen zu streichen, und damit den Effekt vermieden, dass Verbraucher wegen des billigen Treibstoffs länger Auto fahren.

Noch spannender ist aber, was gerade in China passiert, das in den Plänen der Ölförderer die wichtigste Rolle spielt. Die Volkswirtschaft wächst langsamer, und sie verändert sich langsam: von einem Land der Industrie hin zu einem Land der Dienstleistung. Am Ende bestellt China weniger Rohöl. Und die Öllieferanten der Welt haben sich womöglich schon wieder verspekuliert.

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Time am 10. Mai 2015

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2014/12/09/ihre-tage-sind-gezahlt/
2) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/zu-viel-rohoel-dank-fracking-peak-demand-winkt-statt-peak-oil-13582458.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Im Interview: Hans Rosling

12. Januar 2014

Rosling

Hans Rosling ist ein schwedischer Medizinprofessor, den die heutige FAZ so skizziert (1):

„Doch bekannter ist er als Gründer der Gapminder-Stiftung und vor allem durch spektakuläre Vorträge, die dank Internetvideos Millionen Zuschauer in ihren Bann gezogen haben. Rosling beweist sich darin als extrem unterhaltsamer Redner mit einem klaren Ziel: Er will den Leuten nahebringen, wie dramatisch sich die Welt verändert hat. Er nutzt dafür wunderbar aufbereitete Infografiken, um zu zeigen, dass die alte Zweiteilung der Welt in Arm und Reich veraltet ist. Die Kluft (englisch ,gap’) verschwindet. Die Mehrheit der Menschen ist der Armut entronnen.“

Diese Entwicklung ist nicht dem Mohammedanismus zu verdanken – im Gegenteil. Sie ist der Durchsetzung von bürgerlicher Demokratie und freier Marktwirtschaft zu verdanken.

Lesen Sie das Interview mit Herrn Rosling, das Winand von Petersdorff mit ihm führte.

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Die Welt wird besser. Und keiner glaubt es

Hans Rosling, Professor aus Schweden, erklärt die Welt mit bunten Pappfiguren – und ist damit auf Youtube der Hit. Ein Interview über die großen Erfolge in der Armutsbekämpfung, die Ignoranz der Reichen und – Sex.

FAZ: Herr Rosling, Sie sind der Großmeister globaler Statistiken. Also, wie geht es der Welt?

Rosling: Die Zustände in der Welt verbessern sich beständig. Sie ist nicht gut, aber viel besser als ihr Ruf. Nur, dass das kaum einer zur Kenntnis nimmt.

FAZ: Nach allgemeiner Vorstellung ist die Welt dreigeteilt: Reiche Länder, die aufstrebenden Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien, China und die armen Länder mit wenig Fortschritt und mit wenig Hoffnung. Was ist daran falsch?

Rosling: Wenigstens erkennen die Leute langsam, dass es da etwas zwischen armen und reichen Staaten gibt, das man Bric nennt. Das ist gut. Doch nicht gut genug. Denn die Bric-Staaten haben inzwischen lauter Brüder und Schwestern: Indonesien, Thailand, Peru, Türkei und viele andere Länder.

FAZ: Was wollen Sie damit sagen?

Rosling: Die Welt lässt sich besser so erklären: Wir haben eine Milliarde Menschen in den Industrieländern von Japan über Europa bis Nordamerika. Denen geht es gut. Wir haben zwei Milliarden Menschen in Teilen Afrikas und in ländlichen Regionen Asiens, die leben in armen Verhältnissen. Doch wir haben vier Milliarden Menschen in den Schwellenländern. Sie repräsentieren die Mehrheit der Weltbevölkerung. Sie füllen die Kluft zwischen arm und reich.

FAZ: Aber unterscheiden sich die Leute aus den aufsteigenden Ländern wirklich gravierend von den ganz Armen?

Rosling: Aber ja, Sie haben elektrischen Strom zuhause, sie haben zwei Kinder, die geimpft sind und zur Schule gehen.

FAZ: Das heißt, sie können lesen und schreiben.

Rosling: Natürlich! 80 Prozent der Menschen auf der Welt können lesen und schreiben. In Europa glauben die Leute aber, dass 60 Prozent der Menschen Analphabeten sind. Das haben wir in Umfragen in England und Schweden festgestellt. Die vier Milliarden sind schon viel weiter, als wir uns vorstellen. Die Europäer haben nicht einfach eine falsche Vorstellung, was im Rest der Welt vor sich geht. Viele sind schlicht ignorant.

FAZ: Wo kommt die von Ihnen diagnostizierte Ignoranz her?

Rosling: Mir ist der Verdacht gekommen, dass die Comic-Reihe „Tim und Struppi“ nicht ganz unschuldig ist.

FAZ: Tim und Struppi?

Rosling: Der Abenteurer Tim ist für mich das Symbol eines netten Menschen, der im reichen, klugen Teil der Welt lebt, von wo er regelmäßig in als skurril unterentwickelt gezeichnete Länder aufbricht, um dort die Angelegenheiten zu regeln. Tim steht für eine starre, etwas herablassende und Fortschritte ignorierende Geisteshaltung, die für Europa typisch ist.

FAZ: Das behaupten Sie einfach mal.

Rosling: Nein, ich kann das beweisen. Vor nicht allzu langer Zeit starben zwei bis drei Millionen Kinder jedes Jahr an Masern. Dann begannen die Impfungen. Heute sterben 200.000 Kinder. Als wir in Schweden gefragt haben, wie hoch der Anteil der Menschen in Afrika ist, die gegen Masern geimpft wurden, war die Antwort: 33 Prozent. Es sind aber 80 Prozent.

FAZ: Impfungs-Statistiken verlangen Spezialkenntnisse.

Rosling: Das Problem ist die weitverbreitete Ignoranz. Die Welt muss realisieren, dass ein großer Teil der Menschen der bitteren Armut entronnen ist. Immer mehr Länder werden wie die Brics. Sie wachsen schneller als die reichen Länder. Deutschland verzeichnet knapp zwei Prozent Wirtschaftswachstum, Vietnam um acht Prozent. Für Großinvestoren ist es ein Klacks, zu erkennen, wo sich leichter Geld einnehmen lässt. Die Leute wollen ein Dach über dem Kopf, ein Badezimmer mit fließendem Wasser, einen Kühlschrank, ein Motorrad. Es ist viel schwerer, die Deutschen zu befriedigen.

Statistik

FAZ: Werden die Schwellenländer uns überholen?

Rosling: Aus der Frage spricht Angst. Japan hat aufgeholt, hat es Deutschland abgedrängt?

FAZ: Nein.

Rosling: Nein, sie werden Deutschland einholen, aber nicht überholen. Es ist fast unmöglich, gut organisierte, hochindustrialisierte Länder wie Deutschland hinter sich zu lassen. Die neuen Länder werden in den Club der Reichen vorstoßen, doch damit fallen die reichen Länder nicht plötzlich zurück. Sie müssen auch berücksichtigen, dass sich die Schwellenländer in einer anderen Abfolge entwickeln als die Industriestaaten in ihrer Geschichte.

FAZ: Was meinen Sie damit?

Rosling: In Westeuropa begann die Entwicklung mit dem technologischen Fortschritt. Daraus folgte erst die Industrialisierung und später der soziale Fortschritt. In Deutschland zum Beispiel veranlasste Otto von Bismarck die Sozialgesetzgebung, die die Kranken, die Invaliden und die Alten absicherte. China dagegen verzeichnete schon Fortschritte in der Gesundheitsvorsorge, der Bildung, bevor die Wirtschaft rapide wuchs.

FAZ: Wieso ist das ein Problem?

Rosling: Erst einmal ist es ein Fortschritt. Heute haben wir in Vietnam eine Lebenserwartung von 75 Jahren, das entspricht der Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren. Was aber die Wirtschaft betrifft, hat Vietnam ein Niveau, das dem der Vereinigten Staaten in der Zeit von Abraham Lincoln entspricht. Vietnam liegt 30 Jahre zurück in der Gesundheitsvorsorge, aber 130 Jahre zurück in der wirtschaftlichen Entwicklung. Aber es holt auf. Jüngst habe ich mit großer Überraschung gelesen, dass vietnamesische Schüler in Mathematik besser sind als schwedische Schüler.

FAZ: Okay, aber immer noch lebt eine Milliarde Menschen in bitterer Armut.

Rosling: Aber Sie ignorieren den gewaltigen Fortschritt! 1990 haben knapp 50 Prozent der Menschen auf der Welt in bitterer Armut gelebt, heute sind es 22 Prozent. Der Anteil der armen Menschen ist selbst in Afrika gefallen, von 50 Prozent auf 40 Prozent in den letzten zehn Jahren. Europa denkt, die Armut in der Welt wächst beständig. Das Gegenteil ist der Fall.

FAZ: Doch die Anzahl armer Menschen ist konstant geblieben.

Rosling: Es liegt an der Armut selbst. Arme sehen keinen Sinn darin, ihre Kinderzahl zu beschränken. Sie brauchen die Kinder, um Wasser zu holen oder Brennholz. Die Wälder weichen zurück, die Wege werden immer länger. Arme Leute brauchen Kinder für diese Arbeit. Erst wenn man die Verhältnisse zum Besseren ändert, verändert sich die Geburtenzahl.

FAZ: Würden Sie sagen, dass schlechte Geburtenkontrolle eines der größten Problem in der Entwicklung ist?

Rosling: Niemals würde ich so etwas sagen. Warum braucht man denn überhaupt Geburtenkontrolle?

FAZ: Na ja, um weniger Babys zu bekommen.

Rosling: Nein, um mehr Sex zu haben. Das Konzept der Geburtenkontrolle klingt für mich abstoßend: als ob man die Regierung in sein Schlafzimmer lässt. Eine große Entdeckung der Entwicklungspolitik lässt sich so zusammenfassen: Kümmere dich um die Leute, die Bevölkerung reguliert sich dann selbst.

FAZ: Das heißt?

Rosling: Siehe zu, dass die Babys überleben und zur Schule gehen können. Räume Frauen gleiche Rechte ein, entwickle die Märkte und Institutionen. Der Rest ergibt sich, wie Beispiele belegen. Das katholische Brasilien hat heute eine geringere Geburtenrate als Schweden.

FAZ: Hat Religion einen Einfluss auf die Geburtenrate?

Rosling: Religion nicht, Kirchen schon. Alle Religionen auf der Welt haben bewiesen, dass sie Verhütungsmittel akzeptieren können. In manchen Ländern erlaubt die katholische Kirche ihren Gläubigen Verhütungsmittel, in anderen Ländern nicht. Der größte Promoter für Verhütung ist heute eine katholische Milliardärin aus Amerika: Melinda Gates. Und die Bischöfin von Stockholm lebt in einer lesbischen Beziehung mit einem leiblichen Sohn.

FAZ: Aber müssen wir nicht trotzdem Angst vor Überbevölkerung haben? Die Vereinten Nationen erwarten in der Spitze elf Milliarden Menschen auf der Erde, die jetzt kaum sieben Milliarden ernähren kann.

Rosling: Aber es ist doch schon längst eine verblüffende Entwicklung eingeleitet. Die Anzahl der Kinder, die jedes Jahr geboren werden, stagniert bei zwei Milliarden jedes Jahr. Die Weltbevölkerung wächst nicht mehr, weil mehr Babys geboren werden. Sondern weil wir alle älter werden.

FAZ: Aber trotzdem, elf Milliarden Menschen wollen Waschmaschinen, Autos, Flugzeuge, kann die Welt das aushalten? Hält das Klima das aus?

Rosling: Ja, wenn wir es schlau anstellen.

FAZ: Das heißt?

Rosling: Gegenfrage: Warum hat Deutschland seinen Kernkraftwerke zugunsten der Kohlekraftwerke stillgelegt?

FAZ: Eigentlich müssen Sie das Angela Merkel fragen. Aber Fukushima hat dabei eine zentrale Rolle gespielt.

Rosling: Kein Mensch ist durch das Reaktorunglück ums Leben gekommen. Bis zum Ausstieg hatte die Welt Deutschland als das kompetenteste Land der Welt angesehen, um Atomkraftwerke zu betreiben. Deutschland war Vorbild und hat jetzt viele Länder entmutigt. Sie setzen jetzt auf Kohlekraftwerke. Das ist nicht schlau. Es ist sogar unverantwortlich.

FAZ: Deutschland fördert aber wie kaum ein zweites Land erneuerbare Energien.

Rosling: Die reichen Länder haben es zudem versäumt, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren in den letzten 20 Jahren. Und jetzt verlangen sie von armen Ländern, ihre Emissionen zu reduzieren. Das ist lächerlich. Die einzig angemessene Zahl ist die Emission pro Kopf. Und da liegen die Industrienationen noch weit vorne. Und noch etwas: Deutschland hat in der EU Strafzölle auf chinesische Solarzellen durchgesetzt. Das versteht keiner. Wenn du Krieg führst und jemand dir Waffen dafür liefern will, dann ist es dumm, diese Waffen mit Strafzöllen zu belegen.

FAZ: Deutschland will seine Solarindustrie schützen.

Rosling: In der Konsequenz heißt das nichts anderes: Die Deutschen nehmen ihre Solarindustrie wichtiger als den Schutz vor dem Klimawandel. Das ist unseriös. Und die klugen Leute in Ankara, Peking und Pretoria registrieren das ganz genau.

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Time am 12. Januar 2014

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1) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/medizinprofessor-hans-rosling-die-welt-wird-besser-und-keiner-glaubt-es-12747539.html

Aus counterjihadischer Sicht dafür

20. März 2011


Was die Welt vor allem aus der Katastrophe in Japan lernen kann, ist m.E., wie sich eine zivilisierte Gesellschaft verhalten sollte, wenn es mal unrund läuft. Die Menschheit kann sehr, sehr stolz auf  die Japaner sein, und ich bin sehr froh, dass es sie gibt, und dass sie unsere Freunde sind.

Wie geht es nun weiter mit der Kernkraft? In der heutigen FAZ gab es diesbezüglich ein lesenswertes Interview von Melanie Amann und Winand von Petersdorff mit dem australischen Klimaschützer Barry Brook, das auch online steht (1). Brook ist aus klimaschützerischen Argumenten (und ggf. weil er Australier ist, s. Weltkarte oben), welche ich nicht unbedingt teile, für eine unbedingte Beibehaltung bzw. einen Ausbau der Kernkraft. Hier ein paar Ausschnitte:

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(…)

FAZ: Seit einer Woche kämpfen die Japaner darum, ihre Unglücksreaktoren unter Kontrolle zu bringen. Beweist das nicht, dass diese Energieform zu gefährlich ist?

Brook: Nukleare Energie birgt ein extrem geringes Risiko für die Bevölkerung. Dafür ist Japan der beste Beweis: Dort ereignete sich ein Beben von historischer Schwere und eine Flutwelle gigantischer Ausmaße. Trotzdem haben die Kraftwerke bisher kein einziges Menschenleben gefordert. (…)

FAZ: Aus Ihrer Sicht gibt es nichts zu lernen aus Fukushima?

Brook: Alle Staaten, die Atomenergie nutzen oder es planen, können lernen, wie sie ihre Reaktoren noch besser gegen so außergewöhnliche Naturereignisse sichern und an der Reaktorkühlung arbeiten. Aber ich garantiere, kein Staat wird sich wegen Fukushima von der Kernenergie verabschieden. Okay, das heißt: bis auf Deutschland. (…)

FAZ: Atommüll hinterlässt Spuren über Tausende von Jahren.

Brook: Ja, das gilt leider für Abfall wie aus Ihren älteren Meilern. Mit modernen Technologie („fast reactor technolgy“) wird der Brennstoff kontinuierlich recycelt. So lässt sich Uran und Plutonium viel effizienter nutzen, infolgedessen sinkt die Strahlung der Abfälle rapide. Abfälle aus „fast reactors“ müssen nicht 100.000 Jahre lagern, sondern 300. Dann strahlen sie nicht mehr als ein Felsbrocken.

FAZ: Sie reden über zukünftige Dinge?

Brook: Nein, die Technik ist im Einsatz in den Vereinigten Staaten. Indien eröffnet gerade den ersten Reaktor dieser Art, China baut zwei.

FAZ: Das befreit uns nicht von dem Atommüll, den wir schon haben.

Brook: Mit dieser Technologie lassen sich auch alte Brennstäbe aufbereiten, die dann wieder nutzbar wären.

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Ich stimme Brook  aus counterjihadischer Sicht zu. Alles ist gut, was uns von den Mohammedanisten trennt und unsere Abhängigkeit von ihnen verringert. Die oben stehende Weltkarte hat eine klare Aussage: Von den weltweiten Uranvorkommen liegen über 70% in westlichen Ländern oder mit uns befreundeten Ländern. Wenn wir zu den 548.362 t aus Orkländern noch ca. 30.000 t aus Algerien und der Türkei hinzufügen würden, wäre es ebenso legitim,  die 384.625 t aus Kasachstan wieder abzuziehen, denn Kasachstan hat zwar eine orkische Bevölkerungsmehrheit, ist aber offenbar bisher nicht auf Jihad und Scharia anzusprechen (2). Kurzum: Uran erscheint als der Energielieferant der Zukunft wie als Garant der Freiheit.

Aber wenn die Deutschen so hysterisch sind, warum eigentlich nicht? In der Vielfalt liegt doch u.a. unsere Stärke. Sicher werden unsere Freunde uns helfen, wenn es mit Windrädern und Biogas nicht so gut läuft wie erwartet. Und vielleicht finden wir den Dreh, etwas, das die Kernkraft in den Schatten stellt und dann tatsächlich als rückständig überflüssig macht.

Auf keinen Fall sollten wir den Desertec-Traum weiterträumen. Der Preis, den wir den nordafrikanisch-mohammedanistischen Staaten zahlen müssten, würde nicht allein im Geld- oder Wissentransfer dorthin bestehen. Die Orks würden vielmehr vor allem darauf bestehen, ihren Youthbulge (Heinsohn) zu uns zu transferieren.

Und das hätte fatalere Auswirkungen für uns als ein paar havarierte Kernkraftwerke.

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Time am 20. März 2011

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1) http://www.faz.net/s/Rub469C43057F8C437CACC2DE9ED41B7950/Doc~EE253BFEB3C6D4B96905E3516D0C29D78~ATpl~Ecommon~Scontent.html
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Kasachstan#Religionen

Sie machen sich nützlich

28. November 2010

Aus Kairo berichtet in der heutigen FAZ Winand von Petersdorff. In einem Teil der Stadt leben Christen in einem Slum eines Slums von der Abfallverwertung. Es wäre ein schöner Zug, wenn die hiesigen Unterschicht-Orks sich daran ein Beispiel nehmen und sich irgendwie nützlich machen würden.

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Ein Slum zum Leben – wie Kairos Ärmste wirtschaften

In den Elendsquartieren der Welt herrscht Hunger, Arbeitslosigkeit und Depression. So die Vorstellung. Doch in Kairos Slums vibriert das Leben. Die Leute sind beschäftigt, Hunger ist selten, und jeder hat ein Handy.

Es ist schwierig, einen Slum zu loben, wenn man durch dessen stinkenden Unrat stakt. „Garbage City“, die Müllstadt, ist ein Quartier in Ägyptens Hauptstadt Kairo, das niemand geplant hat. Abfall säumt die Gassen, drängt sich an die Wände der armseligen Häuser und quillt aus den offenen Kellerlöchern. Eselfuhrwerke und Lastwagen mit fünf Meter hohen Abfallstapeln durchqueren das Viertel.

Hunde und Katzen tasten sich schnuppernd, wühlend durch den Unrat. Eine Ratte bringt sich schnell in einem Fallrohr in Sicherheit, als ein schwarzer Jeep Cherokee rumpelnd und hupend um die Ecke biegt. Die Gassen sind voller geschäftiger Leute: uniformierte Schulmädchen mustern Passanten, kleine Jungs suchen im Dreck nach Bierdosen und Plastikflaschen, ein Bäckerbote balanciert auf dem Kopf ein Brett mit Fladenbroten. Gebeugte Männer schleppen riesige Bündel mit Altpappe oder Plastiktüten. Auf groben Klötzen sitzen Väter beim Tee, ihre Frauen tragen einjährige Kinder auf der Schulter, die dreijährigen gehen an der Hand. Gezeter, Gehupe, Geschrei, Ziegengemecker, und einmal schreit ein Hahn. Man spürt, wie sich die versmogte Luft auf die Bronchien legt. Und über allem liegt ein Gestank nach Unrat, Auspuffabgasen, verbranntem Plastik und – Schwein.

Das Quartier wuselt und vibriert. Es ist ein Elendsviertel: informell und illegal, ohne nennenswerte staatliche Versorgung und ohne staatlichen Schutz. Steuern zahlt hier keiner. Ob hier 20 000 Menschen leben oder 70.000, weiß auch keiner so genau. „Garbage City“ ist nur ein kleiner Teil von Manshiyat Nasser, einem informellen Stadtteil Kairos, der 700.000 oder auch 1,3 Millionen Einwohner haben könnte.

Slums wie Manshiyat Nasser sind ein globales Phänomen. Ob in Indien, Brasilien, Nigeria oder Ägypten – überall entstehen urbane Konglomerate, über deren periphere Zonen die staatlichen Stellen längst die Kontrolle verloren haben. „Hier wohnen zwar Polizisten, aber sie arbeiten hier nicht“, sagt Hany El Miniawy, ein ägyptischer Stadtplaner.

Slums sind das Ergebnis der größten globalen Bewegung überhaupt: der Landflucht. Jede Woche verlassen genug Menschen ihre Dörfer, um eine Millionenstadt zu füllen. Pro Jahr kehren 70 Millionen Menschen ihren Dörfern den Rücken und suchen ihr Heil in einer Stadt. Die Menschenflut verwandelt die Welt der Bauern in eine Welt der Städter. Vor hundert Jahren lebten noch nicht einmal 20 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, jetzt sind es schon mehr als 50 Prozent.

Die neuen Städter landen allerdings nicht in Appartements oder Einfamilienhäusern, sondern in Slums, Favelas, Shantytowns oder Elendsviertelnl, wo sie versuchen, ein paar Quadratmeter für sich und ihre Familien zu besetzen und zu verteidigen.

Gesund ist das Leben nicht, zu beschönigen gibt es auch nichts. Aber für die Landflüchtlinge sind die Slums Sehnsuchtsorte. Sie verbinden sie nicht mit Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und dumpfer Depression, sondern zu allererst mit Hoffnung.

Warum das so ist, lehrt „Garbage City“. Es ist ein Elendsviertel mit einem Geschäftsmodell. Hier leben vor allem koptische Christen, die Zabaleen. Ihre Familien sammeln in großen Teilen Kairos den Abfall ein, trennen ihn und verkaufen brauchbare Teile. Die Väter ziehen mit ihren Söhnen herunter in die Stadt und holen den Abfall. Die Frauen und Mädchen trennen im zur Straße hin offenen Erdgeschoss ihrer Häuser den Müll in verschiedene Fraktionen – in der Etage darüber wohnen sie.

Die Clans haben sich auf verschiedene Müllfraktionen spezialisiert, die einen auf Pappe, andere auf Metalle, dritte auf Plastik. Das beste Geschäft aber war bis vor anderthalb Jahren der organische Abfall. Mit ihm wurden Schweine gefüttert. Die Zabaleen mästeten Zehntausende Schweine. Das Fleisch verkauften sie an christliche Metzger rund um Kairo – bis die Regierung die Schweine töten ließ, vorgeblich um die Schweinegrippe zu verhindern. Vielen Familien war das Einkommen geraubt. Das war schlimm.

„Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke“, sagt der Architekt Hany El Miniawy. Er hatte vergeblich versucht, die Schweinemast in ein neues Gelände auszulagern. Jetzt stehen in den Ställen Ziegen, Bullen oder gar kein Tier. Einige hundert Schweine haben die Zabaleen aber in dunklen Verschlägen versteckt. Man sieht sie nicht, aber man riecht sie.

Mit anorganischem Abfall läuft das Geschäft besser. Die Zabaleen klettern die Wertschöpfungskette des Recycling hinauf. Auf einem Wertstoffhof werden Plastikabfälle geschmolzen und in Granulat für Kunststofffabriken umgewandelt. Von den Bier- und Coladosen wird der Deckel abgeschnitten. Der Aluminium-Korpus geht zusammengepresst nach China, für Eisendeckel finden sich andere Händler.

Der Slum ist integriert in die globale Arbeitsteilung und bildet die informelle Basis einer formalen Ökonomie. Die Zabaleen sind oft Subunternehmer von offiziellen, oft von Beduinen gegründeten Unternehmen, die von der Stadt Kairo Lizenzen zum Müllsammeln haben.

Der Konnex zwischen schwarzer und weißer Ökonomie wird am Stadtbild vieler Megacitys deutlich. Oft liegen die bitterarmen Quartiere direkt neben den Vierteln der Reichen, die Arbeitgeber des günstigen Dienstpersonals und Kunden fahrender Händler sind. Wohlhabende indische Familien etwa lassen sich von sechs bis acht Dienstboten die Mühsal des Kochens, Putzens, der Kinderversorgung und des Einkaufens abnehmen.

Heute schon lebt jeder sechste Mensch in Vierteln wie Manshiyat Nasser, 2030 wird es jeder vierte sein. Städte wie Mumbai (das frühere Bombay), Rio de Janeiro, Nairobi oder Kairo bestehen zu 30 bis 40 Prozent aus informellen Vierteln, die über die alten kartierten Stadtgrenzen hinauswuchern.

Der Westen hatte immer eine schnelle Antwort auf die Frage, warum es arme Leute armer Länder in die unwirtlichen Städte zieht: Illusionen, die bunten Verlockungen und falschen Versprechen der großen Stadt. In dieser Analyse steckt die Herablassung der reichen Länder, die arme Landflüchtlinge in Schwellenländern als dumm und Slums als Horte der Hoffnungslosigkeit abgebucht haben, während sie das Dorfleben als urwüchsig, authentisch, gesund und anständig idealisieren. 

„Ich teile all die romantischen Vorstellungen, die mit einem Dorf verbunden werden, weil ich nie in einem gelebt habe“, spottet der amerikanische Umweltschützer und Zukunftsforscher Stewart Brandt. „In einem Dorf bleibt einer Frau nichts, als ihrem Mann und ihren Verwandten zu gehorchen, Hirse zu stampfen und zu singen“, konstatiert die indische Feministin Kavita Ramdas, die den „Global Fund for Women“ leitet, eine Organisation, die Frauenrechte in aller Welt voranbringen will. In der Stadt dagegen könne eine Frau Arbeit finden, ein Geschäft gründen und ihre Kinder zur Schule schicken. Ein Slum, das ist die primitive Quintessenz, ist besser als ein Dorf.

„In unserem Dorf gab es nichts mehr“, erzählt eine freundliche Frau in einem der schlimmeren Armutsviertel Kairos. Sie sitzt mit anderen Frauen im Stadtteil Misr el Qadima in einem Schulungsraum, den eine lokale Hilfsorganisation angemietet hat. Das Quartier liegt wenige hundert Meter vom Koptischen Museum entfernt, einer bedeutenden, herausgeputzten Sehenswürdigkeit Kairos. Das Elendsviertel ist nur durch eine große Schnellstraße vom Nil getrennt. Die Behausungen aus unverputzten brüchigen Ziegeln sind auf sumpfigem Uferland gebaut. Einige sinken ab, brechen zusammen. Das Viertel ist komplett illegal wie 200 bis 300 andere in der 17-Millionen-Stadt Kairo. Die Stadt hat hier weder Wasserleitungen, Abwasserkanäle noch Stromleitungen oder Straßen gelegt. Die Leute klemmen sich Strom und Kabelfernsehen illegal ab, sie verzweigen offizielle Wasserleitungen, und sie bauen Sickergruben für die Fäkalien.
 


Die Familien kommen immer nach dem gleichen Muster in die Slums, und das gilt global. Der Mann wird vorausgeschickt, sucht einen Platz zum Leben für sich und seine Familie und Arbeit. Nach einer Weile folgt die Familie, dann kommen Cousins, Nachbarn, Freunde nach, bis sich die alte Dorfgemeinschaft neu versammelt hat. 

In Misr el Qadima besetzen die Leute ein Stückchen Land, bauen ein Zimmer. Wenn niemand einschreitet, werden die Häuser vergrößert, erst in die Fläche, dann in die Höhe, vier, fünf Stockwerke. Die Gebäude sind zerbrechlich, die Wände tragen Risse, manches Mauerwerk ragt bedrohlich schief in die Gassen hinein. In einem Haus ist die Frontwand weggebrochen, die Leute haben einen großen Schrank vor das Loch geschoben und wohnen dort weiter. Sie haben keine Ziegelsteine, das Loch zu füllen. In den Häusern ist es so eng, dass die Familien schichtweise schlafen, erst die Kinder, dann die Eltern, dann andere Verwandte. Sie leben als Tagelöhner, als Händler, als Brotverkäufer, die Bessergestellten haben Kioske oder eine Kneipe.

„Täglich kommen neue Leute“, sagen die Bewohner. Eine alte Frau zeigt ihr Haus. Es geht vorbei an Gerümpel über eine enge, grob aus Stein gehauene Treppe ganz nach oben. Unterwegs auf den Zwischenetagen stehen neugierige, schmuddelige, aber freundliche Kinder. Ganz oben im Schlafraum warten zwei Überraschungen: Das Haus hat kein Dach, stattdessen schützen Kartonpappe und aufgerissene Plastiktüten notdürftig vor Regen und Wind.

Die zweite Überraschung ist größer: Ein mächtiger Kühlschrank, Marke Alaska, steht im Schlafraum. Das ist nicht der einzige Luxus der Familie. Im Wohnraum flimmert ein kleiner Fernseher, und Handys hat die Familie auch. „Fast jeder hat hier Handys, selbst die Kinder, oft sogar die neuen Modelle“, sagt Islam Sharaf von der ägyptischen Organisation Adew, die armen Frauen helfen will.

Natürlich fehlt Geld, und Banken gibt es in Slums nicht. Die meisten Bewohner nehmen an einer Organisation namens Gamiyat teil für größere Anschaffungen: Das sind Sparvereine, in die Leute einige Monate Geld einzahlen, um irgendwann eine große Summe zu bekommen für eine Hochzeit, einen Kühlschrank oder ein Handy.

Das Handy ist wichtiger als das Essen, murrt der Entwicklungshelfer Islam. Ob Hunger ein Thema ist, werden die Frauen gefragt. Ist es nicht, aber sie haben fast nie Fleisch, beklagen die Frauen. Nur jetzt ist eine Ausnahme. In diesen Wochen vor den ägyptischen Parlamentswahlen kommen regelmäßig Kandidaten ins Viertel, um mit Fleisch Stimmen zu kaufen. Sonst sieht man hier nie Politiker und kaum Fleisch.

Die Frauen, die durch die Gassen führen, haben sich herausgeputzt. Sie sind die informellen Führer des Viertels, jeweils zuständig für ein paar Straßen. Wenn es Konflikte zwischen Familien, Probleme mit Behörden oder pure Not gibt, springen die Frauen ein. Sie ersetzen die Gerichte, die Polizei und manchmal die Lehrer.

Wo der Staat ausfällt, helfen sich die Menschen selbst, beim Hausbau, bei der Versorgung von Kranken, bei Konflikten mit Behörden. Die Hilfsbereitschaft, auf die die Menschen hier bauen können, ist wie Kapital, nur dass kein Geld fließt. Feste spielen eine große Rolle für die Armen, sie stimulieren die Solidarität der Nachbarn und Verwandten. Damit wirken sie wie Versicherungen. Und ein Geschäft sind die Feste auch. So trifft man im Armenviertel von Misr el Qadima Unternehmer, die den Verleih von Tischen und Stühlen zum Geschäft gemacht haben.

In den Slums der Welt bilden sich soziale Hierarchien heraus, an deren Spitze Geschäftsleute, Mafiabosse, Clanchefs oder andere Führungspersönlichkeiten stehen. Sie sorgen, wenn sie gut sind, für sozialen Ausgleich, Gerechtigkeit und Nothilfe. In Manshiyat Nasser haben sich auf unterster Ebene sogenannte „Raptas“ organisiert, Clans von Leuten, die ursprünglich aus einer Gegend kommen. Sie helfen bei der Organisation von Hochzeiten und schlichten Konflikte.

Um zum informellen Führer eines ganzen Viertels zu werden, bedarf es mehr als natürlicher Autorität. In Kairos „Garbage City“ regiert Vater Ibrahim Samaan, ein koptischer Priester, so sagen die Leute mit Ehrfurcht. „Hier regiert Gott“, sagt Vater Samaan. Er sei nichts als ein Werkzeug in der Hand des Heiligen Geistes. Der Mann wirkt freundlich, angestrengt und vergeistigt. Er sitzt im Kontor einer Tischlereifabrik, die in eine Felswand hineingehauen wurde. Sie fertigt oberhalb von „Garbage City“ Möbel.

Hier lernen Jugendliche die Holzbearbeitung. Viele hatten ihre Arbeit verloren, als die Regierung die Schweine schlachten ließ. Später können sie sich dann vielleicht als Tischler selbständig machen. Vater Sanaan lässt hier Stühle und Bänke für seine Gottesdienste bauen. Das Holz importiert der Vater aus Schweden und Serbien, das Geld dafür stammt aus Spenden.

Die Tischlerei ist nur ein Beispiel für die ungezügelte Energie des Priesters und seiner Mitstreiter. Er hat hier oben eine Arena für Gottesdienste in den Felsen schlagen lassen, die Platz für mehrere 1000 Besucher bietet, außerdem einen Versammlungsraum, in dem Hochzeiten stattfinden können. Ob Kindergärten, Schulen, Weiterbildungseinrichtungen – ohne den Segen des Vaters läuft hier gar nichts. Wer Geld braucht, um eine Firma zu gründen, kommt zu Vater Sanaan, wer Streit hat oder wer krank wird, sowieso.

Manche Leute in Manshiyat Nasser sind richtiggehend wohlhabend geworden, sagt Hany El Miniawy. Aber sie wollen nicht wegziehen. Sie bleiben im Müll wohnen, dort, wo sie jeden kennen. Die soziale Mobilität findet geographische Grenzen. Die Menschen entwachsen selten den Slums. Sie wachsen mit den Slums.

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Time am 28. November 2010