Posts Tagged ‘Wolfgang Gust’

Alte Kameradschaft

8. Mai 2010

In einem Leserbrief an die FAZ am 19. April 2010 hatte die Leserin Muriel Mirak-Weissbach auf eine Mitschuld von deutschem Militär und deutscher Regierung am mohammedanistischen Völkermord der Türken an den christlichen Armeniern hingewiesen. Sie schrieb (1):

„Tatsächlich sind die Unterlagen des deutschen Archivs des Auswärtigen Amts aus dem Ersten Weltkrieg seit 1993 intensiv durchforstet und ausgewertet worden. Im Jahr 2005 hat der ehemalige ‚Spiegel‘-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Führung des deutschen Militärs und des Deutschen Reichs waren über die Genozid-Politik der Jungtürken bestens informiert. Aus machtpolitischem und militärstrategischem Kalkül wurde nicht nur weggeschaut, sondern man gab dem Verbündeten am Bosporus freie Hand. Die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern ist also nicht nur eine türkische, sondern auch eine deutsche.“

Am Mittwoch, den 5. Mai, hatte der verlässliche Thomas Speckmann die Studien den türkischen Historikers Gencer Özcan vorgestellt, welcher die enge und aus meiner Sicht verhängnisvolle Verbindung zwischen deutschem (kaiserlichen) und türkischen Militär sowie die enorme Bedeutung beider in Bezug auf die Prägung der jungen türkischen Republik aufzeigt („Der deutsche Einfluss auf die türkische Armee“, in: „Am Rande Europas? Der Balkan – Raum und Bevölkerung als Wirkungsfelder militärischer Gewalt“. Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Band 68, hrsg. von Bernhard Chiari und Gerhard P. Groß, München 2009).

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Ein Volk in deutschen Waffen

Die Armee als Schule der Nation: Vom Einfluss des deutschen
Militärs auf die Staatswerdung der Türkei

Die Türkei ist Deutschlands bester Kunde. In den letzten fünf Jahren war Ankara der wichtigste Käufer deutscher Waffen. Vierzehn Prozent der Rüstungsexporte gingen an den Nato-Partner, gefolgt von dreizehn Prozent für den Rivalen Griechenland, der allein seit 1998 Waffen im Wert von 45 Milliarden Euro bei deutschen Unternehmen gekauft hat. Damit zählt Deutschland zu den Hauptprofiteuren des ruinösen Wettrüstens zwischen Ankara und Athen.

Doch nicht nur bei der Lösung der griechischen Schuldenkrise spielt Berlin eine Schlüsselrolle. Wie stark der deutsche Einfluss auch auf die türkische Armee bis heute ist, wird im historischen Rückblick von Gencer Özcan deutlich. Der Istanbuler Historiker beschreibt nicht allein die im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts nach deutschem Vorbild initiierten Reformprogramme zur Neuordnung der Armee des Osmanischen Reiches, sondern vor allem die bislang kaum beleuchteten Folgen für die Türkische Republik.

Da die türkische Armee in den Anfangsjahren der Republik als Instrument eingesetzt wurde, um einen für das Projekt Nationalstaat geeigneten neuen Staatsbürgertyp zu schaffen, verdeutlicht Özcans Analyse des deutschen Erbes, das die republikanischen Streitkräfte vom Osmanischen Reich übernommen haben, nicht nur den Wandlungsprozess des Soldatenberufs, sondern auch die Veränderungen, welche die frühe Türkische Republik für die Beziehungen zwischen Armee und Gesellschaft gebracht hat. Dabei fällt mit Blick auf die heute erneut florierenden Rüstungsgeschäfte zwischen Deutschland und der Türkei auf, dass schon damals eine Dimension des Wandels die steigende Zahl der in der osmanischen Armee eingesetzten deutschen Waffen darstellte. In der Türkei als Berater und Ausbilder diensttuende preußische Offiziere bemühten sich erfolgreich, die Verkäufe von Rüstungsproduzenten wie Krupp, Loewe und Mauser zu steigern, wofür sie nebenbei hohe Provisionen erhielten.

Unter den deutschen Offizieren nahm General Colmar Freiherr von der Goltz (2) einen besonderen Platz ein (Anmerkung, Wiki: „Er selbst hingegen bereicherte sich bei seiner Tätigkeit nicht. Als der Waffenfabrikant Loewe ihm eine Aktienübertragung anbot, antwortet er: ‚Sie haben es gut gemeint, aber ein preußischer Offizier nimmt keine Trinkgelder!'“ T.). Seine Ideen prägten die osmanischen Offiziere nicht nur im Hinblick auf den Soldatenberuf. Sie veränderten auch ihr Gesellschaftsbild und daraus folgend ihre politischen Ansichten. Ein Element von zentraler Bedeutung im Denken von Goltz war der Glaube, die Armee müsse eine Position außerhalb der Politik einnehmen, jedoch zugleich über ihr stehen. Das Militär wurde als ein Gebiet definiert, in das sich Politiker nicht einzumischen hatten. Diesen Standpunkt teilten viele osmanische Offiziere. Die Folge war ein angespanntes Verhältnis zwischen Politik und Soldaten.

Wie tief die Auffassung, dass Politiker sich von militärischen Angelegenheiten fernzuhalten haben, bis heute nicht allein in der Türkei verwurzelt scheint, sondern auch in ihrer deutschen Heimat, hat zuletzt die Berliner Debatte gezeigt, ob sich Politiker zu Ausrüstungsfragen der Bundeswehr in Afghanistan äußern oder die Beantwortung derselben nicht besser ganz der militärischen Führung überlassen sollten.

Özcan weist den deutschen Einfluss auf die türkische Armee anhand einer Reihe von Beispielen nach: der am deutschen Modell orientierten Neustrukturierung der türkischen militärischen Institutionen, der Übernahme der deutschen Vorschriften für Soldaten, dem Aufbau eines modernen Einberufungssystems, der Schaffung von Modellregimentern und der Ausbildung einer Vielzahl von türkischen Offizieren in Deutschland. Auch wenn diese Ära der Form nach mit der Ablösung der deutschen Vorschriften durch die der Vereinigten Staaten in den späten vierziger Jahren endete, so lebte dieser Einfluss doch als Teil der institutionellen Kultur der türkischen Armee fort. Er beschränkte sich dabei nicht allgemein auf die Streitkräfte und die professionellen Karrieren der Republikgründer. Vielmehr ließ er die begrifflichen Trennungen zwischen Armee, Staatsbürger und Soldat verschwimmen. Auch führte er dazu, dass die Unterschiede zwischen Kriegs- und Friedenszeiten unklarer wurden.

Das militärische Gesellschaftsmodell, das Goltz in seinem Buch „Das Volk in Waffen“ entworfen hatte und die Widerspiegelung der Funktionsweise der Armee im gesellschaftlichen Leben und im politischen System vorsah, hat seine Wirkung in der Türkischen Republik beibehalten. Es dient als Blaupause für die Sichtweise der Armee und des Offizierskorps auf die Gesellschaft sowie die Form der Beziehungen zwischen diesen beiden.

Nachdem das Militär am 27. Mai 1960 gegen das Regime der Demokratischen Partei geputscht hatte, überstellten die jungen Offiziere der neuen Generation die „nicht dem Vaterland, sondern den Diktatoren dienenden“ Generalstabsoffiziere der Anklage. Sie zwangen zugleich die Politik, verfassungsrechtliche Neuordnungen einzuführen, welche die Politiker wiederum zwangen, die Macht mit den Offizieren zu teilen. Dass dem 1960 begonnenen und mit dem Putsch vom 12. September 1980 verfestigten Aufbau des nationalen Sicherheitsstaates die Ideen des „totalen Krieges“ sowie des „Volkes in Waffen“ als geistige Grundlage gedient haben, wertet Özcan als Beleg für den deutschen Einfluss. Auch hier war die Türkei einer von Deutschlands besten Kunden.

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Just heute meldet die FAZ, dass eine vom früheren spanischen Ministerpräsidenten Gonzalez geleitete „Reflexionsgruppe“ der EU – oh Wunder – die Aufnahme der Türkei empfiehlt. Die FAZ: „Wie in Brüssel zu hören war, soll insbesondere (der deutsche Vertreter, Stuttgarter Oberbürgermeister und CDU-Mitglied Wolfgang Schuster, T.) Schuster dazu geraten haben, die langfristige Beitrittsperspektive Ankaras in dem Bericht mit dem Titel ‚Projekt Europa 2030‘ zu bestätigen“.

Soso, 20 Jahre haben wir noch. Interessant auch, dass eine so kurze Zeit als „langfristig“ bezeichnet wird. Alte Kameraden können es bald wirklich nicht mehr länger ertragen getrennt zu marschieren.

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Time am 8. Mai 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/19/turkischer-realismus/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Colmar_Freiherr_von_der_Goltz

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PS, hier noch ein Link zu einem FAZ-Artikel vom 26. April, aus dem die iranischen Aktivitäten in Bezug auf die Urangewinnung in Namibia hervorgehen:
http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~EE9A001ED028C4A43807B296CC0422DF9~ATpl~Ecommon~Scontent.html
auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rössing_Uranium_Limited

Die Armenier demaskieren den Wolf

23. April 2010

Unlängst hatte ich Karen Krüger von der FAZ für einen ihrer fieslahmversteherischen Artikel kritisiert (1). Mit schönster Regelmäßigkeit war nun wieder ein counterjihadischer Artikel zu erwarten. Und tatsächlich, gestern beschrieb sie pointiert die Wühlarbeit türkisch-mohammedanistischer Aktivisten gegen die Diskussion über den Völkermord an den Armeniern am Beispiel des deutschen Städtchens Minden (2). Außerordentlich positiv finde ich hier die Zusammenarbeit zwischen Aleviten und Armeniern, erwartungsgemäß abstoßend das Einschüchterungsverhalten der Türken, ekelhaft die Feigheit deutscher Politiker.

Natürlich spielt sich dieser „weiche Jihad“ nicht nur in Minden ab. Die heutige FAZ brachte folgenden Leserbrief von G. D. (Aktualisierung: türkischer Name, mutmaßlicher Eigner fordert Unkenntlichmachung, s.u.) aus Köln:

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Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren

Zu Ihren Berichten über die Armenier und zu Ihrer Haltung zur Türkei: Wir als hier lebende Türken haben die Nase voll von Ihren Anti-Türkei-Berichten! Sie sollten erst mal gucken, was die Deutschen in der Geschichte so gemacht haben und viel mehr Berichte darüber schreiben! In der Türkei wurden viele Massengräber von Türken gefunden, die von Armeniern umgebracht worden waren. Was ist mit den Hocali-Massakern am türkischen Volk und was mit den Aserbaidschanern, die von den Armeniern umgebracht worden sind? Ich werde die türkische Botschaft und Ministerpräsident Erdogan kontaktieren und ihnen über Ihre Anti-Türkei-Politik berichten. Ebenso werde ich eine Kampagne gegen einige deutsche Medien auf von mir geführten Webseiten starten. Es geht nicht nur um die Armenier-Frage, sondern auch um andere Berichte von Ihnen. Zusätzlich werde ich türkische Medien kontaktieren, damit Berichte gegen Deutschland geführt werden. Es reicht!

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Sie lachen über diesen aufgeblasenen Windbeutel, aber die bibbernde FAZ-Leserbriefredaktion hat bestimmt bereits Personenschutz angefordert. Dabei sind die Fakten völlig klar. Hierauf hatte FAZ-Leserin Muriel Mirak-Weissbach am 19. April hingewiesen (3): „Im Jahr 2005 hat der ehemalige “Spiegel”-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen.“ Wolfgang Gust nun beschreibt in der heutigen FAZ einen diesbezüglichen Workshop in Boston.

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Das Ende eines langen Anfangs

Wann immer in der deutschen Öffentlichkeit Armenier und Türken über den Genozid an den Armeniern diskutieren, kommt es zum Eklat. Die türkischen Vertreter versuchen ihre Gegenüber mit altbekannten Parolen zum Schweigen zu bringen, die armenischen Vertreter hingegen bestehen als Vorbedingung eines Dialogs auf der Anerkennung des Genozids. Doch es geht auch anders.

In den Vereinigten Staaten trafen sich Anfang April Erforscher des Genozids an den Armeniern zu einem Workshop der Clark-Universität in Boston. Unter ihnen waren – wie immer – bestens informierte Armenier und – wie erst in neuester Zeit – auch bestens informierte Türken. Organisator der Veranstaltung waren Taner Akçam, der an der Clark-Universität mit dem Kaloosdian/Mugar Chair den einzigen amerikanischen Lehrstuhl für den Völkermord an den Armeniern innehat, sowie das Strassler Center for Holocaust & Genocide Studies. Mitsponsoren waren die „National Association for Armenian Studies and Research“ mit Marc Mamigonian, sowie der amerikanische Deutschland- und Genozid-Spezialist Eric Weitz von der Universität Minnesota.

Es ging um den armenischen Genozid, mit Schwerpunkt auf dessen Dokumentierung in den weltweit verstreuten Archiven, aber auch um die Frage, wie es weitergehen soll mit seiner Erforschung. Es herrschte akademische Vielfalt; die Vorträge, die Diskussion und selbst – wenn nicht sogar in erster Linie – die abweichenden Meinungen waren äußerst informativ. Dazu trugen die türkischen Wissenschaftler in hervorragender Weise bei. Man wurde zum Zeugen einer Normalisierung.

„Wir haben einen langen Weg hinter uns und noch einen längeren Weg vor uns“, alle Teilnehmer hätten „das Ende vom Anfang erlebt“, bilanzierte Taner Akçam. Dieser Völkermord sei nun nicht mehr vornehmlich eine Domäne armenischer Wissenschaftler. Europäische, amerikanische und türkische Forscher verschiedener Disziplinen seien hinzugekommen, um das Ereignis in ihre Überlegungen und Vergleichsstudien von Genozid, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschheit einzubeziehen. „Diese Entwicklung wird zu einem höheren Standard auf dem Feld der Genozidforschung führen“, sagte Akçam.

Der Völkermord an den Armeniern wird weltweit nicht einseitig, wie viele Türken hierzulande behaupten, sondern völlig eindeutig dargestellt – und an der Wahrheit interessierte Türken steuern einen immer wichtigeren Teil dazu bei. Kurz vor dem Workshop hatten meine Frau und ich in unserem Internetportal http://www.armenocide.net, das sich auf die Veröffentlichung offizieller Dokumente konzentriert, eine neue Edition von etwa 350 Akten des deutschen Auswärtigen Amts mit dem Titel „Deportationsbestimmungen“ herausgegeben. Es handelt sich um weitgehend unbekannte, weil zumeist handschriftliche und damit schwer lesbare Unterlagen über Armenier in deutschen Diensten. Sie zeigen neben fehlender Zivilcourage der Deutschen vor allem, was die offizielle Türkei bis heute heftig bestreitet: die Macht der jungtürkischen Zentrale, über das Schicksal eines jeden Armeniers zu entscheiden. Welche Rolle dabei die Provinzbehörden und die lokalen Jungtürken-Komitees spielten, geht aus den deutschen Akten nur rudimentär hervor. Genau deren Rolle im Völkermord aber beschrieb Ayhan Aktar, türkischer Soziologie-Professor an der Istanbuler Bilgi Universität, in seinem Workshopbeitrag. Dokumente des Auswärtigen Amtes und Aktars Analyse der osmanischen Verwaltung ergänzen hervorragend die Sicht auf die damaligen Vorgänge vor Ort.

Was in Boston schon Wirklichkeit geworden ist, liegt in Deutschland noch in weiter Ferne. Schon deshalb, weil sich in Deutschland keine Universität der Erforschung des Völkermords widmet, von der Ruhr-Universität Bochum abgesehen, an der ein armenischer Professor lehrt. Hingegen reiste im türkischen Auftrag der längst widerlegte amerikanische Genozidleugner Professor Justin McCarthy durch das Land, um der offiziellen türkischen Schwindelversion ein akademisches Mäntelchen umzuhängen.

Doch viele Türken sehen die Sache inzwischen ganz anders – dank der Ereignisse in der Türkei selbst: immer mehr türkische Großmütter, die sich kurz vor ihrem Tod den erschrockenen Enkeln als Armenierinnen offenbaren, ein Nobelpreisträger, den der Staat vors Gericht zerrt, weil er einen Genozid nicht hinnehmen will, ein armenisch-türkischer Intellektueller, den die nationalistische Hydra ermordete und dessen Sarg eine ungeheure Menschenmenge folgte und skandierte: Wir alle sind Hrant Dink! Die Türkei erwacht und die Türken in Deutschland mit ihr.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die türkische Welt, die ich wahrnehme, signifikant verändert. Waren zuvor fast ausschließlich Armenier meine Zuhörer, nachdem ich im Jahr 1993 mein erstes Buch über den Völkermord veröffentlicht hatte, so sind es heute mehrheitlich Türken. Sie wollen erfahren, was damals wirklich geschah.

Vor drei Jahren fragte mich ein türkischer Zuhörer nach einer öffentlichen Konferenz in Berlin, wie er nachprüfen könne, dass meine Aussagen – denen er misstraute – stimmten. Ich verwies ihn auf mein zuvor erschienenes Buch mit Hunderten von Dokumenten des deutschen Auswärtigen Amts über den Genozid. Vor wenigen Wochen meldete sich dieser Mann, ein Türke Mitte fünfzig, wieder. Wir trafen uns, und er erzählte seine Geschichte: Wenn möglich einmal in der Woche hatte er im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes die Akten verglichen. Ihm sei dabei klargeworden, dass alle stimmten. Schließlich habe er weitere Belege studiert und sich dabei – auf Türkisch – fast achthundert Seiten Notizen gemacht. Viele der zusätzlichen Akten, die er gelesen hatte, waren mir unbekannt. Mein Gesprächspartner hatte mich mit seiner Kenntnis der deutschen Dokumente fast überflügelt. Natürlich zweifelte er nicht mehr im geringsten daran, dass die Ereignisse in den Jahren 1915/16 einen klassischen Genozid darstellten.

In den Vereinigten Staaten und in Istanbul hat sich eine türkische Graswurzelbewegung gebildet, die ein ganz klares Ziel verfolgt: sich mit Armeniern zu treffen, miteinander Tee zu trinken und zu sprechen – die Scheu voreinander zu verlieren und die Wahrheit der Jahre des Ersten Weltkriegs zu erkunden. Diese Menschen nennen sich „Freunde von Hrant Dink“. In Deutschland wird der Name „Projekt 2015“ erwogen. Zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Völkermords wollen die Kinder und Großkinder der Täter und Opfer eines der furchtbarsten Kapitel der osmanischen Geschichte ergründet haben. Und wieder zueinanderfinden.

Zum ersten Mal werden in diesem Jahr Deutschlands Türken, Kurden und Armenier zusammen des 24. April 1915, als die armenische Elite im Osmanischen Reich verhaftet und zum größten Teil umgebracht wurde, gedenken. Es ist ein Anfang des gemeinsamen Erinnerns – und, wie in Boston erkannt, das Ende eines langen Wegs insbesondere für die Türken. Werden die Armenier ihn mitgehen? Im Clark-Workshop klagte Ron Suny, Direktor des „Eisenberg Institute for Historical Studies“ der Universität Michigan, dass die Armenier bisweilen zu nationalistisch seien. Das erregte den Nestor der Armenienforschung, Richard Hovannisian: Auch als überzeugter armenischer Patriot sei er der Wahrheit verpflichtet. Mit dieser Auffassung wäre ein Dialog möglich, auch wenn es die Armenier in Deutschland schwerer haben, denn ihnen steht eine fast hundertmal stärkere türkisch und kurdisch muslimische Gemeinschaft gegenüber.

Aber die türkischen Ultras sind dabei, ihre jahrzehntelange Dominanz zu verlieren. Bei einer Veranstaltung in Frankfurt, zu der ein türkischer Verein Taner Akçam und mich eingeladen hatte, kamen etwa zweihundert Türken und auch einige Armenier. Dann erschien ein halbes Dutzend adrett gekleideter junger Männer. „Da sind sie“, sagte mir ein Türke und deutete auf die Gruppe. Es waren jene Türken, die noch vor einem Jahrzehnt die Szene beherrscht hatten und jetzt als fast stigmatisierte Außenseiter erschienen: Kemalisten, einst von den Sowjets hofiert, jetzt die Träger eines antiquierten Nationalismus.

Noch versuchen sie, ihr Scheitern zu verhindern, und biedern sich sogar bei armenischen Hardlinern an, die ebenfalls nichts von einem Dialog zwischen beiden Völkern halten. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob die dialogbereiten Türken, Kurden und Armenier Deutschlands den entscheidenden Schritt schaffen, den die Forscher beider Nationen in Boston schon besiegelt haben.

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Ich halte die Anerkennung des Leidens der Armenier und das Eingeständnis türkischer Schuld für einen guten Test, ob es den Türken um Partizipation oder Beherrschung geht. Dieses Thema ist geeignet, die Takija-Maske herunterzureissen und den Jihad-Wolf für alle sichtbar zu machen. Er wird sichtbar werden: als Wolf, der er ist!

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Time am 23. April 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/09/sprachenjihad-jihadsprachen/
2) http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EA769924A55A647F5A29F41B3D3E4293D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/19/turkischer-realismus/

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FAZ-Links zum Thema:
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~EF9DB88FEA6AE4C4FACB9344EEDFD1365~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E73B8EA7839F04D06B9E8625F0046823C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubA330E54C3C12410780B68403A11F948B/Doc~E3C89A9F611FA405786CF407C140365FF~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E265545F362D24163B98E57B88A2E7B8C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 24.04.’10: „Hinweis – Der unter dem Titel ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ veröffentlichte Leserbrief in der Ausgabe vom 23. April stammt nach seinem Bekunden nicht von G. D., Köln.“

Na und, es gibt ja vielleicht auch mehr als einen Helmut Schmidt in Köln. Erstaunlich ist die beflissene Eile, mit der die FAZ das Dementi bringt.

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Aktualisierung, aus der FAZ vom 26.04.’10: „Hiermit möchte ich betonen, dass der Leserbrief in der F.A.Z. vom 23. April mit der Überschrift ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ in keinerlei Weise von mir stammt. Eine mir noch unbekannte Person hat meinen Namen missbraucht, wahrscheinlich um meinen Ruf und meine Position zu beschädigen. Die Meinung des Verfassers, der den Leserbrief unter meinem Namen geschrieben hat, teile ich in keiner Weise! Ich bin in Deutschland geboren und verfüge über die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich würde niemals einem Land den Rücken kehren, das mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Sicherlich sollte die Armenier-Frage detailliert analysiert werden, aber zu schreiben ‚Ich werde Ministerpräsident Erdogan informieren‘ finde ich auch für den Schreiber absurd, da ein Ministerpräsident sich nicht negativ in die Pressefreiheit eines Landes einmischen kann. Ich möchte noch einmal bekräftigen, dass der am Freitag abgedruckte Leserbrief in keiner Weise meine Meinung wiedergibt und nicht von mir stammt.“ G. D., Köln

Türkischer Realismus

19. April 2010

Erdogan allein zu Haus

Kommen die Türken zu einer vernünftigen Betrachtung z.B. in der Frage ihres EU-Beitritts? Eine Aussage des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül scheint darauf hinzuweisen, wie Wolfgang Günther Lerch in der heutigen FAZ berichtete.

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Klar und wahr

Wichtiger als eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sei die Fortsetzung des demokratischen Reformprozesses im Land. Das hat der türkische Staatspräsident Abdullah Gül gegenüber der vielgelesenen Zeitung „Hürriyet“ (1) geäußert. Es sind klare und wahre Worte. Aus den Äußerungen vieler türkischer Politiker und Repräsentanten konnte man in der Vergangenheit bisweilen schließen, die angestrebte Verwirklichung von Reformen diene nur dem Ziel der Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Doch nun hat Gül dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass die europäischen Werte, denen man nacheifern will, in erster Linie um ihrer selbst willen und zum Nutzen des Landes anzustreben sind. Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte sind für alle Menschen wertvoll, unabhängig davon, ob man Mitglied in irgendeinem politischen Zusammenschluss oder einem sonstigen Bündnis ist. Es gibt demokratische Musterländer, etwa Norwegen, die nicht der EU angehören. Güls Worte sollten um der Türkei willen beherzigt werden, nicht wegen Brüssel.

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So sehr ich WGL zustimme, so sehr zweifle ich an der Wahrhaftigkeit von Gül. Die Türken verschlingen Kreide aus Leidenschaft, und die Politik der türkischen Regierung weist in die entgegengesetzte Richtung. Ein sehr wichtiger, fundamentaler Prüfstein ist die Armenierfrage. Hierbei geht es nicht nur darum, den Opfern gerecht zu werden, die Wolfgang Günter Lerch leichthändig und in voller Absicht von 1,5 Millionen (2) auf 1 Million herunterrechnet. Es geht auch nicht nur darum, die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien bzw. zwischen Türken und Armeniern zu verbessern. Es geht dabei m.E. vor allem auch darum, dass die Türkei sich endlich anschickt, die mohammedanistische Schamkultur, in der sie gefangen ist, wenigstens teilweise zu verlassen, die Fakten anzuerkennen und also zu einer wahrhaftigen Betrachtung der Welt zu kommen.

Wiki (3): „In einer Schamkultur muss sich der Geschädigte selber um Wiedergutmachung kümmern. Scham hat zu empfinden, dessen Normverstöße auffallen, und, wem man ungeahndet öffentlich Unrecht antun kann. In einer schamorientierten Kultur gilt nicht ein ruhiges Gewissen, sondern die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut. Demzufolge sind Vergehen, die niemand bemerkt, kein Grund, sich zu schämen.“

Leider leugnet die türkische Führung auch heutzutage immer wieder das schreckliche Verbrechen obwohl die Beweise evident sind und verdeutlicht der nichtorkischen Welt damit, dass sie nicht bereit ist, ihr ersponnenes mohammedanistisches Paralleluniversum zu verlassen und zum Realismus zu finden. Erdogan: „Von einem Völkermord an den Armeniern kann keine Rede sein (4).“ In der türkischen Bevölkerung scheint es indessen Bewegung zu geben, wie Wolfgang Günther Lerch heute berichtete.

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Tabu-Knoten

Das Armenier-Massaker aus der Sicht der Türkei

„Wir sind alle Hrant“ und „Wir sind alle Armenier“ stand auf den Transparenten, welche die entsetzten Demonstranten damals mit sich führten. Am 19. Januar 2007 war der türkische Staatsbürger armenischer Abkunft Hrant Dink, Journalist und Autor, am helllichten Tag in Istanbul von einem aufgehetzten Siebzehnjährigen erschossen worden. Eine Schockwelle ging durch die Türkei. Sibylle Thelen, Turkologin und Journalistin, beginnt ihr Büchlein (5) nicht ohne Grund mit einer Anspielung auf diese Szenen: Die Gesellschaft in der Türkei ist bei der Bewältigung der Armenier-Massaker des Ersten Weltkrieges weiter als die offizielle Türkei, insbesondere die Bürokratie, das Militär, die „amtlichen“ Historiker und die Nationalisten.

Am 24. April 1915 wurden zunächst Istanbuls armenische Intellektuelle verhaftet. Dies war der Auftakt zu den Massendeportationen, Todesmärschen von Armeniern vornehmlich aus den östlichen Vilayets Anatoliens – später auch den westlichen – in die Wüsten Syriens und Mesopotamiens, an deren Ende nach Schätzungen eine Million tote Armenier zu beklagen waren. Bis heute verwahrt sich die Türkei dagegen, dass diese „Ereignisse“ Völkermord (soykirim) genannt werden, rechtfertigt das Vorgehen der damaligen osmanischen Regierung vielmehr als kriegsbedingte Aktion und militärisch gebotene „Antwort auf armenische Aufstände“ wie den von Van. Greueltaten armenischer Banden werden – etwa in dem Film „Sari Gelin“ (Die blonde Braut) – dokumentiert (Dokumentiert oder behauptet? T.) mit der klaren Botschaft: Im Grunde war es umgekehrt; und die damalige osmanische Führung, das Triumvirat von Talaat, Enver und Cemal Pascha, hat bis heute gewissermaßen einen historischen Ehrenplatz im türkischen Pantheon inne. Dies hinwiederum erbittert die Armenier in Armenien wie in der Diaspora.

Erst allmählich, so beschreibt es die Autorin in dem schmalen Bändchen, beginnt sich der Tabu-Knoten zu lösen, der auch mit dem Gründungsmythos der Republik zu tun hat, als sich die geschlagene und beinahe zerschlagene Türkei wie der Phönix aus der Asche unter Mustafa Kemal Pascha „Atatürk“ siegreich erhob. Das Vergessen der Ereignisse davor weicht langsam einer Bewusstwerdung in Teilen der Bevölkerung, weniger durch offenes Benennen – da winkte im Zweifel bis vor kurzem noch immer der Staatsanwalt wie im Falle des Autors Orhan Pamuk – als durch das Bekanntwerden alter Berichte, Bilder und Erzählungen in den Familien. Da erweist sich die Großmutter namens Fatma plötzlich als Armenierin, die damals mit dem Leben davonkam und zur Muslima bekehrt wurde. Die Autorin will „nicht anklagen, schon gar nicht verurteilen“, sondern dialogfördernd über die Empfindlichkeiten auf beiden Seiten aufklären.

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Das wäre nicht das erste Mal, dass das Volk der Führung als Avantgarde vorausläuft. FAZ-Leserin Muriel Mirak-Weissbach berichtet heute Ähnliches aus der Zeit des Völkermordes.

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Was zwischen Türken und Armeniern zu klären ist

Als Tochter zweier armenischer Waisenkinder, beide Opfer des Genozids der Jahre 1915 bis 1916, kann ich mich nur freuen, dass nach fünfundneunzig Jahren diese Tragödie in den deutschen Medien endlich ernsthaft thematisiert wird. Es überrascht mich allerdings sehr, dass der Inhalt des NDR-Dokumentarfilms „Aghet“ als große Entdeckung dargestellt wird.

Tatsächlich sind die Unterlagen des deutschen Archivs des Auswärtigen Amts aus dem Ersten Weltkrieg seit 1993 intensiv durchforstet und ausgewertet worden. Im Jahr 2005 hat der ehemalige „Spiegel“-Journalist Wolfgang Gust die wichtigsten Dokumente zu den Ereignissen in einem bahnbrechenden Geschichtswerk zusammengetragen. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Führung des deutschen Militärs und des Deutschen Reichs waren über die Genozid-Politik der Jungtürken bestens informiert. Aus machtpolitischem und militärstrategischem Kalkül wurde nicht nur weggeschaut, sondern man gab dem Verbündeten am Bosporus freie Hand. Die Aufarbeitung des Genozids an den Armeniern ist also nicht nur eine türkische, sondern auch eine deutsche.

Die armenischen Kinder wurden Gott sei Dank nicht alle ermordet. Laut Jakob Künzler, der in Urfa tätig war, haben bis zu 12.000 armenische Waisenkinder überlebt. Meine Mutter überlebte das Massaker von Frauen und Kindern in der Nähe von Arabkir, weil sie von einem türkischen Hirten lebendig unter einem Berg von Leichen gefunden und in Sicherheit gebracht wurde. Ein türkisches Ehepaar hat sie aufgenommen und gepflegt. Ihre Geschichte, wie die meines Vaters, der durch die Hilfe mehrerer türkischer Frauen gerettet wurde, dokumentiert, dass es keine Kollektivschuld gibt: Der Genozid an den Armeniern wurde von einer relativ kleinen jungtürkischen Clique und deren Sonderorganisation verübt. Internationale Unterstützung kam von den deutschen Verbündeten sowie von geopolitisch denkenden Kreisen in Frankreich und England, die das Osmanische Reich aufteilen wollten. Zahlreiche Geschichten von Überlebenden zeigen, dass viele normale türkische Bürger armenische Kinder aufgenommen und gerettet haben, oftmals unter Einsatz ihres Lebens.

Wer verstehen will, warum sich die türkische Regierung und Gesellschaft mit dieser Frage so schwer tut, sollte folgendes berücksichtigen: Die Jungtürken wurden zwar im Jahr 1919 in Abwesenheit verurteilt, aber später bei der Gründung der modernen türkischen Republik unter Atatürk wieder rehabilitiert. Es wurde unter Strafe gestellt, das „Türkentum“ zu beleidigen. Dazu zählte auch jeder Hinweis auf den Völkermord. Doch solche Tabus sind brüchig geworden in der Türkei, aber auch unter türkischstämmigen Mitbürgern in Deutschland. Ich habe mehrmals hier in Deutschland persönlich erfahren, dass sie die Wahrheit wissen wollen. Einige studieren das Buch von Wolfgang Gust oder gehen selbst in die Archive. Dann begreifen sie, was wirklich geschehen ist. Die geschichtlichen Lehrbücher an türkischen und deutschen Schulen geben jungen Schülern noch keine Chance, die Wahrheit zu erfahren. Aber selbst Hasan Djemal, ein Enkel von Djemal Pascha, einem Mitglied im „Dreierrat“ der Jungtürken, ist durch seine eigenen Recherchen zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen Völkermord gehandelt hat.

Wenn die historischen Fakten allen Bürgern zugänglich gemacht werden, wird der Weg frei für die eigentliche Herausforderung: für den Prozess der Versöhnung zwischen Türken und Armeniern.

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Time am 19. April 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Hürriyet
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/03/aghet-ein-volkermord/
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Schamkultur
4) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,685947,00.html
5) Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 94 S., 9,90 Euro.

auch:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/03/24/kalif-recep-i/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/03/aghet-ein-volkermord/

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PS.: Sehr lesenswertes Interview mit Afghanistan-Veteran Daniel Seibert unter
http://www.faz.net/s/Rub0CCA23BC3D3C4C78914F85BED3B53F3C/Doc~EB615B3F5AF6A4218820141A1038F1CA0~ATpl~Ecommon~Sspezial.html